Zwischenruf: Staatsfernsehen gibt es in Nordkorea

Peter G. Achten © zvg
Peter G. Achten / 30. Mai 2015 - Der Abstimmungskampf über die SRG-Gebühren, nein, «Zwangsgebühren», weckt das unschöne Bild einer Bananen-Republik.

Seit Jahren schreibe ich jedem Kollegen und jeder Kollegin, welche im Zusammenhang mit SRF und SRG den Ausdruck «Staatsfernsehen» verwendet, ein kurzes E-Mail ins Stammbuch: «Liebe Kollegin, lieber Kollege, Staatsfernsehen gibt es zum Beispiel in Nordkorea, China, Vietnam, Laos, Usbekistan, Turkmenistan, Kuba, Zimbabwe oder Kasachstan. Die SRG dagegen ist eine öffentlich-rechtliche Anstalt in einem demokratisch verfassten Land. Mit freundlichen kollegialen Grüssen, PA».

Natürlich weiss ich, dass SRF-«Staatsfernsehen» ein Kampfbegriff ist. So wie einst mein verehrter Geschichtsprofessor Walther Hofer (SVP) schon vor vierzig Jahren wider besseres Wissen stets behauptet hat, alle SRG-Journalisten seien «links». Was allerdings der Begriff «Staatsfernsehen» in Print-Medien zu tun hat, die vorgeben, «Qualitätsjournalismus» zu betreiben, übersteigt meine Vorstellungskraft.

Glanz & Gloria für Kim Junior

Was Staatsfernsehen und Service Public leisten kann, mag beispielhaft Nordkorea zeigen. Der junge Kim Jong-un – Fünf-Stern-General, Sonne des Ostens und Gebieter über 22 Millionen Nordkoreanerinnen und Nordkoreaner – ist, Buddha sei Dank, in jungen Jahren in Bern zur Schule gegangen. Noch heute spricht er – tatsächlich – Berndeutsch mit nordkoreanischem Akzent.

Jedenfalls muss er damals das Schweizer Staatsfernsehen genau studiert haben. Denn der Service Public des nordkoreanischen Radios und Fernsehens ist beispielhaft. Das Programm fängt mit dem jungen Kim an und hört mit dem jungen Kim auf. Viel Kim Jong-un, also Politik, und ein wenig Staats-Unterhaltung. Kein Trash-Fernsehen, keine Reality-Shows. Und natürlich kein Privat-Sender, der solche Abfallformate senden könnte. Kurz, Staatsfernsehen vom Besten. Glanz & Gloria sozusagen für Kim Jong-uns Service Public.

Und man höre und staune, keine Zwanggebühren, alles gratis und franko. Auch die Einschaltquoten sind traumhaft, davon können Roger de Weck und Ruedi Matter nur träumen: nicht selten nämlich weit über 100 Prozent. So ist das in Nordkorea. Und so ist das bei einem echten Staatsfernsehen. Oder wäre vielleicht der Ausdruck Zwangsfernsehen adäquater?

Einmischung in innere Angelegenheiten

Und jetzt also die Abstimmung über das Radio- und Fernsehgesetz. Das Abstimmungsmaterial erreicht mich in Peking regelmässig erst nach der Abstimmung. Das hat nichts mit der Schweizer Staatspost und schon gar nichts mit den Post-Zwangsgebühren, will sagen – Postgebühren, zu tun, sondern mit der etwas behäbigen chinesischen Staatspost. Weil also noch nicht elektronisch abgestimmt werden kann und ergo meine Stimme nicht zählt, erhebe ich für einmal kolumnistisch meine Stimme und mische mich in die inneren Angelegenheiten der Schweiz ein.

Mein Eindruck aus der Ferne, bei der täglichen Durchsicht des Schweizer Blätterwalds, der Schweizer Internetportale und der einschlägigen Beiträge auf Twitter, Facebook oder Whatsapp sowie dem Lauschen des rauschenden digitalen Stammtisch-Gezwitschers und Geschwätzes: das Programm von SRF auf sämtlichen Radio- und Fernsehkanälen ist grottenschlecht. Und dafür – Herrgott nochmal! – bezahlen wir auch noch Gebühren, äxgüsi, Zwangsgebühren!

Niemand, muss ich den Kommentaren des Volkes entnehmen, gar niemand hört oder guckt mehr in der Schweiz freiwillig SRF. Die Einwände sind natürlich gut untermauert mit den bösen Beispielen, vom «Samschtigs-Jass» über «The Voice of Switzerland» bis hin zu «SRF bi de Lüt» oder den unausgewogenen, extrem linken Informationssendungen. Auch Sport, entnehme ich den Kommentaren, schauen sich die meisten auf ARD, ZDF oder ORF an, weil die Schweizer Live-Reporter a) nichts von Sport verstehen und b) sprachlich weder der Akkusativ kennen noch dem Genitiv mächtig sind. Schlechte Zensuren also, meist von Leuten, die sprachlich auf der Höhe sind und praktisch niemals SRF-Radio oder Fernsehen hören oder sehen.

«Glaubwürdig»

Nur seltsam, dass unabhängige Umfragen zu einem ganz andern Resultat kommen. Nach einer in der NZZ publizierten Umfrage der Uni Zürich (IPMZ) sind sage und schreibe 68 Prozent der Befragten «eher oder sehr zufrieden» mit dem SRF-Fernsehen und gar 78 Prozent mit SRF-Radio. Auch «glaubwürdig» ist für 80 Prozent das Fernsehen und für 81 Prozent das Radio. Mit der «Ausgewogenheit» sind dann schon weniger Konsumenten zufrieden, aber immer noch 58 Prozent mit dem Fernsehen und 64 Prozent mit dem Radio. Die Unterhaltung schneidet am schlechtesten ab. «Eher oder sehr zufrieden» sind da nur noch 46 Prozent mit dem Fernsehen, dafür 67 Prozent mit dem Radio.

Freche Lügen

Der vom Gewerbeverband angeführte Abstimmungskampf ist eine üble Schlammschlacht. Unwahrheiten, Halbwahrheiten und, mir nichts, dir nichts, gar freche Lügen («die Zwangsgebühren könnten bald auf 1‘000 Franken steigen») werden verbreitet wie in einer Bananen-Republik. Die obersten SRG- und SRF-Kader werden als hinterhältige Abzocker madig gemacht. Die SRG sei ein mit «Zwangsgebühren» gefütterter Moloch.

Dass FDP-Politiker und Gewerbedirektor Bigler so etwas ohne grössere Proteste, zunächst seiner eigenen Partei, danach aber auch seines Verbandes und letztlich einer breiten demokratischen Öffentlichkeit, tun kann, spricht nicht für die Schweizer Demokratie. Neben dem Problem Markwalder müsste FDP-Parteipräsident Müller nun auch ein Problem Bigler haben. Aber Müller schweigt. Und nicht nur er.

FDP-Pinocchio Bigler verdient eine rote Karte. Der Souverän, so ist zu hoffen, wird im Herbst den Nationalrat in spe des Platzes verweisen.

«Steinreich»

Ich hätte natürlich Ja gestimmt. Aber auch ein Nein kann ich verstehen. Dafür gibt es Argumente, mit denen es lohnt, sich auseinanderzusetzen. Aber das Niveau Bigler, Gewerbeverband, FDP, Volkes Stimme in den Social Media – das ist übelste Bananen-Republik.

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Themenbezogene Interessen (-bindung) der Autorin/des Autors

Peter Achten hat jahrzehntelang für das öffentlich-rechtliche Radio und Fernsehen gearbeitet und dabei eine ruhige Kugel geschoben. Er ist dank Zwangsgebühren steinreich geworden.

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4 Meinungen

Auch die Befürworter der SRG-Gebühren, darunter die Bundesrätin, verletzen Grundprinzipien einer fairen Meinungsbildung. Es wird in einzelnen SRF-Sendungen teils ohne Ergänzung behauptet, die Gebühren würden auf Fr. 400.- sinken. dass damit klammheimlich auch die zu Unrecht erhobene Mehrwertsteuer in die SRG- Kasse fliesst, ist unredlich. Beinahe verschwiegen wird, dass es aus Überzeugung Fernsehabstinenten gibt. Hervorgehoben wird, dass die neue Steuer Betrüger verunmögliche. Echte Abstinenten werden als Kollateralschäden einer Pauschalverurteilung totgeschwiegen. Ist das unsere neue Justizmasche?
Jürg Schiffer, am 30. Mai 2015 um 15:57 Uhr
Was sind wir für ein glückliches Land? Wir dürfen darüber entscheiden, ob Gewerbe und Industrie nebst dem harten Franken auch noch mit überrissenen Gebühren gebeutelt werden sollen und damit noch mehr Arbeitsplätze ins Ausland verlagern müssen. Auch alle Privaten werden mit unserem Ja unter der Last der Gebühren bald nicht mehr schlafen können. Wollen wir nächstens nicht darüber abstimmen, ob man die Gebühren nicht ganz abschaffen soll bis all die linken Radio- und Fersehmacher uns beweisen, dass sie Sendungen machen können, die uns allen gefallen?
Hans Arnold
Hans Arnold, am 30. Mai 2015 um 18:09 Uhr
Ich danke Peter Achten für diese Sicht von aussen, der ich mich voll anschliessen kann.
Natürlich kann sich jeder eine bessere Medienlandschaft vorstellen. Eine Radio- und Fernsehhgesellschaft wie die SRG jedoch, die in die Vielfalt investiert und die sich einem mehrsprachigen „service public“ unterzieht, ist garantiert die bessere Variante, als ein System, bei dem die Information und die journalistische Tätigkeit nur noch als Anhängsel der Werbung toleriert wird. Ich bin entsetzt über die Unbedarftheit der Argumentation eines Herrn Bigler, der sich dazu anmasst zu behaupten er würde die Kleinunternehmer vertreten. Als Apotheker bin ich selber Kleinunternehmer und fühle mich absolut nicht vertreten sondern verraten, da ich unfreiwillig über unseren Berufsverband diese übelsten Politschlachten mitfinanzieren muss. Silvio Ballinari
Silvio Ballinari, am 01. Juni 2015 um 10:59 Uhr
Danke, Herr Ballinari. Ganz Ihrer Meinung. Fast scheint mir, vor vielen, vielen Jahren, Ende 1960er?, bin ich Ihnen wohl schon mal begegnet. Als Assistent im Chemie-Praktikum für Pharmazeuten an der Uni Bern.
Peter Beutler, am 02. Juni 2015 um 11:10 Uhr

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