Das Leiden der Krimeer: Heute vor allem eine Folge der westlichen Sanktionen © cm

Das Leiden der Krimeer: Heute vor allem eine Folge der westlichen Sanktionen

Die NZZ konzediert: Das Problem der Krim sind die Sanktionen

Christian Müller / 22. Dez 2019 - Nach einem ersten tendenziösen Bericht über die Krim muss die NZZ zurückbuchstabieren: «Die Sanktionen der EU lasten schwer.»

Zur Erinnerung: Die Wirtschaftssanktionen gegen die Krim sind im Jahr 2014 in der UNO mit 100 von möglichen 193 Stimmen beschlossen worden, also mit 3 Stimmen über dem absoluten Mehr. Zu den Ja-Sagern gehörten die vier europäischen Miniaturstaaten Liechtenstein, San Marino, Andorra und Monaco mit zusammen nicht einmal 200'000 Einwohnern, während China und Indien mit zusammen 2,8 Milliarden Einwohnern sich der Stimme enthalten haben. «Demokratie» der besonderen Art.

In einem Bericht von NZZ-Korrespondent Ulrich Schmid am 5. Dezember – hier vollumfänglich nachlesbar – war zu lesen, dass die Wirtschaft auf der Krim nicht gut laufe und dass die dortigen Einwohner ihre Freude an der Wiedervereinigung der Krim mit Russland nach anfänglicher Begeisterung nun gegen Ernüchterung und Enttäuschung eintauschten. Dabei wurde mit keinem Wort erwähnt, dass die wirtschaftliche Situation auf der Krim in erster Linie wegen genau diesen westlichen Sanktionen noch unbefriedigend ist. «Schuld» an der wirtschaftlich unbefriedigenden Situation auf der Krim sei, so die NZZ den eigenen Klischee-Vorstellungen folgend, natürlich Russland.

Infosperber hat sich darauf erlaubt, diesen Bericht als Verzerrung der dortigen Realität zu kritisieren: «So greift die NZZ in die Anti-Russland-Klischee-Kiste».

Nun ist in der NZZ ein zweiter Bericht von Ulrich Schmid über die Krim erschienen, und siehe da, jetzt steht da wörtlich:

«Drückende Sanktionen

Trotz dem Boom im staatlich befeuerten Baugewerbe ist die Krim noch immer eine arme Region. Es ist nicht einfach, die Halbinsel in Fahrt zu bringen. Rund 700 000 Menschen und damit über 30 Prozent der Bevölkerung sind Pensionäre. Von ihnen hat die produktive Wirtschaft wenig. Die Sanktionen der EU lasten schwer.»

Ein grosser Teil des neuen Berichts beschreibt die Probleme mit dem Wasser auf der Krim, seit die Ukraine den zu Sowjetzeiten gebauten Kanal vom Dnepr in die relativ trockene Nordkrim nach der Abtrennung der Krim von der Ukraine mit einem Damm verschlossen hat, um die dortige Landwirtschaft auszutrocknen.

Die Ukraine hat seit 1991 alles getan, um der Bevölkerung auf der Krim ihre Identität als zu Russland und zur russischen Kultur gehörig zu zerstören. Von der im Jahr 1991 der Krim via Abstimmung zugestandenen Autonomie wollte «Kiew» längst nichts mehr wissen und versuchte über 20 Jahre lang alles, den Krimeern sogar ihre Muttersprache, das Russische, auszutreiben und ihnen die ukrainische Sprache aufzuzwingen – ähnlich wie der Bevölkerung in Luhansk und Donezk. Doch während diese erzwungene «Nationalisierung» in Luhansk und Donezk zu einem Bürgerkrieg führte mit bisher bereits über 13'000 Toten – darunter auch viele Kinder als Opfer der Bombardierungen –, führte der Versuch, die Krim zu «entrussifizieren» im Frühling 2014 zu einem Referendum, bei dem die grosse Mehrheit einer Abtrennung von der Ukraine und einer Wiedervereinigung der Krim mit Russland zustimmte, die dann in kürzester Zeit auch vollzogen wurde.

Und wie reagierte die Ukraine? Sie hängte die Krim von der ukrainischen Stromversorgung ab und schloss den Kanal, der Wasser vom Dnepr über 400 km in den trockenen Norden der Krim brachte. Dadurch ist die dortige Landwirtschaft massiv betroffen, der Hunger ist nicht mehr fern.

Die Frage sei erlaubt: Ist das Abschneiden von der Wasserzufuhr völkerrechtlich und moralisch erlaubt, um ehemalige Bürgerinnen und Bürger gefügig zu machen? Und das von einem Staat, der seinerseits öffentlich behauptet, die Hungersnot «Holodomor» von 1932/33 sei bewusst von Stalin erzeugt worden und müsse international als Genozid eingestuft werden? Ist Abschneiden der Wasserzufuhr nicht ebenso die bewusste Erzeugung von Hunger?

Christian Müller, der Autor dieser Zeilen, hat im Frühling fast drei Wochen lang auf der Krim recherchiert und mit allen Bevölkerungsschichten das Gespräch gesucht. Seine sieben ausführlichen Berichte und seine Widerrede auf die verzerrte Darstellung im ersten NZZ-Bericht über die Krim können hier nachgelesen werden.

«So greift die NZZ in die Anti-Russland-Klischee-Kiste»

Zur Situation auf der Krim heute siehe

Das Aufmacherbild oben zeigt einen Ausschnitt aus dem Monument in Kertsch, mit dem an den unglaublich tapferen Widerstand der dortigen Bevölkerung gegen den Ansturm der Hitler-Truppen im Zweiten Weltkrieg erinnert wird (Foto CM).

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6 Meinungen

Herzlichen Dank für diese Information.
Urs Anton Löpfe, am 22. Dezember 2019 um 12:41 Uhr
Vielen Dank Herr Müller. Ich bin politisch engagiert und sehr interessiert. Ich habe Ihren Bericht sehr interessant gefunden und ich habe daraus viel gelernt.
Danke Infosperber ich schätze Mega ihre Informationen.
Pascal Schacher, am 22. Dezember 2019 um 16:41 Uhr
Die Bevölkerung ist leider immer mitbetroffen in einem Konflikt zwischen Mächten mit verschiedenen Rechtsansichten. Nach der handstreichartigen «Heimholung» der Krim ins «russische Reich» mit Hilfe der grünen Männchen (mit oder ohne anschliessender «demokratische Legitimation"), musste der Westen irgendwie handeln und die Sanktionen waren dabei der kleinstmögliche gemeinsame Nenner. Es ist klar, dass dies für die Krimbevölkerung unerfreulich ist, aber die Finanzmassnahmen sind ja in erster Linie gegen viele von Putins Getreuen gerichtet. Und die Idee hinter den Boykottmassnahmen ist ja, dass sie auf irgendeine Weise wirksam sein sollen.
Es ist zu hoffen, dass sich Russland gegenüber der Ukraine in Zukunft fairer verhält, und nicht einfach aus beleidigtem Nationalstolz heraus weiter mit mehr oder weniger unerfreulichen machtpolitischen Nadelstichen den Konflikt weiter anheizt. Die letzten Meldungen (Gaslieferverträge, Gefangenenaustausch, etc) stimmen dabei optimistisch.
Thomas Oberhänsli, am 23. Dezember 2019 um 12:01 Uhr
@Oberhänsli. Fordern Sie denn konsequenterweise z.B. auch gleiche Sanktionen gegen die Türkei, welche eine grosse Pufferzone völkerrechtswidrig annektiert hat und dort sogar die bisherigen Einwohner in die Flucht treibt?
Urs P. Gasche, am 24. Dezember 2019 um 12:09 Uhr
@Urs Gasche. Ja natürlich. Wie die Türkei gegen die Kurden vorgeht, ist genauso ein sanktionierungwürdiges Grossmachtsverhalten. Ich frage mich, wie lange sich die Türkei unter dem «Sultan» Erdogan solches Verhalten international noch leisten kann. Aber wie es scheint, sägt er mit seiner miserablen (Wirtschafts-)Politik selber am Ast auf dem er sitzt und versucht mit der Syrienintervention von den innenpolitischen Problemen abzulenken. Der Bericht von Amalia von Gent vom 3.12. bringt es auf den Punkt.
Es gäbe da noch einige weitere sanktionierungswürdige Annektions-Beispiele: China wegen der Annektion von Tibet und die Unterdrückung der Uiguren, Rohingya-Vertreibung in Myanmar, die israelische Siedlungspolitik und Besetzung der Westbank, etc.
Aber eben, es scheint verschiedene Rechtsempfinden zu geben, welche der jeweils Stärkere zu seinen Gunsten auch gegene internationale «Gepflogenheiten» durchsetzt und sich gegen Sanktionen wirksam wehren kann. Mir sind zB keine bestehenden Sanktionen gegen China wegen der Tibetannektion bekannt. Und nach der Erfahrung von 1999 (Staatsbesuch von Jiang Zemin bei Ruth Dreifuss), als die Chinesen wegen Tibetprotesten «arg verstimmt» waren, sind bilaterale Freihandelsabkommen nun wichtiger als völkerrechtsstaatliche Anliegen.
Thomas Oberhänsli, am 24. Dezember 2019 um 23:26 Uhr
Ich stelle mir vor so etwas wie das Internet gibt es nicht und unser alle Information kommt ausschliesslich aus einer einzigen ideologischen Quelle.
Ich denke auch das die hiesigen Medien nicht frei sind sondern von eben einer ideologischen Macht getrieben werden sich selber und die Bevölkerung zu massakrieren.
Uwe Borck, am 28. Dezember 2019 um 10:42 Uhr

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