Islam, Kopftuch, Islamische Kleidung, Religion, Toleranz © Aye Tasci

Die türkische Muslima Ayse Tasci entwirft modische Kleidung für Kopftuch-Trägerinnen

«Islamische» Kleidung ist arabische Tracht

Amira Hafner - al Jabaji / 05. Jun 2013 - Konvertierte Muslime zeigen sich gerne in «religiöser» Tracht. Medien machen daraus ein Thema. Die zuständige Wissenschaft schweigt

An die Kontroversen um «das islamische Kopftuch», um Hidschabs, Burkas und Niqabs haben wir uns inzwischen längst gewöhnt. Es vergeht kaum ein Tag, an dem nicht in den Medien über einen Sachverhalt berichtet wird, in dem es um die sogenannten «islamischen Bekleidungsvorschriften» geht. Die Thematik scheint, ausser für die Naturwissenschaften, für jede akademische Disziplin (mit einer Ausnahme, wie noch zu erläutern sein wird) und für weite Gesellschaftsbereiche von grosser Bedeutung zu sein. Nachdem schon vor Jahren erstmals Schweizer Gerichte über die Zulässigkeit des «islamischen Kopftuchs» einer Lehrerin an einer öffentlichen Schule geurteilt hatten, beschäftigen sich heute immer mehr öffentliche Lehranstalten und zunehmend auch privatwirtschaftliche Unternehmen mit der Kopftuch- und Kleiderfrage und streben nach möglichst einfachen und umfassenden Lösungen.

Verschiedene parlamentarische Vorstösse, die versuchen ein sogenanntes «Burkaverbot» zumindest auf kantonaler Ebene einzuführen, wurden diskutiert. Und auch auf der Ebene der Exekutive wird um Regelungen gerungen. Sie zielen darauf ab, «islamische Kleidung» als Teilbereich der Individualrechte und Religionsfreiheit mit den ebenso legitimen Ansprüchen und Bedürfnissen der Gemeinschaft in Einklang zu bringen, die unter den Stichworten «Neutralität des Staates», «säkularer öffentlichen Raum», «Sicherheit», «Integration» und «Gleichstellung der Geschlechter» laufen.

Das Gespräch der Experten

So äussern sich allerlei Expertinnen zum Thema und beleuchten es aus ihrer jeweiligen Warte. Nebst Juristinnen und Politikern greifen auch Feministinnen, Soziologen und natürlich auch islamische Theologen und Rechtsgelehrte, die die einschlägigen Koranstellen und Hadith-Texte klassisch erläutern, in die Debatten ein. Zusätzlich wird die Islamwissenschaft (sic!) bemüht, um der breiten Bevölkerung beispielsweise die Vielfalt orientalischer Frauenbekleidungstücke zu erläutern: Tschador, Abaya, Burka, Niqab, Dschilbab, Khimar usw. gehören seither schon fast zum Grundvokabular von Journalisten und Politikern, die sich mit «dem Islam» auseinandersetzen.

Das ist so bedenklich wie überraschend! Denn ausgerechnet jene akademische Disziplin, die sich selbstdefiniert mit der Alltagskultur, der Kleidung, mit Trachten und Folklore von Volksgruppen befasst, bleibt seltsamerweise still: die Ethnologie. Dabei müsste gerade sie mehr als alle anderen akademischen Fachrichtungen ein immenses Forschungsinteresse haben und über sinnvolle Deutungsansätze verfügen, um das Phänomen einer neu entstehenden ethnischen Gruppe in der Schweiz (und auch in anderen westeuropäischen Ländern) zu erfassen und einzuordnen.

Ein neues islamisches Volk: Helveto-araboide Neo-Muslime

Die neue ethnische Gruppe lässt sich in etwa wie folgt beschreiben: Es sind junge, in der Schweiz sozialisierte und oft sogar zur einheimischen Bevölkerung gehörende Männer und Frauen aus unterschiedlichem Sozial- und Bildungsmilieu. Sie mutieren zeitgleich mit dem Konvertieren zum Islam äusserlich zu golf- oder wüstenarabischen Stammesangehörigen. Fortan erhöhen sie nicht nur kontinuierlich den Anteil arabischer Terminologie in ihrem Sprachgebrauch, sie nehmen auch immer mehr eine eigenartig folkloristisch anmutende Ethno-Islam-Identität an. Diese neue Identität trägt verschiedene, nicht klar voneinander abzugrenzende Komponenten in sich und zeigt eine Spannung zwischen Etikett und Inhalt.

Auf dem Etikett steht viel Islam, so viel, dass dies vielleicht der Grund ist, weshalb sich die Ethnologie bisher nicht dazu geäussert hat und den Diskurs fälschlicher- und fatalerweise in eine Religions- bzw. Islamdiskussion hat abdriften lassen, anstatt ihn aus der Warte von Volk und Kultur zu betrachten.

In altarabischen Kleidern

Den Mitgliedern dieser helveto-araboiden Kreuzungen kann das nur recht sein. Denn damit übernimmt man ihren Diskurs, ihre Denkweise und vor allem ihren Anspruch, nämlich die Repräsentanten des wahren, echten und einzig zulässigen Islams zu sein. Dieser Islam orientiert sich an der Lebensweise und Alltagskultur des Hidschas im 7. Jahrhundert christlicher Zeitrechnung, religiös gesprochen am Leben des Propheten Muhammad.

Als Muslim könnte man dagegen wohl kaum etwas haben, schliesslich gilt der Prophet als Vorbild. Könnte, denn es ist augenfällig, dass diese Vorbildhaftigkeit hier bewusst oder unbewusst missverstanden und so umgedeutet wird, dass es im Verständnis der helveto-araboiden Neo-Muslime nur noch eine einzige ursprüngliche und daher ideale islamische Lebensweise und Alltagskultur gibt, die sich eben auch im Tragen entsprechender Kleidung und dem Gebrauch entsprechender Alltagsgegenstände und Kosmetika ausdrückt.

Darsteller des «wahren Islam»

Die Männer legen Jeans und Sakko ab und tauschen es fortan gegen eine weisse Dischdascha, ein langärmeliges, bodenlanges Hemd aus Baumwolle. Die Schirmmütze macht der nunmehr permanent getragenen ebenfalls weissen Kappe, der Takke, Platz. So tritt Mann vor die Medien. Eine Steigerung erfährt die Verkleidung mit dem zusätzlichen Anlegen des Schumagg, des weissen unifarbenen Kopftuchs, das auf zahlreiche und unterschiedliche Art getragen werden kann. Prediger der dogmatischen oder gar extremistischen Wahhabis-und Salafisten tragen es oft lose über den Kopf gelegt, die Enden über die Schultern herabhängend – und ganz wichtig, ohne den Ogal, dem schwarzen Band, das das ganze am Kopf zusammenhält .

So tritt auch der helveto-araboide «Scheich» vor die Gläubigen, um für sie in exakt derselben Manier wie das eben solche Prediger tun, mit derselben Rhetorik, Intonation und Gestik (inklusive erhobener Zeigefinger), «den wahren Islam» zu predigen. Zum Bild des zum Wüstenaraber Konvertierten gehört auch der «islamisch» korrekt geschnittene Vollbart. Dieser, insbesondere wenn er noch Henna gefärbt ist, soll die Sunnah-getreue Lebensweise unterstreichen. (Die Sunnah ist die Gesamtheit der zu befolgenden und nachahmenswerten Taten des Propheten Mohammed.)

Duft des wahren Islam in der helvetischen Stube

Frauen der ethnischen Gruppe der helveto-pseudoarabischen Neo-Muslime tragen in der Öffentlichkeit vorzugsweise das lange Schwarze mit und ohne Sehschlitz, Niqab, in verschiedenen Variationen, manchmal auch schwarze Handschuhe, ganz so wie es in gewissen Regionen auf der arabischen Halbinsel Brauch oder auch einfach Mode ist. Bemerkenswerterweise kann in Bezug auf die Vollverschleierung der Frau, inklusive Gesichtsverhüllung, kaum konkret auf die Sunna Bezug genommen werden, was wohl erklärt, weshalb die schweizerischen Niqabträgerinnen argumentieren, sie trügen diese Kleidung, «um Allah zu gefallen».

Die Implantierung von «Islam»-Folklore von der arabischen Halbinsel in die helvetische Lebensrealität erschöpft sich nicht bei der Kleiderfrage. Dieselben europäischen Internet-Anbieter von «Sunnah-konformer Kleidung» handeln auch mit Devotionalien wie etwa Parfum aus Mekka, selbstverständlich ohne Alkohol, dafür mit bedeutungsschweren Namen wie «al-Haramain» (Bezeichnung für die beiden heiligen Orte Mekka und Medina) oder «al-Kaaba». Wem das zu blasphemisch riecht, weicht besser auf Bokhur um, Weihrauch, der ebenfalls angeblich aus Mekka stammt und dessen Anwendung als Raumparfum mit desinfizierender Wirkung in der Sunna «verankert» ist. Auf alle Fälle scheint es den Duft des wahren Islam in der helvetischen Stube zu verbreiten und die Metamorphose zum «Ideal-Muslim» neben der Kleidung auch mit Duftmitteln zu unterstützen.

Gefahr für die Kultur- und Meinungsvielfalt im Islam

Man könnte fragen, wo das Problem liegt. Ob das Ganze nicht einfach im Sinne der Toleranz als eine Frage des persönlichen Geschmacks zu betrachten sei. Könnte man. Aber diese eigentümliche Verwandlung ist nicht einfach nur abstrus, sondern problematisch. Öffentliche Auftritte in besagter Aufmachung, insbesondere in den Medien, haben Auswirkungen auf den gesamten öffentlichen Islam-Diskurs und die allgemeine Selbst- und Fremdwahrnehmung der in der Schweiz lebenden Muslime.

Die verstärkte mediale Aufmerksamkeit, die besonders – wen wundert's – Bildmedien diesen «Ethno-Idealmuslimen» zukommen lassen, verstärkt den Eindruck und die Botschaft eines orthodoxen Wahhabi/Salafi-Islams, an dem sich alle Muslime letztlich zu orientieren haben und der versucht, entgegen der über die Jahrhunderte gewachsenen islamischen Kulturvielfalt eine einzige islamische Kultur und Lebensweise zu fordern. Positiv ausgedrückt: die Muslime weltweit unter dieser Lebensweise, die sie als Sunnah-gerecht definieren und idealisieren, zu vereinen.

Spaltung statt Brückenschlag

Das wirkt bedrohlich auf die nicht-muslimische Gesellschaft und untergräbt die Bemühungen all jener «Normal»-Muslime, die die innerislamische Kultur- und Meinungsvielfalt wie auch die Gestaltbarkeit und Dynamik muslimischer Lebensweisen hervorheben und sie in Einklang mit jeglicher kulturell gearteter Umgebung bringen. Zum Islam konvertierte ethnische Schweizer und Schweizerinnen müssten gerade eine besonders brückenbildende, mässigende und vermittelnde Rolle in unserer Gesellschaft einnehmen. Doch das tun sie leider oft nicht und verstärken durch ihr Verhalten sogar noch die ablehnende Haltung von Teilen der Mehrheitsgesellschaft gegenüber Muslimen. Das ist alles andere als Sunnah-konform!

Das Schweigen der Ethnologie, die Selbstinszenierung dieser Quasi-Norm-Muslime, die alles auf die orthodox-religiöse Schiene verlagern, und die Medien, die das genüsslich und bildstark untermauern, bilden zusammen eine höchst wirkungsvolle Komplizenschaft. Diese untergräbt die Bemühungen all jener, welche die real existierende kulturelle Vielfalt und Dynamik innerhalb des Islams zu besserer Sichtbarkeit und Wahrnehmung zu verhelfen suchen. So wird die Ansicht zementiert, dass eine Religion nur in ihrer orthodoxesten Ausrichtung «echt» ist und tolerante, offene Haltungen als Ausnahmeerscheinungen und als «nicht repräsentativ» betrachtet werden.

Den Hütern der Orthodoxie kann das nur recht sein. Sie dürfen darauf zählen, dass vor allem Bildmedien zuverlässig in diese Falle tappen und tüchtig mithelfen, dass sich diese Optik bei Muslimen und Nicht-Muslimen durchsetzt.

Themenbezogene Interessen (-bindung) der Autorin/des Autors

Amira Hafner – Al Jabaji ist freiberuflich tätig als Referentin und Publizistin in den Bereichen Islam, Muslime in der Schweiz und interreligiöser Dialog mit besonderer Berücksichtigung der Genderperspektive. Sie wurde 2011 für ihr langjähriges Engagement für den Dialog zwischen den Religionen mit dem Anna-Göldi-Preis ausgezeichnet. Dieser Beitrag ist in leicht abgeänderter Form unter dem Titel: «Das Schweigen der Ethnologie – oder wie aus Arabischer Tracht islamische Kleidung wurde» erschienen in: SGMOIK/SSMOCI Bulletin 2011-1 (Muslime in der Schweiz/Musulmans en Suisse) — 26.09.2011

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4 Meinungen

Sauber und gut analysiert.
Matthias Böhni, am 05. Juni 2013 um 10:43 Uhr
Lobenswerte, differenzierte Betrachtungsweise und sehr klarer und leichtverständlicher Schreibstil.
Raza Gavranovic, am 05. Juni 2013 um 13:18 Uhr
Frau Hafner-Al Jabaji kann man zu diesem Text nur gratulieren. Da steckt viel authentische Beobachtung UND kluge Analyse drin.

Ich ziehe daraus einige trockene Lehren:
- Die beobachteten Jugend-Subkulturen haben inhaltlich wenig mit einer islamischen Herkunft zu tun. Die Ausprägung «islamischer» Versatzstücke in Kleidung und Gehabe entsprechen typischerweise nicht den islamischen Ausrichtungen der Eltern und es fehlt die bei ImmigrantInnen vorhandene kulturelle Brechung.
- Eine ethnisch voralpine Herkunft ist auch kein Hindernis.
- Es ist keine Verstärkung einer vorhandenen islamischen Identität da, sondern viel typischer ein Rückzug von einer versuchten Überidentifikation mit säkularen Moden.
- Wenn man so will sind das kleine Herzl - erst Superassimilado dann nach Rückweisungen Zionist.
- Lehre daraus: Unbedingt eine Spirale analog Antisemitismus - Zionismus vermeiden. Die meisten rechtsradikalen Parteien in Europa sind heute islamophob. Sie schieben eine analoge Spirale lsamophobie - Islamismus (was nicht zu tun hat mit Intensität einer religiösen Bindung - im Gegenteil) an.
- Man kann die Subkultur - wo sie dauernder ist als nur Punk/Gothic-Phasen - auch mit den Envangelikalen vergleichen. Abwendung von der geschichtlichen Entwicklung der Religion - Salafismus analog zum Urchristentum (beides synthetisch).
- Noch drei Folgerungen:
- Bindung an hergebrachte Religionspraktiken senken die Neigung zu Islamismus.
- Progressiver Salafismus, wie sie etwa unser Landsmann Tariq Ramadan vorschlägt ist eine Alternative zum Wüstenscheich.
- Rückweisungen schieben nur die Negativspirale an

Nicht ganz einverstanden bin ich mit der Ansicht, Ethnologen kümmerten sich nicht um diese Leute. Die Fachschubladisierung stimmt nur so nicht. Da es sich um (Vor-)städtische Jugendsublukturen im Westen handelt, nennt man die Autoren aber eher Soziologen. Olivier Roy etwa publiziert ähnliche Beobachtungen am Laufmeter.

Werner T. Meyer
Werner Meyer, am 05. Juni 2013 um 13:25 Uhr
Hallo und guten Abend,

ich finde, dass der Artikel wirklich überaus gut recherchiert wurde und finde die differenzierte Ansicht sehr interessant und stimme dieser soweit zu. Allerdings erkenne ich seit einiger Zeit einen neuen Trend. Mehr und mehr Jugendliche tragen moderne islamische Kleidung. Das sind T-Shirts oder auch Pullis, die dort eine gewisse Meinung vertreten oder Sprüche draufstehen haben. Es ist schwierig zu erklären, aber ein Online-Shop verkauft solche Kleidung: https://ahadtheone-shop.com/ ich finde das Vorgehen sehr interessant und denke, dass hier noch viel Potenzial herrscht. Eventuell wäre dieser Aspekt für den Artikel noch interessant.

Beste Grüße
Yusuf Anis, am 30. Mai 2018 um 16:41 Uhr

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