Ein US-Diplomat, der Russland (noch) verstand: George F. Kennan © GOV

Ein US-Diplomat, der Russland (noch) verstand: George F. Kennan

1997 - 2007 - 2017: 20 Jahre Fehlpolitik der USA

Christian Müller / 25. Dez 2017 - Nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion wurde Russland nicht die Hand gereicht, sondern zunehmend gedroht. Der Beginn des Unheils.

1997:

George F. Kennan, einer jener hochgebildeten, belesenen und im besten Sinne des Wortes welt-erfahrenen Diplomaten, wie sie heute – leider – kaum mehr zu finden sind, war damals bereits 93 Jahre alt. Kennan war 1904 in den USA geboren, teilweise in Deutschland aufgewachsen, lernte später in Europa Russisch und erwarb in Berlin sogar das Dolmetscher-Diplom. Er lernte später als US-Diplomat in Moskau Russland aus nächster Nähe kennen wie kaum ein anderer: Seine Freizeit verbrachte er nicht drinnen, im Botschaftsgebäude, sondern draussen, unter den Menschen. Darüber hinaus galt seine Leidenschaft der Geschichte, als Historiker war er Professor an der Princeton University und hatte Gastprofessuren in Oxford, Harvard und Yale. George F. Kennan war ein ausserordentlich guter und genauer Beobachter, ein kluger Kopf – aber auch ein weiser Mann!

Am 5. Februar 1997 erschien von ihm in der New York Times ein Artikel, der unvergessen ist und unvergessen bleiben muss. Der damalige Präsident Bill Clinton schien zu beabsichtigen, die NATO bis an die Grenzen Russlands zu erweitern. Clinton war Anfang November 1996 für eine zweite Amtszeit zum Präsidenten gewählt und am 20. Januar 1997 zum zweiten Mal als Präsident der Vereinigten Staaten vereidigt worden. Seine NATO-Pläne waren, wohl der Wiederwahlen wegen, noch etwas undurchsichtig, aber die Polit-Insider schienen davon zu wissen.

Da griff der betagte aber geistig noch äusserst aktive Historiker und intime Russland-Kenner George F. Kennan in die Tasten. Der entscheidende Satz seines Artikels sei hier, ins Deutsche übersetzt, gleich zuerst zitiert: «Die Meinung ist, offen herausgesagt, dass eine NATO-Erweiterung der verhängnisvollste Fehler der amerikanischen Politik in der ganzen Zeit seit dem Kalten Krieg wäre.»

George F. Kennan wusste, wie die Russen ticken, wusste, dass sie nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion Teil der freien Welt werden wollten, ohne jede kriegerische Aggressivität – aber im Bewusstsein, dass ihr Vaterland Russland eine lange und reiche Geschichte hinter sich hatte und historisch und auch wirtschaftlich keine «quantité négligeable» war. Russland mit der Osterweiterung der NATO zum Feind Nr. 1 zu erklären, würde einer Stigmatisierung gleichkommen, die für Russlands Selbstbewusstsein inakzeptabel war.

(Der ganze Kommentar von George F. Kennan – eines Wissenden und eines Weisen – findet sich, original englisch, unten am Ende dieses Artikels.)

Bill Clinton verantwortet den «verhängnisvollsten Fehler»

US-Präsident Bill Clinton hat, zusammen mit den Europäern, dann aber genau das gemacht, wovor der damals vielleicht beste und intimste Russland-Kenner der USA in der renommiertesten Zeitung der USA gewarnt hat. Clinton gab grünes Licht für die Osterweiterung der NATO. Es war der Startschuss zu einer unheilvollen Entwicklung!

2007:

Zehn Jahre später, an der traditionellen Sicherheitskonferenz in München, hielt Wladimir Putin eine lange, faktenreiche, ausgefeilte und eindrückliche Rede. Sie kann auf Infosperber nachgelesen werden. Im Effekt offerierte Putin dem Westen in fast allen Belangen gute Zusammenarbeit. Nur gerade in einem Punkt sagte er glasklar Nein: Russland werde nie akzeptieren, dass die Welt allein und monopolar von der Grossmacht USA gesteuert und dirigiert werde. Und er machte klar und deutlich, dass die NATO-Erweiterung nach Osten aus russischer Sicht nur als Provokation verstanden werden kann.

Die westlichen Vertreter an dieser hochkarätigen Veranstaltung haben nur das «Nein zur monopolaren Welt» gehört und alles andere in den Wind geschlagen. Leider.

Putins Rede von 2007 in München ist immer wieder äusserst lesenswert, bis in alle Details!

2017:

Wieder zehn Jahre später. Der Westen hat nichts gelernt. Im Gegenteil. Die USA provozieren Russland, seit einigen Jahren vor allem auch in der Ukraine, in einem Land, das im Kalten Krieg zum Warschau-Pakt gehörte, das mit rund 70 Prozent seiner Grenzen an Russland grenzt, das 30 Prozent Einwohner mit russischer Muttersprache hat und das mit über 40 Millionen Einwohnern alles andere ist als eine geopolitische Kleinigkeit (Russland selber hat 140 Millionen Einwohner). Gerade wieder in den letzten Wochen und Monaten haben die USA mit dem Bau einer neuen Militärbasis in der Ukraine, mit gemeinsamen Manövern im Schwarzen Meer und mit neuen Waffenlieferungen Öl ins Feuer gegossen (Infosperber berichtete).

Stephen F. Cohen, ein heute 79jähriger emeritierter Professor für Russistik an den Universitäten Princeton und New York und einer der Redaktoren der Zeitschrift The Nation, vertritt die Ansicht, dass Putin nicht einmal unter die ersten fünf grössten Bedrohungen der USA gehört. 1990, als unter Gorbatschow die Sowjetunion zusammenbrach, war nach den USA Russland die militärisch mit Abstand stärkste Atommacht der Welt. Es wäre deshalb oberste Aufgabe und Pflicht der USA gewesen, Russland nicht als Feind zu distanzieren und zu dämonisieren, wie es geschehen ist und heute sogar in extremer Form geschieht, sondern Russland, diese zweitstärkste Atommacht, einzubinden, zum guten Nachbarn zu machen. Genau das aber wollten die USA – sprich: ihre Machtpolitiker – nicht, sie legten Wert darauf, Russland spüren zu lassen, dass es der Verlierer ist (Siehe dazu die Untersuchungen der US-amerikanischen Historikerin Mary Elise Sarotte: 1989; The Struggle to Create Post-Cold War Europe, Princeton Press). Und dieses Spürenlassen, der Verlierer zu sein, wiederum hat vor allem mit dem Kommunismus zu tun. Die USA scheuten und scheuen nichts so sehr, wie den Kommunismus. Noch heute geben immer wieder US-amerikanische Politiker – oft unbeabsichtigt – zu erkennen, dass sie Russland als die Macht – und damit als die Gefahr – des Kommunismus sehen, verurteilen und bekämpfen.

Was einem dazu einfällt? «Gegen Dummheit kämpfen Götter selbst vergebens», sagte schon Friedrich Schiller (im Jahr 1801, in seinem Drama «Die Jungfrau von Orléans»).

– – – – – –

GEORGE F. KENNAN, «A Fateful Error,» New York Times, February 5, 1997

PRINCETON, N.J. -- In late 1996, the impression was allowed, or caused, to become prevalent that it had been somehow and somewhere decided to expand NATO up to Russia's borders. This despite the fact that no formal decision can be made before the alliance's next summit meeting, in June.

The timing of this revelation -- coinciding with the Presidential election and the pursuant changes in responsible personalities in Washington -- did not make it easy for the outsider to know how or where to insert a modest word of comment. Nor did the assurance given to the public that the decision, however preliminary, was irrevocable encourage outside opinion.

But something of the highest importance is at stake here.

And perhaps it is not too late to advance a view that, I believe, is not only mine alone but is shared by a number of others with extensive and in most instances more recent experience in Russian matters. The view, bluntly stated, is that expanding NATO would be the most fateful error of American policy in the entire post-cold-war era.

Such a decision may be expected to inflame the nationalistic, anti-Western and militaristic tendencies in Russian opinion; to have an adverse effect on the development of Russian democracy; to restore the atmosphere of the cold war to East-West relations, and to impel Russian foreign policy in directions decidedly not to our liking. And, last but not least, it might make it much more difficult, if not impossible, to secure the Russian Duma's ratification of the Start II agreement and to achieve further reductions of nuclear weaponry.

It is, of course, unfortunate that Russia should be confronted with such a challenge at a time when its executive power is in a state of high uncertainty and near-paralysis.

And it is doubly unfortunate considering the total lack of any necessity for this move.

Why, with all the hopeful possibilities engendered by the end of the cold war, should East-West relations become centered on the question of who would be allied with whom and, by implication, against whom in some fanciful, totally unforeseeable and most improbable future military conflict?

I am aware, of course, that NATO is conducting talks with the Russian authorities in hopes of making the idea of expansion tolerable and palatable to Russia. One can, in the existing circumstances, only wish these efforts success.

But anyone who gives serious attention to the Russian press cannot fail to note that neither the public nor the Government is waiting for the proposed expansion to occur before reacting to it.

Russians are little impressed with American assurances that it reflects no hostile intentions. They would see their prestige (always uppermost in the Russian mind) and their security interests as adversely affected.

They would, of course, have no choice but to accept expansion as a military fait accompli. But they would continue to regard it as a rebuff by the West and would likely look elsewhere for guarantees of a secure and hopeful future for themselves.

It will obviously not be easy to change a decision already made or tacitly accepted by the alliance's 16 member countries.

But there are a few intervening months before the decision is to be made final; perhaps this period can be used to alter the proposed expansion in ways that would mitigate the unhappy effects it is already having on Russian opinion and policy.

Themenbezogene Interessen (-bindung) der Autorin/des Autors

Der Autor ist promovierter Historiker. Es gibt keine Interessenkollisionen.

Weiterführende Informationen

Theo Sommer über George F. Kennan (auf ZEIT online)
Ausland-Propaganda: Wenn zwei das Gleiche tun (auf Infosperber)
Europas falsche Politik gegenüber Russland (auf Infosperber)

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17 Meinungen

Nur Fehlpolitik ?

Wir können auch Klartext reden:
Das heutige Regime in den USA ist
- klassisch FASCHISTISCH: etnokratisch statt demokratisch: Ausgrenzung der Nichtweissen, Nicht alteingesessenen, der Unterschicht, zunehmend auch der Mittelschicht.
- NATIONALSOZIALISTISCH: Versuch den KERN der Welt in ein Imperium zu verwandeln, also das Staatensystem abzuschaffen in der Reihe Karl V (versuchte am Anfang das entstehende kapitalistische Weltstem zu verhindern, verlor aber gegen die Niederlande), Napoleon, Hitler, US-Präsidenten seit Clinton

MfG
Werner T. Meyer

Quelle: Weltsystemanalysen von Immanuel Wallerstein: The Modern World-System I-IV , V noch ausstehend.
Werner Meyer, am 25. Dezember 2017 um 15:00 Uhr
Lieber Herr Ferber,

Danke für den Hinweis auf Eco ( http://www.zeit.de/1995/28/Urfaschismus/komplettansicht )
Eco war als 10-jähriger also einmal Jungfascho-(Simulant). Später hat er dann eine Faschismustheorie entwickelt. Nun finde ich Eco ja wunderbar als Schriftsteller , aber auch als politischen Kopf. Seine Faschismustheorie ist aber nicht viel wert. Er sieht nur Widersprüche, auf die er sich selber keinen Reim machen kann. Er ist kaum als Faschismustheoretiker bekannt.
Ich ziehe insbesondere Michael Mann vor: «Fascists» und «The Dark Side of Democracy: Explaining Ethnic Cleansing».

MfG
Werner T. Meyer
Werner Meyer, am 25. Dezember 2017 um 16:15 Uhr
Man braucht einen äusseren Feind, um sich als Beschützer der Wähler, des eigenen Volks zu verkaufen. Nach dem Zusammenbruch ist der äusseren Feind weggefallen, also muss man einen neuen Feind kreieren.

Der kalte Krieg ging nie zu Ende, er geht aus politischem Kalkül einfach weiter.
Peter Herzog, am 25. Dezember 2017 um 18:55 Uhr
Meines Wissens wurde kein einziges Land aus dem ehemaligen Sowjetimperium gezwungen, der NATO beizutreten. Diese Länder wollten dies aus eigenem Antrieb als Absicherung gegen künftige Aggressionen Russlands. Putin ist eine begnadeter Kommunikator. Aber seine machtpolitischen Taten, bzw die politischen Realitäten in Russland (Tschetschenien-Krieg, Unterstützung von Kadyrow, hybride Kriegsführung in der Ukraine und Syrien), sein wirtschaftlicher Machtzirkel im Öl und Gassektor in Händen weniger, mit ihm eng verbundenen Oligarchen; die gegängelte Justiz, die monopolisierten Staatsmedien, der Personenkult um ihn, die Ausschaltung politischer Gegner, der instrumentaliserte Sport (Doping, Hooligans), etc. sind in meinen Augen Zeichen eines extrem autoritären, wenn nicht sogar faschistoiden Staates. Dazu gehört auch die Bunkermentalität und das Zelebrieren der «slawischen moralischen Überlegenheit» gegenüber dem «dekadenten» Westen.
Ich kann beim besten Willen nicht erkennen, wie Putin als Gegenmodell zu den USA eine «bessere» Welt repräsentieren soll. Christian Müller scheint auf einem Auge blind zu sein, wenn er alles Übel der Welt einseitig dem Westen und der US-Politik zuordnet. Das heisst nicht, dass ich die US-Politik gutheisse aber den aktuellen Status quo als kleineres Übel betrachte. Ich hoffe auf die Checks and Balances in der US-Politik, welche tatsächlich als Regulativ etwas bewirken können. Das sehe ich in Russland leider nicht.
Thomas Oberhänsli, am 26. Dezember 2017 um 10:40 Uhr
Man kann daran glauben, dass Russland das Bōse sei, die USA und NATO hingegen das Gute. Ein Krieg aber zwischen Russland und USA/NATO wūrde die russische und europāische Bevōlkerung treffen, jeden Einzelnen! Profitieren von einem Krieg wūrde vor allem die amerikanische Rūstungsindustrie.
Ruth Obrist, am 26. Dezember 2017 um 16:51 Uhr
@Ruth Obrist. Ja bei einem Krieg profitiert die Rüstungsindustrie. Aber wieso nur die amerikanische? Genauso profitiert die englische, deutsche, französische, schweizerische, italienische, schwedische, spanische, österreichische, indische, israelische, russische, chinesische (habe ich ein Land vergessen?). Ich sehe aber den Kriegsgrund nicht, trotz allen Rivalitäten. Und falls doch, bezweifle ich stark, dass die USA keine Opfer bringen würden.
Thomas Oberhänsli, am 26. Dezember 2017 um 18:06 Uhr
Lieber Herr Thomas Oberhänsli, einverstanden! es gib aber doch Unterschied zwischen den zwei Grosshändlern und den «KMU"
Statistien vom from Stockholm International Peace Research Institute.

2012–2016
Rank Supplier Arms Exporte
1 United States 47,169
2 Russia 33,186
3 China 9,132
4 France 8,564
5 Germany 7,946
6 United Kingdom 6,586
7 Spain 3,958
8 Italy 3,823
9 Ukraine 3,677
10 Israel 3,233

MfG
Werner T. Meyer
Quelle: https://en.wikipedia.org/wiki/Arms_industry
Werner Meyer, am 26. Dezember 2017 um 19:23 Uhr
Lieber Herr Meyer
Danke für die Präzisierung. Interessant ist aber auch, dass diese Waffen vorwiegend auf die arabische Halbinsel, und nach Indien, die Türkei, China, Algerien, Australien und Vietnam exportiert werden. Kann man daraus ableiten, dass je höher die Waffendichte, desto weniger Krieg gegen diese Länder geführt wird? Meines Wissens war keines dieser topten-Länder auf eigenem Territorium in einen Krieg verwickelt (ausser den geographisch begrenzten Konflikten zwischen Türken und Kurden und zwischen Russland und der Ukraine).
Thomas Oberhänsli, am 26. Dezember 2017 um 20:41 Uhr
@ Th Oberhänsli: Ja, richtig, es würde überall die Waffenindustrie profitieren. Jedoch bei einem Angriff auf Russland, einem Krieg zwischen USA/NATO/EU und Russland würde die Bevölkerung in Europa und Russland das Opfer sein. Die amerikanische Zivilbevölkerung würde nicht getroffen. Die europäische und russische Bevölkerung will nicht noch einmal Krieg!
Ruth Obrist, am 27. Dezember 2017 um 10:09 Uhr
@R Obrist, wie kommen Sie bloss darauf, dass die amerikanische Zivilbevölkerung nicht getroffen würde? Und wenn sie getroffen würde - wäre ein Krieg dann weniger schlimm? Im übrigen wüsste ich jetzt keinen Grund, wieso «die amerikanische Bevölkerung» Krieg wollen sollte.
Cornelia Benz, am 27. Dezember 2017 um 13:30 Uhr
Die NATO bis an die Grenzen Russlands zu erweitern, kommt einer Kriegserklārung an Russland zumindest sehr nahe. Dieser Krieg wūrde ūber russischem und europāischem Territorium stattfinden.
Ruth Obrist, am 27. Dezember 2017 um 20:15 Uhr
@R. Obrist:
Glauben Sie nicht alles, was Ihnen die russische Propaganda weismachen will.

1. Jedes souveräne Land hat die Freiheit nach seinem Gutdünken Bündnisse einzugehen. Seit dem Zusammenbruch des Sowjetimperiums sind die baltischen Staaten, Polen, Ungarn und Rumänien wieder souveräne Staaten und wollen dies mit NATO-Absicherung auch bleiben. Die schlechten Erfahrungen unter dem Sowjetimperium haben sie zu diesem Schritt bewogen.

2. Für Putin kommt die NATO-Erweiterung doch wie gerufen. So kann er den äusseren Feind beschwören und gegen innen und aussen den starken Mann und Führer geben. Dies wird grandios orchestriert mit all seinen Propagandakanälen.

3. Die NATO hat ein Glaubwürdigkeitsproblem. Denn wenn die Russen tatsächlich ihr altes Zaren-, bzw. Sowjetreich wiederherstellen wollen, wären sie in der Lage die baltischen Staaten einzunehmen bevor die NATO richtig reagieren kann. Und da haben Sie recht: ein solcher Krieg würde erstmal auf osteuropäischem Territorium stattfinden, kann dann aber schnell über die Kontinentengrenze hinweg eskalieren.

Abgesehen von «kleinen» und geographisch begrenzten militärischen Konflikten, stehen wir momentan mitten in einem Propagandakrieg und diesen führt Putin meisterhaft mit all seinen Internet-Trollen, der gezielten Finanzierung und Förderung von nationalistischen Strömungen wie dem Front National und der AfD und der Streuung von FakeNews als Verwirrungstaktik. Und seine Reden sind wahrer Honig, nur etwas realitätsfern.

@Thomas Oberhänsli: Schade, dass Sie nicht angeben, woher Sie Ihre Information haben. Die USA machen im Osten Propaganda schon seit dem Zweiten Weltkrieg, das ist ganz normal. Aber wenn Russland das gleiche im Westen tut: Um Himmels Willen! (Siehe Infosperber: Wenn zwei das Gleiche tun). Putin ist beliebt, weil er nach dem Trunkenbold Jelzin wieder Ordnung schaffte und die Leute endlich wieder ihre Gehälter und Renten erhielten. Und die meisten Russen wären gerne "Europäer" geworden, aber die USA wollten das nicht, denn sie wollten ein Feindbild! – Sie dürfen Ihre Meinung hier gerne ausbreiten, aber geben Sie doch mal Ihre Quellen an. Waren Sie schon in Russland? In der Ukraine? Ich habe etliche Jahre in Osteuropa beruflich gearbeitet, habe Bekannte und Freunde in mehreren osteuropäischen Ländern, auch in Russland. Ich weiss, wovon ich rede. Und Achtung: Der Artikel 97-07-17 besagt nicht, wir sollen Putin lieben. Er sagt nur, wer die Chance, nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion mit Russland neu in Frieden zu leben, mutwillig vertan hat. / mfG, Christian Müller
Thomas Oberhänsli, am 27. Dezember 2017 um 22:15 Uhr
@ T. Oberhänsli:
Und Sie wissen bestimmt mit absoluter Sicherheit, dass Sie nicht auf die noch perfektere NATO-Propaganda hereingefallen sind.
Es scheint nicht Ihre Motivation zu sein, für Völkerverständigung und Frieden einzustehen. Im Gegenteil. Sie potenzieren Vorurteile.
Paul Steinmann, am 27. Dezember 2017 um 22:42 Uhr
@Christian Müller. Danke für Ihre Bemerkungen und Ihr Engagement. Natürlich hat Putin grossen Rückhalt; nicht zuletzt weil er den Russen nach den chaotischen 1990er Zeiten wieder eine Perspektive gegeben hat. Die Frage ist nur zu welchem Preis. Gerade Ihnen, als Journalist müsste das Informationsmonopol der russischen Staatsmedien auch mal eine Bemerkung wert sein. Wäre eine Plattform wie der IS dort ebenfalls möglich, bzw. welche Schwierigkeiten haben Journalisten in Russland, wenn sie kritisch über Korruption bzw. Zuständen in Tschetschenien berichten?
Die NATO-Osterweiterung ist in meinen Augen legitim und diente als Absicherung der wirtschaftlichen Integration der osteuropäischen Staaten in die EU. Auch Russland war auf gutem Weg bis zu der unseligen Krimannexion und dem hybriden Krieg in der Ukraine. Sind da wirklich nur die Amerikaner daran schuld? Es wurden sicher politische Chancen vertan und die Reden Obamas kontrastieren ebenso mit der Wirklichkeit wie die Reden von Putin. Die heutige Realität geht leider wieder in Richtung Nationalismus, Machtpolitik und Gleichgewicht des Schreckens auf Kosten einer vertrauensvollen Zusammenarbeit. Dies weltweit nicht nur zwischen Russland und dem «dekadenten» Westen.
Meine Quellen (zB):
https://www.nzz.ch/nzzas/nzz-am-sonntag/russland-was-will-putin-ld.123875
https://www.nzz.ch/international/im-dienste-des-kreml-ld.1327543
https://www.nzz.ch/international/zeuge-der-anklage-ld.1331252
https://de.wikipedia.org/wiki/Fall_Lisa
Thomas Oberhänsli, am 28. Dezember 2017 um 13:53 Uhr
@Christian Müller. Es ist ja nicht so, dass Russland nur als Feindbild gehandelt wird. Die NATO und Russland waren ja zwischendurch sehr weit auf dem Weg zu einem vertrauensbildenden Bilateralismus, und es stand sogar die Idee im Raum, dass Russland ebenfalls NATO-Mitglied werden soll. Leider ist es dazu nicht gekommen und da sind die Russen selber auch mitschuldig. Ich finde es sowieso etwas bemühend, dass gewisse Narrative von den USA als Täter und Russland vorwiegend als Opfer ausgehen. Die Weltpolitik ist doch etwas komplexer. Und Sputnik und RT, die beiden Medienorgane des Kremls strotzen nur so vom Ausloben der russischen Militärtechnik, bzw. deren erfolgreichen Einsätze.

In diesem Kontext sind die Kommentare des russischen Schriftstellers Boris Schumatsky lesenswert:

https://www.nzz.ch/meinung/kommentare/so-inhaltsleer-wie-moeglich-populismus-ist-luege-ld.150558

https://www.nzz.ch/feuilleton/buecher/kadaver-auf-urlaub-1.18600587

Oder der Kommentar von Jörg Himmelreich
https://www.nzz.ch/putins-netzwerker-1.18296734
Thomas Oberhänsli, am 28. Dezember 2017 um 15:55 Uhr
@Ferber. Putin zehrt noch von seinem Verdienst, das Jelzin-Chaos aufgeräumt zu haben. Aber von seiner anfänglichen Politik der Öffnung ist er übergegangen zu einer Politik der Abschottung und eines übersteigerten Nationalismus. Investiert wird in erster Linie in Prestigeprojekte wie Sotschi und Fussballstadien, sowie in die Armee, innere Sicherheit und Propaganda. Die wirtschaftliche Entwicklung hat zwar gewisse Fortschritte gemacht, aber Investitionen werden ausgebremst durch das willkürliche Rechtssystem.
Die Leute haben zwar den Wunsch nach Öffnung scheinen aber der Propaganda zu glauben, dass nur Putin Garant dafür ist, Russland wieder zu alter Grösse auferstehen zu lassen als Gegenkonzept zum dekadenten Westen. Und er hat (machtpolitisch) dafür gesorgt, dass zu ihm auch keine ernstzunehmende Alternative besteht.

Siehe dazu das Interview mit dem Soziologen Lew Gudkow in der heutigen NZZ:

https://www.nzz.ch/international/putin-ist-ein-teflon-praesident-ld.1343369
Thomas Oberhänsli, am 29. Dezember 2017 um 10:18 Uhr
Es ist in der Tat höchste Zeit, dass nicht nur Russland und China sondern auch die arroganten USA in ihre Schranken gewiesen werden. Sie müssen jetzt mal annehmen, dass sie nicht mehr Weltmacht Number One sind . Falls sie das nicht tun, wird es brandgefährlich.
bernhard sartorius, am 30. Dezember 2017 um 19:33 Uhr

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