Das Martullo-Blocher-Theorem zu China

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Jürg Müller-Muralt / 28. Jul 2012 - Die Einpartei-Diktatur bringts, die europäische Demokratie dagegen ist nutzlos, findet Ems-Chefin Magdalena Martullo-Blocher.

Magdalena Martullo-Blocher, Chefin der Ems-Gruppe, ist eine erfolgreiche Unternehmerin. Und eine scharfsinnige Polit-Analytikerin dazu. Diese bisher unbekannte Begabung hat sie in einem «Bund»- und «TagesAnzeiger»-Interview vom 28. Juli 2012 erstmals öffentlich unter Beweis gestellt. In knappen, präzisen Worten zeigt sie auf, wo in dieser Welt die Politiker noch verantwortungsvoll handeln und wo sie sich noch am Wohl des Volkes ausrichten: in China.

»Volk hinters Licht geführt»

Man muss die weisen Sätze der grossen Ems-Vorsitzenden auf der Zunge zergehen lassen: Wirtschaftspolitisch «agiert die chinesische Regierung wirklich äusserst kompetent – vor allem wenn man sie zum Beispiel mit europäischen Regierungen vergleicht. Letztere wollen ja in erster Linie sich selber profilieren und handeln nicht aus Verantwortung für ihr Land. Ungeliebte Probleme gehen sie deshalb oft nicht an. Die chinesische Regierung hingegen denkt und handelt sehr fundiert, professionell und langfristig ausgerichtet.»

Und überhaupt: «Was nützt Europa deren Demokratie: Da werden den Leuten Leistungen versprochen, die nicht bezahlbar sind. Das Volk wird hinters Licht geführt. Der Chinese ist in wirtschaftlicher Hinsicht heute besser bedient, die Regierung orientiert sich nämlich an seinem langfristigen Wohlergehen.»

Hohe Schule der Dialektik

Da wagt endlich jemand, jene Grundwahrheit auszusprechen, die in unserer dekadenten Kuschel-Staatsform bisher als tabu galt: Demokratie ist nutzlos! Da ist eine Einpartei-Diktatur, unterfuttert mit einem kapitalistischen Wirtschaftssystem, von ganz anderem Holz. Die chinesischen Politiker können es sich – im Gegensatz zu europäischen Demokratien - leisten, das Volk nicht hinters Licht zu führen, mehr noch: Sie müssen es gar nicht erst zur Kenntnis nehmen. Ganz einfach deshalb, weil sie nicht gewählt werden müssen. Sie müssen nicht Rücksicht nehmen auf das Volk und können ihm so wahrhaft dienen. Das ist noch echte Dialektik!

Langfristig und kurzfristig

Das Martullo-Theorem bringt in beeindruckender Kürze die wesentlichsten Strukturelemente von europäischer Demokratie und chinesischer Diktatur auf den Punkt: Politikerinnen und Politiker in Europa sind profilierungssüchtig und verantwortungslos, chinesische dagegen orientieren sich in paradigmatischer Selbstlosigkeit ausschliesslich am «langfristigen Wohlergehen» des Volkes. Kurzfristig kann das zwar zur Missachtung von elementaren Menschenrechten, zu Einkerkerungen und Hinrichtungen von Regimegegnern, zur Knebelung der Meinungs- und Pressefreiheit etc. führen. Aber es geht ums Langfristige, wie Magdalena Martullo gleich zweimal sagt.

Keine Freude an der Martullo-Werbetrommel dürfte die chinesische Regierung haben. Denn wenn sich allzu weit herumspricht, dass die Leute dort «besser bedient» sind als hier und wir in Europa nur «hinters Licht geführt» werden, setzt eine Massenflucht aus dem untergehenden Europa ins Reich der Mitte ein.

Themenbezogene Interessen (-bindung) der Autorin/des Autors

Keine

Weiterführende Informationen

Interview mit Magdalena Martullo und Christoph Blocher

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5 Meinungen

Seit sich in China unbelästigt von Demokratie und Menschenrechten Geld verdienen lässt, sind Wörter wie Kommunismus, Diktatur, Sozialismus, Planwirtschaft aus dem Vokabular der wirtschaftsliberalen Berichterstattung über China verschwunden. Stattdessen werden dieselben Wörter heute verwendet, um den sozialen Wohlfahrtstaat zu diskreditieren (oder z.B. auch Obamas Gesundheitsreform).
Marcel Küchler, am 29. Juli 2012 um 12:17 Uhr
Sie habe Chinas Diktatur nur wirtschaftlich kommentiert, nicht politisch....
eben! alles wird der Wirtschaft unterordnet, wir Menschen, die Natur und das Leben überhaupt... und damit eben die Politik, deren Aufgabe es ist, ein anständiges Zusammenleben zu regeln. Den absolutistischen Wachstums-Maximen steht die Demokratie auf ihrem Durchmarsch zur Endlösung im Weg, logisch:-(
Wirtschaft als Selbstzweck in der Worthülse des langfristigen Volkswohls? - das ist nicht fertig gedacht. Da hätte ich von dieser Wirtschaftsführerin etwas mehr Weitsicht erwartet.
Urs Lachenmeier, am 29. Juli 2012 um 13:19 Uhr
Dürfen wir Statements von Ems-Chefin Magdalena Martullo-Blocher wirklich ernst nehmen? Als Milliardärs Tochter mit einem Führungsstil einer KP erwarte ich nichts erhellenderes. Mir wurde von ehemaligen VR Mitgliedern der EMS mitgeteilt, welch beleidigenden Stil sie im Umgang mit Mitarbeitern pflegt. Da werden gestandene Manager als Vollidioten vorgeführt. Dass genau ihr der Chinesische Ansatz zur Firmenführung zusagt, ist naheliegend. Da hilft es auch nicht, wenn sie Volksnähe suggeriert und zweimal die Woche in der firmeneigenen Kantine ihren Lunch einnimmt. Aber das ist schliesslich ihre (geerbte) Bude. Sie muss sich nicht einmal als Wolf im Schafspelz tarnen. Sie wird von einigen Medien sogar noch bewundert (!).
Meine Erfahrung mit Ostasiatischen Staaten zeigt mir, dass Repression jederzeit und immer seine Wirkung hat.
Aber ein Blick in die Kristallkugel verrät: Es wird auch in China keine zehn Jahre mehr dauern, bis das Volk genug hat von den Parties, welche exklusiv den Reichen in Shanghai, Peking und Hong Kong vorbehalten sind. Eine Revolution drängt sich geradezu auf; China wird in ihre Teilrepubliken zerfallen. Da wird auch das Militär nichts ausrichten können.
Wir dürfen also gespannt sein, was da noch kommt. Langfristig würde ich in China nicht mehr investieren.

Genau, Herr Lachenmeier: Wir werden von Worthülsen überschwemmt; und keiner schmeisst uns einen Rettungsring.
Oder; Christoph Blocher ist der Beweis, dass es ein Leben nach dem Tod gibt!

Gruss aus Ostasien.
Renato Stiefenhofer, am 30. Juli 2012 um 21:13 Uhr
Ich würde die aussagen von Martullo nicht so «streng» beurteilen.
Es ist durchaus möglich dass nur ein vergleich gezogen wurde, so nach dem Motto … „ man kann auch mal eine Feststellung machen …“

Dann spricht der Autor das beliebte Thema der ... „Missachtung von den elementaren Menschenrechten... „ in China an.
In dieser Hinsicht kommt mir folgendes in den Sinn :
Bedenkt jemanden was bei uns in Europa gerade geschieht, wo Menschen neuerdings AUCH auf der Strasse leben müssen weil in ihrem Land alles zusammengebrochen ist ?
Und es waren doch Demokraten am Werk, keine Diktatoren !
Ist denn DIES Menschenwürdig ?

Auf alle fälle funktioniert Heute China in vielem besser als das Hyper-demokratischen Europa … wo zu viele (unkompetente) aber doch Demokratische Köche den Brei definitiv verdorben haben.
Frau Carmey Bruderer, am 08. August 2012 um 01:19 Uhr
@Carmey Bruderer
Es gibt sicher keine perfekte Gesellschaftsform. Die Unzulänglichkeiten der demokratischen Organisationen als Argument für totalitäre Organisationen heranzuziehen.... finde ich zynisch.
Demokratien sind leider auch nicht gegen Nepotismus, Korruption und Unfähigkeit gefeit. Und insbesondere die Eigendynamik des Kapitals mit seinem Zinseszins-Problem ist allgegenwärtig, oder eben viel schlimmer: das Kapital herrscht (es beherrscht sogar die Kapitalisten selbst).
Istrumente wie die sog. Sozialversicherungen übernehmen eigentlich staatliche Aufgaben zu Lasten der Arbeiterschaft, der Unternehmen und letzlich der Kunden.
Es hat System: Arbeit wird besteuert und der Kapitalertrag wird geschont, aufdass das Kapital ungestört wachse.
Ausspruch der Ems-Chefin: der Ausstieg aus der Atomenergie sei zu teuer, er würde ihrem Unternehmen Mehrkosten eines Lohnprozentes bringen.
Das zeigt die Denkweise: die unermesslichen Risiken werden einfach ausgeblendet, weil sie im Moment nur potentiell vorhanden sind. Dass die Energie nicht besteuert wird im extremen Gegensatz zur Arbeit.... ist leider noch kein Thema.
Was in China besser sein soll als bei uns? - Vielleicht dass sie versuchen den Konfuzius zu reanimieren....
Urs Lachenmeier, am 08. August 2012 um 09:55 Uhr

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