Kommentar

Sprachlust: Kiezdeutsch – Lassma so Dialekt machen

© Grietje Mesman © Grietje Mesman

Daniel Goldstein /  Kollegenschelte erntet die Professorin, die in Berlin einen neuen Dialekt entstehen sieht: Ihr «Kiezdeutsch» ist andern ein Greuel.

«Ein neuer Dialekt wird geboren, und wir dürfen dabei zusehen!» So spottete in der «Frankfurter Allgemeinen» der Bamberger Germanist Helmut Glück über seine Potsdamer Professorenkollegin Heike Wiese. Diese hatte ihrem Buch «Kiezdeutsch» (Verlag C. H. Beck 2012) den Untertitel «Ein neuer Dialekt entsteht» gegeben. Die von ihr selber geprägte Bezeichnung bezieht sich auf die Jugendsprache, die sie im ethnisch gemischten Berliner Quartier Kreuzberg untersucht und ähnlich auch in anderen deutschen Städten gefunden hat, ja sogar – mit anderer Grundsprache – in Schweden und England.
«Lassma Kino gehen» – «Ich frag mein Schwester.» – «Die guckt so zu dir so.» Mit diesen Sprechblasen auf dem Buchdeckel illustriert die Autorin einige typische Elemente jener Sprache, die mit Aufnahmegeräten ausgerüstete Jugendliche in Alltagsgesprächen aufgenommen haben. Dabei legt Wiese Wert auf die Feststellung, dass auch Jugendliche aus deutschsprachigem Elternhaus Kiezdeutsch reden, und sie findet darin auch nur wenige Einsprengsel aus anderen Sprachen.
Im Deutschen verwurzelt
Vielmehr erklärt die Autorin die Besonderheiten mit Ansätzen, die es in der deutschen Sprache allgemein gibt: «Lassma» (als Zusammenzug von «lass uns mal») ist demnach eine erstarrte Partikel wie «bitte», ebenso «gibs», das Wiese als «Existenzanzeiger» deutet. Dass bei «Kino gehen» der Artikel fehlt, entspricht laut ihr etwa der Aufforderung «Alex umsteigen» in der Strassenbahn. «So» kommt als «Fokusmarker» auch anderswo vor, eine Wortstellung wie «Kai danach gibt dem Hund einen Knochen» gar im Althochdeutschen. «Rote Ampel machen» (= missachten) ist ein «Funktionsverbgefüge» wie «zur Aufführung bringen». Das e fehlt in «mein Schwester», wie es auch in «ich sag» fehlen kann; die Autorin geht nicht drauf ein, dass sich «mein» und «meine» in der Bedeutung unterscheiden (sollten), «sag» und «sage» aber nicht.
Diese Verwurzelungen bringen Wiese zum Schluss, Kiezdeutsch sei ein Dialekt, «der – wie andere Dialekte auch – die grammatischen Möglichkeiten unserer Sprache weiterentwickelt». Ja sogar, weil dies besonders schnell geschieht, ein «Turbo-Dialekt». Gerade dieses Tempo ruft indes auch nach der Frage, ob die Einstufung als Dialekt nicht etwas voreilig sei: Es könnte alle paar Jahre ein neuer sein. Die Kritik, die der Autorin in Deutschland recht ausgiebig entgegenschlägt, setzt aber nicht beim Zeitpunkt an. Vielmehr halten es manche Fachleute für verkehrt, Kiezdeutsch als Dialekt gewissermassen anzuerkennen, statt diese Jugendlichen zur Standardsprache zu erziehen – was sich für Wiese nicht ausschliesst. Häufig wird die Ablehnung des Kiezdeutsch mit Brutalzitaten unterlegt, wie «Isch mach disch Messer».
Angesehen oder verpönt?
Helmut Glück beruft sich auf die «linguistische Terminologie»: ein Dialekt sei «eine Sprechweise, die eine Region charakterisiert» – was auf diese Jugendsprache, auch «Kanak Sprak» genannt, nicht zutreffe. Sie sei auch kein – in einer bestimmten Schicht verankerter – «Soziolekt, sondern eine transitorische Sondersprache, die auf den Einflüssen anderer Sprachen und auf Fehlern im Deutschen beruht». Er unterstellt Wiese, sie mache sich die «Angeberei» der Jugendsprache zu eigen, denn «Dialekte geniessen Ansehen».
Allerdings stört sich die Autorin gerade an der «Abwertungsspirale», welche die Bewohner des Kiezes und ihre Sprache stigmatisiere; fast in gleichem Mass hat eine ihrer Erhebungen dies auch fürs althergebrachte Berlinisch ergeben. Das entspricht einer in Deutschland verbreiteten Geringschätzung der Dialekte. Selbst in der dialektfreundlichen Schweiz stösst freilich die «balkanisch» gefärbte Jugendsprache bei vielen auf Ablehnung, als «nicht richtiges Schweizerdeutsch». Wie das Schweizer «Jugendwort des Jahres» 2009 zeigt, «gibs» eine Ähnlichkeit mit Kiezdeutsch: «S’Beschte wos je hets gits».


Themenbezogene Interessenbindung der Autorin/des Autors

Redaktor der Zeitschrift «Sprachspiegel»; Verfasser der Kolumne «Sprachlupe», alle 14 Tage in der Zeitung «Der Bund».

Zum Infosperber-Dossier:

Portrait_Daniel_Goldstein_2016

Sprachlupe: Alle Beiträge

Daniel Goldstein zeigt, wie Worte provozieren, irreführen, verharmlosen – oder unbedacht verwendet werden.

War dieser Artikel nützlich?
Ja:
Nein:


Infosperber gibt es nur dank unbezahlter Arbeit und Spenden.
Spenden kann man bei den Steuern in Abzug bringen.

IBAN: CH 0309000000604575581


Der Meinungsaustausch wird nach zehn Tagen automatisch beendet. Oder er wurde zu diesem Artikel gar nicht ermöglicht.