Im Amazonas-Becken sind riesige Flächen abgebrannt © Pioneer
Waldverlust weltweit im Jahr 2017 © Pioneer Media

In Brasiliens Amazonas-Becken verbrennt die Lunge der Welt.

Gabor Steingart / 24. Aug 2019 - Es brennt: für einmal nicht nur politisch, sondern auch im wörtlichen Sinne des Wortes. Der brasilianische Urwald steht in Flammen.

Red. Im Hinblick auf das G-7-Treffen, das heute Samstag in Südfrankreich beginnt, machte Gabor Steingart gestern in seinem «Morning Briefing» einige wichtige Hinweise auf das Ausmass der Katastrophe.

Das am Samstag beginnende G-7-Treffen der Staats- und Regierungschefs im französischen Biarritz wird überschattet von den verheerenden Waldbränden in weiten Teilen des Amazonas-Regenwalds. Die Welt erlebt den Triumph der Wirklichkeit über das Wollen.

Während die Staatenlenker im Luxushotel «Hôtel du Palais» im Nobelbadeort der französischen Elite tagen, verbrennen edle Tropenhölzer und verkohlen seltene Wildtiere. Der Glaube an eine bessere Welt hat Feuer gefangen.

Derzeit brennen ausweislich der Satellitenbilder des brasilianischen Raumfahrtforschungszentrums Inpe an rund 71'400 unterschiedlichen Stellen die Wälder. Zwischen 2011 und 2017 wurde bereits ein Waldgebiet geopfert, das fünf Mal der Fläche Deutschlands entspricht. Die Prognose bis zum Jahr 2050 sieht ähnlich düster aus.

Waldverlust weltweit

Die «Grossen Sieben» sind in ihrer Ohnmacht vereint. Was wir in Biarritz erleben werden, ist ein Treffen der Opfer, derweil die Täter nur schwer zu packen sind:

  • Einer von ihnen sitzt im Regierungspalast in Brasiliens Hauptstadt Brasília. Präsident Jair Bolsonaro, der sich selbst «Kapitän Kettensäge» nennt, hat die Rodung zum Teil seiner politischen Agenda gemacht.

  • Die Täter sind aber auch in den Armutsgebieten des Kongos zu finden, wo die Farmer «Fire Days» veranstalten, um sich neue Anbauflächen als Ersatz für ihre ausgelaugten Böden zu beschaffen.

  • Und sie arbeiten für die westlichen Lebensmittelkonzerne, die Produkte der entwaldeten Flächen, vor allem Palmöl und Soja, dankend abnehmen. Mit dem westlichen Wohlstand steigt die Nachfrage.

    Die Welt scheint in Suizidstimmung zu sein. Man könnte meinen, die Menschheit dreht sich mit feierlicher Miene selbst den Sauerstoff ab. Obwohl der Regenwald heute nur noch auf rund sieben Prozent der Erdoberfläche wächst, wird gebrandschatzt, als gäbe es kein Morgen.

  • Dabei absorbieren die Regenwälder weltweit rund 30 Prozent des von Menschen verursachten Ausstoßes von Treibhausgasen. Das sind mehr als elf Milliarden Tonnen pro Jahr.

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    Siehe zum gleichen Thema auch «Kann die Schweiz diesen Wald retten?» (aus der «Zeit», Schweizer Seiten)

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  • Dabei verwandeln Bäume das Klimagift Kohlendioxid (CO2) mithilfe des Sonnenlichts in Sauerstoff: Eine 150 Jahre alte Buche beispielsweise produziert jeden Tag rund 11'000 Liter Sauerstoff. Das entspricht etwa dem Tagesbedarf von 26 Menschen.

  • Dabei kommt es durch die Waldbrände zur beschleunigten Erderwärmung. Bei der Verbrennung wird der in der Biomasse gespeicherte Kohlenstoff als CO2 in die Atmosphäre freigesetzt. Mit jedem abgebrannten Hektar tropischen Regenwalds sind es rund 220 Tonnen.

    Es gibt jedoch Alternativen zur Apokalypse. So rät Bård Harstad, Professor für Wirtschaftswissenschaften an der Universität Oslo und zweimaliger Gewinner des Erik-Kempe-Preises, künftige Handelsabkommen zwischen Industrieländern und Mercosur-Staaten (Brasilien, Argentinien, Uruguay und andere) mit dem Erhalt des Regenwaldes zu verknüpfen. Es wäre also ein ökologisch motiviertes Sanktionsregime zu installieren, das in der Nicht-Exportfähigkeit der Sünderstaaten enden kann.

    Doch die G-7-Gruppe ist noch in der Orientierungsphase: grosse Ambition, kein Plan. Viel Rauch und mitten drin das Nichts. Gut, dass bereits im Vorfeld des Gipfeltreffens verabredet wurde, auf ein Schluss-Communiqué zu verzichten.

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  • Zum Original-Artikel mit zusätzlichem Bildmaterial hier anklicken.

  • Themenbezogene Interessen (-bindung) der Autorin/des Autors

    Es gibt keine Interessen-Kollisionen.

    Weiterführende Informationen

    The Amazon is Burning at a Record Rate (englisch, mit Video)

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    6 Meinungen

    Manchmal hege ich den Verdacht, dass sich die Evolution einen Scherz erlaubt hat: Sie hat die Menschheit mit einem vorzüglichen Gehirn ausgestattet, aber kein Handbuch dazu.
    Michel Mortier, am 24. August 2019 um 17:31 Uhr
    https://www.suedostschweiz.ch/leserbriefe/2019-03-15/die-fdp-gruen
    Die FDP (F.uck D.e P.lanet) ist und war nie grün. Die FDP (und SVP) sehe ich als lupenreine Geldparteien, das, was die weisen Native Americans meinten mit «Wenn Mutter Erde zerstört ist, werdet ihr merken, dass man Geld nicht essen kann». Es war die Deutsche FDP, die eine Grüne Riesenchance (Vorbild) zu Fall brachte (gewichtige Unterstützer weltweit waren bereits vorhanden, es misslang knapp), kurzsichtig und rein ideologisch trotzig. Die Berliner Zeitung berichtete 2017 über ein moralisches Angebot (seitens Ecuador), https://www.berliner-zeitung.de/ecuador-will-das-erdoel-unter-einem-art… das die FDP unmoralisch bodigte (groundete) Mein Leserbrief 1.Dez. im Migrosmagazin 49/2014): Betreffend Artikel im MM 48: «1 Bub, 13 Milliarden Bäume», Artikel über einen engagierten Jungen, der Bäume pflanzen will. ... «Der Wald ist mehr als der Atem der Erde» Bäumige Idee! Noch vor wenigen Jahrhunderten war die Welt fast ein einziger Wald, deshalb die Märchen vom «tiefen, tiefen Wald». Aber: Warum Milliarden Bäume pflanzen (Wo denn? Kein Platz) und gleichzeitig Riesenwälder (in Kontext-Ökosystemen samt Tieren) vernichten? Präsident Correa (Ecuador) wollte 2007 der Welt quasi den Regenwald verkaufen – zum Schutz statt zur Erdölförderung (Zerstörung), das Land benötigte das Geld. Toller Vorschlag. Und billig, sogar ein einziger Milliardär hätte es bezahlen können. Die Welt sagte Nein. Der Wald – mehr als der Atem der Erde.
    Wolfgang Reuss, am 25. August 2019 um 08:33 Uhr
    Die Menschheit kann den Planeten Erde gar nicht zerstören, sondern nur seine eigene Lebensgrundlage. In der Biologie gibts den Wirt und den Parasitoid (Raubparasit).
    D.h. von der Menscheit wird alles 'weggefressen' und dann stirbt die Menscheit aus.

    Die Erde wird sich erholen und es wird auf der gesamten Erde wieder Flora und Fauna, inkl. Urwälder geben, einfach ohne Menschen, analog zum Kometeneinschlag und den Dinosaurieren.

    Der Waldverlust ist nur vorübergehend, wo bitte ist das Problem?
    Peter Herzog, am 25. August 2019 um 12:07 Uhr
    @Peter Herzog, ich finde Ihren letzen Satz etwas irritierend und erlaube mir dazu ein etwas krasses Beispiel:
    Jemand hält Ihnen unterwegs das Messer an den Hals. Fragen Sie sich in diesem Augenblick dann auch ganz cool, wo bitte ist das Problem, schliesslich müssen wir ja alle mal sterben.

    Ich wünsche mir und Ihnen, noch viele Atemzüge im Wald nehmen zu können und sich an bunten Blumen zu erfreuen. «Auch wenn ich wüsste, dass morgen die Welt zugrunde geht, würde ich heute noch einen Apfelbaum pflanzen."
    Ekkehard Blomeyer, am 26. August 2019 um 15:23 Uhr
    @Peter Herzog
    sehr zynisch der Kommentar, wie ich finde.
    In letzter Konsequenz wäre damit der effizienteste Umweltschutz die Anzahl der Menschen auf unter 1 Milliarde zu dezimieren. Kein neuer Ansatz im Grunde, auch wenn sich wohl nicht ganz alle darin einig wären, wer denn entscheidet wer geht und wer bleibt.
    Zur Zeit der Römer war Europa im übrigen schon mal nahezu komplett abgeholzt. Allerdings war die Weltbevölkerung damals schätzungsweise um die 300 Mio, die Welt konnte das also gut verkraften

    Es ist Zeit für eine globale Revolution um der Gier von Wirtschaft und Politik Einhalt zu gebieten! Es ist Zeit, sich auf das Wesentliche zu besinnen und Verantwortung für unser Handeln zu übernehmen.
    Marc Mingard, am 27. August 2019 um 09:59 Uhr
    Sovil zu «Manchmal hege ich den Verdacht, dass sich die Evolution einen Scherz erlaubt hat: Sie hat die Menschheit mit einem vorzüglichen Gehirn ausgestattet, aber kein Handbuch dazu.»: WER ist «die Evolution"? Nach der Entdeckung der DNA-Datendichte dürfte auch der Letzte gemerkt haben, dass die Evolutionsthese ausgedient hat! Das Handbuch gibt es, in jeder Sprache lesbar: Die Bibel. Nur lesen UND befolgen müsste man die «Anweisungen»...! So einfach wäre die Lösung.
    René Lütold, am 27. August 2019 um 10:40 Uhr

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