Madagaskar_Reisfeld © AnSchieber/Flickr/cc

Viele Madagassen leben vom Reisanbau – doch ein grosser Teil der Ernte ist zerstört

Madagaskar steht am Abgrund

Stefan Frey / 07. Aug 2013 - Ein unfähiges Regime, wachsende Armut und zerstörte Reisfelder: In Madagaskar sind 13 Millionen Menschen von Hunger bedroht.

Der Entscheid hat durchaus Symbolcharakter: Kurz vor dem diesjährigen Nationalfeiertag, dem 26. Juni, spach der Oberste Übergangsrat den Ex-Präsidenten der Republik Madagaskar eine üppige Apanage zu. Jeder erhält eine lebenslange monatliche Rente von vier Millionen Ariary (umgerechnet ca. 1800 Franken), dazu eine repräsentative Residenz mit fünf Hausangestellten plus zwei Millionen Ariary (900 Franken) Wohnzulage. Zudem hat jedes ehemalige Staatsoberhaupt Anspruch auf zwei Luxuskarrossen samt Chauffeur. Für den Fahrzeugunterhalt inklusive vier Pneus pro Halbjahr kommt der Staat auf, ebenso für Telefongebühren und Arztkosten. Und als kleine Zugabe obendrauf erhält jeder Ex-Präsident einen Diplomatenpass.

Von solchem Luxus kann das Volk nur träumen. Zum Vergleich: Von den 22 Millionen Madagassen leben 92 Prozent unter der Armutsschwelle. Das durchschnittliche Monatseinkommen beträgt weniger als 30 Franken. Da fragen sich nicht bloss jene wenigen, die des Lesens und Schreibens kundig sind, womit die vier Männer eine solch üppige Ausstattung ihres Rentnerdaseins verdient haben. Denn die bisherigen Potentaten haben sich in ihrer Amtszeit vor allem durch drei Dinge hervorgetan: Ignoranz, Selbstbereicherung und Machtmissbrauch.

Bilanz der politischen Unfähigkeit

Admiral Didier Ratsiraka wurde 1991 nach 16 Jahren diktatorischer Herrschaft von einer Volksbewegung zum ersten Mal ins französische Exil vertrieben. Sein Nachfolger, Albert Zafy, konnte sich bloss zwei Jahre an der Macht halten, dann warf ihn seine eigene parlamentarischen Mehrheit wegen Unfähigkeit aus dem Amt. Auf Zafy folgte in einer höchst umstrittenen Wahl erneut Admiral Ratsiraka. Er wurde nach bürgerkriegsähnlichen Wirren Ende 2002 vom Unternehmer Marc Ravalomanana zum zweiten Mal ins Exil verjagt. Während insgesamt 22 Regierungsjahren hatte Ratsiraka das Land in den Ruin getrieben.

Die USA unterstützten Ravalomanana von Anfang an. Auch die Deutschen und die Schweizer sahen in ihm einen Hoffnungsträger. Doch nach seiner ersten fünfjährigen Amtsszeit waren die Hoffnungen verflogen. Schon damals standen die Zeichen für eine korrekte Regierungsführung schlecht, trotzdem schaffte Ravalomanana spielend die Wiederwahl – und zeigte schon kurz darauf sein wahres Gesicht: Als politische Gegner eingestufte Kritiker liess er kurzerhand verhaften, aber auch Konkurrenten in Geschäftsfeldern, die Ravalomanana sich skrupellos unter den Nagel riss, wanderten ins Gefängnis oder gingen ins Exil.

Ein Disc-Jockey auf dem Präsidentenstuhl

Im Frühjahr 2009 putschte sich der damals 35-jährige Andry Rajoelina mit Unterstützung des Militärs an die Macht. Seither versinkt das Land, so gross wie die ehemalige Kolonialmacht Frankreich und die Schweiz zusammen, im Chaos. Erst kürzlich hat die Weltbank Madagaskar in die Gruppe der «fragilen» Länder eingestuft. Generell werden jene Staaten als fragil angesehen, in denen die Regierung nicht willens oder in der Lage ist, staatliche Grundfunktionen im Bereich Sicherheit, Rechtsstaatlichkeit, soziale Grundversorgung und und Legitimität zu erfüllen. Die Bevölkerung leidet unter grosser Armut, Gewalt, Korruption und politischer Willkür.

Mittlerweile herrscht Rajoelina als jüngster Diktator der Landesgeschichte. Hinter dem ehemaligen Disc-Jockey stehen die Generäle, die man mit grosszügig verteilten Privilegien und Gehältern bei Laune hält sowie Politiker und Figuren, die allesamt schon unter Ravalomanana zu Pfründen gekommen sind. Hartnäckig halten sich auch Gerüchte, wonach schwerreiche indo-pakistanische Geschäftsleute die 34 Minister und ihren Jungstar mit Geld und Dienstleistungen alimentieren. Unternehmer, denen seinerzeit Ravalomanana den Garaus gemacht hat und die nach dem Putsch wieder ins Geschäft gekommen sind.

Hilflose Internationale Gemeinschaft

Die Internationale Gemeinschaft verlangte nach der Machtübernahme durch Rajoelina sofortige Neuwahlen. Rajoelina und seine Getreuen wurden mit Sanktionen belegt, die allerdings bis dato nicht wirksam wurden. Termine für Neuwahlen hat man immer wieder verschoben. Zur Zeit gibt es im ganzen Land keine einzige staatliche Institution, die demokratisch legitimiert wäre. Bürgermeister, Regionalchefs, Abgeordnete, Senatoren, der Premierminister, der Staatspräsident – sie alle sind durch Selbsternennung, illegale Amtsübernahme oder einfach durch Sitzenbleiben auf ihren Posten.

Auch die Entwicklungsgemeinschaft des südlichen Afrika (Southern African Development Community, SADC) konnte bislang nichts ausrichten. Nach vier Jahren fruchtloser Verhandlungen ist man weiter von einer Lösung entfernt als je zuvor.

Reiche Erträge aus Bodenschätzen

Obwohl die EU, die USA und die Weltbank ihre Zahlungen von Hilfsgeldern an Madagaskar eingestellt haben, gerät das Putsch-Regime kaum ernsthaft unter Druck. Die Chinesen springen dankbar und willig in die Bresche und finanzieren das Regime.

Seit dem Putsch im Jahr 2009 flossen hunderte von Millionen Dollar in die Taschen von Rajoelina – für die Erteilung von Schürfrechten, für den Goldabbau, den Export des an sich geschützten Rosenholzes oder für Fischereirechte. Ganz zu schweigen von den Tantiemen aus dem Titan-Abbau im Südosten und dem Nickel- und Kobalt-Abbau an der Ostküste. An beiden Standorten sind immense Umweltschäden zu registrieren.

Zahlreiche Beobachter unterstreichen, dass die von den Rohstoff-Konzernen bezahlten Gelder weit unter den international geltenden Normen lägen. So soll zum Beispiel der Rohstoffkonzern Ambatovy Minerals nur gerade 1 Prozent der erzielten Einnahmen aus dem jährlich geplanten Abbau von 60'000 Tonnen Nickel und 5'600 Tonnen Kobalt an das Land abliefern. Auf der Homepage der Gruppe wird zwar dargelegt, dass innert dreissig Jahren 4,5 Milliarden Dollar an das Land Madagaskar abgeführt würden. Das wären jedes Jahr 150 Millionen Dollar. Doch die Einnahmen aus den Abbaurechten gehen an den 22 Millionen Madagassen spurlos vorbei und finden nur gerade in den protzigen Villenvierteln der Hauptstadt Antananarivo ihren Niederschlag.

Mit der Armut wächst die Kriminalität

Während sich die Machthaber in der Hauptstadt schamlos an den Erträgen aus Bodenschätzen der Tropeninsel bereichern, verarmt die Bevölkerung in einem nie gekannten Ausmass. Laut einem aktuellen Bericht der Weltbank leben 92 Prozent der Bevölkerung unter der Armutsgrenze. Vor vier Jahren waren es immerhin «nur» 82 Prozent. Und die Unicef stellt fest, dass jedes zweite Kind chronisch unterernährt oder zumindest mangelhaft ernährt ist.

Mit wachsender Armut und Hunger hat auch die Kriminalität massiv zugenommen. Entreissdiebstähle, Einbrüche und bewaffnete Raubüberfälle sind an der Tagesordnung – und dies nicht nur in der Hauptstadt, die mit ihren vermuteten drei Millionen Einwohnern so gut wie unregierbar geworden ist.

Der Staat schützt die Bevölkerung kaum vor kriminellen Übergriffen. Die Folge sind Selbstverteidigungsaktionen, die regelmässig in Lynchjustiz umschlagen. Es vergeht kaum eine Woche, in der nicht irgendwo auf der Insel mutmassliche oder tatsächliche Einbrecher, Räuber oder Mörder kurzerhand vom Volkszorn gerichtet werden.

Ein Grossteil der Ernte ist zerstört

Zusätzlich wird die Situation durch eine Naturkatastrophe verschärft, die ebenfalls auf das Versagen der Politiker zurückzuführen ist. Die regenarmen, südlichen Gebiete des Landes werden regelmässig von Heuschreckenschwärmen heimgesucht. Die Vermehrung der gefrässigen Insekten wäre mit chemischen Mitteln relativ einfach zu verhindern. Doch die Chemikalien wurden entweder gestohlen oder die finanziellen Mittel im Landwirtschaftsministerium verprasst.

Bis Ende Juni hätte die Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der Vereinten Nationen (FAO) mindestens 22 Millionen Dollar zur Bekämpfung der Insekten benötigt. Das Geld ist immer noch nicht zusammen. Inzwischen sind die Schwärme in 17 von 22 Regionen eingefallen und haben einen Grossteil der landwirtschaftlichen Fläche beschädigt oder gar kahl gefressen. Die FAO schätzt, dass zur Zeit 630'000 Tonnen Reis – ein Viertel der Jahresproduktion – fehlen.

Die Situation wird sich in den nächsten Wochen dramatisch verschlechtern. Vor drei Wochen gab die UNO-Organisation bekannt, dass bis im September zwei Drittel der Landesfläche, von Heuschrecken heimgesucht würden. Damit sind 13 Millionen Menschen unmittelbar von Unterernährung und Hunger bedroht. Denn die rund dreimonatige «période de soudure» – die Zeit vor der ersten Ernte – steht bevor, und die Speicher sind leer.

Auch langfristig gibt es kaum Entwarnung: Bei einem Bevölkerungswachstum von 3 Prozent wird sich die Gesamtbevölkerungszahl innert 23 Jahren verdoppeln. Dies bei abnehmender Nahrungsmittelproduktion, weil die Anbauflächen erodieren und fruchtbare Anbaugebiete an ausländische Investoren verschachert werden. Ein Teufelskreis.

Ignoranz der Macht

All dies kümmert die lokalen Politiker nicht. Ihre Sorge gilt allein der Sicherung der eigenen Pfründe. Bereits vier Jahre dauert der Streit um die Organisation der Wahlen. Er dient nur einem Zweck: die Rückkehr Ravalomananas aus dem Exil zu verhindern. Es gibt 350 (!) politische Parteien. Für die – erneut verschobenen – Präsidentschaftswahlen haben sich 41 Kandidaten eingeschrieben, darunter auch die Ehefrau Ravalomananas und der Putschist Rajoelina, der sich noch nach Ablauf der Anmeldefrist in die Kandidatenliste eintragen liess. Auch der bis anhin im französischen Exil lebende Admiral Didier Ratsiraka meldet sich zurück und will nochmals an die Töpfe. Denn diese werden reich gefüllt, wenn die Internationale Gemeinschaft die Wahlen anerkannt.

Die tödlich verunfallte Familienministerin Nadine Ramaroson hatte kurz vor ihrem Tod öffentlich vorgerechnet, dass das Land seit Anfang der 80er-Jahre 37 Milliarden Dollar an Entwicklungshilfegeldern erhalten habe. Lakonisch reichte sie die Fragen nach: Warum sehen wir von alldem nichts in unserem Land? Und warum wird unsere Bevölkerung jedes Jahr ärmer?

Es gibt nur wenige überzeugendere Gründe, weshalb sich Madagaskars Politiker so sehr um die Allmacht-Position des Präsidenten oder um einen Posten als Minister reissen: Das Füllhorn der Gelder aus dem Norden reicht für deren Klans auf Jahre hinaus.

Droht ein neuer Bürgerkrieg?

Und ein weiteres Schreckgespenst zeichnet sich ab. Die periodisch von gewissen Politikern geschürten ethnischen Rivalitäten erhalten durch den kollateralen Schaden zusätzlich Nahrung. Plötzlich finden jene Leute wieder Zulauf, die mit der einfachen Formel «alle gegen Tana» – gemeint ist die Hauptstadt mit der dominierende Ethnie der Merina –, alle Übel auf einen gemeinsamen Nenner bringen.

Die schlimmen Bilder vom Frühjahr 2003 tauchen wieder auf, als in einzelnen Küstenregionen, namentlich im Norden, Jagd auf die vom Hochland stammenden Merina gemacht wurde. In der früheren Provinzhauptstadt Diego-Suarez griffen Fanatiker blindlings Madagasssen mit hellerer Hautfarbe auf und ketteten diese an die Gitter vor der ehemaligen Gouverneursresidenz. Dort waren sie tagelang der brütenden Sonne und dem Spott einer aufgewiegelten lokalen Bevölkerung ausgesetzt. Einige entgingen nur knapp dem Tod, die meisten sind bis heute traumatisiert.

Madagaskar steht am Abgrund.

Themenbezogene Interessen (-bindung) der Autorin/des Autors

Der Journalist Stefan Frey ist seit 25 Jahren beruflich und privat in Madagaskar tätig. Er ist Initiant des Entwicklungsprojektes Mad’Eole im Norden der Insel. Seine Eindrücke und Erlebnisse hat Stefan Frey in zwei Büchern festgehalten:
«Blätter aus dem Tropenwald», Kurzgeschichten aus Madagaskar, Knapp-Verlag, Olten.
«Die Befreiung», Die Geschichte einer Liebe zwischen Kolonie und Globalisierung, als E-Book bei Amazon erhältlich.

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12 Meinungen

"37 Milliarden Entwicklungshilfegelder! Warum sehen wir davon nichts in diesem Land?» Al Imfeld machte einmal den provozierenden Vorschlag, die Entwicklungshilfegelder für die Aufklärung der eigenen Bevölkerung über die 3. Welt zu verwenden; leider würde es dies, angesichts der sich in Blogs austobenden Volkswut betr. das Thema Asylbewerber und Badi wohl auch nicht bringen. Es herrscht Aufklärungsresistenz. Aber ein Promille der Entwicklungszusammenarbeits-Gelder für solche hochinformative Artikel wäre gewiss kein Luxus.
Pirmin Meier, am 07. August 2013 um 13:44 Uhr
Mich interessiert, welche Mächte im Hintergrund dafür sorgen, dass dieses Land nicht auf die Beine kommt. Das möchte ich gerne wissen.
Beatus Gubler, am 07. August 2013 um 14:59 Uhr
Lieber Beatus Gubler,

recherchierern Sie doch bitte selber.
Frankreich (Kolonialmacht) ist sicher DER Startpunkt. Es gibt immer noch eine umstrittene Insel.
http://de.wikipedia.org/wiki/Madagaskar
Das, was international an Konfliktanalyse so zusammengetragen wurde, ist zwar leicht angestaubt, aber wenn Sie englisch lesen sicher der zweite Einstiegspunkt:
http://www.crisisgroup.org/~/media/Files/africa/southern-africa/madagascar/166%20Madagascar%20-%20Crisis%20Heating%20Up.pdf

Gruss
Werner T. Meyer


Gruss
Werner Meyer
Werner Meyer, am 07. August 2013 um 22:03 Uhr
@Werner Meyer. Ich bedaure, wollte Sie nicht nerven mit meiner Frage, das war nicht meine Absicht. Ich bedanke mich recht herzlich für die Tipps und Links. Mit freundlichen Grüssen Beatus Gubler, Projekte www.streetwork.ch Basel
Beatus Gubler, am 08. August 2013 um 11:04 Uhr
Lieber Beatus Gubler,

Sie haben mich keineswegs genervt. Ich war nur müde und wollte die Tips schnell los werden ohne selber noch was machen zu müssen.
Werner Meyer, am 08. August 2013 um 14:09 Uhr
Was kann, soll getan werden? Diese Diskussion müsste mal tabulos angegangen werden. Die Schuld auf die alten Kolonialherren abzuschieben scheint mir doch etwas einfach, wenn nicht gar falsch.
ruedi meier, am 28. September 2013 um 08:36 Uhr
Dies erscheint im Kommentar von Werner T. Meyer als DER Startpunkt. Wie er dies bewertet, weiss ich. In der «traditionellen» Entwicklingsdiskussion sind jeweilen die Kolonialherren die Bösewichte. Dabei spreche ich weder von Ihnen noch von Stefan Frey den ich mit seiner Zustandsbeschreibung sehr schätze. Was er zu den Kolonialherren sagt, entzieht sich meiner Kenntnis.
Es bleibt die Frage, was kann, soll getan werden? Spielen wir doch zumindest mal einige Varianten durch.
ruedi meier, am 28. September 2013 um 09:31 Uhr
Herr Seitz, Entwicklungshilfe adee, sehen sie das auch so?
ruedi meier, am 28. September 2013 um 11:04 Uhr
Es mag unanständig erscheinen, wenn sich der Autor in die Diskussion über seinen Artikel einschaltet, es seien mir aber trotzdem eine oder zwei Anmerkungen zu den bislang eingegangenen Kommentaren erlaubt.
Zunächst möchte ich die Meinung jener User teilen, die der Ueberzeugung sind, dass angesichts der humanitären wie politischen, ökologischen und sozialen Katastrophe Schwarzafrikas das Strickmuster der Schuldzuweisung an die alten Kolonialmächte doch etwas überholt sein dürfte. Nach über 50 Jahren Unabhängigkeit (ob tatsächliche oder gelenkte, sei dahingestellt) ist es mehr als nur eine faule Ausrede der lokalen Eliten, das nachhaltige eigene Versagen in die Schuhe der Franzosen oder Engländer - um nebst Bismarcks Deutschland, den USA und der Sowjetunion nur die wichtigsten zu nennen - zu schieben. Das ist im übrigen auch die Ueberzeugung verschiedener afrikanischer AutorInnen wie Dambisa Moyo oder Axelle Kabou oder Mbeki (dem Bruder Nelson Mandelas Nachfolger Tabo Mbeki). Wenn ein Land wie Madagaskar innert 30 Jahren 37 Milliarden Dollar öffentlicher Entwicklungshilfegelder verprasst ohne auch nur die geringste Spur davon im Bildungsstand, in der Gesundheitsvorsorge oder im Aufbau einer eigenen Wirtschaft zu hinterlassen, kann dafür kaum Frankreich zur Rechenschaft gezogen werden.
Die Diskussion betrifft aber auch unsere schweizerische, öffentliche Entwicklungshilfe. Sie hat in Afrika genau so versagt, wie alle anderen. In der Tat wäre eine tabulose Diskussion über den jährlichen Milliarden-Einsatz an CH-Franken dringend notwendig. Es ist zum Beispiel unbegreiflich, weshalb die Schweiz - DEZA, seco und andere - statt der nach den Vorlieben tausender Konsulenten gefüllter Projektgiesskanne nicht endlich eine strategische Neuausrichtung durchzieht. Indem man sich - nur ein Beispiel - darauf verständigen würde, in einem Land X ein landesweites duales Berufsbildungssystem nach dem Vorbild der Schweiz aufzubauen. Dafür bräuchte es wohl ein paar hundert Millionen, aber allein schon die dank der Zukunftschancen von der Flucht abgehaltenen jungen Menschen wären den Einsatz wert und würden zudem die Ausgaben in der Schweiz für die Finanzierung der Asylsuchenden, die wegen der Verelendung in ihren Heimatländern zu uns kommen, reduzieren. Ein solcher Kraftakt käme freilich nur in Frage, wenn zunächst die lokalen politischen Entscheidungsträger aus dem Spiel genommen und die Mittel direkt und unter Schweizer Kontrolle investiert würden. Urs Marthaler hat einen solchen Ansatz unter Aufbietung immenser Energien auf privater Basis in Madagaskar versucht. Das Projekt musste letztlich (zumindest vorübergehend) scheitern, weil es am Druck der offiziellen Schweiz auf die korrupten Politiker und Beamten auf der Insel ebenso gefehlt hat, wie an der strategischen Ausrichtung der Berufsbildung, die sich immer noch am miserablen französischen Vorbild orientiert. Man produziert lieber mit sämtlichen akademischen Titeln versorgte Taxi-Fahrer statt anständig ausgebildete Schreiner, Schlosser oder Mechaniker oder Krankenschwestern, Köchinnen und kaufmännische Angestellte.
Und schliesslich: Die Diskussion um die öffentliche Entwicklungshilfe in Schwarzafrika wird seit 20 Jahren massiv verfälscht durch den zum grössten Player aufgestiegenen Räuber: China.
Stefan Frey, am 28. September 2013 um 17:07 Uhr
Und schliesslich noch ein kurzer Nachtrag. Wer sich für die postkolonialen Verhältnisse - zum Beispiel in Madagaskar - interessiert, kann dies auf unterhaltsame Weise tun: Der Roman «Die Befreiung» von Stefan Frey auf amazon.de zeichnet die letzten 70 Jahre Geschichte anhand eines Frauenschicksals nach.
Stefan Frey, am 28. September 2013 um 17:13 Uhr
Interessant, da scheint ja ein breiter Konsens zu bestehen, dass zumindest auch die CH-Entwicklungshilfe basisnaher und wertschöpfungsbezogener ausgerichtet werden sollte.
ruedi meier, am 28. September 2013 um 18:00 Uhr
@Ruedi Meier. Die Schweiz macht da etwas auf good cop - bad cop.
Das SECO ist zuständig für die Interessenpolitik zugunsten unserer Multis. Die DEZA dagegen darf sich auf die Förderung der --- ganz statistisch - bürokratisch abgegrenzten --- ärmsten konzentrieren. Das ist eine faszinierende Ausgangsposition, aus der man etwas machen kann. Das macht die DEZA auch, da schliesse ich mich dem Konsensus an, den Sie hier feststellen.
Generell ist Entwicklungshilfe aber eine Sache zwischen herrschenden cliquen Nord und herrschende cliquen Süd. Da ist der Verdacht nahe, dass nicht hauptsächlich die (immer noch Mehrheit der) Bauern im Süden davon profitiert. Da darf man sich keine Illusionen machen. Vieles endet in Waffen für die interne Repression. Am skandalösesten ist dies zu sehen bei den US-Unterstützungen an fremde Staaten. Den Grossteil kassiert vorab Israel (kein Entwicklungsland...), Nummer 2 ist Ägypten, was wiederum hauptsächlich die Einhaltung des «Friedens"zustandes mit Israel subventioniert.
Das geht etwas unter in den statistischen Analysen der US-Neoliberalen Dambisa Moyo, die einige als Stimme des Südens wahrzunehmen scheinen. Nichts könnte schiefer sein.

Werner T. Meyer
Werner Meyer, am 30. September 2013 um 00:05 Uhr

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