Die statistische Auswertung der Berichterstattung zur Abstimmung über das RTVG © fög

Die statistische Auswertung der Berichterstattung zur Abstimmung über das RTVG

Schweizer Medien machen Politik im Eigeninteresse

Christian Müller / 02. Jun 2015 - Das Forschungsinstitut Öffentlichkeit und Gesellschaft fög hat die Berichterstattung zur RTVG-Abstimmung unter die Lupe genommen.

Der «Bauch» sagte es den Schweizer Zeitungsleserinnen und Zeitungslesern schon lange, nun ist es auch untersucht, quantifiziert und bestätigt: Die privaten Medien der Schweiz, also vor allem die Zeitungen, schreiben im Hinblick auf die Abstimmung über das Finanzierungssystem des öffentlich-rechtlichen Radios und Fernsehens nicht im Interesse der Gemeinschaft, der Mehrheit der Schweizerinnen und Schweizer, sondern im Eigeninteresse. Es geht darum, die SRG zu schwächen und damit die privaten Medien zu stärken. Geld und Gewinn gehen auch hier vor Gemeinschaft, Gemeinsinn und Gemeinnützigkeit – sprich: vor Service Public-

Untersucht hat die Berichterstattung im Hinblick auf die Abstimmung am 14. Juni über die Revision des Radio- und Fernseh-Gesetzes RTVG das Forschungsinstitut Öffentlichkeit und Gesellschaft fög der Universität Zürich, dessen am 1. März diesen Jahres viel zu früh verstorbener Leiter Prof. Dr. Kurt Imhof und sein Team die Schweizer Medienszene schon seit mehreren Jahren aufmerksam beobachten und wissenschaftlich begleiten – sehr zum Missfallen der Schweizer Verleger, die das Jahrbuch Qualität der Schweizer Medien, das vom fög herausgegeben wird, regelmässig zerzausen.

Was hat nun die neuste Untersuchung der Berichterstattung im Hinblick auf die RTVG-Abstimmung am 14. Juni ergeben?

1. Die Medien haben zu dieser Abstimmungsvorlage deutlich mehr geschrieben als zu den anderen Abstimmungsvorlagen, obwohl es nur um das Finanzierungsmodell der SRG geht, nicht um die SRG selber. Gesellschaftspolitisch eine total falsche Bewertung.

2. Die privatwirtschaftlich geführten Medien haben alle die SRG negativ dargestellt, praktisch keine hat versucht, das Pro und Contra ausgeglichen darzustellen, Pro-Stimmen gab es fast nur dort, wo private Radio- und Fernseh-Stationen vom neuen RTVG profitieren könnten.

3. Am schärfsten gegen die SRG geschossen haben die der SVP bzw. ihrem Vordenker Christoph Blocher nahestehenden und teilweise finanziell verbandelten Publikationen Basler Zeitung und Weltwoche.

Wüssten die Schweizer Stimmbürgerinnen und Stimmbürger, dass die privaten Medien in erster Linie nach Massgabe ihres Eigeninteresses berichten und kommentieren, sie könnten sich ja dadurch zur Wehr setzen, dass sie bei der Abstimmung über die Finanzierung der SRG erst recht ein Ja einlegen. Nur: Woher sollen die Schweizerinnen und Schweizer das wissen? Sie lesen ja täglich die Zeitungen und vertrauen ihnen – noch. Nicht jeder ist auch ein User von Infosperber...

Was im Bericht des fög nicht steht, was man aber ohne Bedenken aus der Untersuchung ableiten kann: auch bei anderen Abstimmungen berichten und kommentieren die privatwirtschaftlichen Medien im Eigeninteresse, wenn sie irgendwie betroffen sind. Welche Schweizer Zeitung etwa setzt sich zurzeit vehement für die Einführung der Erbschaftssteuer ein? Die sich öffnende Schere zwischen Reich und Arm auch in der Schweiz ist für sie – im Abstimmungsfall – kein Thema.

Die Ausnahme bestätigt die Regel

Wundert es, dass die Untersuchung des fög totgeschwiegen wird – fast totgeschwiegen wird? Fast: denn es gibt zwei Ausnahmen. In der Schweiz am Sonntag vom 31. Mai 2015 berichtet Christof Moser – den Infosperber-Usern kein Unbekannter – über die fög-Analyse, mitsamt einer Grafik, die der Grafik des fög entspricht. Und die NZZ, die dem Thema Medien zwar nicht mehr wie in vergangenen Zeiten wöchentlich vier Seiten zur Verfügung stellt, aber immerhin noch eine, jeweils am Ende der Dienstagausgabe, hat am 5. Mai einen fast ganzseitigen Artikel zur Bedeutung des öffentlich-rechtlichen Rundfunks publiziert – von Prof. Mark Eisenegger, Co-Leiter des fög, und Linards Udris, wissenschaftlicher Mitarbeiter am fög.

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Siehe:

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Keine

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DOSSIER: «Medien unter Druck»

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Eine Meinung

Dass sich Medien generell in der Berichterstattung auch von Eigeninteressen leiten lassen, wird wohl der Mehrheit der Leute einleuchten. So naiv, wie viele glauben, sind die Stimmbürgerinnen und Stimmbürger nun auch wieder nicht. Wie man der Grafik zudem entnehmen kann, berichtete ja auch die Tagesschau nicht unbedingt neutral, sondern überwiegend positiv in der Tonalität. Wobei ich sagen muss, dass ich als ehemaliger Student von Prof. Blum in Bern vertraut bin mit der Methode der qualitativen Inhaltsanalyse und daher auch deren Schwächen (die interpretative Beliebigkeit aufgrund der Kategorienbildung ist kaum intersubjektiv überprüfbar) kenne. Daher gebe ich nicht viel auf die absolut angegebenen Werte, die eine Empirie vorgaukeln, die qualitative Daten so nie erreichen. Aber eine Tendenz lässt sich daraus sicher ablesen.

Ein sehr augenscheinliches Beispiel zur Berichterstattung in eigener Sache kann man übrigens seit geraumer Zeit in Deutschland verfolgen: Angeführt von Döpfner/Springer fuhren die meisten Medienhäuser zuerst eine massive Kampagne für das unsägliche Leistungsschutzrecht und aktuell einen Kreuzzug gegen Google.
Michael Gisiger, am 02. Juni 2015 um 11:52 Uhr

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