SRG: Selbstkritische Analyse gefragt

Robert Ruoff © VH/R.
Robert Ruoff / 16. Jun 2015 - Die SRG-Spitze verharmlost das massive Unbehagen an der SRG, das die RTVG-Abstimmung zeigt.

Nein, es sei keine Abstimmung über die SRG gewesen, sagte der Generaldirektor nach der RTVG-Abstimmung am Sonntag, und das Ergebnis habe auch nicht an seiner Person gelegen.

Das ist eine ziemlich eigenwillige Sicht. Man muss sich nicht auf dem unsäglichen Niveau der persönlichen Attacke in der Abstimmungszeitung des Hans-Ulrich Bigler bewegen, um wahrzunehmen, dass Roger de Weck mit wohlgesetzten Reden in den Debatten um die SRG wohl immer wieder punktet, dass er aber bei etlichen Zuschauerinnen und Zuschauern auch mal den Eindruck intellektueller Arroganz hinterlässt – mit Konsequenzen für das Abstimmungsverhalten, wie ich weiss.

Realitätsverlust oder Abwehrhaltung

Und wenn SRF-Direktor Matter im Interview mit dem bedauernswerten Stephan Klapproth in «10 vor 10» genauso wie der Generaldirektor zum wiederholten Mal mit der Wochen-Reichweite von 90 Prozent die hohe Akzeptanz von SRG und SRF belegen will, dann muss man erbarmungslos feststellen, dass diese Reichweite nur belegt, dass SRG und SRF in ihrem Sendegebiet auf wichtigen Gebieten eine relative Monopolstellung haben. Und mit noch grösserem Bedauern muss man feststellen – wenn man den offiziellen Stehsatz noch ernst nehmen will –, dass auf der Chefetage von SRG und SRF ein gewisser Realitätsverlust festzustellen ist. Wäre es aber, statt Realitätsverweigerung, nur die schiere, zwischen den Chefs abgesprochene Taktik, so wären sie sehr schlecht beraten.

Beides verspricht für die anstehende Debatte über den Service Public nichts Gutes. Es sei denn, die beiden Chefs wollten gleich selber die begehrte Rolle des Bestatters übernehmen.

Denn so viel ist allen klar ausserhalb der Chefetage von SRG und SRF: Diese Abstimmung war eine letzte Warnung vor einem Existenzkampf für den Service Public der SRG, der an diesem 14. Juni unübersehbar begonnen hat. Und mit den wohl wahren aber mittlerweile auch ziemlich abgenutzten Argumenten von der Sprachenvielfalt über den nationalen Zusammenhalt bis hin zu den vergifteten Komplimenten des rechtsnationalen Bürgertums für die Programmqualität wird diese Einrichtung in ihrer notwendigen Vielfalt nicht zu retten sein.

Gefragt ist ab heute nicht mehr Abwehrhaltung aus einer legalistischen Grundhaltung – «Es war nur eine Abstimmung über die Finanzierung», «Wir sind die Auftragnehmer, nicht die Auftraggeber», «Wir garantieren als nationale Klammer den Zusammenhalt der Schweiz». Mit dieser Haltung straft man die rechtlich richtige Aussage, die SRG sei kein Staatsfernsehen, gleich schon wieder Lügen. Die Medienobrigkeit wird vielmehr sehr selbstkritisch fragen müssen, ob man sich nicht im Auftritt und im Programm über weite Strecken verhält wie ein «Staatsfernsehen». Und ob bei allem Populismus im Programm das Volk und vor allem die nachwachsenden Generationen sich in eben diesem Programm in entscheidenden Punkten nicht mehr vertreten fühlen.

Service für Politiker, Banker, Funktionäre

Es versteht sich von selbst, dass die (bürgerlichen) Politiker glücklich sind mit den tagesaktuellen Informationssendungen, in denen sie ihren festen, weitgehend kritikfreien Platz haben. Es ist ihnen auch gleichgültig, wenn in den News-Programmen mit wiederkehrender Regelmässigkeit Beiträge ohne grösseren Informationswert ausgestrahlt werden. Ihre Präsenz zählt genug und das Ritual trägt noch immer.

Die Banken wiederum kassieren selbstverständlich gerne den Bonus der öffentlichen Präsenz, den sie mit den regelmässigen Interviews mit ihren Analysten vor, in und nach der «Tagesschau» und «10 vor 10» haben, und «die Wirtschaft», sprich, die Kapitaleigner und Top-Manager, freuen sich jedes Jahr aufs Neue über die Live-Übertragung des Swiss Economic Forum, und das «World Economic Forum» verleiht der SRG weltweiten Glanz und Nähe zu den Mächtigen der Welt. Das definiert die SRG-Führungsspitze offenbar schon als urbanen «Service Public», wenn man ihren Worten glauben darf.

Service ohne kritische Analyse

Die Wahrnehmung der sehr begrenzt statthaften Nähe von Sender und journalistischem SRG-Personal zu den Mächtigen in Politik, Wirtschaft usf. ist noch kein übergreifendes Misstrauensvotum gegen die journalistische Professionalität der SRG-Kollegen. Aber wenn im aktuell aufgebrochenen Korruptionsskandal der FIFA im Schweizer News-Fernsehen tagelang auf einen ehemaligen Marketingmann und Pressechef der FIFA zurückgegriffen werden muss, der seine ungebrochene emotionale Bindung an den Paten und seinen Weltkonzern nicht wirklich verbergen kann, stellen sich für einen «Service Public» unangenehme Fragen.

Warum ist die Abteilung Sport nicht in der Lage, zum Fall dieses Weltverbands mit Sitz in Zürich aus dem Stand eine eigenständige kritische Information und Analyse zu leisten? Warum dauert es bis zum späten Abend im «Club», bis die Dämme brechen und mithilfe aussenstehender Experten eine erste kritische Analyse geleistet wird?

Wie steht es überhaupt mit der kritischen sportpolitischen Kompetenz der Abteilung «Sport», die sich schon mit der Informations-Unterdrückung anlässlich einer (durchaus legitimen) Hooligan-Demonstration beim Fussballderby in Zürich ins Gerede gebracht hat? Wie kommt es, dass der zuständige Abteilungsleiter verhindern kann, dass die einschlägige journalistische Regelung publiziert wird, die anschliessend erarbeitet worden ist? Ist die Machtfülle dieses Sportdirektors im Lauf der Jahre so gross geworden, dass er sich – trotz mehrfacher Nachfrage – folgenlos über das Öffentlichkeitsprinzip hinwegsetzen kann, das für einen gebührenfinanzierten Sender selbstverständlich sein müsste?

Service ohne Transparenz

Wie steht es insgesamt mit der Transparenz der SRG und ihrer Unternehmenseinheiten gegenüber der Öffentlichkeit? Zum Beispiel in finanziellen Dingen? Können wir davon ausgehen, dass SRF – und wohl auch die Romands und die anderen sprachregionalen Unternehmen – zumindest die Standards eines öffentlich-rechtlichen Veranstalters wie des ZDF übernehmen werden, wie SRF-Direktor Matter zugesagt hat? Selbstverständlich unter Berücksichtigung der legitimen Geschäftsinteressen auch der privaten Auftragnehmer ausserhalb der SRG.

Und wie steht es mit der Achtung vor dem Publikum? Ist der «Service Public» der SRG nicht weitgehend zu einem «Mainstream Programm» geworden, nach dem Motto: Bloss keine zu hohen Ansprüche stellen an das Publikum – sieben Minuten sind die Obergrenze der Aufmerksamkeit für ein Thema! – Hintergründe und Zusammenhänge und etwas vertiefte gesellschaftspolitische Analyse passen nicht in die Hauptsendezeit… sprich: «Das Publikum will das so… beziehungsweise will das nicht!» – Das ist, wie wir wissen, der erste Schritt zur Publikumsverachtung. Oder zur Verweigerung der kompetenten und attraktiven Vermittlungsleistung, die die erste und vornehmste Aufgabe des «Service Public»-Journalisten wäre. Und das führt dazu, dass wir uns die zugleich nachhaltige und attraktive Auseinandersetzung mit drängenden Fragen unserer Zeit auf anderen Sendern suchen. Oder in den Randzeiten des SRF-Programms…

Verschenkte Chancen, verschenktes Potential

Dabei wäre Potential da im eigenen Haus. Da gibt es neben den Mainstream-Sendungen, die seit nunmehr gut 20 Jahren im Korsett der insgesamt immer gleichen Programmstruktur dahin plätschern, immer wieder eine ausgezeichnete «Rundschau», einen Erkenntnis-Gewinn bringenden Dokumentarfilm, eine vorzügliche Unterhaltungs-Serie mit Bildungseffekt, und selbstverständlich die Sportproduktionen, die nach wie vor zur Weltklasse zählen. Oder die neuen, kleinen, witzigen und erhellenden Internet-Serien – aber das ist ein anderes Problem.

Oder es gibt die (noch immer sehr kleinen) Chancen, wie in der neuen «Arena», zu der Jonas Projer neben den leider immer gleichen Politikern auch mal einen Schriftsteller wie Lukas Bärfuss einlädt und/oder einen Immigranten. Das wäre ausbaufähig, wenn denn «Service Public» bedeuten soll, Dienst an der öffentlichen Präsenz und am Gespräch der verschiedenen Gruppen der Gesellschaft. Aber die offensichtliche Gefahr besteht, dass all die kleinen Chancen und das grosse Potential verschenkt und am Ende verschleudert werden, weil die SRG-Führung Mainstream, Verbrüderung und Staats- und Wirtschaftsnähe mit «Service Public» verwechselt und Reichweite mit Akzeptanz.

Die SRG kommt immer noch und schon endlos lange, seit über 30 Jahren, daher wie ein «Staatsfernsehen», und deshalb kann man ihr das Etikett auch so wirkungsvoll ankleben. Politik ist der Auftritt der etablierten Parteien mit den immer gleichen behosten oder krawattierten Politikerinnen und Politikern. Der Sport holt sich für Kritik und Analyse die ausgeschiedenen Sportler oder unterbeschäftigten Trainer, die wieder beschäftigt werden wollen, und die immer gleichen Moderatorinnen und Moderatoren müssen sich auf diese Weise keine eigene kritische Meinung leisten. Unterhaltung findet über weite Strecken statt nach den überwiegend gleichen Mustern gutschweizerischer Banalität und Originalität und mit den eingekauften, eingeschweizerten internationalen Formaten. Wirtschaft wird thematisiert mit den wiederkehrenden Analysten, mit als Experten verkleideten Parteigängern, sowie mit Journalistinnen und Journalisten, die nicht nur gleich aufgemacht sind wie ihre Gesprächspartner sondern offenkundig auch weitgehend gleich denken.

Die SRG heute ist in weiten Teilen ein Establishment-Club, der niemandem weh tut ausser denen, die mit Radio und Fernsehen mehr Geld verdienen oder ihr politisches Geschäft machen möchten. Oder beides.

Was hat das noch mit kritischem Journalismus, einer erkennbaren Haltung zum Dienst an der Öffentlichkeit – also an der Gesellschaft, nicht an ihren etablierten Repräsentanten, Funktionären, Würdenträgern und Machthabern – zu tun? Mit «Service Public»? – Das heisst nicht, dass Politiker, Manager, Sportfunktionäre nicht stattfinden sollen. Es heisst, dass sie konfrontiert werden müssen.

Aber das gibt Ärger.

Die dringende Debatte

Die SRG bietet heute ein ganz ordentliches Mainstream-Programm, das keine Debatten, keine nachhaltige Aufregung, ja nicht einmal mehr eine Links-Rechts-Diskussion auslöst. Es ist ein Programm, von dem wir schon gar nicht mehr wissen, ob wir es wirklich haben wollen oder gar haben müssen. Obwohl es, in aller Fairness, durchaus Einiges leistet. Aber dieses ordentliche Mittelmass bringt offenkundig immer mehr Schweizerinnen und Schweizer auf die Idee, dass sie vielleicht mal etwas anderes haben möchten. Und dieser Wunsch geht vielleicht tiefer als man im Leutschenbach oder in den anderen Radio- und Fernsehghettos wahrnimmt.

In der gegenwärtigen populistischen Stimmungslage führt das, wenn ich mich nicht irre, zu einem bösen Erwachen. Aber dann sitzt der Medien-Mogul bereits an den Hebeln der Medienmacht.

Das heisst: Die Debatte über den «Service Public» muss sofort beginnen. Und sie ist zu wichtig, um sie den Politikern, den SRG-Spitzen, den Verlegern und dem interessierten zahlungsfähigen Kapital zu überlassen. Sie muss das Interesse der Öffentlichkeit mobilisieren. Und die SRG in Bewegung bringen.

---

Themenbezogene Interessen (-bindung) der Autorin/des Autors

Keine. Der Autor war bis 2004 Mitarbeiter der SRG und ist ein überzeugter Verfechter des Service Public.

Weiterführende Informationen

DOSSIER: «Medien unter Druck»

Meinungen / Ihre Meinung eingeben

Ähnliche Artikel dank Ihrer Spende

Möchten Sie weitere solche Beiträge lesen? Ihre Spende macht es möglich:

Mit Kreditkarte oder Paypal - oder direkt aufs Spendenkonto für Stiftung SSUI, Jurablickstr. 69, 3095 Spiegel BE
IBAN CH0309000000604575581 (SSUI)
BIC/SWIFT POFICHBEXXX, Clearing: 09000

Ihre Spenden können Sie bei den Steuern abziehen.

Einzahlungsschein anfordern: kontakt@infosperber.ch (Postadresse angeben!)

2 Meinungen

Der Abstimmungskampf war ziemlich mühsam. Hinter jeder grossen Tageszeitung steckt ein Verlags- und Medienunternehmen, das gar kein Interesse hat an einem starken SRF (und auch Erbschaftssteuern). Entsprechend konnte man sich den Inhalt der Artikel auch schenken.
Ich finde Fernesehen und Radio recht gut. Klar kann man immer etwas verbessern und noch vielseitiger informieren. Deshalb braucht es aber keine Diskussion über den Service Public, denn die Verleger wollen nur ihren Kuchen vergrössern. Ich habe keine Lust auf Teleblocher und all die Privatsender, die nur dem Geldgeber huldigen.
SRF fördert auch die Identität. Deshalb verstehe ich nicht, wieso gerade die SVP sich so darin verbeisst.
Hajo Emch, am 16. Juni 2015 um 21:33 Uhr
Als langjähriger Medienschaffender (Kamera) im Ausland und nun auch im Inland, möchte ich zur der Debatte sagen: «Ja - sie ist wichtig. Eine selbstkritische Haltung der SRG und die Hinterfragung der eigenen Arbeit der Unternehmenseinheiten ist wichtig"! Wenn wir aber im aktuellen Tohuwabohu immer wieder heraus hören: «Billag Weg - Information kostet nix im Internetzeitalter» und so fort, so möchte ich nur herausheben, dass unweit von uns bei unserem südlichen Nachbarn Italien, die Medien vor einiger Zeit «privatisiert» wurden. Viele Italienische Medienkonsumenten bedauern dies zutiefst, zumindest jene, denen bewusst wird, dass sie nur noch das zu sehen bekommen, was Herr Silvio Berlusconi für richtig hält.

Wenn zudem die FDP laut danach schreit, dass die Privaten Medien auch ein Teil des Service Public s übernehmen könnten, so kann ich mir nicht verkneifen, das fundamentale Prinzip des Privaten Fernsehens, das grundsätzlich richtig und gut ist: «Sinn und Zweck des Programmes ist es, die Pausen zwischen den Werbeblöcken mit so attraktiver und effektvollen Inhalten wie möglich, für unsere Zielgruppe zu gestalten. Gleichzeitig muss sie aber möglichst billig sein, damit unsere Shareholder am Ende des Jahres ihre Dividende erhalten können. WO bitte, hat da ein Service Public Mandat noch Raum? Information (besonders die wertfreie) kostet immer. Wir bezahlen entweder mit unseren Daten (im Internet), mit unserem Geld eine Billag oder im schlimmsten Fall mit unserer Freiheit!
Nils Kurt, am 17. Juni 2015 um 18:31 Uhr

Ihre Meinung

Loggen Sie sich ein. Wir gestatten keine Meinungseinträge anonymer User. Hier können Sie sich registrieren.
Sollten Sie ihr Passwort vergessen haben, können Sie es neu anfordern. Meinungen schalten wir neu 9 Stunden nach Erhalt online, damit wir Zeit haben, deren Sachlichkeit zu prüfen. Wir folgen damit einer Empfehlung des Presserats. Die Redaktion behält sich vor, Beiträge, welche andere Personen, Institutionen oder Unternehmen beleidigen oder unnötig herabsetzen, oder sich nicht auf den Inhalt des betreffenden Beitrags beziehen, zu kürzen, nicht zu veröffentlichen oder zu entfernen. Über Entscheide der Redaktion können wir keine Korrespondenz führen. Zwei Meinungseinträge unmittelbar hintereinander sind nicht erlaubt.