Florian Inhauser: «Geschmacklich muss sich der Café crème nicht verstecken» © srf
FLorian Inhauser: «Geschmacklich muss sich der Café crème nicht verstecken» © srf

Tagesschau als Sprachrohr des Cafetier-Verbands

Urs P. Gasche / 07. Sep 2017 - Statt über 2000 Monsun-Tote in Südasien und anderes zu informieren, produzierte die SRF-Tagesschau einen unseriösen PR-Beitrag.

Der Schweizer Cafetier-Verband stellte der Tagesschau eine unvollständige Statistik über den internationalen Kaffeekonsum zur Verfügung. SRF-Wirtschaftsredaktor Matthias Pfander machte daraus am 1. September in der Tagesschau-Hauptausgabe um 19.30 Uhr einen zweieinviertel-minütigen Beitrag, den die PR-Abteilung des Cafetier-Verbands nicht besser hätte selber machen können. Entsprechend banal waren die Informationen und irreführend die Schlagzeilen.

«Schweiz belegt internationalen Spitzenplatz»

Moderator Florian Inhauser versuchte, die Aufmerksamkeit der Zuschauenden zu gewinnen:

«Mit 1174 Tassen pro Kopf und Jahr belegt die Schweiz einen internationalen Spitzenplatz beim Kaffeetrinken. Zum Vergleich: Die Italiener trinken nur 809 Tassen

Die Quelle für diese Zahlen erfuhren die Zuschauenden nicht. Schon gar nicht erwähnte Inhauser, dass die Finnen etwa 60 Prozent mehr Kaffee trinken pro Kopf als die Schweizer, die Holländer etwa 40 Prozent mehr, die Schweden und Dänen rund 25 Prozent mehr (Quelle: Statista Consumer Market Outlook). Eine andere Statistik zeigt die Schweiz erst im 14. Rang.

Auch Matthias Pfander unterschlug in seinem Beitrag die Länder mit höherem Kaffeekonsum, wohl um die Schlagzeile des Schweizer «Spitzenplatzes» nicht zu gefährden.

Loblied auf den «Kafi crème»

Vom Cafetier-Verband inspiriert liess sich Moderator Inhauser zu einer speziell affektierten und gestelzten Sprache verleiten:

«Besonders beliebt hierzulande ist der Café crème. Der heisst zwar viel langweiliger als irgendein Arabica Mocca mit Magermilchschäumchen, eine Südhangröstung handgestreichelter Ganz-weit-weg-Bohnen – geschmacklich muss sich der Café crème aber nicht verstecken.»

Im darauf folgenden Beitrag durfte ein «Kaffeeunternehmer» gleich zweimal seine Botschaft verbreiten. «Der Café crème gibt ein gutes Gefühl beim Trinken», gab er zum besten.

Nur jeder dritte Gast bestellt in der Gastronomie einen Café crème. Warum also nicht gleichberechtigte Werbung für den Espresso?

Warum überhaupt diese Werbung? Hätte die Tagesschau – wenn schon – nicht eher über die Preisentwicklung des Kaffees oder über die Arbeitsbedingungen der Kaffeebauern informieren sollen?

Der stellvertretende Tagesschau-Chef Gregor Meier meinte zu Infosperber:

«Es darf in einer 25-minütigen Tagesschau hin und wieder Platz für etwas leichtere Themen haben».

«Leichtere» oder «erfreuliche» Informationen durchaus, ist man versucht zu ergänzen, aber nicht seichte und unseriöse.

Am gleichen Tag wurde bekannt, dass der Monsun in Südasien mindestens 2000 Todesopfer gefordert hat. Die Tagesschau informierte einen Tag später.

Relevantes, Erfreuliches und Unerfreuliches, gäbe es genug

Es gibt viel Relevantes, wovon nicht viel mitbekommt, wer vor allem die Tagesschau als Informationsquelle nutzt:

Über die verzweifelten Zivilisten in Rakka, Deir al-Zur und andern Städten Syriens, über die Kriegsverbrechen im Jemen und in Burundi, die Machtverhältnisse im Iran oder die Diktatur in Ägypten.

Darüber, wie vergleichbare Länder wie die Niederlande, Dänemark, Norwegen oder Schweden die Probleme lösen oder gelöst haben, die in der Schweiz anstehen.

Über Ereignisse in der welschen Schweiz und im Tessin, wenn es nicht gerade um Wahlen oder gesamtschweizerische Abstimmungen geht.

Oder über die Dritte Gewalt, die Rechtsprechung im Lausanne und in den Kantonen.

Dafür wissen wir über den angeblichen Spitzenplatz beim «Kafi crème» Bescheid.

Selige Schweiz!

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PS. Von den privaten Schweizer TV- und Radiosendern ist in dieser Hinsicht sowieso nichts zu erwarten. Deshalb die Erwartungshaltung an die öffentlich-rechtlichen Sender der SRG.

Themenbezogene Interessen (-bindung) der Autorin/des Autors

Keine

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3 Meinungen

Der Kaffee Crème schmeckt scheusslich mit der uperisierten Crème.
Martin Pfyffer, am 07. September 2017 um 18:39 Uhr
Kaffee crème für 4.50 Fr. oder noch mehr? Nein danke, in Italien kostet ein guter Espresso 1 € und in Kroatien ein Kava turska 1.20 €, da kann der Kaffee crème nur schon aus preislichen Gründen nicht mithalten, aber auch qualitativ nicht. Die Schweiz mag ja das Land des Kaffeehandels und von Nestlé sein, aber guter Kaffee schmeckt anders als Kaffee crème.

Und dass das Leid mit dem Monsoon in Südasien weit weg ist für die Tagesschau, ist ja nichts Neues, über die Unwetter in Florida wurde hingegen ausführlich informiert, obwohl es dort weniger schlimm war als in Indien, Nepal, Sri Lanka.
Alois Amrein, am 08. September 2017 um 21:02 Uhr
Wenn ich darüber nachdenke das es NUR UM KAFFEE geht, bekomme ich eine Paranoia, wie weit ist die Manipulation ( social engineering ) erst bei wichtigen Themen ! SF nein Danke !
Johann Heinzl, am 10. September 2017 um 12:52 Uhr

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