Babchenko Ukraine Russland © BBC News

Ein Toter kehrt zurück

Passiert gerade wirklich etwas? Das #Fake-Ereignis

Sylvia Sasse / 19. Jun 2018 - Fake-Ereignisse sind nicht bloss Fake-News, sie erschüttern das Verhältnis von Politik, Realität und Medien auf eine andere Weise.

Red. Sylvia Sasse, die Autorin dieses Essays, lehrt Slavistische Literaturwissenschaft an der Universität Zürich und ist Mitbegründerin sowie Mitglied des Zentrums Künste und Kulturtheorie (ZKK). Sie ist Herausgeberin von «novinki» und von «Geschichte der Gegenwart».

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Nach 59 Folgen House of Cards und damit nach Hunderten von Intrigen, Lügen und Desinformationskampagnen fragt die aktuelle Wahlkampfmanagerin des amerikanischen Serienpräsidentenpaars Underwood irritiert: «Passiert gerade wirklich etwas?» Sie weiss es nicht. Sie weiss nicht, ob die gemeldete Bedrohung durch einen verschwundenen LKW-Transporter, der radioaktives Material geladen hat, vom eigenen Wahlkampfteam zur Anheizung der Angst vor Terror und damit zur Siche­rung von Wählerstimmen inszeniert wurde. Oder ob es doch «echte» Terroristen sind, die den Transporter gestohlen haben? Oder ob es überhaupt nur eine Meldung, nur ein Gerücht ist.

Die Unsicherheit ist durchaus berechtigt, denn in der politischen Trickkiste der Underwoods werden nicht nur bedrohliche Ereignisse inszeniert, die Wählerstimmen sichern sollen, sondern es werden Kollegen oder kritische Journalistinnen reihenweise aus dem Weg geräumt. Diese Morde werden vom Team Underwood wahlweise als Selbstmorde oder als Unfälle vorgetäuscht. Alles, was Frank und auch Claire Underwoods Karriere gefährden könnte, wird manipuliert: umgedreht, umgewertet, weginszeniert oder hineininszeniert.

Als Kevin Spacey, der Frank Underwood darstellt, im Zuge der amerikanischen Präsidentschaftswahl 2016 gefragt wurde, wie eine mögliche TV-Debatte zwischen ihm als Frank Underwood und Donald Trump verlaufen würde, blieb er in seiner Rolle und antwortete: «Er [Trump] würde gar nicht hinkommen. Auf dem Weg würde es einen schrecklichen Unfall geben. Schrecklich und sehr traurig.»

Das Fake-Ereignis

Dass Fake-Ereignisse nicht bloss in Filmen vorkommen, hat Ende Mai der in Kiev vorgetäuschte Mord am russischen Schriftsteller Arkadij Babčenko auf erschreckende Weise vorgeführt: mit Maskenbildnern, echtem Blut, Einschusslöchern auf dem T-Shirt, Polizei, Ärzten, Krankenwagen, Pressemitteilung. Er hat uns daran erinnert, dass wir es nicht nur mit Fake-News, also mit der medialen Erfindung von Ereignissen, die nicht stattgefunden haben, zu tun haben können, sondern auch mit Fake-Ereignissen, also mit Ereignissen, die zwar stattfinden, aber nur so tun «als ob». Sie finden statt, aber sie sind nicht das, was sie zu sein scheinen, sie sind «gemacht», geplant, gecastet, geprobt und greifen damit in unsere Vorstellung von der Kontingenz der Geschichte ein. Und sie haben ganz unterschiedliche Funktionen: Fake-Ereignisse dienen der Desinformation und, möglicherweise, der Aufde­ckung derselben.

«Crisis Actor Babchenko»

Das vom ukrainischen Geheimdienst geplante Fake-Ereignis – im Geheimdienstjargon eine «aktive Massnahme» – war ein vorgetäuschter Mord, um einen richtigen Mord, eine andere, vom russischen Geheimdienst erwartete «aktive Massnahme» zu verhindern. Zumindest wird das vom ukrainischen Geheimdienst und von Babčenko so erzählt. Bereits einen Tag später, nach der Verhaftung eines am mutmasslichen Mordkomplott Beteiligten, wurde die Inszenierung offengelegt. Babčenko und der ukrainische Geheimdienstchef Vasilij Gricak traten vor die Presse, um die Aktion zu erklären und zu rechtfertigen.

Das wiederum ist eine für Geheimdienste ungewöhnliche Aktion. Denn das «Offenlegen des Verfahrens» gehört eigentlich nicht zum Repertoire geheimdienstlicher Kommunikation. Man stelle sich vor, Stalin hätte nach der Inszenierung der Schauprozesse bekanntgegeben, dass die Geständnisse der Angeklagten nur erfunden wurden, um weitere Sabotageakte zu verhindern und die eigentlichen Drahtzieher zu fassen. Und dann wären Bucharin und alle anderen später lebend wieder aufgetaucht oder gar nicht erst ins Lager gekommen… Dieses Gedankenspiel zeigt bereits, dass Fake-Ereignisse nicht gleich Fake-Ereignisse sind, denn es ist im Fall der Schauprozesse ja genau anders herum: Weil die Geständnisse nur erfunden waren, mussten die Angeklagten sterben. Es war gerade die Inszenierung, die um jeden Preis verdeckt werden musste.

Theatrokratie – Spektakelgesellschaft – Postdemokratie

Theater und Politik sind historisch und konzeptuell schon immer eng verbunden. Aber nicht jede politische Inszenierung ist ein Fake-Ereignis. Wenn zum Beispiel der russische Theaterhistoriker Nikolaj Evreinov schon in den 1910er Jahren von einer Theatrokratie spricht, auch in der Politik, dann will er uns nahelegen, es sei naiv anzunehmen, dass im Alltag nicht immer auch Theater gespielt werde. In diesem Sinne ist die Repräsentation und die Stellvertretung eine notwendige demokratische Inszenierung, die politische Macht nicht als providentia dei (göttliche Vorhersehung) oder als Naturrecht (Erbrecht auf Macht) denkt, sondern als vereinbart und wählbar zeigt. Damit aber ist die politische Inszenierung nicht als Betrug adressiert, nicht als Fake, sondern nur als «gemacht».

Mit Walter Benjamins Kritik an der «Ästhetisierung der Politik», die er im Faschismus und absurderweise nicht in Stalins «Kommunismus» beobachtete, und mit Guy Debords Buch zur Gesellschaft des Spektakels (1967), das auf den Kapitalismus gerichtet ist, rückte der Inszenierungscharakter von Ideologien bzw. die Idee von Ideologie als Inszenierung deutlicher in den Fokus. Debord schreibt, das Spektakel sei eine ins «Materielle übertragene Weltanschauung moderner Gesellschaften». Von dort aus ist es nicht mehr weit zu Jacques Rancières und Colin Crouchs Überlegungen zur Postdemokratie, in der Partizipation immer mehr zu einem marktkonformen Spektakel verkommt, während die politischen Entscheidungen anderswo, hinter den Kulissen, gefällt werden.

In keiner dieser Theorien geht es aber um das, was wir im Fall von Babčenko oder in der Serie House of Cards bei den Underwoods beobachten können: die Herstellung von konkreten Fake-Ereignissen zur Schaf­fung historischer Tatsa­chen. Diese Praxis gehört zur Geschichte der Desinformation, die Bestandteil eines manipulativen politischen Handelns ist, mit dem sogar Weltkriege ausgelöst werden können (so etwa mit dem fingierten Überfall der Nazis auf den Sender Gleiwitz). Diese Ereignisse bleiben in der Regel verborgen oder werden erst im Nach­hinein sichtbar, wenn z.B., wie nach dem Fall des Eisernen Vorhangs in Osteuropa, die Archive aufgehen und geheimdienstliche Praktiken untersucht werden können.

Der russische Philosoph Michael Ryklin beobachtet gegenwärtig in Russland eine Wiederkehr dieser manipulativen Praxis, die allerdings nicht mehr im Dienste einer Ideologie steht. Er nennt diese Form von Politik «operative Politik»; ihr Kennzeichen ist es, Geheimdienstmethoden, also vor allem Desinformation, zur gängigen politischen Praxis zu machen. Das ist nicht unbedingt neu, das sowjetische Desinformationswissen wird weiter verwendet, es dient aber einem anderen Ziel: «Putin wiederholt manisch, die Politik sei der Ort, an dem die Geheimdienste miteinander konkurrieren», so Ryklin. Dabei geht es aber nicht mehr darum, eine Ideologie zu inszenieren wie damals in der Sowjetunion. Die manipulative Desinformation dient vielmehr nur noch dem blossen Machterhalt. Und ohne die Verbindung zu House of Cards überstrapazieren zu wollen – auch Frank Underwood hat kein politisches Programm, sein politisches Programm ist er selbst: «Er hat keine Ideologie und keine Vision! Das ist unheimlich», so der Kommentar eines Journalisten im Film.

Hinter den Kulissen

Ryklin schreibt über die Folge dieser Politik, dass ihr öffentlicher, sichtbarer Teil eine «Fiktion für die Nichteingeweihten» sei, «derjenigen, die des einzig reellen geheimen Wissens nicht teilhaftig sind». Deshalb ist vielleicht auch House of Cards ein solcher Erfolg, weil die Serie den angeblichen Blick hinter die Kulissen ermöglicht. Im Unterschied zum Theater oder zum Film, bei dem der Blick hinter die Kulissen lediglich dazu führt, zu verstehen, wie ein Regisseur probt, wie er mit seinen Schauspielern arbeitet, erhofft man sich vom Blick hinter die Kulissen der Politik die Klärung der Frage, ob bzw. wieviel Inszenierung zu entlarven ist. Die Enthüllung, das Entfernen der Maske ist auf das Theater selbst gerichtet.

Allerdings ist House of Cards wohl eher eine Satire über eben dieses Begehren. Denn die Serie legt nichts offen, sie enthüllt keine tatsächlichen politischen Intrigen, auch nicht die Machenschaften konkreter Politiker, sondern höchstens unseren Wunsch, überall dort, wo wir selbst nicht hinsehen können, nur das Schlimmste zu vermuten. House of Cards funktioniert wie die Phantasie einer Mutter, die ihren unbeobachteten Kindern stets unterstellt, Blödsinn zu machen, oder wie ein Ehemann, der sich jedes Treffen seiner Frau mit einem anderen Mann als perverse Sexorgie vorstellt.

Die Regisseure James Foley und David Fincher sind aber keine Verschwörungstheoretiker, sie wollen uns nicht weismachen, dass Politik reine Inszenierung ist und dass es nur wenige sind, die im Hintergrund die Strippen ziehen. Sie wollen eher die potenziellen Verschwörungstheore­tiker in uns befriedigen, indem sie unsere dunkelsten Vorstellungen vom politischen Handeln ausleuchten.

Die Fake-Ereignisse der Verschwörungstheoretiker

Verschwörungstheoretiker disqualifizieren Ereignisse gerne dann als inszeniert, wenn die Autorschaft ihnen politisch nicht in den Kram passt. So wurde unlängst das Gerücht in die Welt gesetzt, die Schüler aus Parkland in Florida, die sich gegen die Waffenlobby der USA einsetzten, seien bloss Schauspieler, die im ganzen Land eingesetzt werden, wenn es darum geht, Trumps Politik zu kritisieren. Auch der wiederholte Versuch, sämtliche Widerstandsbewegungen in Osteuropa, besonders in der Ukraine, als vom Westen bezahlte Propaganda zu diskreditieren, ist ein beliebtes politisches Verschwörungsnarrativ, das auf die Idee abzielt, es handle sich bei Widerstand gegen Autokratien nur um Theater.

Im Fall der vorgetäuschten Ermordung von Babčenko haben viele russische Medien ebenfalls mit einem Verschwörungsnarrativ geant­wortet. Es wurde behauptet, die ganze Aktion basiere auf einer «russophobischen Verschwörung» der Ukrainer, man habe das Fake-Ereignis nur stattfinden lassen, um die Unterstellung des angeblich geplanten Auftragsmordes in Szene setzen und dadurch Russland schaden zu können. So wird die Offenle­gung als Höhepunkt der Inszenierung gelesen, d.h. als ihr eigentliches Ziel, denn mit diesem angeblichen «Offenlegen» könne die Schuld direkt dem russischen Geheimdienst in die Schuhe geschoben werden. In der Folge hat die russische Presse zudem die gesamte Glaubwürdigkeit ukrainischer und westeuropä­scher Medienberichterstattung (die «tollwütigen Russenhasser in unseren deutschen Qualitätsmedien», wie RT sich ausdrückte) in Zweifel gezogen und versucht, die «neue» Unglaubwürdigkeit auch für den Abschuss der MH17 und weiterer Journalistenmorde auszunutzen.

Dabei ist das Schaffen von Fake-Ereignissen gerade in Russ­land – allerdings ohne die anschliessende Offenlegung – ein beliebtes Verfahren, wie u.a. eine Bombendrohung 2014 im teatr.doc, dem bekanntesten Off-Theater Moskaus zeigt. Dort sollte der Dokumentarfilm «Stärker als Waffen» (2014) von Igor Savychenko – ein Film über den Widerstand auf dem Majdan und den Krieg in der Ost-Ukraine – vorgeführt werden. Dies wurde jedoch durch eine Bombendrohung erfolgreich verhindert. Kurz vor Beginn der Vorführung platzten etwa zwanzig Polizisten gemeinsam mit Beamten des Kulturministeriums in den Keller, evakuierten die Zuschauer und demontierten beinahe nebenbei das Filmvorführgerät, beschlagnahmten den Film, verwüsteten die Räumlichkeiten und zerstörten Requisiten. Die Filmvorführung konnte nicht mehr stattfinden. Die Bewohner über dem Kino hatte man jedoch bei der Evakuierung «vergessen«.

Während sich Fake-News anhand der «Realität» letztlich meistens überprüfen lassen, sind Fake-Ereignisse gerade auf «Unwiderlegbarkeit» hin angelegt. Das erschüttert unser Verhältnis zur Realität auf eine andere Weise, denn es geht nicht mehr um die Frage, ob Medien falsch berichten, sondern darum, dass sie vom «Falschen», vom «Fingierten» als Realem berichten. Wer darüber schreibt, weiss erst im Moment der Offenlegung, insbesondere wenn man einen Nachruf auf Arkadij Babčenko veröffentlicht hat, dass man über ein Fake-Ereignis zugleich «wahr» berichten kann und die Mitteilung trotzdem falsch ist. «Das ist unheimlich», um es mit dem fiktiven Journalisten in House of Cards zu sagen, jener Serie, die uns so «unwahrscheinlich wahrhaftig» vorkommt.

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Dieser Text erschien zum ersten Mal auf Geschichte der Gegenwart.

Themenbezogene Interessen (-bindung) der Autorin/des Autors

Keine

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Es gibt einen Fernsehbericht des Syrischen Staatsfernsehens über ein Bombenattentat. Man kann die Pressesprecherin, Ansprechperson der Opfer, nach dem Anschlag verfolgen, ohne Sanität, Ärzten oder anderen Journalisten zu begegnen. Es werden tote und halbtote Menschen gezeigt und Sterbende am Boden liegend interviewt. Am Schluss zeigt sich die Armee als Retterin der Überlebenden. Vermutlich eine absichtlich gefälschte Szene mit wirklichen Opfern.

In Kairo kam es am Tag des Putsches zu Schüssen auf ein Minarett (Fath-Moschee). Es war im Fernsehen zu sehen, kein Mensch auf dem Minarett, wo sich rabiate Islamisten verschanzt haben sollen, die Soldaten schossen, von gefühlvoller Musik begleitet, auf das Minarett und der Sprecher lobte die Armee.

Es sei auch an den Fall Giulio Regeni in Kairo erinnert. Wie die Behörden nach Erklärungen suchten, griffen sie vermutlich zum Mittel der Fälschung und brachten angebliche Täter in einem Minibus um. Die Familie Regeni vermutet nicht zu Unrecht, dass es sich um unschuldige Opfer handelt, die für eine unglaubwürdige Erklärung herhalten mussten. Nachrichtenquelle ist das Innenministerium, welches behauptete, die Getöteten seien die Mörder von Giulio Regeni, womit der Mordfall ein für alle Mal aufgeklärt sein sollte.
Christian Strahm, am 19. Juni 2018 um 21:15 Uhr
Sätze wie «Während sich Fake-News anhand der «Realität» letztlich meistens überprüfen lassen» und die Frage, welche Form von Inszenierung sie darstellen, führt einen Pfad hinunter, der irrelevant ist und selbst schon wieder eine Form von Fake-News darstellt.
Drei Fake-News-'Klassiker': Golf of Tonkin Incident (Vietnam), Baby-Brutkastenlüge (Irak/Kuwait, 1990), Massenvernichtungwaffen (Irak, 2003). Dass sich diese News «überprüfen [liessen]» und als Lüge erwiesen, ist in sich belanglos, da die Überprüfung keinerlei Konsequenzen «auf den Weltengang» bzw. auf die Ausübung von Macht & die Verwendung von Inszenierung/Fake News hatte.
Es geht im Leben nicht darum, recht zu haben (bzgl. dem was «Realität» ist). Entscheidend für Inszenierende und damit für die Welt sind nicht die News selbst, sondern die Wirkung (!), die sie erzeugen. Konkret: Ausreichend viele Menschen gaben (empört/begeistert) die Einwilligung zum Krieg (gegen Nordvietnam resp. Irak) und so zur Ermordung von Millionen (auch 'Eigenen'). Dass hernach wenige «Fetischisten der Wahrheit/Realität» wussten, dass es Fake-News waren, interessiert die Inszenierenden und Mehrheit der Getäuschten nicht, was ihnen eine «höhere Wahrheit/Realität» bestätigt: Die initiale Wirkung erzeugt/schafft die Realität! Korrigierende News sind «Schnee von gestern», öde/irrelevant, und daher mit keinerlei Folgen/Konsequenz verbunden (weder im Fühlen, Denken noch Handeln, und damit auch nicht im Bezug auf unsere «Wirklichkeit/Welt").
Stan Kurz, am 20. Juni 2018 um 22:26 Uhr

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