"Anthropologisches Faktum: Der Mensch will wachsen" (NZZ) © flickr

"Anthropologisches Faktum: Der Mensch will wachsen" (NZZ)

Vom Widernatürlichen des «Nullwachstums»

Hanspeter Guggenbühl / 20. Feb 2019 - «Null CO2» skandiert die Jugend. "Nullwachstum" fürchtet die NZZ. Beiden geht es – direkt oder indirekt – um die Natur.

Die Demonstrationen der Jugend gegen den Klimawandel bewegen – nicht das Klima, aber die bürgerliche Welt. Freisinnige Parlamentsmitglieder etwa drehen die tollsten Pirouetten: Erst stimmten sie Ja zum Klimavertrag in Paris, der die globale Erwärmung "möglichst auf 1,5 Grad" begrenzen will. Dann stimmten sie Nein zum nationalen Ziel, den Ausstoss der Treibhausgase in der Schweiz ab 2035 nur schon um 30 Prozent unter das Niveau von 1990 zu senken. Darauf sagte FDP-Präsidentin Petra Gössi im Interview mit den Tamedia-Zeitungen: "Der Umweltschutz gehört zur DNA (red. also zum Erbgut) des Freisinns", und FDP-Ständerat Ruedi Noser unterstützt neuerdings die "Gletscher-Initiative", die verlangt, in der Schweiz sei der Ausstoss von CO2 bis zum Jahr 2050 netto auf Null zu senken. Im Vergleich dazu sind nur noch die klimastreikenden Jugendlichen etwas radikaler; sie fordern "Null CO2" schon ab 2030.

Der Klimastreik, angeführt von der voraus streikenden Umweltaktivistin Greta Thunberg bewegt auch die dem Freisinn nahestehende NZZ respektive NZZ-Redaktor Thomas Fuster. Er fürchtet nämlich, die Forderung nach "Null CO2" könnte "die Debatte über ein Nullwachstum" befeuern. Darum verfasste er in der NZZ am Samstag, 16. Februar, einen engagierten Wachstums-Verteidigungs-Artikel unter dem Titel «Das Wachstum ist besser als sein Ruf».

Schon dieser Titel lässt den regelmässigen NZZ-Leser staunen. Denn so schlecht kann der Ruf des Wachstums nicht sein, denkt er, und wenn doch, ist zumindest die Wirtschaftsredaktion an der Falkenstrasse dafür nicht verantwortlich. Nein, erfährt er dann im Text, nicht die NZZ ist schuld, wenn das Wachstum und seine Folgen in Verruf kommen, sondern: "Befürworter der Suffizienz propagieren eine neue Genügsamkeit und Verzichtskultur. Fürsprecher der Subsistenz empfehlen eine Neuentdeckung der Selbstversorgung. (...) All diesen kapitalismuskritischen Denkschulen gemeinsam ist die Ablehnung der angeblichen Wachstumsideologie. Auffallend ist zudem, dass die Debatte über ein 'Nullwachstum' oder eine 'Postwachstumsökonomie' vornehmlich in reichen Industriestaaten stattfindet. (...) Über Reichtum zu lamentieren, muss man sich also leisten können. Und die Klage (...) trägt nicht selten Züge von Dekadenz."

Neben dem Vokabular, das Sprachglossen-Schreiber beflügeln mag, ist im NZZ-Artikel folgende Aussage besonders bemerkenswert: "Die Freunde der Postwachstumsgesellschaft übersehen zudem ein anthropologisches Faktum", schreibt Thomas Fuster und fährt fort: "Der Mensch will wachsen, will vorwärtskommen. Das Drängen nach Mehr (...) entspricht der menschlichen Natur, und diese sollte weder negiert noch unterbunden werden."

Der Lesende reibt sich die Augen, wenn er um sich schaut. Gewiss, eine Zeitlang wächst der Mensch, aber spätestens im Alter von 20 Jahren hört er auf damit. Die Haare wachsen zwar weiter. Aber alles, was sich mit der Schere nicht stutzen lässt, stabilisiert sich und beginnt im Alter ab 50 naturgemäss leicht zu schrumpfen (was Ökonomen jeweils die Sprachblüte "Negativwachstum" entlockt). Das geschieht zum Wohl des Menschen. Denn wenn nur schon die Zähne ständig weiter wüchsen, müssten Wachstumsprediger ihr Maul je länger je weiter aufreissen. Noch schmerzhafter wäre ein ewiges Wachstum des ganzen Körpers. Man stelle sich sieben Milliarden Gullivers vor, wie sie in Siebenmeilenstiefeln über den Globus rennen und sich an allen Decken und Dächern die Köpfe wundschlagen. Zum Glück verschont uns die Natur von diesem "anthropologischen Faktum". Und NZZ-Journalisten täten es wohl auch, wenn sie an Stelle des Redaktionssitzes wieder einmal die Schulbank drückten.

Themenbezogene Interessen (-bindung) der Autorin/des Autors

keine. Zusammen mit Urs P. Gasche ist Hanspeter Guggenbühl Autor des Buches "Schluss mit dem Wachstumswahn", Somedia/Rüegger-Verlag 2010.

Weiterführende Informationen

Dossier: Wirtschaftswachstum
Dossier: Kritik von Zeitungsartikeln

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7 Meinungen

Eines sollte nicht vergessen werden: 95% des CO-2 stammen aus natürlichen Prozessen, ohne jegliches menschliche Zutun oder Verschulden. Ein Meteoriteneinschlag oder grosser Vulkanausbruch könnten der Menschheit Ende weit schneller herbeiführen, als der Klimawandel. Diese Gefahren machen mir weit mehr Angst, als der Klimawandel und wir haben ihnen nichts entgegenzusetzen.

Siehe: https://www.scinexx.de/news/geowissen/campi-flegrei-erwacht-der-supervulkan-2/

Erste Vorzeichen für einen Ausbruch? Seit rund 15.000 Jahren hat es in den Phlegräischen Feldern bei Neapel keinen katastrophalen Ausbruch mehr gegeben – jetzt könnte der Supervulkan wieder erwachen. Denn das Magma des Vulkans zeigt charakteristische Veränderungen, die auch die letzten großen Eruptionen ankündigten, wie Forscher im Fachmagazin „Science Advances“ berichten. Die Campi Flegrei könnten demnach auf einen Caldera-bildenden Großausbruch zusteuern.
Urs Lauper, am 20. Februar 2019 um 12:31 Uhr
Delle im BIP: Mehr Freizeit erhöht die Lebensqualität!

Mehr Freizeit ist heute für viele Leute mehr wert als mehr Einkommen. Das erklärt auch die relativ vielen freiwilligen Frühpensionierungen. Null-Wachstum des BIP/Kopf ist sicher kein eigenständiges Ziel, aber möglicherweise das Ergebnis einer menschlich und umweltmässig vernünftigen Lebensweise, bei der auf „Immer-mehr-Konsum“ verzichtet wird. Mit Romantik hat das gar nichts zu tun, sondern mit Vernunft und Lebensweisheit.
Selbstverständlich nehmen die Verteilungs- und Sozialversicherungsschwierigkeiten mit sinkendem Wirtschaftswachstum zu. Da Änderungen der Lebensmuster aber über mehrere Jahrzehnte und nicht schlagartig verlaufen, sind die nötigen wirtschaftlichen und politischen Anpassungen verkraftbar.
Alex Schneider, am 21. Februar 2019 um 06:25 Uhr
"Der Mensch will wachsen, will vorwärtskommen. Das Drängen nach Mehr (...) entspricht der menschlichen Natur, und diese sollte weder negiert noch unterbunden werden."
Welche menschliche Natur ist da wohl gemeint? Die des Freisinns seit 1848? Die Spezies, die noch nicht gemerkt hat, dass das Wachstum des Planeten null % ist, seit Milliarden von Jahren. Nun kommt aber endlich, 2019, Frau Gössi, oha, Götterdämmerung, Wachstum nur noch beim Freisinn, der ganze Rest muss halt Schrumpfen. Hr. Wasserfallen wird ein Rezept finden.
Walter Schenk, am 21. Februar 2019 um 12:15 Uhr
Hans A. Pestalozzi formulierte es sehr treffend:

»Wir sind für Wachstum«, war der Titel einer Inseraten-Kampagne der Schweizer Banken. »Das Wachstum der Wirtschaft muss angekurbelt werden«, so das Rezept der Manager. Verdrängt man denn die Erkenntnisse der letzten Jahrzehnte? Warum ist man nicht fähig, einige ganz einfache Rechnungen zu machen? 2% Wachstum bedeutet Verdoppelung in 35 Jahren. Eine Verdoppelung muss man sich ganz konkret vor Augen führen. Dies heisst: In 35 Jahren von allem, was wir heute in der westlichen Industriewelt an materiellen Gütern und Dienstleistungen haben, doppelt so viel! Doppelt soviel Strassen, Doppelt soviel Autos, Doppelt soviel Häuser, Doppelt soviel Ferienreisen, Doppelt soviel Medikamente, Doppelt soviel Bier, Doppelt soviel Koteletten usw. Jeder nur einigermassen vernünftige Mensch sieht sofort ein, dass ein solches Rezept heller Wahnsinn ist. Aber die Herren wollen ja nicht 2% Wachstum, sondern 6%, um ihre Probleme lösen zu können»

Und nicht zuletzt kann 2% Wirtschaftswachstum auch die Umweltbelastung verdoppeln. Der heutige Kapitalismus zwingt eben zu ständigem Wachstum, da die Leistungslosen Einkommen wie Zinsen, Rendite, Dividenden etc. und deren Gegenwert auch noch zusätzlich erwirtschaftet werden müssen.
Edgar Huber, am 22. Februar 2019 um 10:41 Uhr
Wieder mal ein super Artikel Herr Guggenbühl! Ich habe mein NZZ Abo gekündigt und das Geld Euch gespendet. Die NZZ kann ich nicht mehr unterstützten. Bleiben Sie dran!
Daniel Bertschi, am 22. Februar 2019 um 21:37 Uhr
"Denn wenn nur schon die Zähne ständig weiter wüchsen, müssten Wachstumsprediger ihr Maul je länger je weiter aufreissen.» Der war gut (-:.

Am lächerlichsten im besagten Artikel finde ich ja den Hinweis auf die Anthropologie. Leider hat Herr Fuster keine Beispiele von Völker genannt. Denn nicht kapitalistisch/chrematistisch organisierte Kulturen hatten schlicht keinen Wachstumsreiz. Evt. sollte sich Herr Fuster zuerst mal mit dieser Wissenschaft beschäftigen. Zum Beispiel mit «Schulden - Die ersten 5000 Jahre» des Anthropologen Prof. David Graeber.

"In Entwicklungsländern, wo es an lebensnotwendigen Gütern fehlt, strömen die Bürger nicht auf die Strassen, um weniger Wachstum zu proklamieren». Diese Aussage ist an Zynismus und Frechheit nicht mehr zu toppen. Die Opfer des westlichen Kapitalismus als Verteidiger des Systems welches sie unterdrückt und Ausbeuted. Da wird einem schlecht!
Stöckli Marc, am 25. Februar 2019 um 15:40 Uhr
Herr Fuster leidet wie die meisten von uns unter https://de.wikipedia.org/wiki/Kognitive_Dissonanz

"Was nicht sein darf, kann nicht sein.» Das ist immer noch besser als die rein egoistische Handlungsweise: «Wird schon so sein, aber mir geht es so besser."

Bei der derzeitigen bürgerlichen Politik scheint es sich jedoch weder um das eine noch das andere zu handeln. Ganz rechts vermute ich eher Dummheit und bei mitte rechts Heuchelei. Aber die Linke ist auch nicht viel besser, wenn sie an der Macht ist.
Theo Schmidt, am 07. März 2019 um 13:45 Uhr

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