Das letzte Wort hat die NZZ

Christian Müller © aw
Christian Müller / 03. Dez 2018 - Die Regionalmedien von AZ und NZZ haben sich zu CH Media zusammengeschlossen. Jetzt ist klar, wer das Sagen hat.

«Der Westen, diese weinerliche Memme» schreibt Pascal Hollenstein, der «Leiter Publizistik» des Medien-Unternehmens CH Media, als Titel über seinen Leitartikel vom 1. Dezember 2018 in der «Schweiz am Wochenende».

CH Media ist das Medien-Unternehmen, das aus dem Zusammenschluss der Regionalmedien der AZ Medien Gruppe (Aargauer Zeitung, Solothurner Zeitung, Basellandschaftliche Zeitung, und etliche andere) und den Regionalmedien der NZZ Gruppe (Luzerner Zeitung, St. Galler Tagblatt, und andere) hervorgegangen ist. Das sogenannte Joint Venture, bei dem beide Seiten, NZZ und AZ Medien, je 50 Prozent der Aktien halten, machte bei der Ankündigung vor allem in einem Punkt neugierig: Wer entscheidet letztlich, was im redaktionellen Teil der betroffenen Zeitungen steht? Schon damals wurde mitgeteilt, dass Pascal Hollenstein aus dem Hause NZZ «Leiter Publizistik» sein würde. Es sah also eher nach einer (internen) Niederlage von Patrik Müller, dem Chefredaktor der AZ Medien, aus, zumal dieser dann für ein paar Monate Richtung USA verreiste. Dann aber kam die neue Mitteilung: Patrik Müller ist Chefredaktor von CH Media, und er ist dem «Leiter Publizistik» Pascal Hollenstein unterstellt. Ok, es gibt jetzt also einen Chefredaktor und einen «Leiter Publizistik». Hauptsache, beide Seiten haben einen Leithammel.

Nun ist aber klar: Der «Leiter Publizistik» ist nicht nur der administrative Chef des Chefredaktors, er greift auch selber in die Tasten. Und wie! An diesem Samstag, in der «Schweiz am Wochenende», auf besonders erhellende Art: «Der Westen, diese weinerliche Memme», so, wie erwähnt, die Headline über seinem Leitartikel.

Hollenstein erklärt darin seinen Leserinnen und Lesern, dass das Verhalten der Schweiz und der europäischen Länder gegenüber Russland das einer «weinerlichen Memme» sei. Der einzige, der die Situation verstanden habe, sei US-Präsident Donald Trump, der nach den neusten «Aggressionen» Russlands per Twitter ein geplantes Treffen mit Putin abgesagt habe. «Es wäre Zeit, dass Europa und auch Bern von Trump lernen würden», so Hollenstein wörtlich.

Die Wortwahl verrät den Schreiber

Mit Verlaub, schon das Wort «Memme» verrät, wes Geistes Kind Hollenstein ist. Er hätte ja zum Beispiel auch «Feigling» schreiben können. Aber nein, es musste eine – schwache! – Frau sein. Das Wort «Memme» entstand etymologisch aus Mamme, die Mutterbrust, und das Wort wird entsprechend gebraucht für ein «schwächliches Weib» – im Gegensatz zu einem «starken Mann». Starke Männer brauchen wir!

Aber erst recht erschreckt der Text inhaltlich: Das Wort Waffengewalt kommt im Text zwar nirgends vor, aber was ist dann die Verweigerung eines Treffens, wenn Aufrufe und Vermittlungsversuche nur als Politik «weinerlicher Memmen» bezeichnet wird?

Wer sich die Mühe genommen hat, den Clash Russland/Ukraine im Schwarzen Meer (er fand ja nicht im Asowschen Meer statt, sondern in einem nach internationalem Seerecht schon vor der «Annexion» der Krim zu Russland gehörenden Teil des Schwarzen Meeres) etwas genauer anzuschauen und neben den Anschuldigungen der Ukraine gegen Russland auch andere Informationsquellen zu studieren, der weiss, dass die Geschichte so einseitig wie von der Ukraine geschildert überhaupt nicht ist. Aber warum soll das einen NZZ-Mann und jetzt CH Media-«Leiter-Publizistik» interessieren? Hauptsache, wir haben endlich wieder die Chance auf einen Krieg! Und vor allem, die USA bleiben das Machtzentrum der Welt!

Am 1. Oktober 2018, dem Start des Medienverbundes CH Media, schrieb Pascal Hollenstein: «‹Journalismus, der orientiert. Unterhaltung, die bewegt. Medien, die verbinden.› Diese drei Leitsätze umschreiben die Mission von CH Media. Für uns Journalisten heisst das: Wir wollen online und gedruckt die beste Zeitung für Sie machen und diese stets weiterentwickeln. Wir wollen Ihnen, liebe Leserin, lieber Leser, als unverzichtbarer Begleiter durch den Informationsalltag dienen. Und wir wollen die wichtige Rolle als unabhängige Stimme in der Demokratie wahrnehmen.»

Haben wir richtig gelesen? «Unabhängige Stimme in der Demokratie?» Aber klar: «Unabhängig» ist der, der die Meinung der USA und der NATO weiterverbreitet. «Unabhängig» ist der, der es gut findet, dass die USA ausserhalb ihres eigenen Landes weltweit über 700 Militärbasen betreibt. Und «Unabhängig» ist der, der es gut findet, dass die Ukraine – in enger Zusammenarbeit mit der NATO – auch im Asowschen Meer eine Militärbasis aufzubauen begonnen hat.

Aus wirtschaftlicher Notwendigkeit wird politischer Eintopf

Dass sich die deutschschweizerischen Regionalmedien aus wirtschaftlichen Gründen zusammengeschlossen haben, kann nachvollzogen werden. Dass bereits ein Personalabbau von 200 Stellen angekündigt wurde, war insofern keine Überraschung. Jetzt aber wird deutlich, was der dadurch entstandene journalistische Einheitsbrei bedeutet: Hier das Schweizer Leitblatt NZZ mit Eric Guyer als Chefredaktor, einem heissen Verehrer der auf militärischer Stärke basierenden US-amerikanischen Hegemonie. Und jetzt CH Media von Solothurn bis St. Gallen mit Pascal Hollenstein als «Leiter Publizistik», der den Westen als «weinerliche Memme» bezeichnet – mit der löblichen Ausnahme des twitternden US-Präsidenten. Von ihm haben wir noch zu lernen.

Noch vor fünf Jahren hätte man es nicht für möglich gehalten.

  • Zum Text von Pascal Hollenstein, der en détail verrät, wie politisch und sachlich einseitig dieser «Leiter Publizistik» informiert ist: Was von den USA und von der Ukraine kommt, ist «Information», was von Russland kommt, ist «Propaganda». Hier anklicken, wenn man sich eine schlaflose Nacht einhandeln will.

  • Zum Hintergrund der US-amerikanischen Politik gegen Russland, und warum die USA wussten, was sie mit der Osterweiterung der NATO gegen Russland erreichen werden, hier anklicken. Einfach damit niemand sagen kann: «Hätten wir es gewusst, wir hätten …» Man hat es gewusst und man wollte es so!

Themenbezogene Interessen (-bindung) der Autorin/des Autors

Keine.

Weiterführende Informationen

1997 - 2007 - 2017: 20 Jahre Fehlpolitik der USA (auf Infosperber)

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7 Meinungen

Da schiesst der Schreiberling jahrelang gegen die «Blocher-BaZ». Kaum wurde die von Tamedia geschluckt beklagt er den «journalistischen Einheitsbrei».
Tim Meier, am 03. Dezember 2018 um 23:09 Uhr
Ich bin dem «Schlaflosigkeits»-Link gefolgt und hab dort einen Kurzkommentar betr. Einseitigkeit der Information hinterlassen, der nun hoffentlich dem «publizistischen Leiter» ein wenig den Schlaf raubt ;-)
Billo Heinzpeter Studer, am 04. Dezember 2018 um 12:15 Uhr
Ich habe diesen Text auch gelesen und mich am Schluss gefragt, was das soll. Denn die Konklusion aus dem Ganzen fehlt einfach. Weil er sich dann doch nicht getraut hat, die Nato aufzufordern, mit Waffengewalt einzuschreiten. Eine andere Schlussfolgerung lässt sein Text nämlich nicht zu.
Ueli Custer, am 04. Dezember 2018 um 16:49 Uhr
So gerne ich in der Vergangenheit das gedruckte Wort (aller Tendenzen) gerne gelesen (und zudem gesammelt) habe, denke ich, dass die in diesem Beitrag geschilderte Entwicklung eine Zeit einläutet, in der gedruckte Massenware nur noch der Propaganda dient und mit Demokratie gar nichts mehr zu tun haben wird.
Hanspeter Gysin, am 04. Dezember 2018 um 17:48 Uhr
Ich glaubte immer an die Pressefreiheit, doch offensichtlich ist diese manipuliert, kontrolliert und von Interessengruppen finanziert.
Da lobe ich mir doch den freien offenen Infosperber Journalismus , wo ich, mit meiner Spende, die wahrenpolitischen,Hintergründe erfahre. Vielen Dank machen sie weiter so, ich werde sie weiterhin empfehlen.
Bruno Denger, am 05. Dezember 2018 um 13:21 Uhr
Einfach so, Christian, eine Frage. Warum darf die Ukraine in Mariupol KEINE Basis errichten? Dürfen die Kubaner immer noch keine Basis in Kuba errichten, weil zu nahe am böFeind?
Dan Ogg, am 05. Dezember 2018 um 14:37 Uhr
Bravo, Christian Müller! Demokratie ist ein Prozess, kein Zustand, und zurzeit läuft der Prozess rückwärts. Für die plutokratischen Eliten, die in ihrer Arroganz zu wissen meinen, was für das dumme Volk am besten ist, wäre nämlich eine echte Demokratie der Anfang vom Ende ihrer Herrschaft. Für sie ist Trump ja nur eine vorgeschobene Schachfigur, die jederzeit geopfert werden kann, sobald sich ein besserer Zug abzeichnet – oder er seine Schuldigkeit getan hat. Erst wenn in jeder Gemeinde ein demokratisches Forum für die Stimmen der Wählenden etabliert wurde wird dieser Spuk aufhören.
Michel Mortier, am 05. Dezember 2018 um 15:35 Uhr

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