kontertext: Wie Mediensorgfalt unter Druck gerät

Alfred Schlienger © as
Alfred Schlienger / 23. Okt 2018 - Eine Fachtagung schaut genau hin, woran es im Schweizer Mediensystem hapert. Und kein Medium scheint das zu interessieren.

Vom Medienwandel reden alle. Woran es oft fehlt, sind verlässliche Daten. Eine Möglichkeit, sich damit vertieft auseinanderzusetzen, bot die Tagung «Mediensorgfalt unter Druck», die in diesem Herbst von Fairmedia – Verein für fairen Journalismus, der Anlaufstelle für Betroffene von medialen Überschreitungen, in Basel organisiert wurde. Das Auditorium der Juristischen Fakultät war gut gefüllt, auch mit einigen Journalisten – aber kein einziges Medium hat anschliessend über die hochkarätig besetzte Veranstaltung berichtet. Selbstreflexion, wie sie gerade in solchen Umbruch- und Krisenzeiten wichtig wäre, findet in den Medien kaum mehr Platz und Widerhall.

Fakten, die zu denken geben

Professor Mark Eisenegger (Uni Zürich, Leiter des Forschungsinstituts Öffentlichkeit und Gesellschaft fög) verbreitet in seinem Eröffnungsreferat zum «Mediensystem Schweiz – Aktuelle Trends und Herausforderungen» keinen Alarmismus, sondern nüchterne Fakten, die aber durchaus zu denken geben. Hier eine Auswahl davon:

  • Die digitale Newsnutzung nimmt rasant zu, am deutlichsten bei der jungen Generation: 73% der 18- bis 24-Jährigen nutzen News hauptsächlich digital.
  • Es entsteht eine sog. «Longtail»-Öffentlichkeit, «vorne» mit professionellen Newssites und «hinten» mit neuen digitalen Newsangeboten, die zum Teil völlig kruden Verschwörungstheorien huldigen. Der digitale Strukturwandel fördert «hinten» einen wahren Wildwuchs von Plattformen. Auch wenn deren Reichweite in der Schweiz noch relativ bescheiden ist, sei die Stärkung professioneller Informationsmedien dringend und unverzichtbar, betont Eisenegger.
  • Das Vertrauen in die Schweizer Informationsmedien ist im internationalen Vergleich (noch) relativ gut. Hinter Holland und Dänemark belegt die Schweiz (gemeinsam mit Belgien) den 3. Platz, mit 3,4 von 4 möglichen Punkten.
  • Innerhalb der Schweiz wird die Medienqualität (noch) grösstenteils als relativ hoch eingeschätzt: in der Deutschschweiz und der Romandie mit je 6,0, in der italienischen Schweiz mit 6,4 von 10 Qualitätspunkten.

Wo hapert’s am meisten?

Als die wichtigsten Problemfelder im Schweizer Mediensystem identifiziert Eisenegger fünf Bereiche: a) die Abwanderung der Einnahmen aus dem Onlinewerbemarkt zu den grossen Online-Playern, b) die mangelnde Zahlungsbereitschaft der Nutzer für Onlinenews, c) die stark zunehmende Abwendung vom Informationsjournalismus, d) die personelle Umschichtung bei den medial Schreibenden und e) die extrem hohe Konzentration im Schweizer Medienmarkt:

  • 2,1 Milliarden Franken beträgt das Total der Onlinewerbeeinnahmen; mehr als 1,6 Milliarden Franken davon wandern zu Google und Facebook ab.
  • Nur 12% der Nutzer geben an, im vergangenen Jahr für Onlinenews bezahlt zu haben.
  • Immer mehr Nutzer wenden sich ganz vom Informationsjournalismus ab; waren es 2009 noch 21%, sind es 2018 bereits 36%, unter den 16- bis 29-Jährigen gar eine Mehrheit von 53%.
  • Der Medienmarkt zeigt zwischen 2011 und 2015 eine personelle Umschichtung: Der Journalismus schrumpft (- 13%), die PR wächst (+ 8%).
  • Die hohe Konzentration im Schweizer Medienmarkt nimmt weiter zu: Die jeweiligen Top 3 decken in der Deutschschweiz (mit Tamedia, Ringier, NZZ-Mediengruppe) 82% ab, in der Romandie 90%, in der italienischen Schweiz 61%.
  • Zentralredaktionen wirken sich negativ auf die Vielfalt aus und sie hebeln auch den publizistischen Wettbewerb aus; und wo dieser Wettbewerb zum Erliegen kommt, passieren auch mehr Fehler, betont Eisenegger.

«Politisierung» senkt Qualität

Zusammenfassend lässt sich, so Eisenegger, feststellen, dass die Medienqualität in der Schweiz langfristig sinkt, vor allem bezüglich Vielfalt und Einordnungsleistung. Insbesondere bei Regionalzeitungen führt der Spardruck zur Qualitätsminderung. Wie eine einseitige «Politisierung» eines Blattes die Qualität in allen vier beobachteten Kriterien – Relevanz, Vielfalt, Einordnung, Professionalität – massiv belastet, zeigt Eisenegger in einer eindrücklichen Grafik am Beispiel von Blochers Basler Zeitung unter Chefredaktor Markus Somm.

Mehr und mutigere Medienförderung notwendig

In seinem Fazit betont der Medienprofessor aber auch, dass viele Journalistinnen und Journalisten unter zunehmend erschwerten Bedingungen gute Arbeit leisten. Die Medienqualität komme aber gleich mehrfach unter Druck, einerseits durch den digitalen Strukturwandel, andrerseits als Folge verlegerischer Strategien wie z.B. der fehlenden Querfinanzierung von Qualitätsjournalismus durch ertragreiche Geschäftszweige, und nicht zuletzt durch eine falsch verstandene «Politisierung», die keinen ergebnisoffenen Journalismus betreibe und einen unfairen Umgang pflege. Eiseneggers Ceterum Censeo: «Es braucht mehr und mutigere Medienförderung!» (Die detaillierten Angaben und Folien zum Eisenegger-Referat können hier eingesehen werden.)

Nach der Theorie die Praxis

Wie dramatisch sich die Arbeitsbedingungen von Journalistinnen und Journalisten in den letzten Jahren verschlechtert haben, schildert an der Fairmedia-Tagung in einem anschaulichen Referat Brigitte Hürlimann, promovierte Gerichtsreporterin und langjährige NZZ-Redaktorin. Sie war im letzten November, nachdem sie bereits selber bei der NZZ gekündigt hatte, wegen Aussagen, die sie als Präsidentin der NZZ-Personalkommission zum schlechten Betriebsklima gemacht hatte, zuerst mit Schreibverbot belegt und schliesslich freigestellt worden. Ein offensichtlicher Verstoss gegen das Recht auf freie Meinungsäusserung.

Shoot first – check later

Die Tendenzen, die Brigitte Hürlimann in ihrem Beitrag aufzeigt, weisen aber klar über den persönlichen Konfliktfall hinaus. Hier eine Auswahl ihrer wichtigen Aussagen aus der Praxis der Gerichtsberichterstattung:

  • Auch die NZZ sei längst ein digitales Medium und funktioniere nach diesen Gesetzen. Wichtiger als der seriöse Artikel für den Print sei oft der Schnellschuss für die Online-Ausgabe. Typische Frage: In wie vielen Minuten kannst du einen Artikel online stellen – auch wenn’s dabei um einen 50-seitigen Justizbericht gehe, den man eigentlich zuerst genau lesen müsste.
  • Dieses absurde Geschwindigkeitsdenken habe vielfache Folgen: Schnelligkeit werde wichtiger als Fachkompetenz; Jungschützen, die bereit sind, auch aus der Hüfte zu schiessen, würden von den Chefs gefördert; Zuspitzung werde gefragter als seriöse Analyse.
  • Immer öfter würden von verschiedenen Medien Volontäre ohne spezifische Fachkenntnisse ans Gericht geschickt.
  • Am Beispiel des Falls «Carlos» lasse sich etwa zeigen, wie durch ein Schreiben «frisch von der Leber weg» und unbeleckt von jeglichen Kenntnissen des Jugendstrafrechts ein reiner Empörungsjournalismus bedient werde.
  • Als neue Usanz hätten verschiedene Redaktionsleitungen gefordert, dass die Urteilssprüche schon während der Urteilseröffnung per SMS direkt aus dem Gerichtssaal an die Redaktionen geschickt werden, um nur ja die Schnellsten zu sein, die das Urteil online stellen können.
  • Um diesen Unsinn abzustellen, hätten sich die Gerichtsberichterstatter untereinander abgesprochen: Es gibt jetzt kein Vorpreschen mehr, man hält eine Frist ein mit dem Ziel, eine qualitativ hochstehende Berichterstattung gewährleisten zu können. Solche Absprachen kämen aber nur von unten zustande, von den Journalisten selbst, und müssten gegen die Chefs oben verteidigt werden.

Artikel frisieren für die Suchmaschinen

Im anschliessenden Podium unter der Leitung von Peter Bertschi (ehem. stellvertretender Chefredaktor Radio SRF) profiliert sich Andreas Dietrich (Chefredaktor Blick) genüsslich als Zyniker vom Dienst: «Wir sind schon viel weiter», meint er lächelnd zum Thema Schnelligkeitswahn, «bei uns heisst es: Wann hast du das Video zum Artikel und wann ist es untertitelt?» Obwohl er diese Entwicklung auch nicht gut finde, sei er gegen das «Gejammer». Die Ergebnisse seien ja nicht so schlecht. Man müsse auch damit leben, dass alle Artikel immer mehr für die Suchmaschinen frisiert würden, um mehr Klicks zu generieren. «Heute macht man’s halt so», lautet sein Fazit.

Deutlich skeptischer äussert sich Nora Camenisch-Ehinger, ehemalige Journalistin bei 20minuten und jetzt, quasi mit einem Seitenwechsel zurück an die Uni, Doktorandin zum Thema Sorgfaltspflicht im Journalismus. Sie betont auch das wichtige Anrecht auf Ausbildung der Praktikanten, das oft vernachlässigt werde.

Einig ist man sich dann wieder bezüglich Faktencheck und internem Qualitätsmanagement in Form von ernsthaften Blattkritiken.

Blocher-Zeitung einmal mehr gerügt vom Presserat

Und dort, wo diese Blattkritik nicht existiert? Wo Diffamierung und Verdrehung gar System hat? Dort muss sie eben von aussen kommen, von den Betroffenen und generell aus der Zivilgesellschaft, der Fairmedia ihr Knowhow zur Verfügung stellt, zum Beispiel auch für Einsprachen beim Presserat. Jüngstes Beispiel: Die erfolgreiche Beschwerde, die Fairmedia in der «Causa Schutzbach» gegen den stürmischen Jungtürken der Basler Zeitung, Serkan Abrecht, eingelegt hat. Die Lektüre des Presserat-Urteils lohnt sich gleich mehrfach:

  • Es zeigt einmal mehr, wie fies und hinterhältig die kampagnenartigen Wahrheitsverdrehungen dieser jungen, meist wenig ausgebildeten Kampfhunde aus der Somm-Crew funktionieren.
  • Es zeigt aber auch, wie aufwändig, präzis und nüchtern der Presserat in diesen Fällen arbeitet.
  • Und es zeigt nicht zuletzt, wie schrecklich hilflos die Rechtfertigungsversuche des BaZ-Journalisten ausfallen. Früher hat jeweils der BaZ-Anwalt Martin Wagner diese «Aufräumarbeiten» nach geschlagener Schlammschlacht übernommen. Jetzt müssen die Jungspunde offenbar selber ran – und erweisen sich dabei, sowohl sprachlich wie gedanklich, als heillos überfordert.

Aber klar, ein wirklicher Trost für die vorgängige journalistische Entgleisung ist auch das nicht.

Themenbezogene Interessen (-bindung) der Autorin/des Autors

Alfred Schlienger, Theater- und Filmkritiker, u.a. für die NZZ; ehem. Prof. für Literatur, Philosophie und Medien an der Pädagogischen Hochschule; Mitbegründer der Bürgerplattform RettetBasel!; lebt in Basel.

  • Unter «kontertext» schreibt eine externe Gruppe Autorinnen und Autoren über Medien und Politik. Sie greift Beiträge aus Medien auf und widerspricht aus politischen, journalistischen, inhaltlichen oder sprachlichen Gründen. Zur Gruppe gehören u.a. Bernhard Bonjour, Rudolf Bussmann (Redaktion und Koordination), Silvia Henke, Anna Joss, Mathias Knauer, Guy Krneta, Johanna Lier, Alfred Schlienger, Felix Schneider, Linda Stibler, Ariane Tanner, Heini Vogler, Rudolf Walther.

Weiterführende Informationen

DOSSIER: «kontertext: Alle Beiträge»
«Mediensystem Schweiz»: Referat von Prof. Mark Eisenegger

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2 Meinungen

Ich bin ein Zeitungsleser. Hatte in den 80er-90er Jahren die WW (bis nach dem Formatwechsel und rechtzeitig vor Köppel), den TA in den 80ern/90ern, SoZ, dann viele Jahre den Bund (bis zur «Fusion» mit der BZ, fast 15 Jahre die NZZ (bis Guyer, dann ging es einfach nicht mehr) + NZZaS und heute auch keine Tageszeitung mehr, dafür nun die WoZ im Abo und nicht mehr nur gelegentlich am Kiosk und online den Infosperber (mit Spende). Daneben las ich sehr viel (heute weniger) den Spiegel, kaufe ab und zu die Zeit, lese online seit Trump die oft NYT und die WP (nun nicht mehr, das Paywall) und andere online Quellen (Newsnetz).
Was oben im Artikel steht, kann ich in der Konsequenz 1:1 unterschreiben und danke für die Beleuchtung der Hintergründe.
Die Antwort zum Artikel gebe ich indirekt und beziehe mich auf die Aussagen von A. Dietrich: «Die Ergebnisse seien ja nicht so schlecht.» und «Heute macht man’s halt so»: Die Ergebnisse sind für mich nicht mehr gut genug und reagierte «halt so» mit dem Deabonnieren all dieser Blätter, die aus all den oben genannten Gründen mich einerseits langweilen und anderseits ärgern. Und so wie ich machen es viele. DAS kann ja wohl nicht das Ziel des Journalismus sein.
Jan Holler, am 23. Oktober 2018 um 22:06 Uhr
Wichtige Ergänzungen zu den Fragen, wie wir Medien konsumieren, was die ökonomischen Ursachen für die Medienkrise sind und wie sich Medien ausrichten müssen, wenn sie überleben wollen:

[Der Artikel ist auf Englisch, lang, aber höchst relevant, nützlich und interessant (in Bezug auf die obigen Fragen).]

https://baekdal.com/trends/why-dont-print-readers-show-up-in-digital/06A336E4A50F48288BF8D6C1BCF492902FDC2EA95E5E57C8B67FC0313F7D96EE#%3Chttps://baekdal.com/trends/why-dont-print-readers-show-up-in-digital/06A336E4A50F48288BF8D6C1BCF492902FDC2EA95E5E57C8B67FC0313F7D96EE%3E
Michael Schwyzer, am 25. Oktober 2018 um 11:15 Uhr

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