Verkehrte Welt: Hoffnung - das war für die US-Medien Barack Obama. Edward Snowden verachten sie. © castigated_fish/flickr/cc

Verkehrte Welt: Hoffnung - das war für die US-Medien Barack Obama. Edward Snowden verachten sie.

Das Versagen der US-Medien im Fall Snowden

Roman Berger / 24. Jul 2013 - In den USA kriminalisieren Leitmedien Whistleblower Edward Snowden. Sie verleugnen damit eine grosse Tradition des US-Journalismus.

Es ist beispiellos und beunruhigend. Der amerikanische Journalist Glenn Greenwald, der Dokumente, die ihm Snowden übergeben hat, im britischen «Guardian» publiziert, erklärt per Videoschaltung aus Rio de Janeiro auf die Frage deutscher Journalisten im ARD-Talk «Beckmann», ob er ernsthaft davon ausgehe, dass er auf offener Strasse erschossen werden könnte: Ja, er werde kriminalisiert und fühle sich von seiner eigenen Regierung bedroht.

Snowden hat mit seinen Enthüllungen aufdeckt, dass wir zwanzig Jahre nach dem Ende des Kalten Krieges von westlichen Geheimdiensten flächendeckend ausspioniert werden. Dabei hat die Überwachung eine ganz neue Dimension erreicht: Die Nachrichtendienste arbeiten eng mit der Wirtschaft zusammen. Den Grossteil ihrer Informationen saugen die Geheimdienste von Internetkonzernen wie Facebook, Google oder Microsoft ab.

«Komplizen des Terrorismus»

Edward Snowden und Glenn Greenwald wird vorgeworfen, sie seien Komplizen des Terrorismus und betrieben «partisan Journalism». Snowdens Leaks, so ein Leitartikel in der «Washington Post», schadeten «dem Kampf gegen den Terrorismus» und «legitimen Geheimdienstoperationen». David Brooks von der «New York Times» bezichtigte Snowden, «Ehrlichkeit und Integrität verraten» zu haben. Und für Jeffrey Toobin («New Yorker») ist Snowden ein «Narziss, der ins Gefängnis gehört».

Meinungen und Texte, die vom Weissen Haus hätten geschrieben sein können, erscheinen heute in amerikanischen Medien, die in den 70-er-Jahren weltweit bewunderte Vorkämpfer des Enthüllungsjournalismus waren. Engagierte Journalisten und Verleger waren damals mutig genug, die politische Macht herauszufordern und sorgten dafür, dass in den USA «Check and Balances» doch noch funktionierten. Der Rücktritt Präsident Nixons, das Ende des Vietnam-Krieges waren Sternstunden des «partisan Journalism» und der Demokratie. Das mussten damals auch Amerika-Kritiker anerkennen.

Heute versuchen prominente US-Journalisten, Snowden und Greenwald zu diskreditieren. Sie üben Kritik an den Enthüllern, nicht an den Enthüllungen und unterschlagen damit die wichtige Rolle des «partisan Journalism» in der Geschichte der USA. Zum Beispiel: Der Journalist Thomas Paine rief mit seiner Streitschrift «Common Sense» zum Widerstand gegen die Tyrannei der britischen Kolonisatoren auf. Amerikanischer Journalismus begann mit einer Rebellion gegen den Staat.

Jefferson: Sicherheit nur dank freier Presse

Zu den Verfassern der Unabhängigkeitserklärung gehörte 1776 Thomas Jefferson. Er sorgte dafür, dass Zeitungen und Zeitschriften im ganzen Land verbreitet wurden, weil er überzeugt war, dass «die Presse die einzige Alarmglocke der Nation» sei und nur «eine freie Presse Sicherheit garantiert». Was würde Jefferson heute über den Zustand seines Landes sagen, in dem die nationale Sicherheit zur Staatsreligion erklärt wurde, der auch verfassungsrechtlich garantierte Bürgerfreiheiten geopfert werden?

«Partisan Journalism» kämpfte für die Abschaffung der Sklaverei. Die «Muckraker» (Schmutzaufwirbler) deckten soziale Missstände und Korruption im frühkapitalistischen Amerika auf. In den von Joseph Pulitzer verlegten Zeitungen kamen kritische Journalisten wie Upton Sinclair zu Worte. Und Zeitschriften wie «Harpers», «Atlantic» oder «Cosmopolitan» hatten mitgeholfen, die politische Basis für die Reformen des New Deal zu schaffen, der Amerika half, die Wirtschaftskrise zu überwinden und einen organisierten Kapitalismus zu schaffen.

Fehlende Distanz zur Macht

Als 2008 mit der Bankenkrise der Kapitalismus erneut ausser Kontrolle geriet, hatte das Frühwarnsystem eines kritischen Journalismus versagt. Für den bekannten Experten der US-Medienszene, Ben Bagdikian, war das keine Überraschung: «Amerikas Leitmedien haben noch weniger Distanz zu Wall Street als früher. Sie sind unter der Kontrolle jener Interessen, die sie kontrollieren sollten.»

Den Vorwurf fehlender Distanz müssen sich heute die amerikanischen Medien im Fall Snowden erneut gefallen lassen. Janine Gibson, Amerika-Chefin des «Guardian», warf der amerikanischen Konkurrenz vor, bei Fragen der nationalen Sicherheit an einem «generellen Mangel an Skepsis» zu leiden. Kritisches Hinterfragen gelte seit 9/11 als «unpatriotisch».

Carter: «keine funktionierende Demokratie»

Klartext wagt Ex-Präsident Jimmy Carter (1977–81) zu sprechen. Er nimmt Snowden in Schutz, seine Aussagen seien «langfristig nützlich, da sie die Öffentlichkeit informieren». Carter behauptet: «Amerika hat derzeit keine funktionierende Demokratie.» Eine bemerkenswerte Feststellung eines ehemaligen US-Präsidenten, die aber in den USA kaum zur Kenntnis genommen worden ist.

Und wie reagieren die europäischen Regierungen? Die Bürger müssten eben selber für ihre Sicherheit sorgen und ihre Daten verschlüsseln, empfiehlt der deutsche Innenminister Hans-Peter Friedrich nach einem Besuch in Washington. Solch hilflose Ratschläge bestätigen nur, dass wir uns in einer Systemkrise befinden, die weit über den fehlenden Schutz der Privatsphäre und das Szenario einer totalen Überwachung hinausgeht. Wahrscheinlich braucht es eine neue Occupy-Bewegung - und dies nicht nur in den USA. Eine lethargische Öffentlichkeit muss aufgeklärt werden, dass der Angriff aus der virtuellen Welt sehr wohl etwas mit unserer Realität zu tun hat.

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Siehe auch:

Artikel «Obama gegen die Pressefreiheit»

Themenbezogene Interessen (-bindung) der Autorin/des Autors

Roman Berger war 1976-1982 Washington-Korrespondent des «Tages-Anzeigers».

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