"Die Roma kommen: Raubzüge in die Schweiz." Weltwoche-Titelbild mit CARITAS-Kind © -
Die alte Roma-Siedlung von Gjakova, neben einer Mülldeponie © CARITAS Schweiz
Das Roma-Flüchtlingscamp auf der Bleideponie: Mitrovica (Kosovo) © nn
Folgen der Bleivergiftung. Ein Roma-Kind aus dem Flüchtlingscamp von Mitrovica (Kosovo)
Sulukule, Istanbul: 1000 Jahre Roma-Kultur - zerstört
Vertrieben aus Sulukule - Roma in Istanbul

Das Roma-Kind gehört zu einem CARITAS-Projekt

Robert Ruoff / 14. Apr 2012 - Das von der «Weltwoche» missbrauchte Foto «Roma-Kind mit Pistole» zeigt ein Kind, das von der CARITAS Schweiz betreut wird.

Herr K. ist der verantwortliche Eigentümer und Chefredaktor der Zeitung mit dem Titelfoto «Das Roma-Kind mit der Pistole». Er hatte eine Woche Zeit. Er hätte die Fehlleistung seiner Redaktion eingestehen und sie korrigieren können. Er hätte sich sogar entschuldigen können. Bei den Leserinnen und Lesern. Vor allem aber bei den Roma. In Ost-Europa und in der Schweiz. Er hat es nicht getan.

Die «Weltwoche» hält auch eine Woche nach der Publikation an ihrer Lesart fest: «Der kleine Junge mit der Spielzeugpistole symbolisiert den Umstand, dass Roma-Banden Kinder systematisch für kriminelle Zwecke einsetzen und missbrauchen», schreibt Philipp Gut, der Stellvertreter von Herrn K., in der Ausgabe vom 12. April.

Schutzbehauptung und Geschichtsfälschung

Das ist nichts als eine üble Schutzbehauptung. Schutzbehauptung, weil das Blatt ausführlich über Roma-Kriminalität und ihre Organisation berichtet, aber mit keinem Wort des Bedauerns oder Mitgefühls über die konkrete Situation der Roma in Osteuropa. Übel, weil die Bildlegende die Wirklichkeit in ihr Gegenteil verdreht. «Die Roma kommen» – das signalisiert Bedrohung, Angriff. Und das Kind mit der auf die Leser gerichteten Pistole ist Teil des Angriffs. In Wirklichkeit ist, oder besser: war genau dieses Kind selber bedroht – und die «Weltwoche»-Redaktion hätte das mit einem Minimum an Recherche wissen und zeigen können. Sie hat aber das Opfer zum Täter gemacht.

Mehr noch: sie hat Geschichtsfälschung betrieben. Nichts spricht dafür, dass das Kind mit der Pistole irgendwann in Westeuropa oder in der Schweiz auf Diebestour gehen wird. Im Gegenteil: Es geht in seiner Heimat Kosovo einer besseren Zukunft entgegen. Es ist dort sehr gut aufgehoben im Rahmen eines Projekts von CARITAS Schweiz. Das bestätigt der Projektverantwortliche der CARITAS.

Das Kind mit der Pistole: im CARITAS-Projekt

Das Roma-Kind spielt 2008 noch auf einer Mülldeponie der Stadt Gjakova im Südwesten des Kosovo. Der italienische Fotograf Livio Mancini hat es dort 2008 fotografiert, neben einer Siedlung von sesshaften Roma, die seit rund 50 Jahren besteht und laufend wächst. An genau diesem Ort hat CARITAS Schweiz 2009, also ein Jahr nach der Fotografie, ein Projekt begonnen, das die Lebensverhältnisse grundlegend verbessert. Zuerst mit einem Kindergarten für die Kinder der 700 Romas, die dort leben. Und danach, seit 2010, mit dem Aufbau einer Siedlung in einer gesunden Umgebung. In Zusammenarbeit mit den kosovarischen Behörden. Und mit Unterstützung der Direktion für Entwicklung und Zusammenarbeit DEZA, des Bundesamts für Migration BFM und der Regierung des Fürstentums Liechtenstein.

Die Gemeinde Gjakova hat für das Projekt die Parzelle zur Verfügung gestellt. Das Ministerium für Minderheiten und Rückkehrer und das Amt des Ministerpräsidenten unterstützen den Bau der Siedlung. Die CARITAS Schweiz nimmt das Geld in die Hand für die Errichtung der 120 Häuser für kleine und grosse Familien. Und sie unterstützt die soziale, wirtschaftliche und kulturelle Integration der Roma in die mehrheitlich albanische kosovarische Gesellschaft. Denn die Ausgrenzung und Diskriminierung der Roma ist im Kosovo selbstverständlich ein Thema – wie umgekehrt die manchmal begrenzte Bereitschaft der Roma, sich in diese Gesellschaft einzupassen. «Vor allem aber», erklärt Gerhard Meili, der Projektverantwortliche der CARITAS, «sind die Roma auch im Kosovo die ärmste Schicht der Bevölkerung. Und das ist dort genau so wie in der Schweiz ein Hindernis der Integration. Für Kinder und Erwachsene.»

Hilfe statt Verfolgung

Aber weil den Roma dort aus Not und Armut geholfen wird, fällt ihnen nicht im Entferntesten ein, in die Schweiz zu reisen, um zu betteln oder in unbewachte Häuser halbwegs wohlhabender Schweizer einzubrechen. Einige von ihnen sind nämlich mittlerweile in einem Recycling-Projekt auf der Mülldeponie beschäftigt. Unter kontrollierten Gesundheits-Bedingungen. Und ihre Kinder gehen in den Roma-Kindergarten und danach in die gemischte staatliche Schule. Und geniessen die Verbesserung ihrer Lebensbedingungen: 29 Häuser wurden im letzten Jahr fertig gestellt, 35 Häuser sollen es in diesem Jahr sein, und bis Ende 2013 sollen die geplanten 120 Wohneinheiten für die 700 Menschen allesamt bereit stehen.

CARITAS Schweiz, so Gerhard Meili, hat ein Auge darauf, dass die Kinder sich nicht mehr auf der Müllhalde herumtreiben und dass sie wirklich in den Kindergarten und die Schule gehen. Und sie sorgt dafür, dass nicht Neuzuzüger von dem Siedlungs-Projekt profitieren sondern die Roma, die sich in den letzten 5o Jahren dort angesiedelt haben.

«Weltwoche»: Dumm oder abgefeimt ?

Wie man zu diesen Informationen kommt? Indem man ausgeht von den Angaben zu dem Pressebild, das die «Weltwoche» mit allen dazu gehörigen Daten hat. Und dann zum Beispiel in Google eingibt: «Gjakova+Roma». Der Rest ist: Lesen, telefonieren, nachfragen. - Es ist eine Recherche-Übung für journalistische Anfänger. Und eine unsägliche Peinlichkeit für eine Redaktion, die so selbstgerecht und arrogant daher kommt wie die «Weltwoche».

Aber vielleicht ist die Haltung der «Weltwoche» nicht nur dumm und unwissend. Vielleicht ist sie auch abgefeimt. Auf jeden Fall ist sie uninteressiert. Denn erfolgreiche Aufbauprojekte passen nicht ins Weltbild des Kampfblatts und ihrer Auftraggeber. Nach ihrem politischen Weltverständnis muss Entwicklungszusammenarbeit zwangsläufig scheitern.

«Weltwoche»: Das manipulierte Weltbild

In das «Weltwoche»-Weltbild passt hingegen das Foto mit dem Roma-Kind mit Pistole. Es ist ein willkommener Aufreger für eine Geschichte, die nur dem innenpolitischen Zweck dient, wieder einmal die Schengen-Politik der Schweiz anzuprangern und nebenbei die Angst vor einem fremdartigen Volk zu schüren, das schon immer schlimme Ängste und Phantasien bei den sesshaften Schweizern auslöste. «Die Weltwoche spielt somit gezielt mit einem uralten Stigma, das Roma, Sinti und Jenische auch heute noch bedroht», schreibt das FIMM Schweiz, das Schweizer Forum für die Integration der Migrantinnen und Migranten, das über 700 Organisationen in der Schweiz vertritt.

Und wenn die Proteste zu heftig werden, versteckt sich die «Weltwoche»-Redaktion hinter ihrer angeblichen Empörung über die Ausbeutung von Roma-Kindern und Frauen zu kriminellen Zwecken. In den ursprünglichen «Weltwoche»-Texten ist von dieser Empörung allerdings nichts zu finden. »Die Kinderausbeutung», so das FIMM, «bleibt also lediglich ein reisserischer Aufhänger und die Mission der Journalisten entpuppt sich selbst als Missbrauch.»

Missbrauch und Rassismus

So ist es. Die «Weltwoche» missbraucht Roma-Kinder und Frauen für ihre politischen Zwecke. Das wird spätestens da offenkundig, wo Herr K. nicht etwa schreiben lässt: «Roma kommen...» oder: «Roma-Gangster kommen...» sondern: «Die Roma kommen.» Das ganze Volk der Roma. Die grösste Minderheit Europas. Alle.

Nein, das Titelbild symbolisiert nicht, wie sie uns jetzt nachträglich weismachen wollen, «dass Roma-Banden Kinder systematisch für kriminelle Zwecke einsetzen und missbrauchen». Sondern es sagt uns zusammen mit dem Text, dass uns Gefahr droht vom gesamten Volk der Roma, weil es eben «die Roma sind», die da «Raubzüge in die Schweiz» unternehmen, und zwar nicht nur die gewaltbereiten erwachsenen Männer oder die diebischen und verführerischen Frauen sondern auch schon die Kinder mit ihren Spielzeugpistolen. Alle. Einfach weil sie Roma sind. Das ist für einen klar denkenden Menschen nach aller Logik der Sache und nach aller Logik der Sprache ganz einfach: rassistisch.

«Die Weltwoche»: Auftrags-Publizistik

Herr K. wäre nicht, was er ist, ohne die, die ihn mit ihrem Geld und ihrem Beziehungsnetz zu dem gemacht haben, was er ist. Herr Tettamanti zum Beispiel, der vor ein paar Monaten in einem Zeitungsinterview gesagt hat: «Die ‚Weltwoche’ tut schon, was sie tun muss.» (Zitat aus der Erinnerung)

Herr Blocher soll die «Weltwoche» kürzlich ebenfalls als «gute Zeitung» empfohlen haben.

Herrn Blochers Tochter Miriam sorgt von Zeit zu Zeit für einen Zustupf in die «Weltwoche»-Kasse, mit einem Inserat für ihr «Läckerli-Huus».

Dasselbe tun gelegentlich auch Magdalena Martullo-Blocher, die andere Tochter, mit einer Anzeige für die Ems-Chemie, Philipp Gaydoul für Navyboot, oder Banken, Fonds-Manager, Juweliere und andere Unternehmen mit einem zahlungsfähigen Publikum. Auch zeitgemässe Werbebeilagen für Luxusgüter oder Investmentfonds sind in die «Weltwoche» immer wieder eingeheftet und sichern dem Blatt die nötigen Mittel und dem Schriftleiter ein angemessenes Auskommen auch in Zeiten stagnierender Auflage und Reichweite. – Übrigens: Ein Recherchethema für ein Medium mit der nötigen Kapazität.

Sie alle, die Financiers, internationalen Unternehmer, Luxusproduzenten, Inserenten, tragen diese «Weltwoche», die «tut, was sie tun muss». Und so sind sie mitverantwortlich für unmissverständlichen Aussagen wie: «Die Roma kommen: Raubzüge in die Schweiz».

Das ist kein Einzelfall. Es ist ein Fall in einer Reihe von vielen Fällen. Und darum ist die Auseinandersetzung so wichtig. Und eigentlich überfällig.

Fremdenfeindlich – mit aller Konsequenz

Herr K. hat eine Geschichte.

Er pflegt die Ausländerfeindlichkeit mit Titelgeschichten wie «Schwarze in der Schweiz»(Weltwoche 46/2010).

Er fordert kurz nach dem Beginn des arabischen Frühlings: «Macht die Grenzen dicht», denn zu erwarten ist eine «drohende Flüchtlingswelle.» (Weltwoche 09/2011) Es ist eine Fortsetzungsgschichte: «Flüchtlinge: Exodus nach der Revolution» und: «Ausländer: Mieter raus, Afrikaner rein» und: «Die frechsten Ausländer der Schweiz.» Undsoweiterundsofort.

Zur Erweiterung der Personenfreizügigkeit ruft er «Willkommen im Schlaraffenland (...) 75 Millionen Menschen bekommen fortan die Chance, sich in der Schweiz niederzulassen und viel Geld zu kassieren, ohne zu arbeiten.» (Weltwoche 14/2011).

Im Vorfeld der Eidgenössischen Wahlen erinnert er kurz an die kriminellen Kosovaren: «Natürlich sind nicht alle in der Schweiz lebenden Kosovo-Albaner kriminell, aber eben doch eine beträchtliche Minderheit.» (Weltwoche 34/2011). Passend zu den Wahlkampfplakaten der SVP.

Bei Gelegenheit warnt er auch wieder vor der Gefahr des Islam und erinnert an die Werte des christlichen Abendlandes (wenn sie nicht zu viel Nächstenliebe verlangen).

Die rechten Freunde

Zur moralischen Aufrüstung preist er andererseits Rohstoffmultis wie Glencore und andere, für die sich der «Rohstoffhandel zu einer Goldgrube entwickelt» hat. Sie «verschieben... Rohstoffe über den ganzen Erdball. Zum Wohl der Schweizer Wirtschaft und der Armen auf der Welt.» («Besser als Goldman Sachs» – Weltwoche 13/2012). Über die Entstehung des Konzerns und das Wachstum des Vermögens des Unternehmensgründers Marc Rich in Verbindung mit der südafrikanischen Apartheid breitet er den Mantel des Schweigens. Und über Produktionsbedingungen verliert er kein Wort. Er hätte sonst Gründe für die Flucht von Afrikanern nach Europa und in die Schweiz aufzeigen müssen.

Er sucht auch gerne immer wieder die Nähe rechtsnationaler Politiker und publiziert mit ihnen grosse, gefällige Interviews. Mit Israels Aussenminister Avigdor Lieberman zum Beispiel, oder jüngst mit Ungarns Ministerpräsident Viktor Orban, «hinter Syriens Präsident Assad vermutlich die in den westlichen Medien am meisten angefeindete Figur. Völlig zu Unrecht.» Wirkt Herr Orban doch «im Gespräch sympathisch, offen, humorvoll, jugendlich, sogar selbstkritisch» (Weltwoche 13/12, Editorial).

«Mein Leitwert ist die Freiheit» steht als Titel und Zitat über dem Gespräch mit einem Mann, der die Verfassung auf seine Machtbedürfnisse zugeschnitten, die Medien staatlicher und parteilicher Kontrolle unterworfen und rechtsnationale bis faschistoide bis antisemitische Figuren in kultur- und gesellschaftspolitische Machtpositionen geschoben hat. – Kein Wort und keine Frage zur Diskriminierung, zur Verfolgung und Ermordung von Roma in Ungarn, neuerdings auch mit Hilfe staatlicher Gesetzgebung stattfindet.

Dafür steht eine Woche später in der «Weltwoche» der bedrohliche Satz: «Die Roma kommen. Raubzüge in die Schweiz.»

Kriminalität einer Minderheit

Es gibt organisierte Kriminalität der Roma. Es gibt organisierte Diebstähle, Raubzüge, Betrügerei. Bettelei und Prostitution, und die immer noch wohlhabende Schweiz ist klein genug, um schnell einzudringen und schnell mit den ergaunerten Werten wieder über die Grenze ins benachbarte Ausland zu verschwinden. Es gibt die organisierte Ausbeutung von Kindern und den organisierten Missbrauch von jungen Frauen.

Das ist widerlich; es gibt nichts zu beschönigen. Auch Not und Armut sind keine Rechtfertigung für den Aufbau und die Mitwirkung in einer kriminellen Organisation. Für den Umgang mit Straftaten gelten Recht und Gesetz, unabhängig von der Herkunft der Täter. Umso mehr, als die Opfer der Straftaten häufig die schwächsten Mitglieder der geschädigten Gesellschaft sind, in der Schweiz und in anderen europäischen Ländern.

Genauso wie auf der anderen Seite die Frauen und Kinder der Roma mehr Opfer als Täter sind. Wenn Not und Armut keine Rechtfertigung sind, so sind sie doch gewichtige Ursachen, und es ginge darum, sie zu beseitigen. Wie das die CARITAS Schweiz versucht, oder andere private und staatliche Entwicklungsorganisationen. Auch in unserem Interesse.

Gezielt verzerrte Wirklichkeit

Aber das interessiert Herrn K. nicht wirklich und auch nicht seinen Stellvertreter Philipp Gut, der als Mitautor der Roma-Geschichten zeichnet. Die «Weltwoche» skizziert die Geschichte der Diskriminierung der Roma nur, um sie gleich wieder gegen sie zu wenden: «Die Roma geniessen offensichtlich eine Art Minderheitenbonus.»

Es ist das immer gleiche Muster. Herr K. und seine Schreiber richten mit der «Weltwoche» die Scheinwerfer auf die Missstände, Vergehen, Verbrechen einer Minderheit, und sie blenden das Wohlverhalten der Mehrheit sorgfältig aus, weil es ihrem Zweck nicht dient. Der Zweck ist, Angst zu schüren und Abwehr und Hass: gegenüber Schwarzen, Moslems, Zigeunern, Fremden, um Menschen, die sich in der globalisierten Welt nur schwer zurecht finden, einer populistischen Bewegung zuzuführen, die sich volkstümlich gibt und in Wirklichkeit die Geld- und Machtinteressen einer kleinen Führungsclique bedient.

Die «Weltwoche» ist ein Kampfblatt, das die Wirklichkeit nach den Bedürfnissen von Herrn K., seiner Geldgeber und seiner politischen Auftraggeber darstellt. Herr K. bearbeitet dafür die Themen, Lösungen sind nicht sein Ding. Er ist nicht die CARITAS.

Darum erfahren seines Leserinnen nicht, was sie erfahren müssten, um Mitgefühl und Hilfsbereitschaft zu entwickeln.

Roma: Verfolgt, verfemt, vernichtet

Herr K. und seine Schreiber sagen nichts über die Verfolgung der Roma seit 400 Jahren. Sie erinnern nicht an den Völkermord der Nazideutschen, die eine halbe Million Sinti und Roma in Europa umgebracht haben. Sie sagen nichts über die erneute Vertreibung aus Osteuropa in den letzten 20 Jahren, nach dem Fall der Mauer und des Eisernen Vorhangs: die Vertreibung aus den Arbeitsplätzen und Wohnungen, die sie in der Zeit des real existierenden Sozialismus in Rumänien und Bulgarien oder im ehemaligen Jugoslawien gefunden hatten. Als die ethnischen Gegensätze stillgelegt waren. Aber nicht überwunden, wie sich seit zwanzig Jahren zeigt. Die «Weltwoche»-Schreiber schreiben nicht über die Vertreibung der Roma zurück in die Ghettos mit ihrer Arbeitslosigkeit und ihren zerfallenden Häusern und Schulen.

Herr K. sagt nichts über die neue ethnische Diskriminierung in Ungarn und auf dem Balkan – wie er das auch verschweigt in seinem Gespräch mit dem ungarischen Regierungschef Viktor Orban. Er sagt nichts darüber, dass dort auf Romas Jagd gemacht wird und dass einige abgeschossen wurden wie Jagdwild (wie auch in Teilen Deutschlands). Er sagt nichts darüber, dass seit Jahrhunderten friedlich lebende sesshafte Roma, Ashkali und Ägypter in Mitrovica (Kosovo) vertrieben und ihre Häuser abgebrannt wurden. Und dass diese Menschen seit über zehn Jahren auf den Deponien der alten Bleibergwerke leben, mit dem täglichen Gift im Wasser. Und dass ihre Kinder deswegen bleibende Hirnschäden davon tragen. Und dass unter UNO-Aufsicht nichts geschieht, obwohl das IKRK, Amnesty International und Human Rights Watch seit Jahren Massnahmen verlangen.

Er vergisst auch, daran zu erinnern, dass diese Vertreibung Teil eines eigentlichen Pogroms war. Dass Tage nach dem Sieg der NATO in Kosovo marodierende kosovarisch-albanische Einheiten hunderttausend Roma aus ihren alt eingesessenen Wohnvierteln verjagten – und dass viele der Geflohenen bis heute in Flüchtlingscamps vegetieren.

Und selbstverständlich ist es für ihn auch kein Thema, dass in Italien die Siedlungen der aus Bulgarien, Rumänien und Albanien geflohenen Roma angezündet werden, mit Todesfolgen, um die Flüchtlinge wieder zu vertreiben.

Zerstörung einer alten Kultur

Herr K. findet als Verleger und Chefredaktor der «Weltwoche» auch kein Interesse daran, dass in Istanbul in der allerjüngsten Zeit Sulukule niedergerissen wurde, das älteste Wohnviertel der Roma in der Welt, wo sie sich vor rund 1000 Jahren niedergelassen hatten, also längst vor der Verwandlung des christlich-oströmischen Konstantinopel in das muslimisch-osmanische Istanbul. Der Versuch, im Rahmen der «Stadterneuerung» die Roma in Hochhäuser des sozialen Wohnungsbaus umzusiedeln, ist selbstverständlich misslungen.

Heute bedauert der zuständige türkische Minister Mustafa Demir die Vertreibung. Sulukule war das «Jerusalem der Roma», wo sie ihre Lebensweise pflegten und mit ihrer Musik und ihren Tanzlokalen bis vor 20 Jahren die zahlungsfähigen Türken anzogen. Die Gentrifizierung des Viertels im freien kapitalistischen Markt, den Herr K. so sehr liebt, hat nur Zerstörung gebracht. Und Heimatlosigkeit. Die Roma erleben wie die Juden während 2000 Jahren bis heute Diskriminierung, Vertreibung, Verfolgung. Und auch gewaltsamen Tod.

Hetze mit System

Aber all das beschäftigt Herrn K. nicht. Er bearbeitet ein Thema. Ihm geht es, wie die Artikel seiner Schreiber zeigen, wieder nur um die weiche Haltung der Schweizer Regierung gegenüber der EU und die Gefahr der offenen Grenzen unter dem Schengen-Regime. Die Roma und das Roma-Kind mit der Pistole sind dafür nur Mittel zum Zweck. Über die Beseitigung der Ursachen von Armut, Not und Kriminalität in den Ländern Süd- und Osteuropas verliert er kein Wort.

Herr K. und seine Leute zeigen kein Mitgefühl und keine Solidarität. Ihre Empörung über die Ausbeutung von Frauen und Kindern der Roma ist zynisch. Sie verschwenden keinen Gedanken und verlieren kein Wort über mögliche Lösungen. Ihr Beruf ist die Provokation, und ihr Geschäft ist die Hetze. «Die Roma kommen. Raubzüge in die Schweiz.»

Diese Hetze hat System. Aber das ist ein anderes Thema.

Themenbezogene Interessen (-bindung) der Autorin/des Autors

Keine

Weiterführende Informationen

Die Zeit: Ungarns amtlicher Rassismus
SRF Tagesschau: Neuer Gewaltausbruch gegen Roma in Serbien
Jürg Müller-Muralt: Demokratie im Stress
arte: UNGARN: DAS GESETZ GEGEN DIE ROMA (AUSSCHNITT)
Amnesty International: GEWALTSAME ATTACKEN GEGEN ROMA IN UNGARN
Trapped - the Forgotten Story of the Mitrovica Roma (excerpt)
Filme über Sulukule und Roma in Europa
Stadtplanung in Istanbul Die Geschichte der Roma wird einfach weggebaggert
Jürg Müller-Muralt: Die hässliche Fratze des Antisemitismus in Ungarn
CARITAS Schweiz: Kosovo: Roma-Familien ziehen in bessere Wohnlagen um

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5 Meinungen

Danke für Ihren ausführlichen und sehr informativen Artikel zu dieser infamen Kampagne der Weltwoche!

Christoph Peter Baumann
Christoph Peter Baumann, am 13. April 2012 um 11:51 Uhr
Diesen Beitrag zeigt wieder mal ganz typisch wie in der Schweiz mit denen umgegangen wird die die „Probleme“ aufzeigen und „beim Namen nennen“.

Es wird an der Bildgestaltung am Layout an der Wort Wahl, also kurz an den „Beilagen“ herumkritisiert, anstatt über das Übel welches (möglicherweise) in dem Artikel aufgezeigt wird zu debattieren und oder auch zu „erkennen“ ...
Nein man möchte, wie eh und ja, Blind auf einem Auge bleiben und lieber die „Form“ dran nehmen, dies ist ( links ) publikumswirksamer.

Ich möchte nicht so lange wie sie mich äussern, jedoch nur noch beifügen:
Dies was sie tun hat auch „System“.

Und noch etwas, anstatt immer mit dem (zugegeben beliebtem) Wort „Rassismus“ um sich zu schlagen rate ich ihnen die Benennung der Dinge die in der Gesellschaft als störend empfunden werden definitiv mit … „Benehmismus“ umzutaufen, denn nicht die Herkunft oder Rasse ist ausschlaggebend für das Unbehagen … sondern das Benehmen gewisser Leute, egal welcher Herkunft.

Mit freundlichen Grüßen. C. Bruderer
Frau Carmey Bruderer, am 13. April 2012 um 12:15 Uhr
Danke, dem rechercherchierten, differenzierten Journalismus wieder gerecht zu werden! Die Schlagzeilen Presse fügte der Sozietäten durch ihre tendenziöse Meinungsbildung erheblichen Schaden zu, das dringendst wieder gut zu machen ist.

Nicole Suter-Murard
Nicole Suter-Murard, am 13. April 2012 um 14:33 Uhr
@Bruderer: Grundsätzlich haben Sie vielleicht nicht ganz unrecht, aber fragen Sie doch mal in Ihrem Umfeld nach für wieviele Menschen «Raubzüge der Roma» ein ECHTES Problem darstellen, welches benannt werden MUSS. Und dann überlegen Sie ob es nicht doch eher etwas mit Ressentiments-schüren (auf Kosten der Schwächsten) zu tun hat.
Alex Bötschi, am 16. April 2012 um 10:58 Uhr
@Alex Bötschi: Wie sie richtig sagen ist dieses Problem nicht überall vorzufinden, aber es gilt wachsam zu bleiben. Ich selbst bin aufgeschlossen für fremde Kulturen, der Kontakt ist meist eine Bereicherung vorausgesetzt die Besucher wissen sich zu benehmen. Auch wir sollten dies übrigens bei unsere Auslands reisen unbedingt beherzigen.
Wenn eine Fremde Wohnung betreten wird sollten, aus Respekt (bildlich gesehen), die Schuhe ausgezogen werden, dies gilt auch für Einwanderer die in die Schweiz kommen.

Nun ist es aber so dass wo ein Teller Honig aufliegt auch unerwünschte Besucher heranfliegen die sich daran bedienen aber keine Gegenleistung erbringen, und gegen solches Tun ist es legitim sich zu wehren (zugegeben mit einen etwas überspitzten Titelblatt, was inzwischen aber in der presselandschaft durchaus Usus geworden ist), und zu warnen. Es ist halt doch (leider) Realität, fragen sie in Genf nach wie es dort mittlerweile schon zu und her geht.

C. Bruderer
Frau Carmey Bruderer, am 16. April 2012 um 12:12 Uhr

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