Unseriöse Schlagzeilen über ein Glas Wein pro Tag © cc

Unstatistik: «Ein Glas pro Tag raubt Lebensjahre»

Urs P. Gasche / 07. Sep 2018 - Vom «Blick» über «20Minuten» bis zur «BaZ» haben etliche Medien falschen Alarm geschlagen. Es mangelt an statistischem Grundwissen.

Niemand braucht sich ein Gläschen Wein oder 2,5 Deziliter Bier pro Tag vermiesen lassen. Denn die Schlagzeilen der letzten Tage waren eine krasse Irreführung:

  • «Schon ein Glas jeden Tag raubt Lebensjahre», titelte der «Blick». Auch moderates Trinken sei «gefährlicher als vermutet»;

    Schlagzeile im «Blick» vom 28.8.2018 (© Ringier)

  • «Schon kleine Mengen Alkohol schaden» lautete der Titel in der Gratiszeitung «20Minuten»;
  • «Das ‹Gläschen in Ehren› schadet doch» verbreitete SRF auf ihrer Webseite. Das «Echo der Zeit» gab Gegensteuer und liess Ethikprofessor Markus Huppenbauer von der Uni Zürich zu Wort kommen, der von «kleinstem Risiko» sprach. Die verbreiteten Zahlen wurden aber nicht konkret hinterfragt.

SDA verbreitete Studienresultate, offensichtlich ohne die Studie gelesen zu haben

Etliche Medien vertrauten blindlings der Schweizerischen Depeschenagentur SDA, welche Resultate einer Studie der Fachzeitschrift «The Lancet» unter dem Titel «Gesundheitsrisiken schon bei geringen Mengen Alkohol» verbreitete. Die SDA konkret:

«Zehn Gramm Alkohol pro Tag erhöhen das Risiko, eine Krankheit zu bekommen, demnach um 0,5 Prozent. Bei 20 Gramm pro Tag steigt das Risiko bereits um 7 Prozent und mit jeder täglichen Alkoholeinheit mehr wird es höher.»

Irregeführt durch diese Meldung erklärte ein Chemiker auf Facebook, dass ein Mensch von 200 krank werde (0,5 Prozent). Bei 20 Gramm Alkohol täglich wären es 14 von 200 Menschen (7 Prozent).
Das berichtet die «Unstatistik des Monats».

Bei diesen unwahrscheinlich hohen Zahlen hätten bei Redaktionen, die mit Statistiken vertraut sein müssten, die Alarmglocken läuten sollen.

Tatsächlich kam die von «The Lancet» publizierte, umfassende Studie zu einem andern Schluss: Ein Glas Wein oder 2,5 Deziliter Bier pro Tag erhöht die von Alkohol verursachten gesundheitlichen Risiken

    um 0,004 Prozent (nicht um 0,5 Prozent).

Wie jeder nachlesen kann, kam die «Lancet»-Studie zu folgendem Resultat:

Von je 100'000 Personen, die keinen Alkohol konsumierten, hatten
914 im folgenden Jahr ein Gesundheitsproblem.

Bei Personen mit einem Drink pro Tag stieg diese Zahl auf
918 von 100'000.

Das erhöhte Gesundheitsrisiko trifft demnach 4 Personen von 100'000. Das Risiko der 100'000 Personen erhöht sich also um 0,004 Prozent.

Bei zwei Drinks pro Tag waren vom Gesundheitsrisiko 63 Personen mehr von 100'000 betroffen. Das sind 0,063 Prozent.

Irreführung mit relativem Risiko

Auf das von der SDA und den Medien verbreitete um 0,5 Prozent erhöhte Risiko kommt man, wenn man die prozentuale Differenz von 918 zu 914 Personen ausrechnet. Man nennt dies die Erhöhung des relativen Risikos.

«Mit relativen Risiken kann man eben mehr Angst erzeugen als mit absoluten Risiken», stellt das «Leibniz-Institut für Wirtschaftsforschung» fest, welches regelmässig Unstatistiken anprangert und im vorliegenden Fall deutsche Medien kritisiert.

SDA und Schweizer Medien ignorieren Präzisierung des «The Lancet»

Nach etlichen irreführenden Berichten hat die Pressestelle des «The Lancet» die absoluten Zahlen der Risikoerhöhung (0,004 und 0.063 Prozent) nachgeschoben. Doch weder die SDA noch die erwähnten Schweizer Zeitungen haben die Leserschaft über die Irreführung aufgeklärt. Auf Anfrage von Infosperber, warum die SDA die nötige Präzisierung nicht verbreitet hat, antwortete die SDA:

«Die betreffende Meldung haben wir von der Deutschen Presse-Agentur (dpa) übernommen. Wir bitten Sie deshalb, sich direkt an die dpa zu wenden.»

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Infosperber-DOSSIER: «Irreführende Statistiken aus Medien»

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Keine

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8 Meinungen

Aber selbstverständlich soll ich diese SDA durch eine Kopfsteuer mit 2 Millionen unterstützen.
Und ebenso selbstverständlich werden die Abstinenzonkel durch Abgaben auf Alkaholika finanziert.
Ich bin für die Freiheit und höheren Alkohol steuern zugunsten von Krankenversicherung und AHV
Andreas Willy Rothenbühler, am 07. September 2018 um 11:24 Uhr
Nach meinem Verständnis stimmt die Aussage: das Risiko erhöht sich um 5% von 0,0914% auf 0,0918%.
Wenn aber nicht gesagt wird worauf sich die 5% beziehen, dann ist die Aussage unvollständig und irreführend.
Am besten man gibt die absoluten Risiken an, das wird von den meisten Menschen besser verstanden.

Aber die besorgniserregendste Information dieses Artikels ist nicht der sorglose Umgang mit Statistik, sondern dass Journalisten zu blossen Abschreiben verkommen. So verbreiten sich falsche Nachrichten rasant und gefährden den Arbeitsplatz der Journalisten. Fürs Abschreiben und kleinen Umformulierungen braucht man keine Menschen, das können Maschinen besser.
Nikolaus Thiel, am 07. September 2018 um 11:29 Uhr
Grundsätzlich ist schon die Qualität der im Lancet publizierten Statistik bzw. der daraus abgeleiteten Aussage zu hinterfragen: Die Werte 0,0914% und 0,0918% unterscheiden sich zwar (relativ) um 5%, absolut aber bedeuten die Zahlen nichts anderes, als dass gewisse gesundheitliche Probleme bei 1 Promille der Menschen auftraten, die keinen Alkohol trinken wie auch ebenso bei Personen, die 1 Glas Alkohol pro Tag trinken. Also genau gleich.

Die Aussage, dass ein Risiko von 0,0918 % grösser sei als ein Risiko von 0,0914 % ist Haarspalterei auf dem Niveau der vierten Nachkommastelle. Das liegt mit Sicherheit weit innerhalb der Messgenauigkeit bzw. des Streubereiches der Messwerte. Die statistische Signifikanz dürfte gegen Null gehen.

So etwas dürfte in einer angesehenen wissenschaftlichen Zeitschrift nicht passieren.
Hartwig Roth, am 07. September 2018 um 20:54 Uhr
@Hartwig Roth. Es wird immer wieder gefordert, dass wissenschaftliche Journals nicht nur Studien mit positiven Resultaten veröffentlichen, sondern auch solche mit negativen. Insofern ist es zu begrüssen, dass «The Lancet» diese doch ziemlich umfassende Studie publiziert hat. Die Autoren und die Zeitschrift hätten allerdings das magere Resultat herausstreichen müssen, anstatt mit einem statistischen Kniff die Leserschaft in die Irre zu führen und falsche Schlagzeilen zu erzeugen. Immerhin hat «The Lancet» die Präzisierung im Nachhinein verbreitet – nachdem «The Lancet» dank der Studie weltweit zitiert wurde. Diese Präzisierung haben die Medien unterschlagen. Ein weiterer Fehler liegt bei den Medien, weil sie Studienresultate aufgrund von PR-Communiqués verbreiten, ohne dass ein Wissenschaftsredaktor die Studie selber gelesen hätte.
Urs P. Gasche, am 07. September 2018 um 21:12 Uhr
Ich habe zusammen mit einem Ernährungsspezialisten, Dr. med, aus Winterthur, er als erfahrener Arzt, ich als Kulturhistoriker auf medizingeschichtlicher Basis, Geschichte der Diätetik, immerhin jahrtausendelange Menschheitserfahrungen, über mediterrane Ernährung gesprochen, Brot und Wein, auch den Satz von Paracelsus «Je näher dem Brot, desto gesünder», womit gemeint ist: Die Hauptnahrung des Menschen beruht auf pflanzlicher Basis, genauer Getreidebasis, wobei unsere Nahrung nicht primär Rohkost ist, sondern in der Küche «alchemistisch» verarbeitet. Bier und Wein sind historisch gesehen Nahrungsmittel. Mein Kollege konnte in Sachen mediterraner Ernährung auf statistisches Material zurückgreifen konnte, z.B. betr. Kreislaufkrankheiten bis hin zum Herztod, was bei mediterraner Ernährung weniger droht als bei stärker fetthaltiger «nordischer» Ernährung usw. Selber halte ich meine ernährungshistorischen Kenntnisse der Diätetik nicht für streng wissenschaftlich, aber doch als ausreichende Basis, um auf verantwortliche Weise z.B. als Ethik-Lehrer in Schule u- Erwachsenenbildung Kurse für Ernährungsethik halten zu können, ohne dass sich bei der Qualitätskontrolle ein Einspruch aufdrängen müsste. Einigermassen gründlich habe ich mich ausserdem mit dem Fasten befasst, welches vernünftig zu üben nicht nur dem geistigen Wohlbefinden gut tut. «Wissenschaftlich» heisst nach Popper: der Stand veraltet sehr schnell. Menschheitserfahrung ist nicht wissenschaftlich, aber kaum ganz falsch.
Pirmin Meier, am 08. September 2018 um 07:40 Uhr
Ich versteh's immer noch nicht. Der relative Unterschied von 0,0918 % zu 0,0914 % ist doch etwa 4.4 Promille, nicht 5 Prozent? ( 0,0918 / 0,0914 - 1 = 0.0044)

Aber was mich aber mehr interessiert: Hier wurden heute andere Zahlen publiziert, etwas schlimmere: http://www.3sat.de/page/?source=/nano/medizin/195837/index.html. Bei 50 g Alkohol pro Tag (350 g pro Woche) verkürzt sich die Lebensspanne bis zu 5 Jahre. Eine mir liebe Person konsumiert etwa das, ohne bisherige Beeinträchtigungen, aber das verunsichert mich nun stark.
Theo Schmidt, am 12. September 2018 um 20:24 Uhr
Danke Herr Gasche! Es ist mir keine Schädlichkeitsprognose bekannt, die nicht schon falsifiziert wurde. Ich bin Geniesser, nicht Säufer! Lebensjahre ohne Weingenuss können mir gestohlen werden. Ich vermute, dass die Steigerung des Blutdrucks durch das Lesen solcher «Unstatistiken» schädlicher ist, als der Weingenuss.
Walter Schenk, am 14. September 2018 um 12:49 Uhr
Was man so im Medizinalbereich an Studien liest, ist teilweise haarsträubend.
Zu Wein und anderen alkoholischen Getränke möcht ich sagen, da ist die Grenze
zwischen Genuss und Missbrauch. Und kein Winzer will, dass sein, mit viel Liebe
erzeugtes Produkt «gesoffen» wird oder gar in eine Blechdose kommt.
etwas anderes ist, dass es oft vorkommt, dass Themen, die einer gewssen Lobby nicht passen, auch nicht in die Schweizer Medien kommt, oder stark gedämpft.
Daher bin ich froh um den Sperber. Leider ist er zuwenig verbreitet. Deshalb beziehe ich seit einiger Zeit regelmässig auch Berichte aus ausländischen Prints.
Und wenn wir schon dabei sind, dort erscheinen Kommentare sofort nach dem Schreiben. Hat das was mit freier Presse zu tun???
Elisabeth Schmidlin, am 15. September 2018 um 15:23 Uhr

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