Rauch, Zigaretten, Tabakindustrie, Zigarettenhersteller, Tabaklobby, Schweiz © pixabay

Die Zigarettenhersteller zünden Nebelpetarden, um die Schädlichkeit ihrer Produkte zu kaschieren.

Tabakindustrie: Scheinheilige Jugendschützer und ihre Helfer

Rainer M. Kaelin / 13. Jun 2019 - Zigarettenhersteller wollen plötzlich, dass nur noch erwachsene Raucher auf E-Zigaretten umsteigen. Ein unwahrscheinlicher Wandel.

Red.: Rainer M. Kaelin ist Mitglied der FMH sowie Facharzt für Pneumologie und Innere Medizin. Vormals war er Vizepräsident der Lungenliga Schweiz und der Lungenliga Waadt sowie Vizepräsident von Oxyromandie/Oxysuisse, einem Verein, der sich für den Schutz von Nichtrauchern und für Werbeverbote für Tabakprodukte einsetzt.

Während die Gesundheitskommission des Ständerats (SGK-S) bei der Ausgestaltung des Tabakproduktegesetzes über Werbeverbote debattiert, versuchen Zigarettenhersteller Öffentlichkeit und Parlamentarier von ihrem unwahrscheinlichen Wandel zu überzeugen: Glaubt man der Tabakindustrie, will sie nur noch, dass erwachsene Raucher auf E-Zigaretten und andere alternative Produkte umsteigen. Zigaretten verkaufen wollen sie nicht mehr?

Verwässerung des Tabakproduktegesetzes

Eigentlich wollte der Bundesrat bereits 2016 ein flächendeckendes Werbeverbot für Tabakprodukte einführen, allerdings mit grossen Lücken. Die bürgerliche Mehrheit im Nationalrat sprach sich dagegen aus, in der Folge wies das Parlament den ersten Entwurf des Tabakproduktegesetzes an den Bundesrat zurück. Ende 2018 folgte die Überweisung des zweiten Gesetzesentwurfs, der im Vergleich zur ersten Version noch einmal deutlich verwässert wurde.

In einem früheren Artikel beschrieb «Infosperber», wie sich das Parlament von der Industrie instrumentalisieren liess und wie diese es schaffte, im Gesetzesvorschlag einen wirksamen Jugendschutz und das Werbeverbot von Tabakwaren ins Gegenteil zu verkehren. In der Zwischenzeit hat die Tabakindustrie einen regelrechten PR-Zug gestartet und versucht alle davon zu überzeugen, der Jugendschutz stehe für sie an erster Stelle.

Selbstregulierung als Argument um Gesetz zu verhindern

Als der Arzt und ehemalige WHO-Angestellte Derek Yach als eben designierter Präsident der Philip Morris-Stiftung «For a smokefree world» 2017 verkündete, Philip Morris (PM) wolle, dass «das Rauchen in dieser Generation endet», klang das nicht glaubwürdig. Die Verlagsbeilage der NZZ vom 22. Mai mit dem Titel «Es gibt kein zurück mehr. Philip Morris will die Zigarettenproduktion einstellen», liess ebenfalls zweifeln.

Das neueste Element dieser offensichtlichen PR-Aktionen fand man kürzlich im «NZZ»-Interview mit Mads Larsen, dem Chef von British American Tobacco (BAT). Dieser wies darauf hin, dass niemand mehr besonders stolz darauf sei, zu rauchen (1). Larsen ist selber Nichtraucher, plädiert für den Jugendschutz und möchte nicht, dass seine «zwölfjährige Tochter nach Hause kommt und sagt, sie habe angefangen zu dampfen». Zu den Marketing-Methoden des E-Zigaretten-Herstellers «Juul Labs» sagte er: «Was in den USA passiert, ist schockierend! Wir müssen schauen, dass die Schweiz von solchen Entwicklungen verschont bleibt.»

Ähnlich wie Jonathan Green, Chef von «Juul Labs» (2), sagt auch Larsen: «Ich lege die Hand dafür ins Feuer, dass wir unsere Produkte nur an Leute ab 18 Jahren verkaufen. Also an erwachsene, mündige Raucher. So sieht es unsere Selbstregulierung vor, die seit 2005 besteht.»

Selbstregulierung funktioniert nicht

Dass «BAT», wie auch «Juul Labs» und «PM», ihre neueren Produkte nur an erwachsene Raucherinnen und Raucher verkaufen wollen, kann nicht ehrlich gemeint sein. Denn ohne neu rekrutierte Nikotinsüchtige hätte dieses Geschäftsverhalten zur Folge, dass der E-Zigaretten-Markt in nur einer Generation austrocknet. Wenn das Angebot an E-Zigaretten abhängige Raucher ansprechen soll, dann hängt das Bestehen dieses Geschäftes davon ab, dass nikotinabhängige Raucher generiert werden. Und das geschieht mit dem Anfixen von Jugendlichen. Tatsächlich will Larsen «Marktanteile von unseren Konkurrenten gewinnen». Ohne Werbung sei das schlichtweg nicht möglich.

Die sogenannte «Selbstregulierung» von Tabak-Werbung durch die Industrie mit dem Ziel, den Tabakkonsum von Jugendlichen zu verhindern, ist eine Farce: «Swiss Cigarette», also «PM», «BAT» und «Japan Tobacco International» (JTI), vereinbarten 2005 mit der vom Werbeverband getragenen Lauterkeitskommission (LK), dass diese die Verstösse gegen den Ehrencodex beurteilen soll. Im Gegensatz zu Beanstandungen in anderen Bereichen sieht das LK-Reglement allerdings vor, Übertretungen der Tabakindustrie nicht zu sanktionieren, sondern nur als «Empfehlungen» an «Swiss Cigarette» zurückzusenden (3).

Kein Wunder, dass Larsen die von Kinder- und Hausärzten initiierte Volksinitiative «Ja zum Schutz der Kinder und Jugendlichen vor Tabakwerbung» ablehnt. Denn aktuell fliesst bei «BAT» fast die Hälfte der Werbeausgaben in die Promotion der neuen Produkte.

PR-Satzbausteine und widersprüchliche Aussagen

Immer wieder verweist die Tabakindustrie auf andere, für den Menschen schädliche Produkte: Alkohol, Fett, Zucker – gemäss den Zigarettenherstellern müsste man die Werbung für solche Produkte ebenfalls verbieten und nicht nur beim Tabak den Hebel ansetzen.

Diese typische Sprachregelung von Gewerbeverband, Werbe- und Getränkeindustrie sowie der SVP (4), ist seit dem letzten Jahrhundert üblich. Ein internes Papier von «R.J. Reynolds» (später «JTI»), verweist auf diese Strategie, da sie erfolgreich vernebelte, dass die Gefährdung durch Tabak auf dem hohen Suchtpotential des Nikotins für Junge beruht (5).

Die wechselnden Gefühle von «BAT»-Chef Larsen, der dann und wann auch in die Rolle eines verantwortungsbewussten Bürgers schlüpft, kommen immer wieder zum Vorschein. Etwa, als er die Behauptung der Tabakindustrie kommentiert, Zigaretten seien ein Genussmittel neben vielen anderen: «Nikotin hat ein hohes Suchtpotential, deshalb ist ein massvoller Genuss – anders als beim Rotwein – nicht immer ganz einfach (...). Schon täglich fünf Zigaretten zu konsumieren ist mittel- bis langfristig sicher nicht unproblematisch.» Auf der anderen Seite stimmt Larsen in das Lied der Tabakkonzerne ein: «Der Staat kann auf das Konsumverhalten (...) nur begrenzt Einfluss nehmen. In Frankreich darf unsere Branche überhaupt keine Werbung schalten (…) und doch rauchen dort viel mehr Menschen als in der Schweiz.»

Dass die offiziellen Angaben die tatsächlichen Raucherquoten der Schweiz seit Jahren grob unterschätzen (6), wird nicht angesprochen.

Unkritische Medien verschweigen Fakten

Im «NZZ»-Artikel «Die Raucher geraten unter Druck – sieben Antworten zum Umbruch auf dem Tabakmarkt» erwähnen die Autoren das Rauchverbot in Bahnhöfen, die Initiative «Kinder ohne Tabak» und die debattierten Regelungen des Tabakproduktegesetzes: das Verkaufsverbot an Minderjährige, die Testkäufe – und dass Werbung, die sich speziell an Minderjährige richtet, nicht mehr erlaubt sein soll. Was theoretisch schon jetzt der Fall wäre, wenn die «Selbstregulierung» durch die Lauterkeits-Kommission greifen würde.

Für E-Zigaretten und Snus wird von «differenzierten Regeln» gesprochen und davon, dass Werbung, Marketing und Sponsoring dieser Produke wie für herkömmliche Tabakprodukte geregelt werden sollen. Das heisst, beinahe gar nicht, da von den Massnahmen nur konventionelle Werbung – nicht aber die modernen Methoden der Produktepromotion – betroffen ist.

Der Forderung der Tabakindustrie nach Ausnahmen scheint entsprochen worden zu sein, alternative Produkte werden in einer «eigenen Kategorie geregelt». Sie müssen zwar einen allgemeinen Warnhinweis tragen, allerdings ohne das abschreckende Bild, das die Verpackungen von Zigaretten ziert.

Der sachliche, aber unkritische «NZZ»-Artikel verschweigt die unterschätzte offizielle Raucherquote der Schweiz (6). Auch die Tabakrahmenkonvention der WHO (FCTC), die seit 2004 auf eine parlamentarische Ratifizierung wartet, kommentieren die Autoren nicht. Die FCTC gebietet, dass Werbung, Marketing und Sponsoring für Tabak- und Nikotinprodukte «umfassend» verboten werden und dass die Präventionsmassnahmen vor der Unterwanderung durch die Industrie zu schützen sei.

Der Leser der «NZZ» erfährt nicht, dass ausgerechnet der freisinnige Ständerat Josef Dittli aus Uri an der Sitzung der Gesundheitskommission vom 19. Februar forderte, das Tabakproduktegesetz solle durch Werbeverbote verbessert werden, um die Ratifizierung der FCTC zu ermöglichen (7). Im Jahr 2016 hatte derselbe Ständerat die Rückweisung des Entwurfes an den Bundesrat mit der Aussage ausgelöst, er kenne keine Daten, die belegen, dass Werbeverbote sinkende Raucherquoten zur Folge hätten.

Tabak: Gegner der öffentlichen Gesundheit

Dass die Tabakindustrie Parlamentarier und Öffentlichkeit mit allen Mitteln zu überzeugen versucht, Nikotin sei banal und nur der verbrannte Tabak sei für das öffentliche Gesundheitsproblem «Tabakepidemie» verantwortlich, ist nicht erstaunlich. Die Anerkennung der Tatsache, dass die in der Jugend verankerte Nikotinabhängigkeit die Tabakepidemie mit ihren Folgen verursacht, stellt die Geschäftsgrundlage der Tabakindustrie grundlegend in Frage und macht sie zum unversöhnlichen Gegner der öffentlichen Gesundheit.

Diese Tatsache ist aber auch die Grundlage der auf wissenschaftlicher Evidenz basierenden Forderung der «FCTC», dass Werbe-, Promotion- und Sponsoringverbote umfassend sein müssen, um wirksamen Jugendschutz zu garantieren.

Öffentlichkeit wird in die Irre geführt

Die irreführende Argumentation einer «Schadensminderung» durch weniger schädliche Produkte lag schon dem Marketing der Filter- und der «milden» Zigarette zugrunde, als man begann, Nikotin und die karzinogenen Komponenten des Rauches zu messen. Wobei die Tabakindustrie (analog wie später die Autoindustrie) Öffentlichkeit und Behörden täuschte. Die geringere Schädlichkeit von diesen klassischen Produkten wurde nie nachgewiesen, sie kurbelten aber den Tabakkonsum in der jungen und weiblichen Bevölkerung wesentlich an.

Das Thema der «Schadenminderung» zur Banalisierung von Nikotin und Nikotinsucht findet sich seit dem Aufkommen der E-Zigarette wieder vermehrt in redaktionellen und bezahlten Medienbeiträgen. Die kaum hinterfragten Botschaften sind zum Beispiel die oft behauptete «95-prozentige geringere Schädlichkeit der E-Zigarette», wobei Schädlichkeit und Schadstoffgehalt vermengt werden.

Vergiftung von Meinungsbildung und demokratischem Prozess

Im vergangenen Jahrhundert hat die multinationale Tabakindustrie auf Kosten der öffentlichen Gesundheit und auf der Gesundheit ihrer Kunden sowie des Gesundheitssystems enorme Gewinne eingefahren, weil sie die Nikotinaufnahme aus ihren Produkten in das Gehirn von Jugendlichen mit wissenschaftlichen Methoden verbessert hatte.

Gleichzeitig hat sie durch Werbe, Promotion- und Sponsoringmassnahmen sowie durch kartellistische Einflussnahme auf breiter Ebene, ihre Manipulationen und deren Folgen für die Gesellschaft systematisch und erfolgreich verheimlicht. Die Machenschaften der Industrie – und nicht die Blätter der Tabakpflanze – sind für das öffentliche Gesundheitsproblem der Tabakepidemie verantwortlich.

Mitglieder des Parlaments und Medienschaffende wären gut beraten, aus dem fundamentalen Interessenkonflikt zwischen Tabak- /Nikotinindustrie und öffentlicher Gesundheit kritische Schlüsse zu ziehen, wenn sie über Jugendschutz im Tabakproduktegesetz, die Tabakrahmenkonvention der WHO und über die Volksinitiative «Kinder ohne Tabak» zu entscheiden und zu berichten haben.

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Quellen:

  1. NZZ, 1.Juni 2019 : «Niemand ist mehr besonders stolz darauf zu rauchen» Interview mit Mads Larsen, von Erich Aschwanden und Simon Hehli
  2. Tagesanzeiger, 5.12.2018 : «Ich bin selber Vater von zwei Kindern»
  3. R.M. Kaelin : Jugendschutz ohne Tabakwerbeverbot? SAeZ 2017;98(41):1347-1349.
  4. Bundesgesetz über Tabakprodukte (TabPG). Vernehmlassungsantwort der Schweizerischen Volkspartei (SVP). 9.09.2014.
  5. R.J. Reynolds Tobacco International : Swiss Advertising Ban Case Study. 1993 November 28. RJ Reynolds Records (Autor unknown). Internet : www.industrydocuments.ucsf.edu/docs/pzmh0077. Accessed 22.05.2019.
  6. J.Jacob, J. Cornuz, P. Diethelm: Prevalence of Tobacco smoking in Switzerland: do reported numbers underestimate reality? Swiss medical Weekly 2017;147:w14437
  7. Lorenz Hongegger : Lukratives Mandat: Der «Briefträger der Tabaklobby» wechselt die Seite, Schweiz am Wochenende, 2.3.2019.

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Themenbezogene Interessen (-bindung) der Autorin/des Autors

Rainer M. Kaelin ist Mitglied der FMH sowie Facharzt für Pneumologie und Innere Medizin. Vormals Vizepräsident der Lungenliga Schweiz und der Lungenliga Waadt sowie Vizepräsident von Oxyromandie/Oxysuisse, einem Verein, der sich für den Schutz von Nichtrauchern und für Werbeverbote für Tabakprodukte einsetzt.

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Eine Meinung

Nikotinsucht ist eine Sucht wie die Sucht nach Crack.

Wie der Iran-Kontra-Skandal (Empfehlenswerter Film: «Kill the messenger") zeigte, als CIA und Regierung nicht davor zurückschreckten, das eigene Volk süchtig zu machen, um einen Regime Change zu finanzieren und durchzuführen, lautet das

Prinzip der Macht-Elite immer noch:
Grösstmöglicher Profit aus uns allen herausholen, um damit die eigene Macht zu festigen.

Insofern ist eine Reduktion der Nikotinsucht eine Destabilisierung der Machtverhältnisse -> stop smoking!
Paul Steinmann, am 14. Juni 2019 um 10:37 Uhr

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