Die Getränkeindustrie fühlt sich wohl in der Schweiz: Die Politik glaubt den zuckrigen Versprechen. © pixabay

Die Getränkeindustrie fühlt sich wohl in der Schweiz: Die Politik glaubt den zuckrigen Versprechen.

Mehr als doppelt so viel Zucker in Schweizer Softdrinks

Tobias Tscherrig / 08. Mai 2018 - Der Kampf gegen Zucker funktioniert – zumindest in anderen Ländern. In der Schweiz verhindert eine Lobby griffige Massnahmen.

In einem Vergleich stellte das Konsumentenmagazin «K-Tipp» in der Schweiz erhältliche Süssgetränke ihrem jeweiligen Pendant aus den Nachbarländern gegenüber. Erschreckend: Die Süssgetränke, die in der Schweiz verkauft werden, sind deutlich überzuckert. So enthält zum Beispiel ein halber Liter Fanta bei uns 51 Gramm Zucker, in England sind es nicht einmal halb so viel.

«K-Tipp» verglich insgesamt zehn Süssgetränke aus Schweizer Läden mit denselben Getränken, wie sie in England und Irland verkauft werden. Das Resultat: «Die Schweizer Version enthält oft mehr als doppelt so viel Zucker. Auch im Vergleich mit Frankreich, Deutschland und Österreich sind Softdrinks in der Schweiz teilweise überzuckert.»

Zuckersteuer funktioniert

Der Vergleich zwischen den Getränken aus der Schweiz und denjenigen aus England und Irland ist nicht zufällig. England und Irland haben am 6. April eine Steuer auf Softdrinks mit zugesetztem Zucker eingeführt – zur Bekämpfung von Fettleibigkeit. Mit dem Vergleich der jeweiligen Zuckermengen liefert «K-Tipp» nun den Beweis, dass Zuckersteuern funktionieren und zum gewünschten Ergebnis führen.

Die Höhe der britischen Zuckersteuer ist nach dem Zuckergehalt abgestuft: 24 Rappen auf Getränke mit 5 - 8 Gramm Zucker pro Deziliter und 32 Rappen auf Getränke mit über 8 Gramm Zucker pro Deziliter. Damit trifft die Zuckersteuer Hersteller und Konsumenten da, wo es wehtut: im Geldbeutel. Um von der günstigeren Steuerstufe zu profitieren, haben Coca-Cola, Nestlé und Schweppes den Zuckeranteil in etlichen ihrer Softdrinks bereits deutlich reduziert – allerdings nur in Grossbritannien. Auch Britvic und die Handelsunternehmen Lidl und Tesco passten Produkte an.

Als weiterer positiver Effekt der Steuer erwartet die Regierung von Grossbritannien jährlich rund 324 Millionen Franken zusätzliche Einnahmen. Das Geld soll unter anderem für Kinder-Sportprogramme und für ausgewogene Mahlzeiten an Schulen ausgegeben werden.

Es gibt weitere Beispiele, die belegen, dass Zuckersteuern funktionieren. Etwa in Frankreich, wo seit dem Jahr 2012 eine Steuer auf Getränke mit zugesetztem Zucker erhoben wird. Gemäss «K-Tipp» belegen erste Studien, «dass der Konsum von Süssgetränken seither zurückging». Dasselbe Bild in Mexiko. Hier erhebt die Regierung seit vier Jahren eine Steuer auf überzuckerte Getränke. Das erhöhte den Getränkepreis um knapp 13 Prozent – und senkte den Pro-Kopf-Konsum um immerhin rund 4 Prozent. Auch Finnland kennt die Zuckersteuer – bereits seit dem Jahr 1940.

Schweiz verlässt sich auf Versprechen der Industrie

Dass die Zuckersteuer funktioniert, ist längst kein Geheimnis mehr. Nicht nur wegen der positiven Erfahrungen, die in anderen Ländern gemacht werden. Auch die Forschung liefert Argumente: So kommt zum Beispiel eine Studie des Forschungsinstituts der Credit Suisse zum Schluss, dass eine Zuckersteuer der beste Weg sei, um den übermässigen Zuckerkonsum zu bekämpfen. Auch die Weltgesundheitsorganisation (WHO) fordert Staaten auf, die Sondersteuer einzuführen.

Trotzdem bleibt die Zuckersteuer in der Schweiz chancenlos. Der Ständerat lehnte am 6. März eine Standesinitiative des Kantons Neuenburg klar ab. Kommissionssprecher Ivo Bischofberger (CVP/AI) verwies damals auf die Bemühungen des Bundesrats und auf die freiwilligen Massnahmen der Lebensmittelindustrie zur Reduktion des Zuckers in Lebensmitteln. Mehrere Ständeräte appellierten dabei an die Eigenverantwortung der Konsumentinnen und Konsumenten. Trotzdem wehrten sie sich auch dagegen, dass der Zuckergehalt, zum Beispiel mit einer Ampel-Kennzeichnung, klar und deutlich deklariert wird.

Als die Genfer SP-Nationalrätin Laurence Fehlmann Rielle im Jahr 2016 mittels Interpellation verlangte, dass eine Zuckersteuer wenigstens geprüft werden solle, stiess sie auf taube Ohren. Erst wenn die bisher umgesetzten Massnahmen nicht zum gewünschten Ziel führten, sollten weitere Massnahmen ergriffen werden, antwortete der Bundesrat und wies die Interpellation zurück.

Nur – die bisher eingeführten Massnahmen sind fast alle freiwillig. Die Schweiz verlässt sich auf die Versprechen der Zuckerindustrie.

Versprechen, um griffige Regeln zu verhindern

So existiert in der Schweiz seit 2010 die freiwillige Initiative «Swiss Pledge», in der sich unter anderem Unternehmen wie Coca-Cola, Mars, McDonalds, Nestlé oder Unilever freiwillig dazu verpflichten, «die Art und Weise ihrer Werbung an Kinder zu verändern.»

Eine Initiative, die immer wieder in der Kritik steht. So zum Beispiel in einer Studie, die 2015 vom Bundesamt für Lebensmittelsicherheit und Veterinärwesen (BLV) veröffentlicht wurde. Darin wurden die vielen Lücken und das lasche Umsetzen der Versprechen kritisiert.

Damit sei bewiesen, «dass es der Industrie nicht wirklich um die Gesundheit der jungen Konsumenten geht, sondern darum, bei der aktuellen Gesundheitsthematik mitzuschwimmen und so attraktiv zu bleiben», sagte Bettina Isenschmid, Chefärztin am Kompetenzzentrum für Essverhalten, Adipositas und Psyche am Spital Zofingen und Vorständin im Fachverband Adipositas im Kindes- und Jugendalter, in der Zeitung «der Bund».

Ein weiteres Beispiel für das freiwillige «Engagement» der Nahrungsmittelindustrie ist die «Erklärung von Mailand». Im Jahr 2015 haben Schweizer Lebensmittelproduzenten und Vertreter des Detailhandels eine Erklärung unterzeichnet, worin sie versprechen, den Zuckergehalt in Joghurts und Frühstückscerealien bis Ende 2018 zu reduzieren.

Anfang April verkündete das BLV in einer Medienmitteilung stolz, was dieses freiwillige Engagement gebracht hat: Im Vergleich zur ersten Erhebung vom Herbst 2016 sank der Zuckeranteil in Joghurts um drei Prozent. Bei den Frühstückscerealien nahm der Zuckeranteil um fünf Prozent ab. Für die Zukunft sind weitere kleinere Reduktionen geplant.

Im Vergleich dazu die Zuckersteuer in anderen Ländern: Nach (oder teilweise sogar schon vor) der Einführung der verpflichtenden Abgabe schaffte es die Industrie, die Zuckeranteile auf einen Schlag unter die gesetzlich festgelegten Limiten zu bringen. Egal, um wie viele Prozent die Zuckerzusätze angepasst werden mussten.

So ist das mit der Nahrungsmittelindustrie: Ihre kleinen Versprechen gibt sie, um griffige gesetzliche Regeln zu verhindern.

Die Zucker-Lobby liefert «ganze Arbeit»

Dass sich die Schweiz um gesetzliche Reglementierungen drückt, das Spiel der Nahrungsmittelindustrie mitspielt und sich mit der Veröffentlichung von Medienmitteilungen und der Bereitschaft zur freiwilligen Kooperation gar zum Steigbügelhalter der Industrie macht, ist kein Zufall. Die grossen Nahrungsmittelkonzerne nutzen ihre Milliarden auch, um sich zu vernetzen und zu lobbyieren.

Auch in der Schweiz ist die Industrie fest mit den Entscheidungsträgern verbunden. So gibt es zahlreiche Vereine der Nahrungsmittelindustrie, die direkt oder indirekt in Bundesbern für ihre Interessen kämpfen. Sie holen sich Parlamentarier in ihre Vereine und Organisationen und erhalten dafür einen direkten Zugang zum politischen Prozess.

Als Beispiel dafür mag die «Informationsgruppe Erfrischungsgetränke» herhalten, die gemäss lobbywatch.ch nicht weniger als 13 Parlamentarier in ihre Reihen aufgenommen hat:

  • Sebastian Frehner (SVP)
  • Andrea Martina Geissbühler (SVP)
  • Franz Ruppen (SVP)
  • Jürg Stahl (SVP)
  • Bruno Walliser (SVP)
  • Ida Glanzmann-Hunkeler (CVP)
  • Alois Gmür (CVP)
  • Konrad Graber (CVP)
  • Marco Romano (CVP)
  • Lorenz Hess (BDP)
  • Martin Landolt (BDP)
  • Isabelle Moret (FDP)
  • Bruno Pezzatti (FDP)

Unter dem wohlklingenden Namen «Informationsgruppe Erfrischungsgetränke» haben sich Unternehmen wie Coca-Cola Schweiz AG, Red Bull und Rivella versammelt, um über «einen aktiven Lebensstil und ausgewogene Trinkgewohnheiten zu informieren», wie sie auf ihrer Internetseite schreiben. Mantramässig weisen sie darauf hin, ein Mangel an körperlicher Bewegung sei der Hauptgrund für Übergewicht – und nicht etwa der Zucker. Sie unterschlagen damit, dass Zucker eben auch ein entscheidender Faktor ist.

Auf ihrer Internetseite jammert die Süssgetränkelobby: Seit einiger Zeit stünden zucker-, fett- und salzhaltige Lebensmittel in der Kritik. In erster Linie gehe es darum, Ursachen und Schuldige dafür zu finden, dass der Anteil der Menschen, die unter Übergewicht und Fettleibigkeit leiden, gestiegen sei. Und: «Soft-Drinks (...) werden pauschal zu Verursachern gemacht. Einige Akteure wollen ihnen sogar einen Riegel vorschieben.»

Softdrinks sind mitschuldig

Egal, welche wohlklingenden Aussagen und Formulierungen sich die PR-Abteilungen der Industrie ausgedacht haben, egal, wo sie die Schuldigen suchen – zum Glück existieren Fakten: Schweizerinnen und Schweizer verzehren pro Jahr durchschnittlich 38 Kilogramm Zucker. Das ist deutlich zu viel, die WHO empfiehlt nur rund die Hälfte davon.

Eine Ursache des hohen Konsums der Schweizerinnen und Schweizer sind Softdrinks. In einem halben Liter Fanta Lemon stecken zum Beispiel 14 Würfelzucker, in Coca-Cola 13 und im Rivella rot 11.

In der Schweiz ist fast jedes fünfte Kind und jeder zweite Erwachsene übergewichtig. «K-Tipp» zitiert die Stiftung Gesundheitsförderung Schweiz. Sie sagt, dass Untersuchungen «einen deutlichen Zusammenhang zwischen dem Trinken von zuckerhaltigen Produkten und dem Risiko für Übergewicht zeigen.»

Da die Industrie diese Fakten noch immer nicht wahrhaben will, hilft nur eines: die Zuckersteuer.

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  • Weitere Infosperber-Artikel zum Zucker in Nahrungsmitteln finden Sie hier.

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4 Meinungen

Das Prinzip «gleich langer Spiesse» verlangt für alle verbindliche Regeln.

Sonst ist es wie beim Mikado: der erste, der sich bewegt hat verloren, da offenbar Überzuckerung, v.a. bei jungen Leuten, immer noch einen Marktvorteil produziert.

Der übertriebene Liberalismus erlaubt häufig nicht «vernünftig» agieren zu können. Dies ist so bei den Löhnen und anderen «flankierenden» Massnahmen, aber ebenso, wie dieser Artikel m.E. klar aufzeigt, in Fragen der öffentlichen Gesundheit.

So etwas sollten doch auch Parlamentarier verstehen können
Josef Hunkeler, am 08. Mai 2018 um 11:27 Uhr
Lasst uns das Thema Süss - Zucker von einem anderen Gesichtspunkt betrachten.
1972 veröffentlicht Prof. John Yudkin: «Pure, White and deadly». und meint sugar/Zucker.
Ihn konnte man noch mundtot machen, doch Prof. Robert Lustig kam ebenfalls zu dieser Erkenntnis. Und die setzt sich jetzt durch, (action on sugar) Es geht nicht nur um Übergewicht und Zähne, Zucker führt zu viel mehr Krankheiten, fördert Agression und wird von der
WHO als Droge gleich Rauchen bezeichnet. Und an diese gewöhnen wir bereits unsere Buschi.
Und jetzt sollen sich mal die Lobbyisten überlegen, wofür sie vom Bürger gewählt sind und wofür sie sich einsetzen. Sie trugen auch dazu bei, wenn weltweit 50 Gramm, besser weniger empfohlen werden, die Schweiz 100 Gramm toleriert. Warum? Dass die Industrie auch mit weniger Zucker leben kann zeigt britisch Sprite: bisher 6.6 Gr. /DACH 9.1 Gr. seit Steuer 3.3 Gr und DACH 9.1 Gr.
SIPCAN.at die Gesunde Schule, dort lernen Kinder damit umzugehen, und dort werben bereits Firmen mit"wir sind in der Getränkeliste einige Punkte gestiegen».
Unsere Lobbyisten weden doch nicht soweit gehen, wie Goldman sachs (Sperber)
"nur der Kranke ist interessant!!"
Aber es ist nicht nur der zugestzte Zucker in Getränken, sondern auch in Babynahrung, und man sagt etwa 80 % was im Regal zu holen ist.
Elisabeth Schmidlin, am 08. Mai 2018 um 17:06 Uhr
Bei den Rübenbauern und Importeuren ist es klar, dass sie vom Absatz profitieren. Rätselhaft bleibt mir, welchen Vorteil die Lebensmittelindustrie hat wenn sie soviel Zucker zusetzt. Zucker kostet doch auch etwas.
Jürg Schmid, am 14. Mai 2018 um 16:24 Uhr
Hallo Jürg
Also zu Zuckerrüben, Importzucker, Zucker in Obst, Gemüse und Milch (natürlich, nicht zugesetzt)
Also, der Schweizer Rübenanbau würde ca 60 % des Bedarfs der Schweiz decken.
Und dazu ist zu sagen, dass die Rübe eine sehr wertvolle Pflanze ist, speziell für die
Fruchtfolge wäre ist sehr wünschenswert.
Ausserdem entstehen bei Zuckerproduktion IM LANDE wertvolle Nebenprodukte, wenig Transport usw. Anders verhält es sich mit Import aus Ländern, wo man dafür Urwälder rodet und die Bevölkerung versklavt.
Big Food und Drink profitiert einerseits, dass man billigeres Material verarbeiten kann und mit Zucker & Co den Geschmack erzeugen kann. Andererseits wirkt Zucker im Gehirn dort wo auch Kokain wirkt, also Sucht erzeugt, und zum Essen anregt.
Suchtmittel sind verboten nur Zucker geben wir - mit Hinweis GESUND - bereits Babies, kaum sind sie auf der Welt.
Frag die Politik, warum die WHO als oberste Grenze täglich 50 gr lieber weniger empfiehlt, nur die Schweiz 100 gr.?
z.B. GB 6 Einheiten in einem Getränk, Schweiz im gleichen 9. Nach Zuckersteuer GB 3 Einheiten, Schweiz bleibt bei 9 .
Zucker ist an vielen - vor allem chronischen Problemen beteiligt, speziell aber auch Gehirnentwicklung. z.B. Aggression - Lehrer meinen sogar ein süsses z'Nüni zu merken
in Konzentration usw. Ganz speziell aber in Aggression. Dafür gibt's RITALIN und der Umsatz steigt. (lies nach bei Goldman Sachs - Sperber April 2018)
Dies in aller Kürze
Elisabeth Schmidlin, am 15. Mai 2018 um 15:04 Uhr

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