Infusion einer Chemotherapie: Nur ein Drittel der SterbepatientInnen weiss um das nahe Ende © srf

Infusion einer Chemotherapie: Nur ein Drittel der SterbepatientInnen weiss um das nahe Ende

Chemotherapie reduziert Lebensqualität vor dem Tod

Kurt Marti / 17. Apr 2014 - Chemotherapien sollen die Lebensqualität von KrebspatientInnen am Ende des Lebens verbessern. Oft ist das Gegenteil der Fall.

Eine Chemotherapie tötet die Krebszellen oder hemmt deren Wachstum. Dabei werden nicht nur die Krebszellen geschädigt, sondern auch die gesunden Zellen, vor allem die Zellen der Darmschleimhaut, der Haarwurzeln oder des Blutes. Durchfall, Haarausfall und Blutarmut sind die Folgen, aber auch Übelkeit, Erbrechen und Müdigkeit. Diese Nebenwirkungen werden in Kauf genommen, wenn das Krebsleiden geheilt und das Leben verlängert werden kann.

Mehr medizinische Komplikationen

Anders ist die Situation, wenn der Krebs unheilbar ist und der Tod innert Wochen oder Monaten eintritt. Dazu kann man auf der Homepage der Krebsliga folgendes lesen: «Schwinden die Aussichten auf Heilung, kann eine Chemotherapie möglicherweise die Beschwerden von PatientInnen lindern und so ihre Lebensqualität verbessern.» Diese weit verbreitete Meinung kommt nun unter wissenschaftlichen Beschuss. Eine US-Studie der Universitäten Cornell und Harvard, welche anfangs März im «British Medical Journal» veröffentlicht wurde, kommt zum Schluss, dass die Chemotherapie am Lebensende vermehrt zu gravierenden, medizinischen Komplikationen führt, was die Lebensqualität der PatientInnen erheblich verschlechtert.

Ohne Chemotherapie mehr Lebensqualität

Die Wissenschafter haben 386 KrebspatientInnen untersucht, die ab Studienbeginn noch durchschnittlich vier Monate zu leben hatten. Je die Hälfte mit und ohne Chemotherapie. Die Resultate überraschten in ihrer Deutlichkeit: Die PatientInnen mit Chemotherapie brauchten sieben mal öfter eine Herz-Lungen-Reanimationen und künstliche Beatmung und mussten mehr als doppelt so häufig künstlich ernährt werden. Laut Studie folgt daraus, dass weniger Chemotherapie in den letzten Lebensmonaten zu weniger intensiver Pflege führt und zu mehr Lebensqualität am Lebensende. Bezüglich der Lebenserwartung schnitten beide Gruppen gleich ab. Die Chemotherapie hatte also auch keine lebensverlängernde Wirkung.

Auch was den Ort des Sterbens betrifft, ergaben sich deutliche Unterschiede: Die PatientInnen mit Chemotherapie starben fünfmal häufiger auf der Intensivstation. Nur 47 Prozent der Chemotherapie-PatientInnen starben zu Hause, gegenüber 66 Prozent der PatientInnen ohne Chemotherapie. Letztere starben zu 80 Prozent dort, wo sie es wünschten, nur 68 Prozent waren es bei den Chemotherapie-PatientInnen.

Ärzte müssen besser informieren

Unterschiedlich war auch das Wissen der KrebspatientInnen über ihre Krankheit: 49 Prozent der PatientInnen ohne Chemotherapie wussten, dass ihre Krankheit tödlich ist, gegenüber 35 Prozent bei den Chemotherapie-PatientInnen. Das hatte auch mit der Information durch die Ärzte zu tun: 48 Prozent der PatientInnen ohne Chemotherapie hatten mit ihrem Arzt über das Lebensende gesprochen, 37 Prozent waren es bei den PatientInnen mit Chemotherapie. Aufgrund der Studienresultate verlangen die Verfasser, dass die PatientInnen von den Ärzten rechtzeitig und korrekt über die Folgen einer Chemotherapie informiert werden, damit die PatientInnen so sterben können, wie sie das wünschen.

Bereits eine Studie aus dem Jahr 2012, publiziert im «Journal of Clinical Oncology», kam zum Schluss, dass die meisten KrebspatientInnen am Ende des Lebens «keine aggressive Chemotherapie wünschen, sobald sie wissen, dass sie sterben.» Doch die Information durch die Ärzte erfolge oft zu spät oder gar nicht, so dass sich die KrebspatientInnen in den letzten Wochen und Monaten unnötigen Chemotherapien unterziehen, die ihre Lebensqualität erheblich verschlechtern. Deshalb sei es notwendig, die Pflege vermehrt auf die Bedürfnisse der KrebspatientInnen auszurichten. Eine weniger aggressive Behandlung sei auch weniger belastend für die Angehörigen und koste zudem weniger.

Themenbezogene Interessen (-bindung) der Autorin/des Autors

keine

Weiterführende Informationen

British Medical Journal
Journal of Clinical Oncology
Dossier: Unnütze Abklärungen und Operationen
Studie der Universitäten Cornell und Harvard (März 2014)
Studie der Universität Boston (Dezember 2012)

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2 Meinungen

Es steht eben «möglicherweise lindern» als Kleingedrucktes auf der Verpackung der Chemotherapie. Als Medizinhistoriker habe ich die Operation an Kaiser Friedrich III., eine Beinamputation vom 19. Juni 1493 beschrieben, vorgenommen von den vier besten Chirurgen der damaligen Zeit. Die Operation hatte die Funktion, die Leidenszeit des Kaisers zu verlängern im Sinne der Vorbereitung auf den Tod, er sollte im Leiden und Sterben seinem Herrn Jesus Christus ähnlich werden und für sein Unrecht auch noch angemessen büssen.

Um solche Prioritäten kann es heute bei der Chemotherapie wohl nicht mehr gehen. Aber dass Marti das Sterben immerhin anspricht, auch den Aspekt Verhinderung des Sterbens zu Hause, scheint mir bedenkenswert. Da kommt das Wertbewusstsein des Wallisers, ein Katholizismus wohl wider Willen bei ihm, wieder mal voll zur Entfaltung. Auch den Walliser Bodenmann lese ich durchwegs als kritischen katholischen Publizisten, bloss weniger heuchlerisch als der Durchschnitt, aber leider noch mit Illusionen über den Fortschritt.
Pirmin Meier, am 17. April 2014 um 11:46 Uhr
Vor allem aber ein ethisches Problem, Herr Keusch; aus den von Ihnen angedeuteten Problemlagen und Strukturen sowie dem, was Sie treffend «Hinauszögern der eigenen Endlichkeit» nennen, wurde der christlich orientierte und zugleich skeptische deutsche Schriftsteller Reinhold Schneider, ein Klassiker des Gewissens, trotz schwerer Krankheit Medizinverweigerer. Seine letzten Worte lauteten: «Lasst mich doch endlich sterben!» Das kann freilich niemandem als Standard zugemutet werden, bleibt jedoch höchst eindrucksvoll.
Pirmin Meier, am 18. April 2014 um 07:34 Uhr

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