Patienten fordern von Ärzten höchst selten unnötige Untersuchungen © Lambert

Kosten: Mythos des fordernden Patienten entlarvt

Mireille Mata / 02. Mär 2015 - Ärzte und Gesundheitspolitiker schieben den schwarzen Peter für die hohen Kosten gerne den PatientInnen in die Schuhe. Zu Unrecht.

Wenn wieder einmal die Rede ist von den vielen unnötigen Tests, Untersuchungen, Medikamenten und Therapien, die mehr schaden als nützen, dann geben Ärzte und Gesundheitspolitiker gerne den Patientinnen und Patienten eine Mitschuld.

Diese würden solche unnötigen Behandlungen von den Ärztinnen und Ärzten verlangen, weil sie ja schliesslich hohe Prämien zahlen und für ihr Geld etwas wollten. Suchen Sie wegen einer Bagatelle eine Arztpraxis auf, würden sie sich nicht zufrieden geben, wenn ihnen der Arzt rät, einfach abzuwarten. Vielmehr würden sie ein Rezept verlangen, eine Physiotherapie oder sogar das Empfehlen einer Operation. Andere wiederum möchten krank geschrieben werden, obwohl sie blau machen wollen.

Weil Patientinnen und Patienten derart fordernd seien und ständig Untersuchungen und Behandlungen verlangen, würden die Kosten der Grundversicherung so stark steigen.

Vorurteile basieren auf Einzelfällen

Solche generellen Aussagen von Ärzten und Gesundheitspolitikern entpuppen sich als Vorurteile, die aufgrund einiger weniger schwarzen Schafe unter den Patientinnen und Patienten entstehen. In der Schweiz stützen sich solche Behauptungen auf keine einzige wissenschaftliche Studie, sondern erfolgen aus dem hohlen Bauch heraus, um davon abzulenken, dass Ärztinnen und Ärzte mit jeder Untersuchung und jeder Behandlung ihr Einkommen aufbessern können.

Auswertung von 5000 Patientenkontakten

Ärzte und Ethiker von der «University of Pennsylvania» in den USA wollten es genau wissen und haben mehr als 5000 Patientenkontakte akribisch ausgewertet. Direkt nach dem Arztbesuch befragte das Forschungsteam die betroffenen Ärzte, Arzthelferinnen und Pflegekräfte, ob die Patienten weitere Tests oder Behandlungen gewünscht hätten, und ob diese Wünsche gerechtfertigt waren.

Das Resultat war klar und undiskutabel:

  • Zusätzliche als die vom Arzt spontan angebotenen Untersuchungen oder Therapien wollten nur 440 der über 5000 Patientinnen und Patienten. Das sind weniger als neun Prozent.
  • Und von diesen 440 zusätzlich gewünschten Untersuchungen und Therapien erwiesen sich die meisten als sinnvoll und medizinisch angesagt.

Die über 5000 Patientinnen und Patienten litten an verschiedenen Krebsformen. Fast die Hälfte der zusätzlichen Wünsche betrafen Kernspin- oder Röntgenaufnahmen, ferner auch das Bestimmen von Blutwerten. Schnell wird jedoch behauptet, aus Angst und Unsicherheit würden Krebspatienten dazu neigen, den Verlauf ihres Leidens mehr als nötig feststellen zu lassen. Sie wollten nichts verpassen, auch wenn weitere Tests weder die Prognose verbessern noch die Beschwerden lindern.

«In der Krebsmedizin geht es um Leben und Tod und Untersuchungen und Medikamente können sehr teuer sein», erklärte Co-Autor und Medizinethiker Ezekiel Emanuel. Umso erstaunter musste er feststellen: «Die Forderungen der Patienten sind erstaunlich gering und können nicht als Vorwand dienen, dass die Kosten im Gesundheitswesen immer weiter steigen.»

Studienleiterin und Krebsärztin Keerthi Gogineni zeigte sich ebenfalls überrascht, dass so wenig Unsinniges gefordert wurde: «Im Internet gibt es ja viele unseriöse medizinische Informationen, da ist es ermutigend, dass sich dass nicht auf die Ansprüche der Patienten überträgt

Die Resultate der Studie hat das US-Fachmagazin «JAMA Oncology» online veröffentlicht.*

In einem Kommentar im JAMA schreibt Krebsspezialist Anthony Back von der «University of Washington» in Seattle: «Wir müssen aufhören, immer die Patienten zu beschuldigen, zu fordernd oder anspruchsvoll zu sein». Denn «in Wirklichkeit kommt dies kaum vor». Im Gegenteil: «Dieses Vorurteil sagt viel mehr über uns Ärzte aus».

Frühere Studien hätten belegt, schreibt die «Süddeutsche Zeitung» dazu, dass Patienten mit unklaren Beschwerden keineswegs primär auf Hightech-Untersuchungen drängen oder Medikamente verlangen: «Sie suchen vielmehr emotionale Unterstützung». Es seien die Ärzte, die meist symptomorientierte Behandlungen vorschlagen und mit ihrem kleinen ABC der Medizin aufwarten würden: Medikamente, Bildaufnahmen, Chirurgie.

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Themenbezogene Interessen (-bindung) der Autorin/des Autors

Keine

Weiterführende Informationen

*JAMA: «The Myth of the Demanding Patient»

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4 Meinungen

Beide Parteien sind involviert !

Die einen wollen so viel wie es geht verdienen „da die Bezahlung sowieso garantiert ist“, die anderen wollen tatsächlich „etwas für ihr Geld“ !

Arzte die zu „streng“ sind, werden sehr schnell gemieden (es spricht sich um !), und verlieren ihre Patienten.
Andere sind nachlässiger und gehen fast jeder Forderung nach.

Kenne Leute die sich Dauer-Massagen (ohne Bedarf), auf Kosten der KK verschreiben lassen.
Kenne Leute die Medikamenten fordern, nach Hause tragen, den Beipackzettel lesen und dann das „teuere Zeug“ in den Mülleimer schmeissen.
Diesen „Posten“ sollte mal nachgerechnet werden, die „verschwendete Medikamente“ … !
Kenne Leute (kerngesund), die als dies aufkam, sich eine teuere „ganz Körper Tomographie“, machen liessen, einfach so aus Neugierde !
Kenne Leute die wegen einen Fingerschnitt die Ambulanz fordern.
Kenne Leute die sich ein Medi-Rezept in teuere Kosmetika eintauschen liessen !
Kenne Leute die sich jedes Jahr einen Kur Aufenthalt verschrieben liessen.
Kenne Leute die für „boböli“ (bei der Grippe sind es fast 40% der infizierte, obwohl bekannt ist dass „nichts gemacht“ werden kann !), zum Arzt ja sogar zur Notaufnahme ins Spital rennen.
Kenne Leute die wegen der gleichen Beschwerden (meist orthopädischem Ursprung) von Spezialist zu Spezialist „pilgern“ …
Kenne Frauen die x Kaiserschnitt gebären wollen ohne Grund …

Alles (nur) Einzelfälle, … wenn ich schon so viele kenne, wie ist es dann bei einer Hochrechnung ?
Frau Carmey Bruderer, am 02. März 2015 um 14:04 Uhr
Liebe Frau Bruderer.Ich kann Ihre Einschätzung zu 100 % bestätigen.
Ich kenne Leute die konsultieren monatlich Aerzte, pro Jahr ein Dutzend verschiedene.
Zur Zeit suchen Sie Mediziner für 3 wöchige Sommerkuren auf Rezept.
Solche Leute haben ausnahmslos den tiefsten Selbstbehalt.
Das hole ich wieder herein, bin doch nicht blöd!
Ich kenne eine Familie alle Kinder sind am Neujahr geboren-welcher Zufall,natürlich mit Kaiserschnitt. Der stoze Vater prahlt für alle die es hören wollen:Das nächste kommt auch am Neujar 2016 auf die Welt.
Diesem Gebaren kann nur mit einem erhöhten Selbstbehalt(3000 bis 5000 Fr.),ein Riegel geschoben werden.
Die Krankenkassen sind keine Versicherung mehr,sondern ein Selbstbedienungsladen für eine zum Teil kranke Gesellschaft.
Niklaus Egloff, am 02. März 2015 um 15:46 Uhr
@ Niklaus Egloff

Leider sind wir schon Heute «verloren», denn es wird noch schlimmer !
Viele haben entdeckt dass man sich «bedienen» kann UND nichts bezahlen müssen dafür. Fragen sie bei den KK nach wer alles seine Prämien nicht bezahlt (die dann selbstverständlich von den anderen „starke Schultern» übernommen werden müssen) .... Den Selbstbehalt zu erhöhen ist nur sinnvoll dort wo man es im nachhinein auch wieder herein holen kann.
Und die KK Verbilligung ist auch so eine ungerechte Sache. Mit kleine Tricks werden die Einnahmen um ein Paar Franken nach unten korrigiert und schon sind auch Neubau Haus Besitzer „Armgenössig“ und müssen unterstützt werden.
Nun kommt bestimmt eine Rezession auf uns zu, dann die überalterung der Gesellschaft die finanziert werden muss, die ganze EL, usw. … und die Schweiz kann dann einpacken.

Der Sozialstaat und die Gewerkschaften führen uns noch in den Ruin, … warten wir nur ab !
Frau Carmey Bruderer, am 02. März 2015 um 16:17 Uhr
Die Erkenntnisse mögen wohl für das amerikanische Gesundheitssystem zutreffend sein, doch ob sie sich 1:1 auf die Verhältnisse in der Schweiz übertragen lassen, bezweifle ich. Unser System und seine Anreize unterscheiden sich doch wesentlich von den USA. Ich stelle in Frage, dass noch für alle Bürgerinnen und Bürgern der Versicherungsgedanke im Zentrum steht. Vielmehr ist es doch so, dass nicht wenige sich denken «wenn ich schon so viele Prämienfranken zahle, so möchte ich auch etwas davon haben». Nicht zufällig sind die Buchungen bei den KK Ende Jahr viel höher als Anfang Jahr. Selbstverständlich gibt es auch viele Ausnahmen, doch habe ich meine Mühen zu glauben, dass die Selbstbediedungsmentalität ausgerechnet im Gesundheitswesen nicht präsent sein soll.
Titus Meier, am 02. März 2015 um 20:05 Uhr

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