«Es geht weiter mit irreführenden Corona-Grafiken»

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Red. / 31. Mär 2020 - Ein Balkendiagramm von SRF, das während des Tages wächst, sorgt bei einem Leser zuerst für Verwirrung und dann für Stirnrunzeln.

«Zum Glück gibt es in der Schweizer Medienlandschaft eine Stimme, die auf das statistische Debakel in der aktuellen Krise aufmerksam macht», schreibt ein Leser* von Infosperber. «Es ärgert mich, wie dilettantisch Behörden und Medien in dieser schwierigen Zeit mit Statistiken umgehen.»

Und der Leser weiter: «Nachdem das Schweizer Fernsehen die Daten nicht mehr vom Bundesamt für Gesundheit BAG, sondern vom Statistischen Amt des Kantons Zürich verwendet, werden die Leute mit einem neuen Schildbürgerstreich in die Irre geführt. Im neuen Balkendiagramm wird der aktuelle Tag mit kantonalen Daten dargestellt, die kontinuierlich aktualisiert werden. Somit entsteht vor Ende des Tages, bis alle kantonalen Daten einbezogen sind (d.h. rund 80% der Zeit), ein falsches Bild. Heute um 14 Uhr erweckt diese Grafik den Eindruck, es seien viel weniger Infektionen registriert worden als davor. Infektionszahlen ganzer Tage werden in der Grafik mit den Meldungen eines halben Tages verglichen. Man kann sich nur an den Kopf fassen.»

Vor allem aber: Die Balken rechts sind mit den Balken in der Mitte und links nicht vergleichbar, weil laufend mehr Verdachtsfälle getestet werden. Heute sind es mindestens fünfmal so viele wie noch Mitte März. Entsprechend werden auch mehr Infizierte gefunden. Vor zwei Wochen waren noch viel weniger Testeinrichtungen vorhanden. Siehe dazu Infosperber vom 29. März 2020: «Coronavirus: Diese Kurve ist irreführend. Das BAG kneift».

Trotzdem verbreitet die SRF-Tagesschau wie viele andere Medien im In- und Ausland diese irreführenden grafischen Darstellungen wie die oben und unten abgebildeten weiter. «Wir sind der Überzeugung, dass eine derartige Visualisierung der Fallentwicklung vertretbar ist und ein Vergleich mit der Zeit vor ein paar Wochen durchaus zulässig ist», erklärte Tagesschau-Redaktionsleiterin Regula Messerli. Die Zuschauerinnen und Zuschauer könnten sich dank dieser Grafik «ein ungefähres Bild der Ausbreitung machen». In ihrer Begründung ging Messerli lediglich auf die erfolgte geänderte Zählweise ein. Dass die Zahl der Tests heute ein Vielfaches sind, erwähnte Messerli nicht.

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*Die Identität des Lesers ist der Redaktion bekannt. Er möchte nicht mit seinem Namen erscheinen.

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Infosperber-DOSSIER:
Coronavirus: Information statt Panik

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Themenbezogene Interessen (-bindung) der Autorin/des Autors

Keine

Weiterführende Informationen

200329_Grafik Stat. Amt Kanton Zürich
Corona Grafik SRF Tagesschau

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14 Meinungen

Die ARD-Hauptausgabe der Tagesschau behauptet am 29.03.20 für Italien eine Corona-Sterbequote von 10 % an. Sie berechnet diese offensichtlich aus der Zahl der getesteten Infizierten und der Zahl der Sterbefälle. Die Zahl der tatsächlich Infizierten ist aber - trotz Ausweitung der Tests - viel höher als die Zahl der positiv Getesteten, die Sterbeqoute somit wesentlich niedriger als 4 %. Es ist ein unverantwortlicher Umgang mit Zahlen !
Martin Hülsmann, am 31. März 2020 um 09:55 Uhr
Ich halte die Grafiken des BAG auch für irreführend und halte es für wichtig, dass Infosperber an diesem Thema dran bleibt.
Beat Stauffer, Basel
Beat Stauffer, am 31. März 2020 um 12:12 Uhr
All die Kurven und Zahlen dieser Tage sind für mich in nichts aussagekräftig, da Bezüge zu normalen Tagen jüngst vergangener Zeiten fehlen: z.B. die täglich durchschnittliche Todesrate in der Schweiz, die 2019 bei etwa 185 gelegen haben dürfte.
Edith Salmen, am 31. März 2020 um 12:14 Uhr
Aufgrund der aktuellen Berichterstattung möchte man meinen, dass die Mortalität in Europa stark ansteigt. Dem ist aber nicht so (http://euromomo.eu/), vielmehr war die Sterblichkeit bei früheren Grippewellen deutlich höher als heute zu Zeiten von Corona. Das scheint mir schon sehr eigenartig?!
Christoph Nikolaus, am 31. März 2020 um 12:36 Uhr
Aufgrund der aktuellen Berichterstattung möchte man meinen, dass die Mortalität in Europa stark ansteigt. Dem ist aber nicht so (http://euromomo.eu/), vielmehr war die Sterblichkeit bei früheren Grippewellen deutlich höher als heute zu Zeiten von Corona. Das scheint mir schon sehr eigenartig?!
Christoph Nikolaus, am 31. März 2020 um 12:36 Uhr
Das grosse Problem ist, dass bei allen Statistiken TI/Ge , die dank den Grenzgängern so hohe Werte haben, enthalten sind. 50% bei infiszierten in 70% bei den Toten. Die restliche Schweiz würde im internationalen Vergleich wesentlich besser Abschneiden.

https://rsalzer.github.io/COVID_19_CH/
Karl Hoppler, am 31. März 2020 um 12:40 Uhr
Guten Tag
Danke für diesen Beitrag. Wenn ich die Infowebseite des BAG besuche, werden da ständig Änderungen vorgenommen. Die Webseite wird laufend an den neuen Wissensstand angepasst. Aber ich kann keinen Hinweis finden, wo Informationen angepasst wurden. Keiner kann jeden Tag die ganze Web-Infoseite nochmals komplett durchlesen (Dauert mind. 2 Stunden) um die «News» also die neuesten Anpassungen zu finden. Denn diese sind nicht markiert. Emails werden nicht entgegen genommen und nicht beantwortet, die Hotline ist überlastet. Mein Vorschlag vor 10 Tagen, Google Maps und die Tracking Daten der Provider zu nutzen um Infektionsketten rückwirkend zu eruieren, wurde vom BAG und der WHO nicht beantwortet. Es wäre eine einfache Methode welche schnell installiert wäre. (Das war das Erfolgsmodell von Südkorea und China) über Schmierinfektionen wird nicht ausreichend berichtet, das Virus überlebt im Labor 70 bis 90 Stunden auf Plastik und Metalloberflächen. Nach dem Einkaufen sollten die Artikel mit solchen Oberflächen mit Seifenwasser abgewaschen werden. Die Viren Mindestlast welche es für eine sichere Ansteckung braucht, wurde ebenfalls noch nicht kommuniziert. Als Risikoperson mit Vorbelastung Danke ich allen von ganzem Herzen, welche das Beste geben. Es würde mich freuen, wenn diese Mängel behoben werden könnten. Wir haben Angst und fühlen uns manchmal im Stich gelassen. Danke für das Zuhören.
Beatus Gubler, am 31. März 2020 um 12:47 Uhr
Danke für diese Artikel. Es wäre in der Tat schön, wenn zu den absoluten Zahlen eine relative Angabe gemacht würde. Dies ist aber wohl kaum mehr zu machen...
Nebst der Angabe «positiv» müsste - wie von infosperber moniert wird - auch die Anzahl Tests des Tages einfliessen. Zudem wäre auch die Vortest-Wahrscheinlichkeit ein wichtiger Parameter: werden nur Leute mit Symptomen getestet oder Risikopersonen, auch ohne aktuelle Symptome, oder werden blindlings alle, die vorbei kommen, getestet. Die relative Rate ist in allen drei Fällen sehr unterschiedlich. Und: wenn alle getestet würden, wäre die relative Rate wohl so klein, dass die «awareness» und damit auch die «compliance» für die ergriffenen Massnahmen nur noch verschwindend klein wäre. So lassen sich mittels (bewusst) fehlender Angaben, Ängste schüren und Massnahmen durchsetzen. Das ist eigentlich «bad governance».
Andreas U. Schmid, am 31. März 2020 um 13:24 Uhr
CORONA-Statistik, offenbar ein 'Gnuusch'.

Mein Vorschlag: Jedes Spital, jeder Arzt usw. erfasst die Zahlen zweimal täglich, per 12.00 Uhr und per 24.00 Uhr, mit zweimaliger Meldung an die Empfänger. Die zahlenmässige Entwicklung zwischen den beiden Stunden wird nicht erfasst und nicht übermittelt. Gemeldet wird nicht die Entwicklung, sonder der Stand per .... Uebrigens wie in der Buchhaltung: Bilanz mit WarenBESTAND am 31.12.; sorry wegen Vergleich.

Genaue Definition der zu erfassenden Information, per 12.00 und 24.00 Uhr: Getestete kumuliert seit Beginn; ferner als verbunden Zahlen Infizierte kumuliert sein Beginn, minus Verstorbene kumuliert seit Beginn, minus Geheilte kumuliert seit Beginn, ergibt per Saldo Personen in Behandlung, Bestand. Ein einheitliches Meldeformular entwickeln und vorschreiben.

Also: Definition WER meldet, Stichtag bzw. -stunde PER WANN wird gemeldet, WAS wird gemeldet (genau Definition der erfassten Zahlen).

Uebrigens, die Uebermittlung per Telefax ist doch nicht das Problem! Mehrzahl von Telephonnummern beim Empfänger bereitstellen, der Fax wählt wiederholt bei Besetzzeichen, dann manueller Uebertrag auf Totalblatt im BAG, das Abschreiben von Zahlen haben wir in der Schule gelernt, und die Exceltabelle addiert selber!
GERHARD G. SPRINGER, am 31. März 2020 um 17:01 Uhr
Die Ermittlung und die Kommunikation der Fallzahlen durch das BAG ist eine Katastrophe. Wenn am 27. März 1'136 Fälle gemeldet werden, am 28. März 440, dann ist jedem klar, dass das nicht stimmen kann. Grund der Schwankung ist die Unfähigkeit des BAG, nicht die Anzahl der Erkrankungen. Und das drei Monate nach Ausbruch der Krise.
Das BAG hat noch nie eine sinnvolle Mitteilung gemacht, wie sie jeden Tag gemacht werden müsste: «Am Tag X wurden 2'500 Tests durchgeführt, davon waren 1'136 positiv». Wenn man nicht weiss, wie viele Tests durchgeführt wurden, ist die Zahl der positiven Tests nichtssagend. Stellen wir uns vor, am Karfreitag werden keine Tests durchgeführt, dann ist die Anzahl der positiven Tests gleich Null.
Hans Geiger, am 31. März 2020 um 19:16 Uhr
Dazu passt auch: «Der deutsche Forscher Dr. Richard Capek argumentiert in einer quantitativen Analyse, dass die „Corona-Epidemie“ in Wirklichkeit eine „Epidemie der Tests“ sei. Capek zeigt, dass die Zahl der Tests exponentiell zugenommen hat, der Prozentsatz der Infizierten jedoch stabil geblieben und die Sterblichkeit zurückgegangen ist, was gegen eine exponentielle Ausbreitung des Virus selbst spreche.» (Quelle: https://swprs.org/covid-19-hinweis-ii/ Stand 27.3., Originalquelle: https://coronadaten.wordpress.com/)
Oliver Lüthi, am 31. März 2020 um 20:30 Uhr
@Martin Hülsmann: Der Medienwissenschaftler Otfried Jarren (emeritierter Prof. der Uni Zürich) hat die Berichterstattung von ARD und ZDF als «Systemjournalismus» beschrieben, der «Bedrohung und exekutive Macht» inszeniere. SRF hätte er auch gleich mitnennen können (aber das hätte in D wohl niemanden interessiert):

https://www.deutschlandfunk.de/covid-19-scharfe-kritik-an-ard-und-zdf-wegen.2849.de.html?drn:news_id=1114517

"'Die Chefredaktionen haben abgedankt', folgert Jarren. In der Berichterstattung fehlten 'alle Unterscheidungen, die zu treffen und nach denen zu fragen wäre: Wer hat welche Expertise? Wer tritt in welcher Rolle auf?' Gesendet würden zudem größtenteils einzelne Statements, eine echte Debatte zwischen Expertinnen und Experten entstehe nicht, schreibt der Medienwissenschaftler."
Benjamin Kilchör, am 31. März 2020 um 21:03 Uhr
Folgerichtig müsste jetzt dann ein Artikel mit Kritik am BAG kommen, denn die Medien tragen im Prinzip die Zahlen (unkritisch!) so weiter, wie sie sie vom BAG kriegen. In diesem Stil dienen die Zahlen aber eher der Dramatisierung und Verschleierung als der Information. Was es bräuchte, wäre m.E.

1. Anzahl Tests und Anzahl Neuinfizierte müssten in ein Verhältnis zueinander gesetzt werden, so wie in folgender Grafik des Robert Koch Institutes zur Grippe (links: Anzahl Tests, rechts: Anzahl Nachweise): https://swprs.files.wordpress.com/2020/03/rki-influenza-report-2017.png
2. Es müsste transparent gemacht werden, nach welchen Kriterien getestet wird (nur schwere Symptome? auch leichte Symptome? Stichproben? Sind die Kriterien gleich geblieben?)
3. Es müsste transparent gemacht werden, wer genau als «Corona-Toter» gilt. Korrekt wäre es, nur diejenigen als Corona-Tote zu zählen, die mit Corona-Infektion an schweren Atemwegerkrankungen gestorben sind.

Zu 3.: In Italien sind z.B. offenbar nach Todeszertifikaten nur 12% derjenigen, die in den veröffentlichten Zahlen als Corona-Tote gelten, wirklich an Corona-Symptomen gestorben (https://web.archive.org/web/20200324214448/https://www.telegraph.co.uk/global-health/science-and-disease/have-many-coronavirus-patients-died-italy/). Auch in der Schweiz ist von Fällen zu hören, wo Menschen an irgendetwas (z.B. Herzversagen) gestorben sind und z.T. sogar erst posthum noch positiv auf Corona getestet und entsprechend gezählt wurden.
Benjamin Kilchör, am 01. April 2020 um 20:26 Uhr
Mit Staunen nehme ich zur Kenntnis, wie viele Hobby Epidemiologen und Gratis Statistik Interpretierer hier unterwegs sind. Mädels und Jungs: Das ist Arbeit für Profis. Nicht für Amateure. Mit Verlaub!
Jürgen Baumann, am 08. April 2020 um 08:26 Uhr

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