Der Arzt soll sympathisch sein, aber auch korrekt über Vor- und Nachteile aufklären. © hang_in_there/flickr/cc
Cover des Buches © Medizinisch Wissenschaftliche Verlagsgesellschaft

Test: Verstehe ich, was der Arzt sagt?

Urs P. Gasche / 11. Okt 2013 - Ist eine Operation nötig? Soll ich an der Untersuchung zur Krebs-Früherkennung teilnehmen? Kenne ich die Vor- und Nachteile?

Zuerst lädt Sie Professor Gerd Gigerenzer in seinem neusten Buch «Bessere Ärzte, bessere Patienten, bessere Medizin» ein, aufgrund folgender Informationen zu entscheiden, ob Sie an einem der folgenden drei Testprogramme zur Früherkennung einer Krebserkrankung teilnehmen würden:

  • 1. Programm «Wenn Sie den ersten Test während zehn Jahren alle zwei Jahre machen, verringert sich Ihr Risiko, an diesem Krebs zu sterben, um etwa ein Drittel.»
  • Frage: Würden Sie an diesem Früherkennungsprogramm teilnehmen?
  • 2. Programm «Wenn Sie den zweiten Test alle zwei Jahre machen, verringert sich das Risiko, während den kommenden zehn Jahren an diesem Krebs zu sterben, von 3 von 1000 auf 2 von 1000 Teilnehmenden.»
  • Frage: Würden Sie an diesem Früherkennungsprogramm teilnehmen?
  • 3. Programm «Wenn 1000 Menschen den dritten Test alle zwei Jahre machen, dann wird alle zehn Jahre eine dieser 1000 teilnehmenden Personen davor bewahrt, an diesem Krebs zu sterben.»
  • Frage: Würden Sie an diesem Früherkennungsprogramm mitmachen?

Die Antworten konnten Sie natürlich nur geben aufgrund des angegebenen Nutzens der drei Früherkennungsprogramme. Je nachdem, ob ein Programm aus Röntgenbildern, Katheteruntersuchungen oder Darmspiegelungen besteht, wäre der Nutzen noch mit den Risiken abzuwägen, die Sie während der zehnjährigen Programme eingehen.

Obige drei Informationen über die Vorteile der Tests wurden vor fünfzehn Jahren einer repräsentativen Auswahl von Neuseeländern gestellt. 80 Prozent der Antwortenden sagten, sie würden am ersten Früherkennungsprogramm wahrscheinlich teilnehmen, falls es ihnen angeboten würde.

Auf das zweite Programm reagierten nur 53 Prozent positiv und auf das dritte noch 43 Prozent.

Keiner der befragten Personen war aufgefallen, dass alle drei Früherkennungsprogramme den genau gleichen Nutzen haben. Denn wenn dank dem Programm statt 3 von 1000 nur 2 von 1000 an diesem Krebs sterben (Programm 2), ist dies eine Person von 1000, die in zehn Jahren vor dem Krebs bewahrt wird (Programm 3). Und wenn statt 3 von 1000 nur 2 von 1000 an diesem Krebs sterben, sind dies eben «ein Drittel weniger» (Programm 1).

«Das Risiko einer Krebserkrankung wird um ein Drittel reduziert» tönt bedeutend verlockender als «1 Krebstoter weniger in zehn Jahren». Deshalb wollten 80 Prozent der Befragten beim ersten Programm mitmachen, jedoch nur die Hälfte von ihnen am zweiten oder dritten. Abklärungen haben ergeben, dass viele irrtümlich meinten, «ein Drittel der am Programm Teilnehmenden» würde vom sonst drohenden Krebstod verschont.

Die Darstellung ist entscheidend

Ihr Entscheid, ob Sie an einem Früherkennungsprogramm teilnehmen oder nicht, oder ob Sie zum Vorbeugen gegen eine Herzkreislauf-Krankheit regelmässig ein Medikament einnehmen oder nicht, hängt wesentlich davon ab, ob Sie ein Arzt über den Nutzen (und die Risiken) verständlich informiert.

Die Information des ersten Arztes: «Wenn Sie den Test während zehn Jahren alle zwei Jahre machen, verringert sich Ihr Risiko, an diesem Krebs zu sterben, um etwa ein Drittel», ist eine absolute Null-Information. Diesen Arzt oder diese Informationsquelle müssen Sie meiden.

Denn aus dieser Information können Sie unmöglich schliessen, wie gross der Nutzen des Testprogramms ist:

  • Es kann sein, dass dank dieses Testprogramms statt 300 nur 200 von 1000 Menschen innert zehn Jahren an diesem Krebs sterben (= ein Drittel weniger).
  • Es kann aber auch sein – was in obigem Beispiel zutrifft – , dass dank dieses Testprogramms statt 3 nur 2 von 1000 Menschen innert zehn Jahren an diesem Krebs sterben (= ebenfalls ein Drittel weniger).

Bei der Information «Sie verringern das Risiko, an dieser oder jener Krankheit zu sterben, um X Prozent», müssen also die Alarmglocken läuten. Mathematisch gesprochen handelt es sich um eine Senkung des relativen Risikos. Ohne Angaben über das Senken des Risikos in absoluten Prozenten, oder ohne Angaben über allgemein verständliche Häufigkeiten («Es sterben statt drei nur zwei von 1000 Menschen innert zehn Jahren an dieser Krankheit» oder «Von 1000 Teilnehmenden stirbt innert zehn Jahren dank des Programms oder dank der Medikamente eine Person weniger an dieser Krankheit») kann niemand den Nutzen eines Früherkennungsprogramms oder einer vorbeugenden Behandlung mit Medikamenten abschätzen.

Geradezu manipulativ gehen häufig Pharmafirmen mit Informationen um: Den Nutzen ihres Medikaments geben sie «relativ» an, also «ein Drittel weniger Todesfälle», die Risiken aber in absoluten Zahlen («Nur eine von tausend Personen bekommt wegen des Medikaments Herz-Kreislauf-Probleme»). Damit erscheint der Nutzen enorm gross und die Risiken vernachlässigbar.

Dass solche Informationen irreführend sind, beweist eine repräsentative Studie mit 10'000 Teilnehmenden aus neun europäischen Ländern**. Sie hat gezeigt, dass 89 Prozent der Männer und 92 Prozent der Frauen den Nutzen von PSA (Prostata)-Tests und Mammografie-Tests um ein Zehnfaches, ein Hundertfaches oder noch mehr überschätzten oder nichts darüber wussten.

Viele Ärztinnen und Ärzte fallen darauf herein

In ihrem Buch* belegen die beiden herausgebenden Professoren Gerd Gigerenzer und J.A. Muir Gray mehrfach, dass Ärzte häufig selber nicht in der Lage sind, Nutzen und Risiken von Behandlungen und Früherkennungsprogrammen richtig zu beurteilen, weil sie in ihrer Ausblidung praktisch nichts über statistische Wahrscheinlichkeiten gelernt hatten.

«Die meisten befragten Ärzte verstehen statistische Informationen nicht und können deshalb die Evidenz für oder gegen eine Behandlung nicht einschätzen, und einen Bericht in einer medizinischen Fachzeitschrift nicht kritisch beurteilen», schreiben die beiden Professoren. Deshalb seien diese Ärzte «den irreführenden Prospekten der Pharmafirmen ausgeliefert». Dies gelte insbesondere in den USA, wo es auf fünf bis sechs Ärzte einen Pharmavertreter gebe.

Ein Drittel Schweizer Gynäkologen informierte falsch

Im Buch ist eine Studie zitiert, die in einem Schweizer Spital durchgeführt wurde***. 15 Gynäkologen hatten die Frage zu beantworten, was sie darunter verstehen, dass das Mammografie-Screening zur Früherkennung von Brustkrebs das Risiko, an Brustkrebs zu sterben, um 25 Prozent verringere. Die Frage lautete:

«Mammografie-Screening reduziert die Brustkrebsmortalität um ca. 25 Prozent. Nehmen Sie an, dass 1000 Frauen im Alter von über 40 Jahren an der Mammografie-Früherkennung teilnehmen. Wie viel weniger Frauen werden vermutlich an Brustkrebs sterben?»

Zwei Drittel dieser Spezialisten antworten korrekt mit «1 Frau».

Jeder dritte Gynäkologe meinte jedoch fälschlicherweise, dass 25, 100 oder sogar 250 der teilnehmenden Frauen weniger an Brustkrebs sterben würden.

Tatsächlich sterben ohne Früherkennung 4 von 1000 Frauen innert zehn Jahren an Brustkrebs, und mit Früherkennung 3 (= minus 25 Prozent).

Verdächtiges Röntgenbild

Ein früherer Test von Ärzten hatte ergeben, dass 95 von 100 Ärzten falsche Vorstellungen darüber hatten, wie wahrscheinlich es ist, dass eine Frau Brustkrebs hat, wenn ein Röntgenbild des Screenings einen verdächtigen Befund ergibt. Die Ärzte überschätzten die Wahrscheinlichkeit um bis das Zehnfache.

«Aufbruch in ein transparentes Gesundheitswesen» heisst der Untertitel des Buches. Mit Recht insistieren die Herausgeber, dass Transparenz nur mit einer für Ärzte, Patienten und Öffentlichkeit verständlichen Information möglich ist. Weil zu viele Interessen involviert sind, wäre es Aufgabe der Behörden, diese Informationen von Pharmafirmen einzufordern sowie Ärzte und Apotheker in ihren Ausbildungen zu befähigen, Nutzen und Risiken richtig einzuschätzen und zu vermitteln.

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Siehe Links zum Kaufen des Buchs weiter unten

**Gigerenzer G., J. Mata, R. Frank, 2009: «Public knowledge of benefits of breast and prostate cancer screening in Europe» in «J. Natl. Cancer Inst. 101: 1216-1220.

***Schüssler B., 2005, «Im Dialog: Ist Risiko überhaupt kommunizierbar, Herr Prof. Gigerenzer?» in «Frauenheilkunde Aktuell 14: 25-31.

Themenbezogene Interessen (-bindung) der Autorin/des Autors

Keine

Weiterführende Informationen

* Gerd Gigerenzer, J.A.Muir Gray (Hrsg.): «Bessere Ärzte, bessere Patienten, bessere Medizin», 2013, 53.90 Fr. bei Buch.ch
Gerd Gigerenzer, J.A.Muir Gray (Hrsg.): «Bessere Ärzte, bessere Patienten, bessere Medizin», 2013, ca. 32 Fr. bei Amazon

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3 Meinungen

Stimmt es, dass 1 von 1'000 Frauen durch Screening vor dem Tod bewahrt werden könnte? Das wären ja (Wohnbevölkerung der Schweiz ca. 7 Mio. , davon die Hälfte Frauen) 3.5 tausend bzw. eben 3'500?
Luzi Rageth, am 11. Oktober 2013 um 12:23 Uhr
@Rageth. Sie müssen Folgendes berücksichtigen: Screenings zur Früherkennung hat laut Krebsliga nur bei Frauen im Alter 50-69 einen Nutzen. Wenn alle rund 880'000 Frauen in diesem Alter teilnähmen, könnten wie oben erwähnt – im Laufe von zehn Jahren – 880 vor dem Brustkrebstod bewahrt werden. Jedes Jahr also 88. Insgesamt sterben in der Schweiz jedes Jahr etwa 1350 Frauen an Brustkrebs.
Den 88 geretteten Frauen stehen Risiken und Nachteile für die rund
880 000 gesunden Frauen gegenüber, die sich alle zwei Jahre röntgen lassen müssten. Mindestens 250 Frauen würden im Laufe dieser zehn Jahre wegen gefundener Krebszellen operiert und behandelt, obwohl ihnen diese Krebszellen das ganze Leben lang nie Probleme gemacht hätten. 3500 Frauen mit verdächtigem Screening-Befund müssten sich einer Biopsie unterziehen, um festzustellen, dass kein Krebs vorhanden ist.
Urs P. Gasche, am 11. Oktober 2013 um 14:27 Uhr
Ich bin noch nie zu einem Arzt gegangen, um einen Gesundheitstest zu machen. Ich bin der Ueberzeugung, dass man fast immer etwas findet, zumindest nach einem gewissen Alter. Im Laufe des Lebens nimmt der Leib ab und der Geist zu, zumindest, wenn man das zulässt.
Aber einmal, als ich zu einer neuen Aerztin ging, fing die einfach mit Gesundheitstests an, ich war so überrascht, dass ich es geschehen liesse. Kurze Zeit später telefonierte sie mir, dass ich zu einem neuen Termin kommen soll, weil ich Zucker habe. Ich wusste nicht mal, dass sie diesen Test machte. Ich war überzeugt keinen Zucker zuhaben. Da ging mir ein Licht auf. Ich fragte sie, ob das den Test beeinflusse, wenn man grad vor der Untersuchung eine Tafel Schoggi gegessen hat. Sie meinte, dass ich das nicht hätte machen dürfen. Nanu, ich wusste ja nicht, dass sie mein Blut nach Zucker untersucht. Ich ging wieder hin, nüchtern und hatte jetzt keinen Zucker mehr im Blut.
Ich sehe insofern eine Gefahr mit diesen Checks. Die Untersuchungen mit den Apparaten sind statisch, der Mensch ist lebendig und immer in Bewegung, auch innerlich.
Ich hab noch nie ein Brustscreening gemacht und noch nie einen Abstrich. Ich bin jetzt 66 und werde das auch nicht mehr tun.
Eine wichtige Unterstützung um Gesund zu bleiben, ist, dass man in der Gegenwart lebt, weder in der Vergangenheit noch in der Zukunft und ein Urvertrauen in sich selbst, dass es schon gut ist, was kommt.
Allerdings ist etwas gewiss, Angst öffnet Krankheiten Tor und Tür. Eine Krankheit kann kommen. Sie kann aber auch wieder gehen. Wenn man zuviel davon weiss, kriecht einem die Angst hoch und nagelt die Krankheit fest.
Maya Eldorado, am 12. Oktober 2013 um 00:20 Uhr

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