Seniorinnen und Senioren werden älter als früher. Aber die Kurve flacht sich ab. © E-Plus-Gruppe_Fotostream/flickr/cc

Die Lebenserwartung stösst an Grenzen

Urs P. Gasche / 20. Aug 2017 - Die Menschen werden immer älter, behaupten Versicherungen und Politiker, um Renten zu kürzen. Die Statistik relativiert.

Frauen und Männer, die heute Anspruch auf Pensionskassen-Renten und auf die AHV haben, werden zwar zwar immer noch länger leben als die im gleichen Alter vor 16 Jahren, doch das Älterwerden flacht sich seit 2011 merklich ab. Das zeigen die aktuellsten Zahlen des Bundesamts für Statistik.

Trotzdem rechnen Pensionskassen-Versicherer weiterhin mit einer fast linearen Zunahme der Lebenserwartung.

«Jedes zweite Neugeborene wird 100 Jahre alt», verbreitete der Versicherungkonzern Swiss Life in TV-Werbespots und Zeitungsinterviews. Er rührte damit die Werbetrommel für tiefere Renten und ein höheres Rentenalter. Pensionskassen-Versicherer wie Swiss Life übertreiben die «Überalterung» der Bevölkerung, um weniger Renten auszahlen zu müssen.

Grössere Auflösung hier. Quelle: Bundesamt für Statistik. Grafik: Christoph Heinen

Die «Alterung der Bevölkerung» ergibt sich aus zwei verschiedenen Entwicklungen, die man auseinanderhalten muss:

  1. Erstens wird die geburtenstarke Babyboomer-Generation pensioniert. Dieser Bauch in der Bevölkerungspyramide wird nach rund zwanzig Jahren wieder schrumpfen und der Anteil der über 65-Jährigen wieder sinken. Es handelt sich um ein zeitlich beschränktes Problem.
  2. Zweitens wurden die einmal Pensionierten bisher immer älter: Frauen, die im Jahr 1981 gestorben waren, überlebten ihren 65. Geburtstag durchschnittlich 18,2 Jahre. Frauen, die 2016 starben, überlebten ihren 65. Geburtstag 22,6 Jahre. Bei den Männern war die Überlebenszeit nach dem 65. Geburtstag von 14,3 auf 19,8 Jahre gestiegen (siehe Grafik oben. Quelle: Bundesamt für Statistik BfS). Diese Todesfall-Statistik der Vergangenheit nennt man irreführend «Lebenserwartung».

Fälschlicherweise wird davon ausgegangen, dass sich die Tendenz der Todesfall-Statistik in Zukunft mit wenigen Abstrichen fortsetzt. In einem «Referenzszenario» gehen das Bundesamt für Statistik BfS sowie auch das Bundesamt für Sozialversicherungen BSV davon aus, dass 65-jährige Frauen im Jahr 2035 durchschnittlich noch 24,91 Jahre leben und 65-jährige Männer noch 22,44 Jahre. Das entspricht gegenüber heute einer zusätzlichen Renten-Lebenszeit von 2,3 Jahren für Frauen und von 2.64 Jahren für Männer. So viel länger müssten Renten im Jahr 2035 durchschnittlich bezahlt werden, sofern das Rentenalter nicht erhöht wird. Es geht um Milliardenbeträge.

Bei diesen Zahlen handelt es sich um die durchschnittliche Lebenserwartung von 65-Jährigen. Die zehn Prozent wirtschaftlich Schwächsten leben rund 10 Jahre weniger lang und beziehen deshalb auch zehn Jahre weniger lang Pensionskassen-Renten und die AHV als die zehn Prozent wirtschaftlich Stärksten.

Indizien für weniger Renten-Lebensjahre

Die Zukunft kann niemand voraussagen. Doch mehrere Indizien sprechen dafür, dass die 65-Jährigen – im Durchschnitt – bis 2035 mit einer höchstens ganz bescheiden höheren Lebenserwartung rechnen können:

  • Die gegenwärtigen Rentnerinnen und Rentner hatten in den Kriegs- und ersten Nachkriegsjahren zwar entbehrungsreicher, aber besonders gesund gelebt.
  • Ein Teil der Bevölkerung ernährt sich ungesünder als früher.
  • Der Anteil der stark Übergewichtigen und der Menschen, die sich zu wenig körperlich bewegen, hat deutlich zugenommen.
  • Ein erheblich grösserer Anteil an Menschen war und ist viel mehr Lärm und Stress und Feinststaub ausgesetzt als früher.

Es gibt auch Gegentrends wie etwa die Männer, die weniger rauchen. Oder es kann künftig zum bisher ausgebliebenen Durchbruch in der Behandlung häufiger Krebserkrankungen kommen. Ein Blick ins Ausland zeigt aber, dass die Lebenserwartung der 65-Jährigen in manchen Industriestaaten seit wenigen Jahren ebenfalls nur noch unmerklich zunimmt, stagniert und in einigen Grossstädten sogar abnimmt.

Entscheidend für Renten der Pensionskassen

Pensionskassenrenten: Für deren Finanzierung ist praktisch allein entscheidend, wie lange die Frauen und Männer nach der Pensionierung noch leben. Denn die Höhe der Renten richtet sich danach, für wie viele Jahre die verzinsten Pensionskassenbeiträge im Durchschnitt reichen müssen. Die apodiktische Behauptung verschiedener Parlamentarier, «die Leute werden immer älter», dient der Stimmungsmache und berücksichtigt den Trend der letzten fünf Jahre nicht.

AHV-Renten: Auch die Finanzierung der künftigen AHV-Renten hängt zu einem beachtlichen Teil davon ab, ob die Lebenserwartung von AHV-Bezügern weiter steigt oder stagniert. Doch solange die AHV direkt mit Lohnprozenten finanziert wird, ist das Verhältnis der Erwerbstätigen zur Zahl der AHV-Rentner ebenfalls wichtig. Dieses verschlechtert sich während zwei Jahrzehnten wegen der geburtenstarken Babyboomer-Generation.

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Weitere Informationen auf der Webseite des Baubiologen und Architekten Hansueli Stettler: «Schweizer Lebenserwartung und Lebensqualität im Sinkflug».

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Siehe auch:

Themenbezogene Interessen (-bindung) der Autorin/des Autors

Keine

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2 Meinungen

Es gibt weder eine gesunde Lebensweise, noch gesunde Ernährung. Es gibt nur tödliche, oder krank machende Nahrung, Lebensweisen. Das Gegenteil von krank machend ist aber nicht gesund, sondern gesundheitlich indifferent. Niemals in der Geschichte haben die Menschen so wenig krankmachend gelebt und gegessen, wie im 21. Jahrhundert in den führenden westlichen Industriestaaten. Die Nachkriegszeit war deutlich pathogener.

Allerdings ist die Biologie ist inzwischen weitgehend ausgereizt und das ist auch gut so. Mit jedem weiteren gewonnenen Monat, Jahr nimmt nur die Zahl der Dementen zu.
Ralf Schrader, am 20. August 2017 um 11:50 Uhr
Wahrscheinlich erfüllt das Statistisches Bundesamt überwiegend Wünsche aus der Versicherungsbranche, Stiftungen, Pensionskassen und Politik an die öffentliche Darstellung (nicht die umfangreichen Berechnungen und ausführlichen Darstellungen der letzten 5 Jahren korrekt zu erfassen und wiederzugeben). Anders kann ich die im Mittelpunkt der Presseveröffentlichungen stehende Beibehaltung des Renteneintrittsalters bei Zukunftsberechnungen (früher: heute und 2050 60 Jahre, jetzt: heute und 2060 65 Jahre) nicht interpretieren. Analog gehen die Versicherungskonzerne bei Krankheitsberechnungen vor. Im Mittelpunkt der Darstellungen (hier auch der Berechnungen) steht eine Beibehaltung des Eintrittsalters von Krankheiten (genauer der Wahrscheinlichkeit im Alter x diese Krankheit zu haben) trotz deutlich steigender Lebenserwartung oder eben nicht. Kein Wunder, dass daraus erheblich steigende Krankheitskosten errechnet werden. Beides nennt man Vermischung von statistischen (Krankheit nach Alter) mit dynamischen Modellen (wir werden älter) und ist auch ohne Absicht häufiger zu finden. Ja, mit Wisenschaft haben diese Veröffentlichungen nichts zu tun, sondern dienen einzig und alleine Partikularinteressen durchzusetzen. Vielleicht ein positiver Aspekt der 2. Säule: Die zahlreichen Arbeitnehmer, welche im Zusammenhang mit der zweiten Säule ihr Brot verdienen, dürften die Arbeitslosenzahl der Schweiz verkleinert haben.
Michele D'Aloia, am 20. August 2017 um 12:37 Uhr

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