Sprachlust: Heute noch Fehler, morgen schon Regel

Daniel Goldstein © Valérie Chételat
Daniel Goldstein / 08. Mär 2014 - Was in der Sprache richtig oder falsch ist, lässt sich nicht immer eindeutig sagen. Und es kann sich ändern, mit oder ohne Logik.

Manche, vielleicht nur noch wenige sind zusammengezuckt, als sie neulich in einer Zeitung dies lasen, in grossen Buchstaben: «Sie lehrt den Erwachsenen Lesen und Schreiben.» Hoffentlich nicht so, mögen kritische Geister spöttisch gedacht haben, denn ihre Lehrer hatten sie noch gelehrt, es müsse in diesem Fall heissen: «Sie lehrt die Erwachsenen lesen und schreiben.» Ausser wenn ein einzelner Erwachsener gemeint wäre, aber das war hier nicht der Fall. Die Regel dahinter: «lehren» verlangt zweimal den Akkusativ, wenn sowohl Fach als auch Adressat genannt wird. Anders «beibringen»: «Sie bringt den Erwachsenen (das) Lesen bei.» Oder bei Einzelunterricht: «der (bzw. dem) Erwachsenen», also Wemfall, Dativ.

Nur: Genau diese Möglichkeit führt der Duden seit mindestens einem halben Jahrhundert auch für «lehren» an: «Er lehrt mich (auch: mir) lesen», stand in der «Jubiläumsausgabe» von 1961, 50 Jahre nach dem Tod Konrad Dudens. Der hatte selber noch keine solchen Finessen in sein damals schlankeres Regelwerk aufgenommen. Noch spätere Ausgaben unterschieden dann weiter: Der Dativ der Person sei nur dann zulässig, wenn der Inhalt des Lehrens im Akkusativ stehe, als Substantiv wie «das Lesen». Bei einem Verb sei indessen nur der Akkusativ der Person zulässig, heisst es heute: «Er lehrt sie lesen.» Da «Lesen» und «Schreiben» im Zeitungsbeispiel grossgeschrieben, also substantiviert waren, war demnach «den Erwachsenen» auch im Plural zulässig.

Manchmal hilft Logik

Das Exempel zeigt zweierlei: Vermeintlich eiserne Regeln sind manchmal nur Auswahlmöglichkeiten, und selbst jene, die den alleinigen Segen des Duden haben, können sich mit der Zeit ändern. Historisch ist der Dativ der Person bei «lehren» wahrscheinlich älter, und er hat ja auch seine Logik: Die Belehrung wird jemandem verabreicht; «Dativ» kommt von lateinisch dare, geben. Gut möglich, dass beim Jubiläum 2061 auch wieder «er lehrt ihr/ihm/ihnen lesen» als korrekt gilt, falls das dann noch jemanden interessiert.

Ein hartnäckiger Fehler hat gute Chancen, zur Regel aufzusteigen, besonders wenn er wie hier logische Richtigkeit beanspruchen kann und obendrein früher schon einmal der Regel entsprach. Ein jüngerer Fall des Regelwandels gemäss Duden ist das Partizip «gewunken», das lange Zeit eines der wenigen Wörter war, die mit dem Vermerk «falsch» im Band «Rechtschreibung» standen. Jetzt aber steht da: «gewinkt (häufig auch gewunken)». Die starke Beugung ist also beim Partizip fast gleichberechtigt neben die schwache getreten, aber nicht beim Präteritum: Wer «ich wank» sagen will, nach dem Vorbild «ich sank», muss zumindest noch auf Anerkennung warten. Ebenso, wer lieber «ich sinkte» hätte, weil er auch «ich backte» sagt und nicht mehr «ich buk».

Überdacht ohne Dach

Mischformen wie «denken, dachte, gedacht» gibt es bei der Beugung oft, Wandel von der einen Form zur andern seltener. «SNB-Ausschüttung soll überdenkt werden», stand zwar auch in der Zeitung, ist aber in keinem Regelbuch zu finden. Dabei hätte die Form den Vorteil, dass dabei niemand an ein Dach denkt, während das korrekte «soll überdacht werden» auch von «überdachen» kommen könnte. Das zu meinen, wäre nicht einmal so abwegig: «plafoniert» könnte die Nationalbank-Ausschüttung durchaus werden, oder «gedeckelt», wenn es jene der Deutschen Bundesbank wäre.

Ein guter Kandidat für einen Fehler, der sich durchsetzt, ist der Kasus bei «gedenken»: Man gedenkt regelkonform «des Verstorbenen», aber im allgemeinen Sprachgebrauch wohl schon häufiger «dem» – schliesslich gibt oder widmet man ihm das Gedenken. Wer noch gelernt hat, sich als treuen Kameraden zu bezeichnen, ist laut «Richtiges und gutes Deutsch» (Duden-Band 9) in der Minderheit: «gewöhnlich» stehe da der Nominativ (also: treuer Kamerad). Bei mir sträubt sich allerdings die Logik gegen diesen Wandel.

--- Zum Infosperber-Dossier «Sprachlust»

Themenbezogene Interessen (-bindung) der Autorin/des Autors

Der Autor ist Redaktor der Zeitschrift «Sprachspiegel» und schreibt für die Zeitung «Der Bund» die Kolumne «Sprachlupe», die auch auf Infosperber zu lesen ist. Er betreibt die Website Sprachlust.ch.

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3 Meinungen

P. S. Gute Chancen auf Anerkennung hat - leider, weil unlogisch - auch die Dativ-Apposition: «Dies lässt sich am Beispiel Brasiliens, dem grössten Land des Subkontinents, zeigen.» Der Satz stammt aus dem Duden 9, der immerhin anfügt, besser heisse es «des grössten Landes", denn: Die «Dativapposition gilt vielen Sprechern als normal, sollte aber im geschriebenen Standarddeutschen vermieden werden.» Milderen Tadel gibt es kaum! Dabei ist der Dativ hier nicht nur «dem Genitiv sein Tod", sondern auch «dem Akkusativ seiner", wie ein weiteres «für viele Sprecher normales» Duden-Beispiel zeigt: «Der Preis für Brot, dem Grundnahrungsmittel, ist gestiegen."
Daniel Goldstein, am 08. März 2014 um 22:57 Uhr
Mir wurde eben beigebracht, dass man auf deutsch kodifiziert (nicht «codi.."). Ich musste aber auch lernen, dass man in der Schweiz in «die» richtige Richtung und nicht in «der» richtigen Richtung geht. In anderen Sprachen (english, français, etc) gibt es diese subtilen Unterschiede offenbar nicht.

Deutsche spraak, schweere spraak...

Im französischen Sprachbereich gibt es aber gegenwärtig eine Welle der «Franzisierung» der Aussprache, vor allem bei Eigennamen. So heisst der neue Kandidat für die Europäische Kommission so in etwa Schunker, Blocher heisst Bloschèr usw. Der neudorfer 800 m Läufer hiess übrigens Büsché. Nur Frésänsché heisst Freysinger. Auch französisch wird zur schwer-verständlichen Sprache.

Wenn Ausdrücke und Abkürzungen gebraucht werden, welche niemand versteht, hat die Sprache als Kommunikationsmedium wohl ausgedient.
Josef Hunkeler, am 09. März 2014 um 12:19 Uhr
@ Urs Lachenmeier: Zu «Meter(n)» finde ich, es gehe beides. Der Duden (Band 9) findet das auch, mit ausführlichen Erläuterungen. Der Fall liegt ausserhalb der genau geregelten amtlichen Rechtschreibung (von welcher gelegentlich abzuweichen auch keine Todsünde ist). In solchen Fällen oder wo mehrere Möglichkeiten amtl. bew. sind, geben der Duden und andere Wörter- bzw. Grammatikbücher auch nur Empfehlungen ab, meistens freilich gut begründete. Oft lassen sich in Zweifelsfällen plausible (oder wenigstens passable) Gründe für verschiedene Formen finden – wer da auf einer «einzig richtigen» Lesart beharrt, gerät in den Verdacht der Rechthaberei. Und erst recht, wer auf einer einzigen, «ursprünglichen» Bedeutung eines Worts beharrt: Wörter nehmen im Lauf der Zeit verschiedene Bedeutungen an, und so hat das Wasser eben «gelernt», (über die Ufer) zu treten. Wer sich daran stört, kann es schwappen oder schwellen lassen, aber besser ohne Mahnfinger für die «Treten-Fraktion». Es gibt genug Fälle krasseren Widersinns, auf die man losgehen kann. «Unmittelbar» ist kein solcher Fall, denn «bar» kann nicht nur «ohne» bedeuten, sondern auch mit «tragen» zu tun haben (z.B. fruchtbar). Ich vermute, zu einer unmittelbaren Wirkung brauche kein Mittel oder Mittler etwas beizutragen.
Daniel Goldstein, am 09. März 2014 um 18:36 Uhr

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