Es braucht ein grösseres Angebot an externen Betreuungsplätzen © kita burgdorf

Es braucht ein grösseres Angebot an externen Betreuungsplätzen

Einige Familienmythen begraben

Jürg Müller-Muralt / 30. Apr 2014 - Familienpolitische Vorstösse folgen Schlag auf Schlag. Für die Debatte wäre es gut, auf einige Mythen zu verzichten. (Teil 2)

Die Schweiz liegt im internationalen Vergleich punkto Familienpolitik im Hintertreffen, wie im ersten Teil dieser zweiteiligen Serie aufgezeigt worden ist. Es sind zudem immer noch die Frauen, die beruflich zurückstecken, wenn Kinder kommen. Sie sind es in erster Linie, die in eine Zwangslage geraten und sich fragen müssen: Beruf oder Kind? Dieses Dilemma führt zu unerwünschten Effekten in Wirtschaft und Gesellschaft: Viele gut ausgebildete Frauen ziehen sich ganz oder zumindest teilweise aus dem Berufsleben zurück, dringend benötigte Fachkräfte fehlen – und müssen im Ausland rekrutiert werden. Abhilfe schaffen könnte ein grösseres Angebot an externen Betreuungsplätzen. Immerhin nehmen schon heute gegen 40 Prozent der Paarhaushalte und 54 Prozent der Alleinerziehenden diese in Anspruch; ist das jüngste Kind unter sieben Jahre alt, sind es gar 52 bzw. 70 Prozent.

Mittelstand unter Druck

Allerdings bewegen sich die Betreuungskosten in der Schweiz auf Rekordhöhe: Gemäss einem OECD-Bericht geben Familien rund die Hälfte ihres Einkommens für Kinderbetreuung aus, das ist mehr als in jedem anderen Land. Die hohen Krippenkosten von bis zu 2500 Franken pro Monat für einen Vollplatz fressen denn auch häufig einen grossen Teil des Zweiteinkommens weg. Viele mittelständische Familien, die auf ein Zweiteinkommen angewiesen sind, können ein Lied davon singen. Da die Krippentarife in der Schweiz einkommensabhängig sind, stehen paradoxerweise Kleinverdiener etwas besser da, weil sie in den Genuss von Zuschüssen kommen. Für den Mittelstand führt das aber zu Fehlanreizen, die gerade in Zeiten mangelnder Fachkräfte fatal sein können. Zahlreiche Firmen haben das Problem erkannt, bieten interne Kinderbetreuungsplätze an und übernehmen auch einen Grossteil der Kosten. Das können sich jedoch wiederum meist nur sehr grosse Unternehmungen leisten, für viele Kleine ist das zu kostspielig. Hier wäre der Staat gefragt.

Familienpolitischer Abstimmungsmarathon

Die Chance einer etwas rascheren Gangart zur Problemlösung ist im vergangenen Jahr allerdings mit der Ablehnung des Verfassungsartikels über die Familienpolitik verpasst worden. Im März 2013 ist er am Ständemehr gescheitert, obschon die Mehrheit des Volkes ihm zugestimmt hat. Angestossen wurde das Projekt im Parlament von der Christlich-demokratischen Volkspartei (CVP). Der neue Artikel hätte Bund und Kantone verpflichtet, die Vereinbarkeit von Familie, Erwerbstätigkeit und Ausbildung zu fördern. Mit dem Ausbau familien- und schulergänzender Betreuungsplätze wäre vor allem die Position erwerbstätiger Mütter gestärkt worden.

Im November 2013 scheiterte das zweite familienpolitische Anliegen im gleichen Jahr. Die Schweizerische Volkspartei (SVP) wollte Familien steuerlich entlasten, die ihre Kinder selber betreuen. Dies sei nur gerecht, da Eltern, die ihre Kinder in Krippen schickten, Steuerabzüge geltend machen könnten. Falsch, sagten die Gegner der SVP-Volksinitiative: Die Vorlage bevorzuge steuerlich die «traditionelle» Familie mit der Kinder betreuenden Frau zu Hause.

Doch die Parteien lassen nicht locker: Die CVP macht gleich mit zwei Initiativen Druck, die dieses Jahr zu reden geben werden. Mit dem einen Volksbegehren will sie die Kinder- und Ausbildungszulagen von den Steuern befreien. Mit einer weiteren Initiative will die CVP die sogenannte Heiratsstrafe abschaffen, also die Schlechterstellung der Verheirateten bei der AHV. Heute beträgt die Rente eines verheirateten Paars 150 Prozent, Konkubinatspaare erhalten zweimal die volle Rente. Das Vorhaben hat allerdings einige Haken und ist umstritten. Das höchste Schweizer Gericht hat klargestellt: Konkubinatspaare sind trotz doppelter AHV-Rente nicht bevorteilt, im Gegenteil (Infosperber-Beitrag dazu).

Die Sozialdemokratische Partei denkt ebenfalls laut über eine eigene Initiative nach. Im Vordergrund stehen die Forderungen nach besserer Vereinbarkeit von Beruf und Familie, mehr bezahlbaren Betreuungsplätzen und die Erhöhung der Kinderzulagen.

Die Normfamilie gibt es nicht

Dieser Aktivismus zeigt, dass die Politik auf die dramatischen Veränderungen bei den Familienstrukturen und Paarbeziehungen reagiert. Das Bundesamt für Statistik hält im Fazit des umfassenden Familienberichts von 2008 fest: «Durch die Verselbständigung des Individuums gegenüber der Gesellschaft, die Emanzipation der Frauen, aber auch durch die Befreiung von religiöser und bürgerlicher Moral sind einige Tabus gebrochen worden». Dabei muss man sich aber immer bewusst sein, dass die Tabus, die da gefallen sind, gar nicht so alt sind. Denn die kulturkämpferischen Auseinandersetzungen um die «richtige» Familie und die adäquate Familienpolitik stützen sich häufig auf Mythen, die einer historischen Analyse nicht standhalten.

Die «traditionelle Familie» mit festgefügter Rollenverteilung zwischen Mann und Frau ist gar nicht so alt. «Erst in den Boomjahren nach dem Zweiten Weltkrieg wurde dieses Ideal von breiten Schichten geteilt», sagt Regina Wecker, emeritierte Professorin für Geschichte an der Universität Basel in einem Beitrag der «Zeit». Was häufig als etwas Naturgegebenes mit Ewigkeitswert dargestellt wird, habe etwa ab 1960 für rund drei Jahrzehnte als Norm existiert und weder vorher noch nachher der Realität einer Mehrheit von Menschen in der Schweiz entsprochen.

Auch dass Frauen einer Erwerbsarbeit nachgehen, sei keine historische Anomalie der Gegenwart, sondern seit Jahrhunderten der Normalfall. So etwa haben die Frauen «in den neu entstandenen Textilfabriken bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts die Mehrheit der Belegschaft ausgemacht.» Zuvor waren die Frauen einfach zu Hause berufstätig – zum Beispiel in der Heimtextilindustrie.

Die Fremdbetreuung der Kinder ist ebenfalls keine junge Entwicklung. «Neu» ist das Phänomen nur, wen man nicht weiter als bis in die Sechzigerjahre des letzten Jahrhunderts zurückblickt. Sehr viele Kinder wuchsen im 18. und 19. Jahrhundert gar nicht bei ihren Eltern auf, nicht weil sie im heutigen Sinn fremdbetreut wurden, sondern «weil die Eltern bereits gestorben waren oder keine Zeit für ihren Nachwuchs hatten – sie mussten arbeiten», schreibt die «Zeit». Noch bis zur Einführung der AHV 1948 war es üblich, Kinder in fremden Familien zu platzieren, wenn ein Elternteil starb. Und überhaupt: «Der Anspruch, dass Kinder einer besonderen Sorge bedürfen, eben dass sie betreut werden müssen, entstand erst im 19. Jahrhundert und konnte bis weit ins 20. Jahrhundert nicht erfüllt werden. Auch nicht von den leiblichen Eltern, weil sie keine Zeit dafür hatten», sagt Regina Wecker.

Es wäre im weiteren familienpolitischen Schlagabtausch schon viel gewonnen, wenn wenigstens nicht mit historisch unhaltbaren Mythen argumentiert würde. Die gesellschaftlich einzig statthafte Normfamilie gibt es nämlich nicht – und es gab sie nie.

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(Dieser Text erschien zuerst in der «Schweizer Revue» Nr. 2 / April 2014 (Zeitschrift für die Auslandschweizer)

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1. Teil: Schweiz als familienpolitisches «Entwicklungsland»

Themenbezogene Interessen (-bindung) der Autorin/des Autors

Keine

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6 Meinungen

Es gab Normfamilie nie, nicht mal im 15. Jahrhundert, als Klaus von Flüe fand, 10 Kinder würden reichen, er könne sich jetzt leisten, einen guten Steinwurf von seiner Familie entfernt als Einsiedler zu leben. Damit verhinderte er elftes und zwölftes Kind seiner Familie, was in kirchenrechtlichem Gutachten zum Problem erklärt wurde. Daher der Vorwurf, er habe seine Familie verlassen, wiewohl er für diese 24 Stunden im Tag besser erreichbar war als heute ein durchschnittlicher auswärts berufstätiger Berufsmann und Familienvater.

Die beste und günstigste Familienpolitik wäre in der Regel keine Familienpolitik. Die Entscheidungen des Souveräns im Frühjahr und Herbst 2013 waren klug. Es bleibt nicht einzusehen, warum der Staat über die AHV hinaus für Kinder und alte Leute zuständig sein soll, dies bedeutete Unzurechnungsfähigkeitserklärung der Bevölkerung. Man muss aber zur Kenntnis nehmen, dass Kinder natürlich für die Altersversorgung und die Pension mehr bringen ist als nur möglichst viele Einzahlungen in AHV und Pensionskasse. Also müssten Eltern, die für ihre Kinder tatsächlich gearbeitet und bezahlt haben, bei der Altersversorgung besser gestellt sein. Das wäre die einzige logische Familienpolitik.

Interessant ist, warum Ständerätin Anita Fetz (SP) in BS die widerwillig kinderlose Martina Bernasconi (GLP) in den Regierungsrat empfiehlt anstelle des 3fachen Jungfamilienvaters Engelberger (CVP). Er solle sich um seine noch kleinen Kinder kümmern! Eine vertretbare Ansicht.
Pirmin Meier, am 30. April 2014 um 10:04 Uhr
Ein wohltuend differenzierter Artiker von Jürg Müller. Besten Dank! Besonders die zitierten historischen Richtigstellungen von Regina Wecker finde ich sehr wichtig. Das politisch instrumentalisierte Famlienideal ist effektiv ein ideologisches Konstrukt. Kritik verdient einzig der auch hier verwendete wieder in Mode gekommene unpräzise und vage Begriff «Mittelstand", wo doch offensichtlich «Mittelschicht» oder noch klarer «mittlere Einkommen» gemeint ist. Traditionell meint Mittelstand Bauern und Gewerbe. Das ist auch o.k. Mittelstand sagt aber nichts aus über die hier interessierenden verfügbaren Einkommen und wird deshalb auch immer wieder politisch missbraucht: Alle sind plötzlich «Mittelstand". Gerade angesichts der sich heute weit öffnenden Einkommens- und Vermögensschere wäre im Bezug auf die Frage was man sich leisten kann (hier Fremdbetreuungsaufwand) eine präzisere Begrifflichkeit wünschbar. Das spricht aber nicht gegen den gesamten Artikel. Im Gegenteil, er ist hervorragend.
Rolf Zimmermann, am 30. April 2014 um 17:49 Uhr
"Jede Person muss sich halt entscheiden ...» Dabei haben aber nicht gerade alle denselben Entscheidungsspielraum.
Oft entscheidet der Vater gar nicht, sondern arbeitet einfach weiter als wenn er alleine wäre. Sollte er doch etwas hinterfragen, wird ihm schnell klar gemacht, dass seine beruflichen Entfaltungsmöglichkeiten gekappt werden, wenn er signalisiert, dass er sich nicht nur Vollzeitarbeit mit zusätzlicher Verfügbarkeit vorstellen kann. Er hat oft die sicherere Stelle und verdient mehr - also ist doch alles klar.
Soll sich doch die Frau mit allem anderen herumschlagen. Wenn es dann nicht gut herauskommt, bezahlt der Staat für «Sozialfälle". Dieser Ist-Zustand ist unbefriedigend.
Von mir aus müsste sich die Gesellschaft um mehr bezahlbare Kinderbetreuung kümmern und Bildung (finanziell) zugänglicher machen.
So wie es jetzt läuft, wäre es eigentlich konsequenter, Mädchen gar nicht zur Schule zu schicken. Es wäre ja möglich, dass sie einmal Kinder haben und nicht das Geld für die teuren Krippen.
Maja Beutler-Vatter, am 01. Mai 2014 um 09:13 Uhr
@Geschätzte Maja Beutler-Vatter: Was Sie schreiben, ist in den ersten zwei Dritteln wie meist ein kluger und besonnener Beitrag, umso schätzenswerter, als Sie zu den wenigen Frauenstimmen in der hier geführten Diskussion gehören. Auch die Beiträge von Herrn Lachenmeier schätze ich in der Regel sehr.

"Bildung finanziell zugänglicher machen» - wir hatten noch nie so viele Maturandinnen und Maturanden, die Mädchen sind in der Mehrheit, aber das Bildungsniveau in unseren Parlamenten ist heute klar tiefer als 1848 oder auch 1980, Sie können sich nicht vorstellen, wie haushoch überlegen etwa Ständerätin Josi Meier den CVP-Bundesrätinnen war, oder ein Kurt Furgler einem Darbellay. Auch Willi Ritschard, obwohl «nur» Arbeiter, hatte eine geistige Allgemeinbildung, wie sie 90% der Maturandinnen und Maturanden leider nicht vermissen, dank Diplomen merken viele Leute nicht, dass sie im Vergleich zu einem gebildeten Arbeiter, etwa Jakob Bührer oder Karl Kloter, geistig Analphabeten sind.

Auch Karl Popper hat darauf hingewiesen, dass es noch nie eine Epoche der Menschheit gab, in der man, wenn man sich nur ein bisschen interessieren würde, so leicht an die Bildung herankommt. Das hat aber nur zum Teil mit den Kosten zu tun. Verknappung wäre für die Entwicklung von Appetit manchmal direkt besser, das möchte ich freilich als lebenslang engagierter Gymnasiallehrer nicht falsch verstanden haben. Klar ist, dass man nicht oben Geld reinlassen kann und unten kommt Bildung heraus.
Pirmin Meier, am 01. Mai 2014 um 12:24 Uhr
MM macht wichtige Gedanken zu künftigen Familiensystemen und Betreuungsformen. Allerdings fehlt die Frage nach der Finanzierung. Der Staat soll das finanzieren, reicht nicht aus! Es muss klar sein, woher der Staat das Geld dafür hat und wie die Solidarinstitutionen organisiert und finanziert sind. Bsp. 1: Die Care-Economy hält oft (mehr)wertschöpfende und wertvolle Arbeit nicht klar auseinander. Strukturblindheit blen-det dann aus, warum jene, die Säuglingen professionell die Windeln wechseln, nicht gleich gut entlohnt sind, wie Bankiers oder Konzernmanager. Und unverstanden bleibt, weshalb Kinder in der armen Welt oft anderes bedeuten als Kinder bei uns: Dort dienen sie u. a. der Altersvorsorge, in der reichen Schweiz schaffen sie Möglichkeiten für neue Arbeitsplätze.... solange die Privatwirtschaft ausreichend Profit akku-muliert und dieser vom Staat dann auch abgeschöpft werden kann. Bsp. 2: Werden polygame Ehen tel quel verrechtlicht, müssen künftig ledige und monogame SteuerzahlerInnen für einen einzelnen Mann auf-kommen, der mit x Frauen noch mehr Kinder zeugt, auch wenn er sich das nicht leisten kann. Umgekehrt wird eine Frau, die sich 7 Männer anlacht, kaum derartige Probleme verursachen. Warum nur blenden so viele Juristen derartige Fragen aus? Auch sie denken und argumentieren oft strukturblind. Die Regel für Polygynie in vorstaatlichen Gesellschaften lautetüberall: Jede Familie muss für sich selber aufkommen!
Verena Tobler Linder, am 01. Mai 2014 um 12:36 Uhr
Dass eine gerechtere Steuerlastverteilung immer wieder abgelehnt worden ist, kann doch die oben erwähnte Chancenungleichheit von Vätern und Müttern nicht rechtfertigen!
Maja Beutler-Vatter, am 01. Mai 2014 um 18:56 Uhr

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