Burmas Dissident Win Tin sass insgesamt 19 Jahre im Gefängnis © htoo tay zar/wikimedia commons

Burmas Dissident Win Tin sass insgesamt 19 Jahre im Gefängnis

Saya Win Tin: Kompromisslos für Demokratie

Peter G. Achten / 02. Mai 2014 - Der Politiker, Journalist und Dichter Win Tin ist im Alter von 85 Jahren gestorben. Er war und bleibt Myanmars moralische Instanz.

Zusammen mit Oppositionsführerin Aung San Suu Kyi gründete der damalige Journalist Win Tin 1988 nach den blutig unterdrückten Studentenunruhen die Nationale Liga für Demokratie (NLD). Nur ein Jahr später wurde Friedensnobelpreisträgerin Suu Kyi unter Hausarrest gestellt und Win Tin inhaftiert. Trotzdem gewann 1990 die NLD die von den Militärs anberaumten Wahlen mit einem Erdrutschsieg. Damit hatten die Uniformierten niemals gerechnet. Das Wahlresultat wurde für nichtig erklärt. Win Tin wurde zunächst zu drei Jahren Haft verurteilt. Die Strafe wurde zweimal unter fadenscheinigen Gründen verlängert.

Er erhielt fünf weitere Jahre wegen «Unterschlagung von Staatseigentum»; Gefängniswächter hatten Bleistift und Papier in Wins Zelle entdeckt. Weitere sieben Jahre wurden von den parteilichen Richtern verhängt wegen «geheimer Publikation von Propaganda, mit dem Ziel, Aufruhr im Gefängnis anzuzetteln». Die Propaganda: ein Brief an die Vereinten Nationen, in dem die Menschenrechtsverletzungen der seit 1962 herrschenden Armee anprangert wurden. Insgesamt blieb Win Tin 19 Jahre in Haft.

Die Generäle versuchten die Opposition zu spalten

Den Zorn der Militärs zog Win Tin schon früh auf sich. Als Chefredaktor der einflussreichen Tageszeitung «Hanthawaddy» in Mandalay liess er in den frühen 1970er-Jahren immer wieder kritische Artikel über die Militär-Junta unter General Ne Win publizieren. Das Blatt wurde schliesslich geschlossen. Doch auch als freischaffender Journalist liess sich Win Tin den Mund nicht verbieten. Beim Aufstand der Studenten, Arbeiter und Angestellten 1988 fand er in Aung San Suu Kyi eine mutige Mitstreiterin. Das Motto der damals gegründeten NLD war einfach und jedermann verständlich: Wenn nicht von der Mehrheit autorisiert, widersetze dich jedem Befehl und jeder Autorität.

Kein Wunder, dass die Militärs den Dissidenten Win Tin als ziemlich gefährlich eingestuft haben. Sie hielten ihn für einen verkappten Kommunisten und für den politisch-strategischen Einflüsterer der erst 1988 aus dem Ausland zurückgekehrten Aung San Suu Kyi, der Tochter von Armeegründer und Nationalheld General Aung San. Die Generäle versuchten deshalb 1992 mit Win einen Kuhhandel zu arrangieren und das oppositionelle Lager zu spalten. Ihm wurde die Freilassung aus dem berüchtigten Yangoner Insein-Gefängnis versprochen, wenn er danach ganz auf Politik verzichte. Doch der prinzipientreue Win lehnte ab und bat seine politischen Mitgefangenen in geheimen Kassibern, es ihm gleichzutun.

Gefoltert, geschlagen und tagelang kein Essen

Dafür büsste Win Tin schwer. In seinem vor vier Jahren erschienenen Buch «Was ist das? Eine menschliche Hölle» beschreibt er das Leben im Insein-Gefängnis. Er selbst wurde gefoltert, geschlagen, bekam tagelang kein Essen und nur wenig Wasser, erhielt Schlafentzug, verbrachte jahrelang in Einzelhaft, wurde sogar einmal für sechs Monate in einen Hunde-Käfig gesperrt.

Trotz seines vorgerückten Alters und Gesundheitsproblemen – Herz, hoher Blutdruck, Diabetes – erhielt er nur ungenügend ärztliche Hilfe. Verschiedentlich weigerte er sich, Geständnisse zu unterschreiben, obwohl ihm dafür die Freilassung in Aussicht gestellt wurde. Auch im Gefängnis liess sich Win Tin nicht den Mund verbieten. Er schrieb Gedichte an die Zellenwand mit einer Paste aus zerkrümeltem Backstein und Wasser. In einem monatlich erscheinenden Kassiber schrieb er Artikel für die Mithäftlinge. Bei einer überraschenden Generalamnestie vor sechs Jahren wurde Win Tin endlich aus der Haft entlassen. Ungebrochen.

Blaues Hemd als Zeichen des Protestes

So erlebte ich ihn vor anderthalb Jahren in seiner bescheidenen Zwei-Zimmer-Behausung in der Hafenstadt und Wirtschaftsmetropole Yangon. Nicht verbittert oder gebrochen, sondern humorvoll und mit einem scharfen Intellekt ausgestattet. Er trug ein blaues Hemd als Zeichen des Protestes gegen die Militärs, denn blau ist die Farbe der Gefängniskluft. Seiner Meinung nach hat auch heute, ihm Jahre drei der poltischen und wirtschaftlichen Reform, die Armee noch allzuviel Macht. Ein Viertel des Parlamentssitze zum Beispiel wird qua Verfassung mit Uniformierten besetzt. Dieser Verfassungsartikel wiederum kann nur mit einer Zweidrittels-Mehrheit geändert werden.

Kaum aus dem Gefängnis entlassen, stürzte sich Win Tin 2008 wieder in die politische Arbeit. Er reorganisierte die von den Soldaten zertrümmerte Nationale Liga für Demokratie, zunächst illegal, dann halblegal und schliesslich seit zwei Jahren legal. Diese Arbeit war nicht ganz einfach, denn ähnlich wie in der Armee fordert auch im Lager der Demokraten die jüngere Generation mehr Mitsprache. Für viele der jüngeren NLD-Mitglieder wollte Win Tin zuviel und zu schnell. Die «Lady» wiederum habe die allgemeinen Wahlen 2010 entgegen dem Ratschlag der jüngeren NLD-Generation boykottiert. Zu Unrecht, wie sie meinen. Immerhin hätten sie mit einer Splitterpartei einige Sitze gewonnen. Das Jahr 2010 sei somit der Ausgangspunkt des ganzen jetzt laufenden Reformprozesses.

Opposition gegen die Teilnahme bei den Nachwahlen

Oppositionsführerin Aung San Suu Kyi ist in Myanmar in- und ausserhalb der Partei allseits geachtet und beliebt. Ihre Stellung freilich innerhalb der Partei wird hinter vorgehaltener Hand als allzu dominant empfunden. Die Demokratie-Ikone, sagen Partei-Insider in Yangon immer wieder, ertrage nur schwer Kritik. Win Tin war einer der ganz wenigen, der ihr zu widersprechen wagte. Öffentlich bekundete er seine Opposition gegen die Teilnahme der NLD bei den Nachwahlen von 2012. Für die Nachwahlen gelte dasselbe wie für die Wahlen zwei Jahre davor. Die Liga, Suu Kyi eingeschlossen, habe ja aus gutem Grund die allgemeinen Wahlen 2010 boykottiert. Es sei auch 2012 noch zu früh, denn erst müsse die extrem armeefreundliche Verfassung geändert werden.

Doch Suu Ky setzte sich durch und holte 40 von 45 zur Wahl stehende Sitze. Der grosse Sieg, meinte damals die in Myanmar lieb- und respektvoll geheissene «Lady», gebe für die allgemeinen Wahlen von 2015 zu grossen Hoffnungen Anlass. Die Friedensnobelpreisträgerin, im politischen Alltag angekommen, wurde zur taktischen Politikerin mit grossen Einfluss. Wo Win Tin in der Minoritätenfrage oder dem Konflikt der Buddhisten mit dem Moslems klare Worte der Mässigung und Vernunft sprach, drückte sich Oppositionsführerin, schwieg oder nahm Zuflucht zu allgemeinen Floskeln.

Trotz Meinungsverschiedenheiten loyal mit Suu Kyi

Nach Win Tins Meinung kam die Annäherung von Suu Kyi an die Generäle zu früh. Er traute den von massgeschneiderten Uniformen auf feinstes ziviles Tuch umgestiegenen Soldaten nicht über den Weg. Auch nicht dem seit 2011 regierenden Reformgeneral Thein Sein. Win Tin, der einst die bewaffneten Junta-Machthaber als politische Vergewaltiger bezeichnet hatte, hielt bis am Ende seines Lebens Distanz. Solange die Militärs die Politik massgeblich beeinflussen, so sein Mantra, wird es keine Demokratie geben. Trotz Meinungsverschiedenheiten arbeitete er loyal mit Suu Kyi im besten Einvernehmen zusammen. Das gemeinsame Ziel: Demokratie.

Immerhin, Win Tin sprach in einem BBC-Interview vor zwei Jahren davon, dass er «Licht am Ende des Tunnels» sehe. Ein Jahr später schränkte er in einem Interview mit der Nachrichten-Agentur Reuters ein wenig ein: «Gewiss, wir müssen bis zu einem gewissen Grad kooperieren, doch wir können nicht die ganze Zeit Kompromisse eingehen». Bei meinem Zusammentreffen vor anderthalb Jahren gab sich Win Tin jedoch überzeugt, das die NLD bei den allgemeinen Wahlen 2015 einen überwältigenden Sieg davontragen werde.

Unesco-Friedenspreis und Goldene Feder für den Frieden

Im Ausland wenig bis kaum bekannt, ist Win Tin in Burma umso beliebter. Tausende nahmen auf dem Friedhof bewegt Abschied. Er war bekannt unter seinem respektvollen Übernamen Saya – der Weise, der Lehrer. Der studierte Historiker und Literat erhielt für sein furchtloses Eintreten für Demokratie den Unesco-Friedenspreis sowie vom Weltverlegerverband die Goldene Feder für den Frieden. «Er war», so NLD-Sprecher Nyan Win, «ein Leuchtturm der Kraft. Sein Tod ist ein grosser Verlust nicht nur für die NLD sondern für das ganze Land». Aung San Suu Kyi lobte Mitstreiter Win Tin als «Mann des ausserordentlichen Mutes und der grossen Integrität».

Themenbezogene Interessen (-bindung) der Autorin/des Autors

Keine. Peter Achten arbeitet seit Jahrzehnten als Journalist in China.

Weiterführende Informationen

Dossier: Myanmar (Burma)

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