libya detention camp © Taha Jawashi, Amnesty International

Flüchtlinge, die von der libyschen Küstenwache in ein Camp der Regierung zurückgebracht wurden.

Libyen: Routinemässig Folter und Vergewaltigung

Daniela Gschweng / 12. Mai 2019 - Die systematische Gewalt gegen Flüchtende wird immer grausamer. Eine Ursache dafür ist die zunehmende Abschottung Europas.

Flüchtlinge und Migranten, die versuchen, von Afrika nach Europa zu gelangen, sind in offiziellen wie inoffiziellen libyschen Haftanstalten routinemässig sexueller Gewalt ausgesetzt, ergab eine Umfrage der «Women's Refugee Commission». Die Grausamkeiten werden immer schlimmer, sagt die Organisation, die zwischen Oktober 2015 und November 2018 Flüchtlinge in Italien sowie Beteiligte wie Seenotretter, Menschenrechtsexperten und lokale Informanten befragt und Informationen anderer Organisationen zusammengetragen hat. Betroffen sei jeder, der durch Libyen fliehe, Männer wie Frauen, Erwachsene wie Kinder, Muslime wie Christen. Andere Organisationen bestätigen diese Angaben.

«Sexuelle Gewalt wird zur Erpressung, Unterwerfung, Bestrafung und Unterhaltung eingesetzt und beinhaltet häufig Elemente tiefer Grausamkeit und psychologischer Folter», fasst der Bericht zusammen. Die Überlebenden, die es nach Europa schaffen, tragen die psychischen und physischen Spuren Libyens. Zu den sichtbaren Spuren zählen Verbrennungen, Schusswunden, Narben und ungewollte Schwangerschaften, zu den unsichtbaren Albträume, Schlaflosigkeit, Traumata.

Unerträgliche Augenzeugenberichte

«Alles, was Sie gehört haben, ist wahr», sagt ein Überlebender, «es gibt keine Worte dafür», sagt ein anderer. Falls sich doch Worte finden, sind die Details fast unerträglich. Opfer und Augenzeugen berichten von Vergewaltigungen mit Stöcken, Verbrennung der Genitalien, Kastration, Elektroschocks. Männern wird der Penis abgeschnitten, sie werden gezwungen, Familienangehörige zu vergewaltigen, oder gar Leichen zu schänden. Oft geschieht das vor Zeugen und nicht selten werden die Taten sogar gefilmt.

2018 befanden sich nach Schätzungen der Vereinten Nationen zwischen 700‘000 und einer Million Flüchtlinge und Migranten in Libyen. Zehn Prozent davon sind Kinder, die Hälfte davon reist unbegleitet. Von den Erwachsenen sind etwa vier Fünftel Männer. Ungefähr 5‘000 Personen befinden sich in offiziellen Lagern der Regierung, schätzte «Médecins sans Fronières» Ende 2018. Wer in Libyen festgenommen oder von der libyschen Küstenwache ins Land zurückgebracht wird, landet dort. Ein- und Ausreise ohne gültiges Visum sind in Libyen illegal. In der Praxis heisst das Internierung ohne Gerichtsverfahren auf unbestimmte Zeit.

Kontrollen seien nur Show, sagt ein Gefangener

Die Umstände in den offiziellen libyschen Gefängnissen sind bereits schwer bis untragbar: erdrückende Enge, zu wenig Nahrung, wenig Wasser, kaum bis gar keine medizinische Versorgung, Schläge, Folter, Zwangsarbeit. Das alles ist seit Jahren bekannt. Sexuelle Gewalt wird systematisch ausgeübt, stellt der Bericht fest, bei beiden Geschlechtern, oft unter dem Vorwand der Durchsuchung.

Kontrollen in den von der EU und den Vereinten Nationen mitfinanzierten Gefängnissen der Regierung seien nichts als Inszenierungen, berichtet ein eritreischer Flüchtling im «Guardian». Kämen Besucher, würde aufgeräumt und die Gefangengen bekämen zu essen. Kranke und Verletzte würden versteckt. Decken und Hygieneprodukte, die den Gefangenen übergeben würden, würden hinterher von den Wärtern wieder eingesammelt und verkauft.

Keine einzige Person berichtete nicht von Gewalterfahrungen

Wer freikommt, ist dennoch nicht sicher. Zu den Orten sexueller Gewalt gehören neben offiziellen und inoffiziellen Haftanstalten auch Kontrollpunkte von bewaffneten Gruppen und Privathäuser. Sexuelle Gewalt geschieht im Kontext von Zwangsarbeit und Versklavung, in städtischen Gebieten durch Banden.

Keine einzige befragte Person machte auf ihrer Reise keine Gewalterfahrungen. Nur zwei Befragte gaben explizit an, auf ihrer Reise keine sexuelle Gewalt erfahren zu haben, wofür sie hohe Summen bezahlen mussten. Ein Anwalt, der mit Flüchtlingen und Migranten arbeitet, schätzt, dass alle weiblichen und 98 Prozent der männlichen Flüchtlinge auf ihrem Weg durch Libyen sexuelle Gewalt erfahren haben. Ein psychologischer Betreuer sagt: «Es [sexuelle Gewalt] ist so weit verbreitet, dass es ein Euphemismus für Vergewaltigung ist, wenn ein Mann sagt: ‚Ich bin durch Libyen gegangen‘.» Flüchtende würden in Libyen nicht wie Menschen behandelt, sagte eine Ärztin, die für «Médecins sans Frontières» arbeitet dem «Spiegel».

Wer nichts mehr einbringt, wird getötet

Wer von Banden gefangen, von Menschenhändlern gekidnappt, von Schleppern verkauft oder in einem der inoffiziellen Lager gefangen gehalten wird, dem droht ein noch schlimmeres Schicksal: Erpressung, Folter, Tod. Oft werden Folter und Vergewaltigung gefilmt, um von Angehörigen Geld zu erpressen. Ist nichts mehr zu holen, werden die Opfer zu Tode gequält oder teilweise regelrecht hingerichtet, um Platz für neue zu schaffen. Meist so, dass andere Gefangene sehen, was ihnen bevorsteht. Das bestätigt ein Bericht der Vereinten Nationen.

Wer unter diesen Umständen von «Asyltourismus» spricht, ist mehr als zynisch. Misshandlungen von Flüchtenden in libyschen Lagern sind seit Jahren bekannt. Seit Europa auf Druck von innen seine Grenzen immer weiter schliesst, hat sich die Lage verschärft. Die zunehmende Grausamkeit gegenüber Flüchtlingen sei eine direkte Folge dieser Abschottung, sagt Sarah Chynoweth, Leiterin des Projekts zu sexueller Gewalt bei der «Women's Refugee Commission». Seit die Einnahmen der Schlepper durch Überfahrten zurückgegangen seien, griffen sie zu immer extremeren Formen der Folter, um Lösegeld zu erpressen.

Die «Women’s Refugee Commission» appelliert an die EU-Länder, die Menschenrechte bei ihrem Handeln in den Vordergrund zu stellen und Flüchtende nicht länger in ein zunehmend rechtloses Bürgerkriegsland wie Libyen zurückzuschicken, wo ihnen schlimmste Gewalt droht. Sie fordert die europäischen Länder auf, diejenigen zu unterstützen, denen die Flucht nach Europa gelungen ist.

Themenbezogene Interessen (-bindung) der Autorin/des Autors

keine

Weiterführende Informationen

«More than one million pains. Sexual Violence Against Men and Boys on the Central Mediterranean Route to Italy», Women’s Refugee Commission (PDF)
«Desperate and Dangerous: Report on the human rights situation of migrants and refugees in Libya», UNHCR (PDF)

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3 Meinungen

Diese Art der Kriegsführung «cum Volksbelustigung», wo der Besiegte zum Spielzeug der Sieger wird, hat Tradition. Schon an der Nordwand des Ramsestempels in Luxor sind solche Szenen dargestellt und der Film «Africa addio» hat ein übriges zu diesem Thema beigesteuert.

Krieg ist immer eine menschenverachtende «Sache», ob mit Macheten, Grabstöcken oder ferngesteuerten Lenkwaffen. Wenn die Sache auf dem Niveau der Instinkte einzelner sich in der Gruppe stark fühlender Individuen oder am Schreibtisch per Knopfdruck passiert, können zwar unterschiedliche Emotionen provoziert werden, die Tatsache der Menschenverachtung bleibt aber bestehen. Ob mit Gas, konventionellen Bomben oder Macheten... ist nur ein Unterschied der Modalität.
Josef Hunkeler, am 12. Mai 2019 um 11:49 Uhr
Alles klar. Wir Europäer sind schuld. Wir nehmen zu wenig Flüchtlinge auf. Verursacher der Katastrophe sind Frankreich und USA. Aber das darf man nicht laut sagen. Frankreich hat als erster darauf gedrängt, Libyen von dem Tyrannen Gaddafi zu befreien. In Zusammenarbeit mit den USA ist es dann gelungen. Libyen war das Vorzeige-Land in Afrika, mit guter Schulbildung, guten Frauenrechten, guter Gesundheitsversorgung und sozialer Absicherung. Aber...., es hat viel Oel. Un diese Geschichten kennen wir ja.
Paul Stolzer, am 13. Mai 2019 um 13:26 Uhr
Paul Stolzers Beschreibung der Zustände in Lybien unter Gaddafi scheint mir etwas gar rosig. Aber zweifellos ist die heutige Lage massiv schlechter. Eine einigermassen geordnete Diktatur ist für die Betroffenen fast immer weniger schlimm ist als anarchische Zustände.
Im Artikel von Daniela Gschweng vermisse ich Lösungsansätze. Eine komplette Öffnung der Grenzen wäre für jede europäische Regierung eine Harakiri-Übung mit Erfolgsgarantie. Eine leichte Öffnung innerhalb des politischen Handlungsspielraumes würde die Situation in Libyen in keiner Weise verbessern.
Es wäre ein guter Anfang, wenn alle europäische Länder ihre eigenen strategischen Interessen in der Libyen-Frage zurückstellen und gemeinsam den Aufbau eines geordneten Staates unterstützen würden. Denn einen solchen braucht es, um die geschilderten Verbrechen zu bekämpfen.
Daniel Heierli, am 18. Mai 2019 um 15:57 Uhr

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