Glosse
Handwerk: Kenia läuft uns den Rang ab
Wenn in seiner Wohnung in Kenia zum Beispiel das WC nicht funktioniere, rufe er einfach einen Handwerker, berichtet ein Kollege. Der Handwerker besehe sich das Ganze, düse mit seinem Töffli los, besorge das Ersatzteil, repariere das WC. Das koste umgerechnet rund fünf Franken. Mein Kollege ist sichtlich begeistert von den Handwerkern in Kenia.
Ich wünschte, ich könnte dasselbe erzählen.
Bei mir läuft es so: Das WC rinnt. Der Handwerker kommt und repariert. Ich bekomme eine Rechnung über rund 200 Franken. Das WC rinnt immer noch. Der Handwerker kommt erneut. Ich erhalte die zweite Rechnung. Das WC-Problem ist nun deutlich besser, aber nicht vollständig behoben.
Oder: Mein Auto springt sehr schlecht an. Einmal leuchtet sogar die Motor-Warnlampe auf. Ich werde fünfmal bei drei verschiedenen Werkstätten vorstellig. Erkläre jedes Mal, dass ich mehr Gas geben müsse als sonst, dass das Fahrzeug nicht richtig ziehe, dass der Motor bei untertouriger Fahrt abzusterben drohe. Das Auto wird mehrmals durchgecheckt, die Zündkerzen gewechselt, der Bordcomputer auf Reset gestellt. Das Problem besteht fort. Ich solle mehr fahren, raten zwei Mechaniker. Beim ersten Versuch springt die Warnlampe wieder an. Endlich nimmt sich ein Mechaniker Zeit, findet und behebt den Fehler: Die Einspritzpumpe fürs Benzin ist defekt, der Motor bekommt zu wenig Benzin.
Ich könnte von einem Automechaniker erzählen, der nach dem Radwechsel vergass, die Handbremse einzuhängen. Von einem anderen, der – trotz meiner laienhaften Bitte, aufzuhören – so lange am Motor herumorgelte und -würgte, bis der Anlasser knirschend aufgab. Die Reparatur kostete 900 Franken. Von einem Monteur, der mit Brachialgewalt versuchte, eine Klappe in der Wohnung zu öffnen und dabei das Wandplättli zerriss. Diese Klappe lässt sich mit einem Schraubenzieher kinderleicht öffnen, aber das wusste er nicht.
Oder: Die Heizung steigt jeden Winter aus, wenn es draussen extrem kalt ist. Mindestens fünfmal kommen Handwerker. Nach rund zehn Jahren nimmt sich einer Zeit und geht dem Ganzen auf den Grund: Der Heizungscomputer ist in einem Punkt falsch eingestellt. Das Problem ist in zwei Minuten behoben.
Wenn ich immer wieder lese und höre, dass die Schweiz ihr vorbildhaftes Berufsbildungsmodell in die USA exportieren wolle, bekomme ich eine Ahnung davon, wie schlimm die Zustände in den USA sein müssen. Und ich frage mich: Wäre Kenia in dem Fall nicht der bessere Partner für die Vereinigten Staaten?
Themenbezogene Interessenbindung der Autorin/des Autors
Keine
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Meinungen in Beiträgen auf Infosperber entsprechen jeweils den persönlichen Einschätzungen der Autorin oder des Autors.







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