Kommentar

kontertext: Das provinzielle NZZ-Feuilleton

Ernst Gräub © zvg

Ernst Gräub /  Die subtile Art, die Anliegen des palästinensischen Volkes zu negieren, besteht darin, seine Intellektuellen zu ignorieren.

Bücher von israelischen Intellektuellen und Literaten werden in der «NZZ» gern rezensiert. Wie aber geht das Blatt mit palästinensischen Köpfen um? Der unmittelbare Anlass für diese meine Frage war der Tod von Walid Khalidi. Er gilt als Doyen der palästinensischen Geschichts­schreibung. Für das «NZZ»-Feuilleton ist sein Werk kein Thema.

Nicht alle westlichen Medien sind so provinziell. Der «Guardian» würdigte Khalidi im ausführlichen Nachruf als Forscher mit breiter und tiefer Gelehrsamkeit; als «public intellectual» habe er eine entscheidende und pionierhafte Rolle für die Anerkennung der palästinensischen Sache gespielt. Die «New York Times» schrieb, seine «enzyklopädischen Kenntnisse» und sein umfangreiches Wirken hätten ihm den Ruf als «father of Palestinian Studies» verschafft.

Zu Khalidis Laufbahn, die ihn von Oxford über Beirut nach Harvard führte, findet man im Netz informative Texte, auch seine wichtigsten Aufsätze sind verfügbar. Er hat viele Ergebnisse vorweggenommen, die später von den «Neuen Historikern» bestätigt wurden. Schon 1959 widerlegte er beispielweise im Aufsatz «Why did the Palestinians leave» die Legende, der palästinensische Exodus (Nakba) sei 1948 auf Geheiss der arabischen Führungen erfolgt. Seine schönsten Bücher – «Before Their Diaspora: A Photographic History of the Palestinians, 1876-1948» und «All That Remains. The Palestinian Villages Occupied and Depopulated by Israel in 1948» – sind antiquarisch erhältlich (zu stolzen Preisen). Die Literatur­wissenschaftlerin Sonja Mejcher-Atassi, früher Fellow am Wissenschaftskolleg Berlin, heute an der American University of Beirut lehrend, hat Khalidi in ihrem Buch «An Impossible Friendship»* ein wunderbares Denkmal gesetzt. Es beschreibt die «ökumenische Freundschaft» eines Zirkels von fünf Intellektuellen im Jerusalem um 1948. Muslime, Christen, Juden. Wolfgang Hildesheimer, später in Poschiavo heimisch, gehörte zu ihnen.

Walid Khalidi
Walid Khalidi bei einem Vortrag 2014.

Raja Shehadeh: früher gelobt, heute ignoriert

Ist Khalidi eine Ausnahme? Raja Shehadeh, Mitbegründer der Menschen­rechtsorganisation Al-Haq, ist ein im angelsächsischen Sprachraum hochgeschätzter Autor. Sein Buch «We could have been friends, my father and I» stand 2023 in den USA auf der Shortlist des National Book Award, es liegt seit 2025 auch in deutscher Sprache vor. Für das «NZZ»-Feuilleton kein Thema.

Das war nicht immer so. Am 21.4.2002 wurde Shehadehs «Strangers in the House. Coming of Age in Occupied Palestine» in der «NZZ am Sonntag» von der Literaturkritikerin Gunhild Kübler geradezu gepriesen: «Wie rar und wichtig ein Buch wie dieses ist, merkt man beim Lesen bald. Die palästinensische Perspektive auf die Katastrophe im Nahen Osten, der Blick des im Land gebliebenen Intellektuellen auf die Zustände in den von Israel besetzten Gebieten und die literarisch hervorragend gelungene Verschmelzung von politischer und persönlicher Geschichte machen diese Autobiographie zum Ereignis.» Auch zwei Jahre später, in einem ganzseitigen Text zu Büchern über den israelisch-palästinensischen Konflikt, wurde Shehadeh von Carsten Hueck bescheinigt, sein Buch sei «stilistisch fein und inhaltlich packend» («NZZ», 28./29.2.2004).

Raja Shehadeh
Raja Shehadeh in einem Interview mit der «New York Times» im Jahr 2025.

Eine gewisse Offenheit

Mahmoud Darwish und Edward Said sind, anders als Shehadeh (oder Sari Nusseibeh, der gelegentlich zur Kenntnis genommen wird), längst tot. Darwish wurde nach seinem Tod mehrfach gewürdigt. «Sein unverkennbarer, liedhafter Stil prägte die nachfolgenden Dichter­generationen in der gesamten arabischen Welt» hielt Stephan Milich (Islamwissenschaftler, Uni Köln) am 11.8.2008 fest, zwei Tage nach dem Tod. In ihrem umfangreichen Text im Rahmen eines Themenschwerpunkts unter «Literatur und Kunst» am 14./15.3.2009, verweist die Arabistin Angelika Neuwirth auf die Tragik, die Darwishs Schaffen prägte, «denn 1966 war der Name «Palästina» infolge der Gründung des Staates Israel längst abgeschafft worden; es gab nichts mehr, das Palästina hiess». Und: «Es ist keine Übertreibung zu behaupten, dass das Gedicht «Ein Liebender aus Palästina» Palästina aus Worten neu erschafft.» Dass im Rahmen einer literarischen Würdigung das politische Engagement von Darwish – er verfasste unter anderem 1988 die palästinensische Unabhängigkeits­erklärung – nur beiläufig erwähnt wird, ist verzeihlich.

Auch Edward Said konnte die «NZZ» beim Tod nicht übergehen. Die Würdigung vom 7.10.2003 verfasste Arnold Hottinger, seine Berichte über den arabischen Raum ragten in der damaligen «NZZ» heraus. «Orientalismus – ein Blickwechsel» ist ein diplomatisches Meisterstück: Hottinger würdigt Said, indem er ihn mit dem Orientalisten Bernard Lewis konfrontiert, der sowohl inhaltlich als auch politisch, etwa als Befürworter des Irak-Kriegs, einen konträren Standpunkt vertrat. «Seit Jahren kann der Verfasser dieses Beitrags weder den einen noch den anderen lesen, ohne ihnen bewundernd zuzustimmen.» So lautet der Auftakt. Ihm folgt eine faire Skizze der Sichtweise beider Kontrahenten.

Saids Kritik an der Zunft der Orientalisten fasst Hottinger so zusammen: «Sie habe, sagt [Said], den ‹Orient› geschaffen, damit er als Gegensatz und Folie eines ‹Westens› diene, der sich positiv von den ‹Orientalen› abheben wolle. Die ‹Orientalen› erhalten daher alle Wesenszüge, von denen ‹der Westen› sich freisprechen möchte. […] Der künstlich erzeugte Gegensatz diene Machtzwecken. Er erlaube und rechtfertige koloniale und neokoloniale Machtanwendung gegenüber den so konstruierten ‹unmündigen Orientalen›».

Für Lewis dagegen (und mehr noch für seine Parteigänger) seien, schreibt Hottinger, «die Muslime» gewissermassen selbst daran schuld, dass sie dem Druck des Westens ausgesetzt waren und es bis heute geblieben sind. Als Historiker zeichne Lewis «kenntnisreich» die Entwicklungen nach, «die zu ihrer Position relativer Schwäche geführt haben» und die verbunden sei mit einer im Lauf der Jahrhunderte zunehmenden «geistigen Enge».

Hottinger schliesst: «Die Kolonisierbarkeit der einstigen islamischen Hochkulturen ist nicht einfach durch ihnen innewohnende Entwicklungs­schwächen bedingt. Sie war und bleibt auch eine Folge des systematischen westlichen Machtstrebens nicht nur im militärischen, wirtschaftlichen und territorialen, sondern auch im geistig repräsentativen Bereich». Subtiler kann ein Autor kaum andeuten, zu welcher Sichtweise er neigt.

Ausblenden und abwerten

Said ist gelegentlich noch ein Thema in der «NZZ». Auf welcher Flughöhe die Auseinandersetzung neuerdings erfolgt, zeigt ein Artikel vom 23.11.2023. Er beginnt: «Der Philosoph, der Steine warf: Im Westen wurde Edward W. Said als intellektueller Gentleman bewundert. Dass er ‹Arafats Mann in New York› war, kümmerte keinen.» Dem Autor (Thomas Ribi) kann kaum entgangen sein, dass Said die von Arafat verantworteten Oslo-Verträge als «palästinensisches Versailles» bezeichnet hat. Was ihm am Herzen zu liegen scheint, ist hauptsächlich der Vorwurf, die von Said im Orientalismus-Buch entwickelten Thesen dienten «der Linken bis heute dazu, den palästinensischen Terror zu rechtfertigen».

Meine Bilanz als langjähriger «NZZ»-Leser: Die erwähnten Namen (Gunhild Kübler, Angelika Neuwirth, Arnold Hottinger) zeigen, dass der Wandel – von einer gewissen Offenheit, manchmal auch Brillanz, zu provinzieller Ignoranz – zwar mit der politischen Steuerung des Blatts zu tun hat, sich allein damit aber nicht erklären lässt. Ob eine Debatte stattfindet, die eines Bildungsblattes würdig ist, ist wesentlich eine Frage der Bereitschaft, Beiträge von Intellektuellen einzufordern, die ohne Scheuklappen schreiben und die Debatten und die aktuelle Literatur kennen – gerade im Fall von Palästina, wo der deutsche Buchmarkt wenig hergibt.

Wie sehr das «NZZ»-Feuilleton den Anschluss an internationale Debatten verloren hat, zeigt ein aktuelles Buch: «Israel: What Went Wrong?»** stammt nicht von einem palästinensischen Intellektuellen, sondern von Omer Bartov, einem Israeli. Er lehrt in den USA (Brown University) und gehört zu den weltweit führenden Holocaust- und Genozidforschern. Das Buch erscheint, wie er der Frankfurter Rundschau berichtet hat, «in ungefähr neun Sprachen, aber Deutsch und Hebräisch gehören nicht dazu». Auch wenn ich, wie Avi Shlaim in seiner Rezension, der Ansicht bin, Bartov gehe in der Geschichte nicht weit genug zurück, um Israels Weg zu «Apartheid» und «Genozid» (Bartovs Worte) zu erklären, so ist es ein Buch, das nach einer Debatte ruft. «The Guardian» und die «New York Times» haben es umgehend rezensiert. Die «NZZ» nicht.

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* Sonja Mejcher-Atassi: An Impossible Friendship. Group Portrait. Jerusalem Before and After 1948 (Columbia University Press, 2024)

** Omer Bartov: Israel. What Went Wrong? Fern Press, 2026 (ISBN 9781911717690)


Themenbezogene Interessenbindung der Autorin/des Autors

Keine. Ernst Gräub ist Historiker, Soziologe und ehemaliger Sekretär des Schweizer Syndikats Medienschaffender (SSM). Unter «kontertext» schreibt eine externe Gruppe von Autorinnen und Autoren. Sie reflektiert Diskurse der Politik und der Kultur, greift Beiträge aus Medien kritisch auf und pflegt die Kunst des Essays. Zurzeit schreiben regelmässig Silvia Henke, Mathias Knauer, Michel Mettler, Felix Schneider und Beat Sterchi.
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