Kommentar
Mehr arbeiten? Falsches Thema!
Im Jahr 1960 war es üblich, mit einem 44-Stunden-Pensum zwei bis drei Kinder grosszuziehen. Damals waren regelmässige Reallohnerhöhungen und sinkende Arbeitszeiten an der Tagesordnung. Inzwischen ist die Arbeitsproduktivität um das 2,6-fache gestiegen. Trotzdem haben heute viele Paare selbst mit zusammen 70 Wochenstunden Mühe wenigstens ein Kind über die Runden zu bringen. Wie kommt das? Müssen wir noch mehr arbeiten, um den Wohlstand zu sichern?
Das scheint das weit herum anerkannte Narrativ zu sein. Deshalb geht jetzt eine Welle der Solidarität durch die Schweiz. Einst haben wir auf eigene Rechnung gearbeitet, für das eigene Portemonnaie, für den eigenen Konsum. Jetzt tragen wir mit unserer Arbeit etwas zum gemeinsamen Gut bei. Oder auch nicht, wie die Generation Z mit ihrer Vorliebe für die Work-Life-Balance. Oder wie die jungen Ärzte, die nach dem teuren Studium nur Teilzeit arbeiten wollen. Auf der schwarzen Liste der «Drückeberger» stehen auch die Senioren, die sich (vorzeitig) pensionieren lassen und die Mütter, die lieber Hausfrauen bleiben wollen.
Die Studie des Arbeitgeberverbands
Dass wir alle mehr arbeiten müssen, wird vor allem damit begründet, dass – wegen der tiefen Geburtenrate – immer weniger Aktive für immer mehr Rentner sorgen müssen. Und deswegen mehr arbeiten sollten. Wie viel mehr? Die Economiesuisse und der Arbeitgeberverband haben es in einer Studie ausgerechnet: Wenn wir unseren am Bruttoinlandprodukt (BIP) pro Kopf gemessenen Wohlstand weiterhin wie gewohnt steigern wollen, brauchen wir dazu in den nächsten 20 Jahren 460’000 zusätzliche Vollzeit-Beschäftigte.
Woher sollen die kommen? Aus dem Ausland? 460’000 Vollzeitstellen entsprechen samt Angehörigen rund einer Million Einwanderer. Das will niemand. Deshalb stellt sich die Studie auch die Frage, wie viele Stellen wir aus eigener Kraft besetzen könnten – durch mehr Kitas, weniger Teilzeit und weniger Frühpensionierung etc. Die Antwort: 146’000.
Schlussfolgerung, ganz im Sinne der Auftraggeber: Ohne noch mehr Einwanderung, und mehr Arbeit, ist unser Wohlstand in Gefahr. Denn andernfalls müssten die Aktiven einen immer grösseren Teil ihres Einkommens an die Rentner abtreten.
Produktivität stieg um 160 Prozent
Doch spannen wir den Bogen noch einmal zurück ins Jahr 1960. Seither sind zwar die Arbeitszeiten kürzer und die Ferien länger geworden und wir sind fünf Jahre länger pensioniert. Auf der anderen Seite hat aber die Erwerbsbeteiligung der Frauen stark zugenommen. Unter dem Strich sind die Arbeitsstunden pro Kopf nur um rund 15 Prozent von 1015 auf 882 Stunden gesunken. Die Produktivität ist aber um rund 160 Prozent gestiegen. Das heisst: Trotz der Überalterung und der verlängerten Rente müsste es uns immer noch mehr als doppelt so gut gehen wie vor 66 Jahren. Tut es aber offensichtlich nicht. Warum?
Generell gesprochen liegt der Grund darin, dass uns der Zusammenhang zwischen Wohlstand und BIP abhanden gekommen ist. Der «geniessbare» Teil des BIP ist geschrumpft. Um das verständlich zu machen, müssen wir kurz ausholen: Wir haben Bedürfnisse – Nahrung, Wohnung, Kleidung, Pflege, Bildung und Unterhaltung. Dafür müssen wir arbeiten und wir müssen die Arbeit koordinieren. Entweder ohne Geld im Rahmen der Bedarfswirtschaft in Familie und Nachbarschaft, oder wir arbeiten gegen Geld für Fremde. Das hat den Vorteil, dass wir uns spezialisieren und Kapital einsetzen können. Die Marktwirtschaft hat aber auch drei Nachteile: Sie verursacht hohe Koordinationskosten, sie verteilt die «Beute» sehr einseitig und sie behindert die Bedarfswirtschaft.
Die drei Nachteile der Marktwirtschaft
Zunächst zu den Koordinationskosten. Dazu zählen etwa die Werbung, das Marketing, das Personalwesen, die Administration und der Transport. Sie sind oft fast so hoch wie die eigentlichen Produktionskosten. Auf der Ebene der Haushalte fallen die zunehmend langen Arbeits- und Einkaufswege ins Gewicht. Früher waren die Distanzen kurz. Heute können viele nicht auf ein eigenes Auto samt Garage verzichten, was locker zehn Prozent des Einkommens verschlingt.
Zu den Koordinationskosten, die das BIP ohne unmittelbaren Nutzen aufblähen, zählen auch die Kosten, die dadurch anfallen, dass jährlich rund 180’000 Menschen ein- und 80’000 auswandern. Für die bleibenden 100’000 müssen jährlich 40’000 Wohnungen, plus Infrastruktur neu gebaut werden. All das dürfte gut fünf BIP-Prozent-Punkte beanspruchen.
Und dann sind da noch die aktuell über 6000 Milliarden Franken Finanzvermögen der Privathaushalte, die ein ganzes Heer von Bankangestellten, Tradern und Finfluencer beschäftigen, ohne dass damit ein einziges Grundbedürfnis befriedigt wird.
Ins Kapitel Behinderung der Bedarfswirtschaft gehört der Umstand, dass Kleinkinder heute in Kitas statt wie einst zuhause betreut werden, was wegen den langen Wegen, wegen der Bürokratie und wegen den zusätzlichen Raumkosten zu erheblichen Mehraufwendungen führt.
Oberste fünf Prozent vereinen ein Viertel der Einkommen auf sich
Noch viel mehr ins Gewicht fällt die zunehmend ungleiche Einkommensverteilung, wegen der für den Normalbürger ein immer kleinerer Teil des BIP anfällt. Schweizweit kassiert die ärmere Hälfte der Steuerzahlenden nicht einmal ganz 20 Prozent aller Reineinkommen, während rund ein Viertel der Einkommen auf die obersten 5 Prozent entfällt. Dazu kommt nun aber noch die Umverteilung über die Mieten, bzw. über die steigenden Bodenpreise. Früher kostete das Bauland 10 bis 50 Franken pro Quadratmeter (entsprechend etwa 120 heutigen Franken) inzwischen sind es oft 5000 Franken oder mehr. Allein das verteuert die Monatsmiete schnell einmal um 1000 Franken.
Genau beziffern lassen sich diese Effekte nicht, aber sie machen verständlich, warum auch ein stark steigendes Bruttosozialprodukt nicht verhindern kann, dass sich Durchschnittsverdiener kaum noch Kinder leisten können. Und vor allem führen sie den Gedanken ad absurdum, dass wir dieses Problem dadurch lösen können, dass wir noch mehr bezahlte Arbeit leisten – geschweige denn, noch mehr Arbeitskräfte importieren.
Themenbezogene Interessenbindung der Autorin/des Autors
Keine
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