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Israelische Soldaten entern die Global Sumud Flotilla, 19. Mai 2026. Über den Angriff haben wir berichtet, Kommentare erhalten und nicht alle publiziert. © zVg

Warum wir manche Kommentare zu Israel nicht publizieren

Daniel Ryser /  Wer Israelkritik übt, ist kein Antisemit. Wer aber Juden weltweit für Israel in Haftung nimmt, betreibt Abstammungshaftung.

Zum Thema Israel und Palästina erhält die Infosperber-Redaktion immer wieder Kommentare, die wir löschen. Und dann kann es passieren, dass uns die Verfassenden vorwerfen, wir würden Zensur ausüben. Hier erklären wir, warum wir gewisse Kommentare nicht publizieren.

Wir kritisieren die israelische Regierung. Das tun wir, das werden wir tun, und es kommt vor, dass man dann mit dem Vorwurf des Antisemitismus konfrontiert ist, ein Vorwurf, der so falsch ist wie er billig ist. Denn eine Regierung oder einen Staat zu kritisieren ist keine Feindschaft gegen ein Volk.

Aber dann erreichen uns immer wieder Kommentare, in denen es heisst: ausgerechnet die Juden, die den Holocaust erlebt haben, machen nun dasselbe. Oder: Warum beklagen sich Jüdinnen und Juden über Antisemitismus, wenn sie tolerieren, was Israel tut? Das klingt nach Israelkritik, ist es aber nicht, denn die Frage unterstellt, dass alle Jüdinnen und Juden für Israel oder für die Politik der israelischen Regierung sprechen, schweigen oder haften.

Jude sein verpflichtet?

Es wird eine Abstammungshaftung konstruiert mit folgender Logik: Jude sein verpflichtet. Zu Israel. Immer. Überall. Der Jude in Zürich, die Jüdin in New York, Buenos Aires, sie alle tragen Verantwortung für einen Staat, den sie nie gewählt haben, nie wählen würden, vielleicht ablehnen, vielleicht verabscheuen. Und weil ihnen, ihrer Familie, ihren Vorfahren Schreckliches widerfahren ist, tragen sie eine historische Bringschuld, und daher müssen sie laut sein. Sie müssen sich verhalten, sie müssen eine Meinung haben, sonst verwirken sie das Recht, Antisemitismus zu benennen.

Ferdinand von Schirach, dessen Grossvater der Nazi Baldur von Schirach war – Gauleiter von Wien, in Nürnberg als Kriegsverbrecher verurteilt –, hat geschrieben: «Die Schuld meines Grossvaters ist die Schuld meines Grossvaters. Der Bundesgerichtshof sagt, Schuld sei das, was einem Menschen persönlich vorgeworfen könne. Es gibt keine Sippenhaft, keine Erbschuld, und jeder Mensch hat das Recht auf eine eigene Biografie.» Das bedeutet: Niemand erbt die Schuld seiner Vorfahren. Aber es bedeutet auch etwas anderes: Niemand erbt das Leid seiner Vorfahren als Verpflichtung. Die Enkelin einer Auschwitz-Überlebenden in Montreal schuldet der Welt keine Stellungnahme zu Benjamin Netanyahu. Ihre Biografie gehört allein ihr. Nicht der Geschichte. Nicht dem Kollektiv. Nicht der Infosperber-Leserschaft. Sondern ihr.

Wer das anders sieht, wer Jüdinnen und Juden überall auf der Welt in Haftung nimmt für einen Staat, weil sie Jüdinnen und Juden sind, der betreibt keine Israelkritik. Der betreibt Abstammungshaftung. Und die publizieren wir nicht.

Diskriminierung in Meinungsform

Die Jerusalemer Erklärung zum Antisemitismus, die 2021 von über 370 Holocaustforschern, Judaisten und Nahostexperten unterzeichnet wurde – als bewusstes Korrektiv zur politisch oft missbrauchten IHRA-Definition, die unter anderem der Deutsche Bundestag verwendet und die Israelkritik in die Nähe von Antisemitismus rückt – hält in ihren Richtlinien zu Israel und Palästina fest, es sei antisemitisch, «Jüd:innen kollektiv für das Verhalten Israels verantwortlich zu machen oder sie, bloss weil sie jüdisch sind, als Agent:innen Israels zu behandeln.» Und es sei antisemitisch, «Menschen, weil sie jüdisch sind, aufzufordern, Israel oder den Zionismus öffentlich zu verurteilen.»

Meinungsfreiheit ist ein hohes Gut. Unsere Gesellschaft lebt davon, dass gestritten wird, laut und kontrovers und unbequem. Aber Abstammungshaftung ist keine politische Position, sondern Diskriminierung in Meinungsform und hat mit dem eigentlichen Thema, Kritik an Israel, nichts zu tun.


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Keine
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