«Ich starrte an die Wand. Neben mir wurde ein Mann verprügelt»
Die Global Sumud Flotilla — über fünfzig Schiffe mit Hilfsgütern für Gaza, gestartet aus der Türkei — wurde am 18. Mai 2026 von israelischen Streitkräften in internationalen Gewässern abgefangen. 428 Zivilisten wurden festgehalten — ohne Zugang zu Anwälten. Infosperber hat das Zeugnis des Waadtländers Nathan Hausheer dokumentiert, wie er auf einem israelischen Gefängnisschiff geschlagen und getasert wurde. Hier folgt ein zweites: Sibel, eine weitere Schweizer Teilnehmerin, schildert schwere Misshandlungen durch staatliche Akteure. Das EDA liess die Frage unbeantwortet, ob es eine Untersuchung fordern werde.
«Wir wurden extrem grob behandelt. Es war ein Machtspiel. Die Soldaten haben uns hin- und hergeschubst, an die Wand geworfen, den Kopf runtergedrückt, die Arme auf den Rücken gedreht. Auf unserem Segelboot hatten sie sich noch zurückgehalten, dort gab es eine Kamera. Aber als sie uns auf das Militärschiff brachten, hörte das auf. Das ist so ein schwimmendes Gefangenenlager. Rundherum Gitter. Oben, auf dem Deck, ganz viele Soldaten mit Waffen. Sobald wir für Palästina sangen oder Widerstand leisteten – weil wir Toilettenpapier brauchten oder Binden für Frauen – schossen sie von oben auf uns.
Es sind keine normalen Schusswaffen. Sie verschossen eine Art Projektile, die zum Teil tiefe Wunden hinterliessen.
Ich starrte an die Wand. Irgendwo neben mir wurde ein Mann verprügelt. Ich habe ihn nicht gesehen, nur gehört. Er schrie sehr, sehr laut. Es ging über eine Minute lang. Einer der Soldaten rief dabei immer wieder: ‹Do you remember me?› Die anderen auf dem Schiff hörten die Schreie und fingen ebenfalls an zu schreien. Dann fielen nochmal Schüsse.
Bei den Gewalttaten spielte Rassismus eine zentrale Rolle. Muslimische, arabische, dunkelhäutige Menschen wurden zur Zielscheibe. Allen Kopftuchträgerinnen wurde das Kopftuch weggerissen, danach wurden sie verprügelt. Der türkischen Delegation sagten sie: «Wir haben euch schon erwartet.» Dann hagelte es Schläge. Transpersonen wurden isoliert und massiv gemobbt.
Später im Bus war es sehr heiss. Wir bekamen während mehrerer Stunden kein Wasser, wir hatten keinen Zugang zur Toilette. Wir waren alle in Hand- und Fussschellen. Eine Frau war sehr krank und lag vor Schmerzen auf dem Boden. Wir fingen an zu schreien, dass wir einen Arzt brauchen. Über eine halbe Stunde lang. Dann kam der israelische Sicherheitsminister Ben-Gvir in den Bus und machte ein Selfie. Mit uns Gefesselten.
Wir kamen irgendwann im Gefängnis an und wurden einzeln herausgezerrt. Sie zogen uns über den Boden, warfen uns an die Wand. Hunde bellten uns an. Alles war sehr bedrohlich.
Wir hatten Frauen, denen die Handschellen so festgezogen wurden, dass die Blutzirkulation stoppte. Die Hände waren angeschwollen. Wir hatten keine Gefühle mehr in den Fingern. Wir verlangten immer wieder, dass sie die Handschellen lockern. Stattdessen zogen sie sie enger.
Wir wurden die ganze Nacht einzeln aus der Zelle geholt, draussen in Gruppen zusammengeführt, im Gänsemarsch mit gesenkten Köpfen rumgeführt und mussten stundenlang in Stresspositionen warten. Wir waren immer gefesselt, so dass wir uns gegenseitig helfen mussten, auf die Toilette zu gehen. Wer den Kopf hob, bekam einen Schlag. Wir durften das Licht nicht ausmachen. Wir konnten nicht schlafen. Die ganze Nacht bellten Hunde.
Brillenträgerinnen wurden die Brillen weggenommen. Eine Person in unserer Zelle hatte zweimal einen epileptischen Anfall. Wir fingen alle an zu schreien und verlangten einen Arzt und Medikamente. Eine andere Person hatte Diabetes — ihre Medikamente waren ihr weggenommen worden. Sie hat sie nie bekommen. Sie haben Menschen in Lebensgefahr gebracht.
Das Wasser war teilweise bräunlich, teilweise weisslich, je nach Zelle. Nicht trinkbar. Aber wir tranken trotzdem, nur nicht zu viel, weil praktisch unmöglich war, auf die Toilette zu gehen.
Es wurde nie kommuniziert, ob wir deportiert werden oder nicht. Sie wollten uns das Gefühl von Unsicherheit und Angst geben. Dass wir nicht wissen, was mit uns passiert.
In den Zellen sahen wir arabische Schriften an den Wänden. Palästinenser, die geschrieben hatten, wann sie dort waren. Am Boden Blutspuren — weggewischt, aber noch sichtbar, noch bräunlich. Für uns war klar: Wir kommen irgendwann raus. Aber für Palästinenserinnen, die dort sind — auch Kinder, Frauen, die jahrelang bleiben müssen und nicht wissen, wann sie rauskommen — war unser Schrecken nur ein kleines Fenster in ihre Realität.
Wir sind bis zu den Türen des Flugzeugs verprügelt worden. Sie traten uns von hinten. Frauen fielen zu Boden und wurden am Boden weitergetreten. Zwei hatten Nasenbluten.
Von der offiziellen Schweiz haben wir nie etwas gehört.
Ich bin jetzt auf Schmerzmitteln, weil mein Körper wehtut. Ich merke, dass ich sehr müde bin, viel schlafe, erschöpft bin, psychisch und körperlich erschöpft. Ich höre von anderen von der Mission, denen es sehr schlecht geht, die medizinische und psychiatrische Hilfe benötigen.»
Themenbezogene Interessenbindung der Autorin/des Autors
Keine
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Meinungen in Beiträgen auf Infosperber entsprechen jeweils den persönlichen Einschätzungen der Autorin oder des Autors.








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