Die Arbeitgeber entdecken die «faulen Alten»
Den Begriff hat wohl die deutsche Bundestagsabgeordnete Gitta Connemann (CDU) erfunden: «Lifestyle-Teilzeit». Sie hatte den Ausdruck als Überschrift über einen Antrag am Parteitag gesetzt. Inzwischen bedauert sie ihre abschätzige Wortwahl.
Der Schweizerische Arbeitgeberverband ist da weniger heikel. Mitte April veröffentlichte er einen längeren Artikel unter dem Titel: «Teilzeit als Lifestyle? Das grösste Problem liegt bei 50 Plus – nicht bei der Gen Z.» Also nicht bei den Jungen, die um die Jahrtausendwende zur Welt gekommen sind, sondern bei den Alten.
«Kein Interesse an Vollzeit»
Als «Lifestyle-Teilzeitler» bezeichnet der Arbeitgeberverband diejenigen Leute, die Teilzeit arbeiten, weil sie «schlicht kein Interesse an Vollzeit» haben. Diesbezüglich sei «das Narrativ der ‹faulen Jungen›» falsch. Junge würden nämlich hauptsächlich wegen der Aus- und der Weiterbildung in Teilzeit arbeiten, später wegen der Kinderbetreuung.
«Interessant wird es danach», schreibt der Arbeitgeberverband, «ab etwa 50 Jahren steigt der Anteil jener, die angeben, kein Interesse an einer Vollzeitstelle zu haben, und deswegen Teilzeit arbeiten. Sie könnten mehr arbeiten, wollen aber nicht.» Der Arbeitgeberverband stützt sich dabei auf Zahlen aus der Schweizerischen Arbeitskräfteerhebung.
«Entgangenes Lohnvolumen von 8 Milliarden»
Der Verband macht auch auf die «volkswirtschaftlichen Konsequenzen» der «Lifestyle-Teilzeit» aufmerksam. Er errechnet «ein entgangenes Bruttolohnvolumen von rund 8 Milliarden Franken pro Jahr». Der grösste Teil dieses Lohnausfalls stamme «von Erwerbstätigen über 50 Jahren». Und dabei seien entgangene «Steuern und obligatorische Sozialversicherungsbeiträge» noch nicht einmal berücksichtigt.
«Nicht mit dem moralischen Zeigefinger»
«Es geht nicht darum», schreibt der Arbeitgeberverband, «mit dem moralischen Zeigefinger auf Menschen in Lifestyle-Teilzeit zu zeigen.» Aber genau das tut er in seinem sechsseitigen Artikel. Ohne es offen auszusprechen, korrigiert er das Bild von den «faulen Jungen» und zeichnet gleichzeitig das Bild von den «faulen Alten».
Dabei nutzt der Arbeitgeberverband aus, dass die Befragten im Rahmen der Arbeitskräfteerhebung nicht sehr detailliert Auskunft darüber geben mussten, warum sie Teilzeit arbeiten. So dürften unter dem Grund «Kein Interesse an Vollzeit» alle möglichen Entscheidungen und Schicksale subsummiert sein. Von Leuten etwa,
- die nach fast 50 Jahren harter körperlicher Arbeit nicht mehr Vollzeit arbeiten wollen,
- die Zeit für ehrenamtliche Tätigkeiten aufwenden,
- die ausgebrannt sind,
- die den Ratschlag, das Pensum vor der Pensionierung langsam zu reduzieren, ernst nehmen.
Bemerkenswert ist auch, dass sich der Arbeitgeberverband nur mit einem kleinen Teil der Gründe, welche die Leute dazu bringen, Teilzeit zu arbeiten, beschäftigt. So hat er eine Grafik mit gerade mal vier Gründen veröffentlicht.

Dabei listet die Arbeitskräfteerhebung durchaus noch andere Gründe auf: Krankheit und Behinderung (10 Prozent der alten Teilzeitler), mehrere Arbeitgeber (8 Prozent), Betreuung von pflegebedürftigen Erwachsenen (3 Prozent), andere familiäre Verpflichtungen (10 Prozent), andere persönliche Verpflichtungen (5 Prozent), andere Gründe (22 Prozent).
Gratisarbeit lässt sich kaum beziffern
Dass mindestens 20 Prozent der über 55-Jährigen auf ein Vollzeitpensum verzichten, um Gratisarbeit zu leisten, darüber schreibt der Arbeitgeberverband nichts. Der Wert dieser Arbeit lässt sich ja auch nicht so leicht beziffern. Und damit auch nicht die Gelder, welche die Gemeinwesen dadurch einsparen.
Das Fazit des Arbeitgeberverbandes jedenfalls lautet: Klar sei, «dass die Schweiz auch künftig subsidiär auf Zuwanderung in den Arbeitsmarkt angewiesen sein wird».
Und als Leser fragt man sich: Macht der Arbeitgeberverband da mit den «faulen Alten» gerade Propaganda gegen die SVP-Initiative «Keine 10-Millionen-Schweiz!»?
Themenbezogene Interessenbindung der Autorin/des Autors
Keine
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