Die Männer, die glauben, Regime stürzen zu können
Red. Autor Avraham Burg war israelischer Fallschirmjäger und hochrangiger Politiker der Arbeitspartei Awoda. Er ist ein Kritiker der israelischen Siedlungspolitik. Dieser Gastbeitrag erschien am 5. März auf Substack.
Die Wahrheit ist einfach. Ich unterstütze die erklärten Ziele des Krieges gegen den Iran: die Absetzung eines brutalen autoritären Führers, die Ablösung eines theokratischen Regimes, die Trennung des religiösen Fundamentalismus von Staatsapparat und die Öffnung eines Raums für eine demokratische Zivilgesellschaft, die sich selbst organisieren und Verantwortung für das Land übernehmen kann.
Ich habe nur einen kleinen Änderungsvorschlag. Anstatt in Teheran zu beginnen, sollten wir vielleicht hier in Jerusalem anfangen. Wenn es hier funktioniert, können wir dort weitermachen. Jemand sollte kommen und den autoritären Dinosaurier samt seinen Gefolgsleuten, die das Amt des Premierministers übernommen haben, auf sanfte Weise entfernen.
Es besteht keine Notwendigkeit für dramatische Attentate. Es würde ausreichen, wenn der oberste Führer Israels einfach nach Hause geschickt würde, wenn die Verbindung zwischen messianischer Religion und politischer Macht gelöst würde und wenn eine breite zivile Öffentlichkeit wieder die Verantwortung für die Gesellschaft und den Staat übernehmen dürfte.
Leider sind solch glückliche Entwicklungen in der Regel anderen Ländern vorbehalten, anderen Regimes, die als noch schlimmer gelten als unser eigenes. Niemand kommt, wir werden die Arbeit offenbar selbst erledigen müssen, auf die langsame und schwierige Art und Weise.
Die Illusion der Macher
Die Psychologie derjenigen, die glauben, Regierungen stürzen zu können, ist eines der faszinierendsten und tragischsten Themen der internationalen Politik. Intelligente, erfahrene Führer, umgeben von Geheimdiensten, Beratern, Daten und immensen Ressourcen, geben sich immer wieder überzeugt davon, dass sie die Geschichte nach ihrem Willen gestalten können.
In ihrer Vorstellung lässt sich die Geschichte mit wenigen entscheidenden Massnahmen verändern. Man muss nur an der richtigen Stelle Druck oder Gewalt ausüben, den richtigen Kopf entfernen, und schon bricht das gesamte Gebäude zusammen. Diese Idee kehrt immer wieder – und fast immer scheitert sie!
Der Fehler beginnt mit einer Projektion. Diese Entscheidungsträger stellen sich vor, dass die Gesellschaften, mit denen sie konfrontiert sind, nach denselben Regeln funktionieren wie ihre eigene politische Welt: persönliche Interessen, flexible Loyalitäten, der Instinkt, die eigene Sicherheit und den eigenen Reichtum über alles andere zu stellen.
In ihrer Phantasie sehen sich Politiker wie Netanjahu und Trump in einer moderneren Version der absolutistischen Herrschaft eines Ludwigs XIV. Sie sind der Überzeugung, dass Staat und Herrscher nicht voneinander zu unterscheiden sind: «Der Staat, das bin ich.» Und sie gehen davon aus, dass ihre Gegner genauso denken.
In dieser Vorstellung erscheint das andere Regime fast nur als eine Pyramide der Angst. Entfernt man die Spitze, bricht die Struktur zusammen. Diese Annahme führt jedoch in die Irre, wenn sie auf Regime trifft, die auf Überzeugungen aufgebaut sind. Einige politische Systeme werden nicht in erster Linie durch Angst oder persönliche Interessen zusammengehalten, sondern durch eine ideologische Erzählung, die dem Leben von Millionen Menschen einen Sinn gibt. In solchen Systemen gilt die Loyalität nicht nur dem Mann an der Spitze, sondern auch der Erzählung, die das Regime über Geschichte, Opfer und Schicksal verbreitet.
Afghanistan, Irak, Libanon
Die Vereinigten Staaten hätten diese Lektion schon längst lernen müssen. Stattdessen haben sie denselben Fehler auf verschiedenen Kontinenten wiederholt. In Afghanistan haben sie während zwei Jahrzehnten Billionen von Dollar und Tausende von Menschenleben dafür aufgewendet, einen liberalen demokratischen Staat nach westlichem Vorbild aufzubauen. Sie gingen davon aus, dass die afghanische Gesellschaft nur darauf wartete, befreit zu werden, dass sich die Eliten anpassen und die Bevölkerung schliesslich ein neues politisches Modell annehmen würde.
Das Resultat war ein Vakuum, in das genau die Kräfte zurückkehrten, die der Krieg eigentlich beseitigen sollte. Dieselbe Logik prägte die Invasion des Irak und mehrere andere Interventionen, bei denen die amerikanische Macht mit grossem Selbstbewusstsein einmarschierte und eine noch tiefere Instabilität hinterliess.
Israel hat seine eigenen Erfahrungen mit dieser Illusion gemacht. 1982 glaubte die israelische Führung, dass die Vertreibung der PLO aus Beirut und die Einsetzung einer freundlich gesinnten christlichen Führung den Libanon in eine neue politische Ära führen würde. Stattdessen entstand ein Vakuum, aus dem eine neue Kraft hervorging, die zu Israels gefährlichstem Feind an seiner Nordgrenze werden sollte.
Der Grund dafür ist einfach. Ideologische Regime funktionieren nicht wie Pyramiden. Sie funktionieren wie Netzwerke, manchmal wie Glaubenssysteme, manchmal wie kollektives Bewusstsein. Wenn sie von aussen angegriffen werden, kann der Angriff die interne Erzählung von Kampf und Mission stärken. Der Iran ist ein besonders aufschlussreicher Fall. Viele westliche Analysten gehen davon aus, dass die iranische Elite in erster Linie sich selbst gegenüber loyal ist und dass das System zerfallen wird, sobald das persönliche Risiko hoch genug ist.
Diese Annahme sagt jedoch möglicherweise mehr über die Beobachter aus als über den Iran. Innerhalb des Irans gibt es einen echten ideologischen Kern. Nicht unbedingt eine Mehrheit, aber eine ausreichend grosse Gruppe von Menschen, die wirklich an die religiöse und revolutionäre Mission des Regimes glauben. Für sie ist das System nicht nur eine Machtstruktur, sondern eine Struktur mit Bedeutung. Um sie herum gibt es viele andere, die das Regime zutiefst ablehnen, aber vor der Idee einer ausländischen Intervention in ihr nationales Leben zurückschrecken.
Iranisierung des Westens
Hierin liegt die schmerzhafte Ironie der gegenwärtigen Situation. Dieselben Politiker, die sich am enthusiastischsten für die Einführung der Demokratie im Iran einsetzen, entfernen gleichzeitig ihre eigenen Länder, die Vereinigten Staaten und Israel, immer weiter von den Normen der liberalen Demokratie. Anstatt Institutionen, Gesetze und die Beschränkung der Macht zu verteidigen, pflegen sie eine Politik, die sich auf persönliche Autorität und tiefes Misstrauen gegenüber dem Liberalismus konzentriert. Sie wollen, dass der Iran westlicher wird, während sie den Westen unter ihrer Führung zunehmend iranisch erscheinen lassen.
Ein einfaches Gedankenexperiment offenbart die Schwäche ihrer Annahmen. Stellen Sie sich vor, eines Morgens würde die gesamte politische Führung Israels verschwinden: der Premierminister, die hochrangigen Minister, die Koalitionsführer und die erweiterte Familie, die die Macht umgibt. Würde Israel zusammenbrechen? Natürlich nicht. Die Schulen würden unterrichten, die Krankenhäuser arbeiten, die Gerichte tagen, die Armee funktionieren, und die Zivilgesellschaft würde ihre endlosen Auseinandersetzungen und Unvollkommenheiten fortsetzen. Das wirkliche Leben des Landes würde weitergehen.
Das ist keine politische Fantasie, sondern eine Erinnerung an etwas, das diejenigen, die davon träumen, Regime zu stürzen, oft vergessen. Gesellschaften sind mehr als ihre Regierungen. Netzwerke überleben den Zusammenbruch einzelner Knotenpunkte. Wenn ein Regime eher auf Überzeugungen als auf blossen persönlichen Interessen basiert, ist die Absetzung eines Führers nicht das Ende der Geschichte. Manchmal beginnt damit nur ein dunkleres Kapitel.
Die Fantasie eines Regimewechsels durch die Beseitigung eines Führers ist nicht immer eine Strategie. Oft ist sie ein Spiegel. Sie sagt weniger über die Gesellschaften aus, die da von aussen verändert werden sollen, als über die Psychologie derer, die glauben, sie könnten Geschichte gestalten. Sie gehen davon aus, dass die gesamte Struktur auf einer Person beruht: ihnen selbst. Die Geschichte lässt sich von solchen Architekten selten beeindrucken. Sie schreitet voran wie ein langsamer und sturer Fluss und ignoriert militante Sprecher, manipulative Politiker und zweitklassige Strategen. Sie hinterlässt Ruinen, die niemand beabsichtigt hat und für die niemand die Verantwortung übernimmt. Und die grausamste Lektion der Geschichte ist, dass diejenigen, die versuchen, die Welt mit Gewalt umzugestalten, selten diejenigen sind, die den Preis dafür bezahlen.
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Übersetzt mit der kostenlosen Version von DeepL.com, überarbeitet von Felix Schneider
Themenbezogene Interessenbindung der Autorin/des Autors
Keine
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Meinungen in Beiträgen auf Infosperber entsprechen jeweils den persönlichen Einschätzungen der Autorin oder des Autors.









Interessante Aussage im Artikel: «Ideologische Regime funktionieren nicht wie Pyramiden. Sie funktionieren wie Netzwerke, manchmal wie Glaubenssysteme, manchmal wie kollektives Bewusstsein…» Möglich, dass der Mannhattan-Geschäftsmann, der auch Präsident der USA ist und sein israelischer Polit-Partner noch nicht erkannt haben, dass das iranische Mullah-Regime ein Glaubenssystem und keine One-Man-Show ist. Will heissen, wird ein Chef-Mullah-Ausgeschaltet ist der weg, der Glauben bleibt, das System bleibt bestehen der «Hammer» kann weiter schlagen, weil es viele Gläubiger gibt, die alles machen für den Glauben, weil die das Zauberwort Erneuerung verdrängen und brauchen wohl Unterstützung sich vom alten und morschen befreien zu können. Möglich, dass die europäischen Polit-Eliten das noch nicht erkannt haben könnten, weil die zu sehr auf One-Man-Show im Weissen Hauses fixiert sind und alles Glauben was posaunt wird.
Gunther Kropp, Basel
Jedenfalls der Parallele [System Iran – System Israel] stimme ich völlig zu und auch der Prognose hinsichtlich enes von außen induzierten Systemwechsels im Iran. Ob man den grundsätzlichen Ansatz einschränkungslos gelten lassen kann, weiß ich ehrlich gesagt nicht. ABER : eine solche Stimme aus Israel gibt mir einen Funken Hoffnung, daß dieser Staat vielleicht doch noch eine positive Wirkung in NahOst haben könnte.