Bleibt Wachstum aus, bleibt Spucke weg: In der Wirtschaftssprache ist mehr stets besser. Das behindert die unbefangene Diskussion.
Leidet die Wirtschaft, so leidet die Sprache mit: Sie wird oft als Dienerin von Wirtschaftsinteressen eingespannt und malt für sie schwarz. So stehen, wenn der Währungsfonds seine Wachstumsprognosen herabsetzt, die «USA in düsterem Licht», und «die Wachstumstreiber Deutschland und China drohen auszufallen». Und das alles, obwohl diese Volkswirtschaften durchaus noch zulegen sollen, nur nicht im bisherigen – oder bisher erwarteten – Ausmass. Mir geht es hier nicht um eine Diskussion, ob die Wirtschaft überhaupt immer wachsen kann und soll, auch nicht darum, wie oder wie stark sie es allenfalls tun soll.
Es geht allein um jene Sprache, in der meistens über wirtschaftliche Dinge geredet wird, vor allem in den Medien. «Die Tagesschau macht uns weis, dass ein Prozent Wachstum besser sei als ein halbes», schreiben Urs P. Gasche und Hanspeter Guggenbühl in ihrem 2010 erschienenen Buch «Schluss mit dem Wachstumswahn» und führen weitere Belege für ihre Feststellung an: «Die meisten Medien sehen die Welt fast nur noch aus der ökonomischen Optik.»
Wo bleibt das Negative?
Nun mag Wirtschaft nicht alles sein, und ohne Wirtschaft alles nichts. Damit man indessen das weite Feld zwischen «nur Wirtschaft» und «keine Wirtschaft» (oder: nur bzw. kein Wachstum) unbefangen diskutieren kann, sollten die Meinungen nicht schon durch die verwendeten Beschreibungen vorgespurt werden. Die Diskussion kann sich dann darum drehen, ob die möglichst sachlich beschriebenen Zustände und Prognosen «düster» und «bedrohlich» sind, oder aber «rosig», «vielversprechend» und wie die positiven Prädikate alle lauten.
Auch «positiv» ist in diesem Sinn ein gefährliches Wort; zwar bedeutet es mathematisch einfach «grösser als null», aber in der Alltagssprache steht es auch allgemein für etwas Gutes. Wenn ein bernischer Wirtschaftsbeamter eine «negative Spirale» befürchtet, weil sich Wirtschafts- und Bevölkerungswachstum gegenseitig bedingen, so meint er das nicht nur mathematisch, sondern auch wertend. Und von verschiedenen Szenarien ist jenes mit stärkerem Bevölkerungszuwachs das «optimistische».
Bei Einwohnerzahlen scheint die wertende Darstellung mindestens so stark verankert zu sein wie bei Produktionsstatistiken, dabei ist eine Diskussion darüber, was gut und was schlecht sei, bei der Bevölkerungsdichte mindestens so berechtigt. Aber da liest man etwa von einem «Ranking» mit «Verlierern» und «Gewinnern» unter den Kantonen; immerhin blitzt auch etwas Skepsis auf: Es werde in Ballungsräumen wie Zürich «enger».
«Blick vernebelt»
In der Schweiz habe die Einwanderung «den Blick auf die langfristig sehr negative demografische Entwicklung der Schweizer Bevölkerung gründlich vernebelt», schrieb der Kinderarzt Remo Largo im «Magazin», und er beklagte den «eklatanten Mangel» an Schweizer Kindern. Nun war das ein Meinungsartikel, aber auch etwa in einem journalistischen Bericht aus Deutschland war von der «erschreckenden» Prognose schrumpfender Bevölkerung zu lesen; die Geburtenrate sei «viel zu tief».
Das Wachstumsmantra «hat sich in unseren Köpfen eingebrannt», schreiben die oben zitierten Buchautoren. Wie stark sich das Denken wirklich durch die Wortwahl beeinflussen lässt, ist eine heiss umstrittene Frage; das Paradebeispiel sind die männlichen Formen, bei denen Frauen «mitgemeint» sind, aber ausserhalb des Blickfelds bleiben. So wenig ihre Erwähnung Gleichstellung garantiert, so wenig beseitigt neutrale Sprache den «Wachstumswahn» – aber beides kann ein Beitrag dazu sein, eingefahrene Denkmuster infrage zu stellen. Und das ist doch auch schon Grund genug, sich die Wortwahl gut zu überlegen.
Redaktor der Zeitschrift «Sprachspiegel»; Verfasser der Kolumne «Sprachlupe», alle 14 Tage in der Zeitung «Der Bund».
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