BfR-Präsident Andreas Hensel: «Ohne jedwede sachliche Grundlage» © ard
Professor Eberhard Greiser (rechts): «Vorsätzliche Fälschung » © ard/deutscher bundestag
BfR bisher: Krebsrisiko nicht relevant © ard
IARC-Studie: Signifikant erhöhtes Krebsrisiko © ard
BfR im August 2015: Signifikanter Anstieg von Tumoren © ard
«Die Tatsache, dass Industriestudien blind übernommen wurden und einfach nur wiedergegeben wurden, das ist skandalös!» © ard

Glyphosat: Risikoinstitut hat «falsch informiert»

Kurt Marti / 06. Nov 2015 - Im Streit um die Zulassung des Pestizids Glyphosat sorgt in Deutschland ein brisantes, vertrauliches Dokument für enormen Wirbel.

Der Expertenstreit um das Krebsrisiko des Pestizids Glyphosat eskalierte Ende September anlässlich einer Befragung des deutschen Bundestages, wie das ARD-Magazins «Fakt» berichtete (siehe Link unten). Dabei warf Eberhard Greiser, Professor für Epidemiologie an der Universität Bremen, dem deutschen Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) und dessen Präsidenten Andreas Hensel «vorsätzliche Fälschung von Studieninhalten» vor, und Christopher Portier von der Internationalen Agentur für Krebsforschung IARC der WHO doppelte nach: «Ich kann Ihre Risikoeinschätzung für Krebs nicht beurteilen, denn Sie haben keine Risikobewertung für Krebs gemacht.» BfR-Präsident Hensel behauptete gegenüber «Fakt»: «Das sind haltlose Vorwürfe.»

Professor Eberhard Greiser (rechts): «Vorsätzliche Fälschung» (Quelle: bundestag/ard)

Vertraulicher Bericht birgt Sprengstoff

Zur Zeit läuft das EU-Zulassungverfahren für das Pestizid Glyphosat. Das BfR prüft im Auftrag der EU die Verlängerung der Zulassung von Glyphosat um weitere zehn Jahre. Der Entscheid fällt nächstes Jahr und ist auch für die Schweiz massgebend, die solche EU-Entscheide in der Regel nachvollzieht.

Die Nervosität der Pestizidindustrie und der EU-Zulassungsbehörden stieg zusätzlich, als im letzten März die Krebsforschungs-Agentur IARC eine Studie veröffentlichte, welche das Monsanto-Gift Glyphosat als «wahrscheinlich krebserregend für den Menschen» einstufte. Die Pestizidindustrie will sich das Milliardengeschäft nicht vermiesen lassen und setzt hinter den Kulissen alle Hebel in Bewegung, um die Zulassung von Glyphosat durchzuboxen. Hilfreich unterstützt von den Zulassungsbehörden in der EU und der Schweiz, welche nicht müde werden zu behaupten, Glyphosat sei für den Menschen ungefährlich.

Ende August nahm das BfR in einem streng vertraulichen Risikobericht «Renewal Assessment Report» zuhanden der Europäischen Behörde für Lebensmittelsicherheit Efsa Stellung zur IARC-Studie. Der BfR-Bericht wurde dem ARD-Magazin «Fakt» zugespielt und untermauert die Kritik der beiden Professoren Greiser und Portier. Kurz: Der BfR-Risikobericht birgt politischen Sprengstoff und stellt die Wissenschaftlichkeit der Arbeit des BfR stark in Frage.

«Die Öffentlichkeit wurde jahrelang falsch informiert»

Laut «Fakt» hat das BfR «die Öffentlichkeit im Zusammenhang mit dem umstrittenen Pflanzengift Glyphosat jahrelang falsch informiert». Zur Freude der Pestizidlobby hat das BfR bisher das Krebsrisiko von Glyphosat immer heruntergespielt:

  • «Glyphosat zeigte in zahlreichen standardisierten Tests keine erbgutverändernden Eigenschaften. Langzeitstudien an Ratten und Mäusen ergaben keine Anhaltspunkte für eine krebserzeugende Wirkung von Glyphosat.»

  • Und in Bezug auf die Studien an Mäusen, auf welchen die Studie der Krebsforschungs-Agentur IARC beruhte, wiegelte das BfR bisher ab, wie das «Fakt»-Magazin weiter ausführt: Von fünf Studien an Mäusen habe es laut BfR zwar bei einer eine signifikante Steigerung von Lymphdrüsenkrebs gegeben, doch das wäre nicht relevant, denn die vier anderen Studien hätten nichts gezeigt.

BfR bisher: Krebsrisiko nicht relevant (Quelle: ard)

Die bisherige Einschätzung des BfR stand im krassen Gegensatz zur Studie der Krebsforschungs-Agentur IARC. Denn diese sah laut dem ARD-Magazin «etwas ganz anderes: Nämlich in insgesamt drei Studien Häufungen von Lymphdrüsenkrebs. Ausserdem in einer dieser Studien signifikant mehr Nierentumore und in einer anderen signifikant mehr Krebs der Blutgefässe.»

IARC-Studie: Signifikant erhöhtes Krebsrisiko (Quelle: ard)

Und dann kam der Paukenschlag: In seinem geheimen Risikobericht «Renewal Assessment Report» zur IARC-Studie macht das BfR eine spektakuläre Kehrtwende. Laut «Fakt» stellt das BfR nun fest, dass alle Tumorbefunde von IARC signifikant sind. Und das BfR meldet laut «Fakt» plötzlich «noch mehr Krebseffekte. In jeder der fünf Mäusestudien finden sich signifikante Anstiege von Tumoren unter Glyphosatgabe».

BfR im August 2015: Signifikanter Anstieg von Tumoren (Quelle: ard)

«Skandalös: Blind Industriestudien übernommen»

Wie ist es aber möglich, dass das BfR jahrlang keine Tumore gesehen hat? Laut «Fakt» steht die Antwort im vertraulichen BfR-Dokument. Dort steht, das BfR habe auf die Studienreporte der Pestizidindustrie vertraut. Dazu erklärt der Toxikologe Peter Clausing gegenüber dem ARD-Magazin: «Die Tatsache, dass Industriestudien blind übernommen wurden und einfach nur wiedergegeben wurden, das ist skandalös!»

Toxikologe Peter Clausing: «Blind der Pestizidindustrie vertraut»

Trotz der Neubewertung der Mäuse-Studien beharrt das BfR erstaunlicherweise auf seiner früheren Einschätzung, dass Glyphosat kein Krebsrisiko für Menschen berge. Und BfR-Präsident Hensel beklagt sich bitter: «Es erfüllt mich mit Sorge, wenn unabhängige Institutionen wie das BfR bei der Erfüllung ihrer gesetzlichen Aufgabe ohne jedwede sachliche Grundlage öffentlichkeitswirksam verdächtigt werden, von der Wirtschaft oder der Politik beeinflusst zu sein.» Es wird für BfR-Präsident Hensel nicht leicht sein, diese Behauptung zu beweisen. Sein Stuhl wackelt.

Obwohl diese Vorgänge auf EU-Ebene auch für die Schweiz relevant sind, hat bisher kein einziges Medium in der Schweiz über diese ARD-Recherche und das geheime BfR-Dokument berichtet.

Themenbezogene Interessen (-bindung) der Autorin/des Autors

keine

Weiterführende Informationen

ARD-Magazin Fakt vom 20. Oktober 2015
Dossier: Gifte und Schadstoffe in der Umwelt
BfR-Report zur IARC-Glyphosat-Studie

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2 Meinungen

Es ist ein Keuz mit all den Studien. Erst wurde Seraölini angegriffen und zur Herausgabe seiner Rohdaten aufegfordert, gleichzeitig wurde von derselben Stelle Verständnis für Monsanto gezeigt, dass diese ihre Rohdaten aus wirtschaftölöichen Gründen nicht herausrücke.
Dann aber das gar nicht zweifelsfreie, in Lyon ansässige IARC, das den Schrott der von Veganern durchseuchten scheizerischen BAG-Forschungsstelle zum roten Fleisch kritiklos übernahm und darüberhinaus Geselchtes als Biowaffe verschrie.
Präventivmedizin und Diätetik sind eher pädagogisch inspirierte Ideologie denn Wissenschaft
Charles-Louis Joris, am 08. November 2015 um 23:06 Uhr
Verantwortungslos ist nicht nur der Mangel an schlüssigen Studien, sondern dass in der Schweiz trotz offensichtlicher Mängel - selbst bei nicht manipulierten Studien - der Einsatz von Glyphosat und zahllosen weiteren Gifte mit wenigen Ausnahmen noch immer bis dicht an die öffentlichen Trinkwasserfassungen erlaubt ist. Und da es überdies keine zuverlässige systematische Erfassung der ausgebrachten Gifte gibt, besteht noch nicht einmal die Möglichkeit, die eingesetzten Pestizide und ihre Ausbreitung in der Umwelt mit vertretbarem Aufwand gezielt zu überwachen.
Daniel Hartmann, am 09. November 2015 um 15:29 Uhr

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