Mehr Strom aus Wasserkraft – noch weniger Restwasser? © Hydra

Mehr Strom aus Wasserkraft – noch weniger Restwasser?

Mehr Wasserkraft gibt's nur auf Kosten der Natur

Hanspeter Guggenbühl / 20. Feb. 2012 - Eine Wasserkraft-Analyse der Stromlobby bestätigt Befürchtungen der Naturschützer.

Mehr Strom aus Wasserkraft lasse sich nur gewinnen, wenn der Staat Abstriche am Naturschutz macht, heisst es in der Analyse. Auch für andere erneuerbare Energie wird's eng in der Schweiz.

Wasserstrom soll um 14 Prozent zunehmen

Der Bundesrat will die Stromproduktion aus Wasserkraft um vier Milliarden Kilowattstunden (kWh) pro Jahr steigern, um damit einen Teil des wegfallenden Atomstroms zu ersetzen. Das «Ausbauziel» für Wasserkraft soll sogar fünf Milliarden kWh betragen, fordert das Parlament nach dem Atomunfall von Fukushima. Das entspricht unter dem Strich einem Zuwachs von 14 Prozent gegenüber der mittleren Jahresproduktion von heute.

Diese Ziele sind anspruchsvoll, weil die konsequente Durchsetzung der heutigen Gewässerschutz-Gesetze zu einem fünf- bis zehnprozentigen Rückgang der nutzbaren Wasserkraft führt. Neu-, Aus- und Umbauten von Wasserkraftanlagen müssten also nicht nur 14 Prozent mehr Strom bringen, sondern auch die wegfallende Produktion von maximal zehn Prozent kompensieren. Umweltverbände fürchten deshalb Rückschritte beim Natur- und Gewässerschutz.

Mehr Nutzung, weniger Schutz

Ihre Befürchtung bestätigt jetzt eine Analyse von Roger Pfammatter, Geschäftsführer des Schweizerischen Wasserwirtschaftsverbandes, der die Interessen der Stromproduzenten vertritt. Seine Folgerung: Das Ausbauziel von vier bis fünf Milliarden kWh sei «ambitiös» und nur mit einer «Anpassung der Rahmenbedingungen» erreichbar, schreibt er im neusten «Bulletin» des Verbandes Schweizerischer Elektrizitätsunternehmen (VSE). Unter den heutigen Bedingungen hingegen sei mit einer «Stagnation und längerfristig mit einem Rückgang der Produktion aus Wasserkraft zu rechnen.»

Weniger Restwasser

Konkret nennt Pfammatter folgende Bedingungen, die geändert werden müssten, um mehr Strom aus der Kraft des Wassers heraus zu pressen: Erstens brauche es eine «neue Gewichtung bei der Interessenabwägung zwischen Schutz und Nutzung». Konkret: Beim Vollzug des Gewässerschutzes, insbesondere der Restwassermengen, müssten die Behörden «eher zu Gunsten der Nutzung» entscheiden und eine «massvolle Nutzung» der Wasserkraft auch in Landschaftsschutzgebieten zulassen. Konzessions- und Bewilligungsverfahren für neue Wasserkraftwerke seien zu vereinfachen und zu beschleunigen. Dies wiederum setze eine «breite Akzeptanz und politischer Wille für die Erweiterung von bestehenden und den Bau von neuen Wasserkraftanlagen voraus».

Finanzielle Anreize

Nicht nur ökologisch, auch ökonomisch brauche es Anpassungen. So fordert Pfammatter attraktivere Regeln, um Investitionen zur Effizienzsteigerung und für Ausbauten von Kraftwerken rentabler zu machen. Zudem sollten Subventionen, die heute (mittels KEV) primär kleine Wasserkraftwerke fördern, vermehrt in grössere Anlagen umgeleitet werden. Denn mit dem gleichen Geld lässt sich in einer Grossanlage mehr Strom mit weniger Naturbelastung Strom fördern.

Konflikte auch mit Wind- und Biomasse

Konflikte in der engen und dicht besiedelten Schweiz gibt es auch bei der Nutzung von andern erneuerbaren Energien: Windkraftwerke, die relativ billig Strom produzieren, kollidieren mit dem Landschaftsschutz; ihr Anteil an der Schweizer Stromproduktion, so zeigt die neuste Statistik, beträgt darum erst 0,12 Prozent. Holz- und andere Biomasse-Kraftwerke stossen auf Widerstand der örtlichen Bevölkerung, die Rauch und Gestank fürchtet.

Einzig die Nutzung der Solarkraft mittels Photovoltaik geniesst breite Akzeptanz. Denn Solarmodule lärmen nicht, stinken nicht und brauchen wenig Naturraum, weil sie sich in bestehende Gebäude integrieren lassen. Das Problem: Die riesige Menge an Sonnenenergie kommt unregelmässig und in stark verdünnter Form auf der Erde an. Deshalb ist ihre Ernte und Verstromung noch relativ teuer und ihr Anteil an der Stromproduktion mit 0,15 Prozent ebenfalls noch klein. Doch langfristig hat Sonnenenergie das grösste Potenzial, um Kohle, Erdöl, Erdgas oder Atomstrom zu ersetzen.

Themenbezogene Interessen (-bindung) der Autorin/des Autors

keine

Meinungen / Ihre Meinung eingeben

Ähnliche Artikel dank Ihrer Spende

Möchten Sie weitere solche Beiträge lesen? Spenden an unsere gemeinnützige Stiftung SSUI machen es möglich. Spenden Sie 5 CHF per SMS mit dem Keyword Infosperber 5 an 9889 («Infosperber 5» an 9889).

Grössere Spenden via PayPal oder direkt aufs Spendenkonto IBAN CH0309000000604575581 (SSUI)
BIC/SWIFT POFICHBEXXX
Clearing-Nummer 09000

Ihre Spenden können Sie von den
Steuern abziehen.

Spende von den Steuern abziehen

Sie können Ihre Spende von Ihrem steuerbaren Einkommen abziehen. Für Spenden über 5 CHF erhalten Sie eine Quittung zu Handen der Steuerbehörden. Die Spenden gehen an die gemeinnützige «Schweizerische Stiftung zur Förderung unabhängiger Information» SSUI, welche die Informations-Plattform «Infosperber» ermöglicht. Infosperber veröffentlicht Recherchen, Informationen und Meinungen, die in der grossen Presse wenig oder gar keine Beachtung finden. Weitere Informationen auf der Seite Über uns

Wir danken Ihnen herzlich für Ihre Spende!

schliessen

Eine Meinung

Die Aussage von Pfammatter vom Verband der Wasserwirtschaft (wieso nicht Stromwirtschaft?) ist sehr einseitig. Pro Natura anderseits vertritt die Meinung, dass mehr Stromproduktion sowohl aus Wasser wie aus Wind sehr wohl mit dem Schutz empfindlicher Landschaften vereinbar ist.
Es geht um eine Interessenabwägung, wie sie in der Schweiz zum Glück üblich ist.
Die grossen Energiekonzerne möchten ihre Monopole und schönen Gewinne behalten, doch die Zukunft heisst regionale und verteilte Energieproduktion. Wie z.B. durch kleine naturverträgliche Wasserwirbelkraftwerke aber auch Windturbinen, vielleicht auch neuer Art.
Und zuletzt: Mindestens ein AKW lässt sich allein durch Ausschalten der vielen auf Standby laufenden Geräte einsparen.
Daniel Nägeli, am 22. Februar 2012 um 09:46 Uhr

Ihre Meinung

Loggen Sie sich ein, um Ihre Meinung zu äussern. Wir möchten Missbräuche anonymer User möglichst vermeiden. Hier können Sie sich registrieren.
Sollten Sie ihr Passwort vergessen haben, können Sie es neu anfordern.

 

Am meisten gelesen

Am meisten Reaktionen

Aktuelle Dossiers

Die Euro- und Währungskrise

Euro-Münzen

Noch mehr Geldspritzen und Schulden bringen die Wirtschaft nicht mehr zum Wachsen. Sie führen zum Kollaps.
Dossier anzeigen

Cartoons von Patrick Chappatte

Patrick Chappatte

Der Genfer Karikaturist Patrick Chappatte nimmt mit spitzer Feder die Politik im In- und Ausland aufs Korn.
Dossier anzeigen

Die Politik der Pharmakonzerne

Pillen

Sie gehören zu den mächtigsten Konzernen der Welt und haben einen grossen Einfluss auf die Gesundheitspolitik.
Dossier anzeigen

Alle Dossiers anzeigen

Newsletter

Newsletter

Kreuzen Sie Themen an, die Sie interessieren. Den Newsletter dazu senden wir täglich oder wöchentlich. Gratis bestellen

IN KÜRZE: STEUERHINTERZIEHUNG ALS DELIKT

Philosophencafé

Noch vor zehn oder zwanzig Jahre wäre der neue BDP-Präsident mit seiner Aussage in die linke Ecke gestellt worden.
weiter

IN KÜRZE: Medien als Sprachrohr der Finanzmärkte

zvg

Kritik an deutschen Medien, welche die Wahlergebnisse in Frankreich und Griechenland im Gleichklang mit den Banken kritisieren.
weiter

BEVÖLKERUNG IN DER SCHWEIZ: PLUS 82'400 MENSCHEN

James Crydland Flickr / Creative Commons

Die Umweltvereinigung Ecopop macht sich Sorgen, weil die Bevölkerung in der Schweiz im Jahr 2011 stark zugenommen hat.
weiter

HÖCHSTE AUSZEICHNUNG FÜR PATRICK CHAPPATTE

ss

Der in Genf lebende Karikaturist Patrick Chappatte bekam in den USA den renommierten Thomas-Nast-Preis verliehen. Wir gratulieren!
weiter

SWISS WIRBT FÜR FRESSTOUR NACH NEW DELHI

ToastyKencc/upg

Zum «Crazy Food Walk» nach Delhi ködert die Swiss Kunden für 839 CHF. Indische Restaurants bei uns bieten dasselbe – ohne CO2.
weiter

Wer weiss die Antwort?

Was kann ich tun, damit meine Firma möglichst keine Steuern zahlen muss?

Es ist bereits 1 Antwort eingegangen.

Die Qualität unserer gesundheitlichen Versorgung ist schlechter als im Durchschnitt Europas. Das zeigt eine Studie aus Schweden.
weiter

Eine Werbekampagne gegen die Gratis-Zeitungen. Leider ist sie nur von der Solothurner Zeitung ins Blatt gesetzt worden...
weiter

Diese Rubrik enthält noch keinen Artikel