In Europa werden jedes Jahr rund 140'000 Tonnen Pestizide versprüht © Ina
Die Dokumentarfilmerin meidet Getränke in Plastikflaschen © Ina

Die tägliche Portion Gift auf dem Teller

Natalie Perren / 01. Aug 2013 - Die Chemieindustrie vergiftet unser Essen. Profitgier steht über den gesundheitlichen Folgen. Und die Behörden spielen mit.

Antibiotika in Fleisch und Fisch, Pestizidrückstände in Obst und Gemüse, überall Farbstoffe, Weichmacher und Geschmacksverstärker. Unsere Lebensmittel sind verseucht mit chemischen Substanzen. Gleichzeitig beobachten Ärzte – vor allem in den Industrieländern – eine ständige Zunahme von Krankheiten wie Krebs, Parkinson und Diabetes, Störungen des Immunsystems und Unfruchtbarkeit.

Für viele Wissenschaftler ist klar: Die Hauptursache ist in Umweltgiften und in der veränderten Ernährung des Menschen zu suchen. Das verdeutlichen auch zahlreiche wissenschaftliche Studien. Aber diesen Zusammenhang leugnen Behörden und Industrie beharrlich.

Behörden von der Chemieindustrie manipuliert

Die Französische Dokumentarfilmerin Marie-Monique Robin hat recherchiert, unter welchen Bedingungen Lebensmittel produziert, verarbeitet und konsumiert werden. Und zwar vom Feld des Bauern bis auf den Teller, von den verwendeten Pestiziden bis zu den chemischen Zusatzstoffen im Essen und den Kunststoffen, mit denen die Lebensmittel in Berührung kommen.

Ihre aufrüttelnde Dokumentation «Unser täglich Gift» war kürzlich auf «Arte» zu sehen. Obwohl der Film nicht ganz neu ist (er stammt aus dem Jahr 2010), bleibt das Thema aktuell und brisant.

Marie-Monique Robin bringt ans Licht, was uns die Lebensmittelindustrie tagtäglich unsichtbar auftischt. Und sie zeigt an konkreten Beispielen, wie willkürlich und unzuverlässig die Bewertungs- und Zulassungsverfahren für Pestizide und chemische Lebensmittelzusatzstoffe sind. Denn die Zulassungsbehörden schützen nicht, weil sie letztlich von der Chemieindustrie gelenkt werden.

Beispiel Pestizide:

In Europa werden jedes Jahr rund 140'000 Tonnen Pestizide versprüht. Doch wie kann man wissen, ob ein Spritzmittel gesundheitsschädlich ist? Eine eindeutige Antwort darauf gibt es nicht, wie der Film zeigt.

Die Internationale Agentur für Krebsforschung, kurz IARC, klassifiziert chemische Substanzen gemäss ihrem krebserregenden Potenzial. Zu diesem Zweck wertet das Institut sämtliche Studien aus, die in wissenschaftlichen Zeitschriften veröffentlicht wurden. Der Haken an der Sache: Die Hersteller müssen den nationalen Zulassungsbehörden zwar Studien zu ihren Stoffen liefern, doch sie sind nicht verpflichtet, diese auch öffentlich zu machen. Sie unterliegen dem Betriebsgeheimnis. Das bedeutet: Für unabhängige Instanzen wie die IARC ist es nicht möglich, die Daten der Hersteller zu überprüfen und die Gefährlichkeit einer Substanz eingehend zu beurteilen.

So konnte die IARC von den rund 100'000 chemischen Stoffen, die seit dem Zweiten Weltkrieg im Handel sind, bis jetzt nur etwa 900 bewerten. Noch dürftiger ist die Zahl der untersuchten Pestizide: Hier sind es nur etwa 30 – weil die Daten der Hersteller fehlen.

Wirtschaftliche Interessen stehen über den gesundheitlichen Folgen. Denn die Hersteller haben kein Interesse, Ergebnisse zu veröffentlichen, die auf mögliche Gefahren hinweisen. Dass diese durchaus vorhanden sind, belegen Zahlen der Weltgesundheitsorganisation WHO: Jedes Jahr werden weltweit 1 bis 3 Millionen Menschen Opfer einer akuten Vergiftung durch Pflanzenschutzmittel. 200'000 sterben daran.

Beispiel Aspartam:

In der EU sind rund 300 Zusatzstoffe für Lebensmittel zugelassen, darunter auch der künstliche Süssstoff Aspartam (E951). Überall, wo zwar süsser Geschmack, aber kein Zucker erwünscht ist, kann Aspartam zum Einsatz kommen. Doch der beliebte Zuckerersatz ist nicht so unbedenklich, wie die Studien der Hersteller behaupten.

Marie-Monique Robin macht am Beispiel von Aspartam transparent, wie die Industrie den Zulassungsprozess einer neuen Substanz manipuliert. In den USA wurde Aspartam 1981 als Lebensmittelzusatz zugelassen. Doch die Studien zum synthetischen Süssstoff, die der Hersteller Searl den Gesundheitsbehörden lieferte, waren schon damals höchst umstritten.

Einer der schärfsten Aspartam-Kritiker ist der US-amerikanische Neurologe John Olney. Er wies in Tierversuchen nach, dass Aspartam – ebenso wie Glutamat – Gehirnzellen zerstört und Hirntumoren wachsen lässt. Durch diese Entdeckung alarmiert, nahm die amerikanische Zulassungsbehörde FDA die Studie des Herstellers genauer unter die Lupe. Beim Auswerten der Daten stiessen die Wissenschaftler auf etliche Unregelmässigkeiten in den Versuchsberichten. Schliesslich setzte die FDA eine öffentliche Untersuchungskommission ein. Diese kam in ihrem Bericht zum Schluss, «dass Aspartam nicht als Lebensmittelzusatz zugelassen werden darf, solange die Frage seiner möglichen krebserregenden Wirkung nicht durch neue Studien geklärt ist».

Doch die Behörden reagierten nicht. Aspartam kam auf den Markt und ist heute eines der meist verwendeten Süssmittel. Als Zuckerersatz mit dem Code E951 steckt Aspartam in mindestens 6000 Produkten des täglichen Bedarfs: in Light-Getränken, Kaugummi, Bonbons, Diätprodukten und auch in Medikamenten.

Hersteller verweigern Interview

Marie-Monique Robin gilt als hartnäckige und engagierte Rechercheurin. Für ihre Dokumentation «Unser täglich Gift» war sie zwei Jahre lang in Europa, Nordamerika und Asien unterwegs. Sie lässt durch Pestizide erkrankte Bauern zu Wort kommen, durchsucht Archive, kämpft sich durch Studienberichte, diskutiert mit Wissenschaftlern und konfrontiert Vertreter von Behörden mit kritischen Fragen. Auch einige Befürworter der Lebensmittelchemie kommen zu Wort – einzig die Industrie schweigt. Im Abspann ist zu hören, wie Hersteller von Pestiziden Anfragen für ein Interview mit Robin ablehnen.

«Menschenversuche in grossem Massstab»

Als Arte vor zwei Jahren die Dokumentation erstmals zeigte, war das Echo gross. Einige Auszüge aus Zuschauer-Kommentaren auf der Arte-Homepage:

«Dieser wichtige Film sollte in den Lehrplan der Schulen aufgenommen werden!»

«Es handelt sich hier um Menschenversuche im grossen Massstab, oder anders ausgedrückt, ein Verbrechen gegen die Menschlichkeit.»

«Die Sendung hat mich erschüttert. Es ist himmelschreiend, dass staatliche Stellen die Volksvergiftung durch profitgierige Konzerne nicht unterbinden.»

«Ich frage mich, wieso hier keine Behörde diesem schändlichen Treiben Einhalt gebietet.»

Eine gute Frage. In der Schweiz wurde die höchst aufschlussreiche Doku von den Medien kaum zur Kenntnis genommen, und auch die Behörden scheint das Thema wenig zu interessieren.

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Siehe auch folgende Artikel:

«90-jährige Ministerin leistet Syngenta Widerstand»

«Stummer Schrei aus dem Maisfeld»

«Bedenkliches, verbotenes Insektizid für Zuchtlachs»

Themenbezogene Interessen (-bindung) der Autorin/des Autors

keine

Weiterführende Informationen


Video «Unser täglich Gift»
DVD bestellen
Gespräch mit Marie-Monique Robin

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2 Meinungen

Die Menschen haben aus dem sinnvollen Tauschmittel Geld einen Gott gemacht. Jetzt kommt die Quittung. Die Mehrheit weiss ja nicht mal, dass alle Löhne der Welt geteilt durch die Anzahl der Menschen für jeden pro Monat Ca. 13'600 Euro Lohn ausmachen würde.....inklusive Kranke und Invalide. Wenn dies alle wüssten, und noch einige andere Fakten, würde vielleicht ein Prozess Global in Gang kommen, welcher nicht mehr aufzuhalten wäre... Also wäre das erste was es für einen Aufstand des Gewissens brauchte, wäre die Kontrolle über die Medien, über alle Medien. Dies wäre einer der vielen Wege die guten menschlichen Werte wie Gerechtigkeit, Wahrheit, Mitgefühl, u.s.w. aus dem lauwarmen Bereich wieder richtig zum Brennen zu bringen. Die Werte der Bergpredigt würden schon reichen. Doch tun wird es ohnehin niemand. Die Masse ist wie süchtig nach dem was jetzt ist, und erst wenn sie alle brave Sklaven sind, vergiftet und krank von der Nahrung, dem Raubtierkapitalismus, dem hoffnungslosen politischen Klima, wachen sie auf, und dann haben wir den dritten Weltkrieg, und der wird geführt nicht zwischen den Nationen, sondern zwischen den Sklaven und den Sklavenhaltern. Das wird dann wohl die Apokalypse sein, und je eher desto besser, denn durch das was jetzt ist, verhungern jeden Tag 15'000 Kinder und mehr in dieser Welt. Denn der Kapitalismus hat versagt, die freie Marktwirtschaft hat versagt. Der freie Wettbewerb hat versagt. Nur Kooperation, und gute ethische Werte, gleiche Chancen für alle Menschen, ihre Bedürfnisse zu erfüllen, nur das wird funktionieren. Die verfolgten Befreiungstheologen sind momentan fast die einzigen, welche bis in die Führungsspitze, welche sich aus sozialer Kompetenz bildet und nicht auf Basis einer dogmatischen Autoritätshierarchie, sie sind die wenigen welche die Werte der Gerechtigkeit bis in die Führungsspitze vorleben. Würden alle nach diesen Werten der Bergpredigt leben, hätte der Missbrauch des Kapitals keine Chancen. Doch die Masse ist Blind und Taub, schreit nach Brot und Spielen, bis es zu spät ist. Gruss Beatus Gubler Projekt www.streetwork.ch Basel. Arbeit für soziale Gerechtigkeit, Gewalt und Drogenprävention.
Beatus Gubler, am 01. August 2013 um 21:09 Uhr
Nicht nur die Schweizer Behörden, auch die Schweizer Gerichte machen mit und biegen das Gesetz, wenn es um den Schutz der produzierenden Firmen, sprich ums Geld geht. Die Gesundheit der Bevölkerung kann dabei völlig sekundär werden. Das veranschaulicht folgender Artikel:

Verbannen Sie die Mikrowelle!
http://www.pravda-tv.com/2015/01/verbannen-sie-die-mikrowelle/
Elisabeth Krail, am 26. Januar 2015 um 09:11 Uhr

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