Sperberauge

NZZ-Falschinfo: «Chinas Wirtschaft praktisch im freien Fall»

Harald Buchmann © zvg

Harald Buchmann /  Die drastischen Corona-Lockdowns brächten China aus dem Gleichgewicht. Doch die Zahlen belegen diese Darstellung nicht.

Red. Der St. Galler Harald Buchmann arbeitet für ein chinesisches Tech-Unternehmen in Beijing und ist nebenbei publizistisch tätig. Er ergänzt die oft einseitige Berichterstattung grosser Medien über China.

Am 2. Mai titelte die NZZ «Chinas Regierung fürchtet den wirtschaftlichen Absturz» und zog das Fazit: «Die Wirtschaft des Landes befindet sich praktisch im freien Fall.» Am 21. Mai doppelte NZZ-Chinakorrespondent Matthias Kamp nach: «Es wird immer klarer, dass das verbissene Festhalten der Zentralregierung an dem Null-Toleranz-Kurs einen wirtschaftlichen Totalschaden verursacht.»

Die Zahlen stützen diese Darstellung bisher nicht: Laut Reuters wuchs Chinas Wirtschaft gemessen in realem BIP im 1. Quartal 2022 mit 4,8 Prozent stärker als erwartet. Zum Vergleich: In den USA schrumpfte das reale BIP nach offiziellen Angaben um 1,4 Prozent. 

Damit stellt sich die Frage, bei welchen Zahlen die NZZ von einem «freien Fall» spricht.

Richtig ist, dass China vor grossen Herausforderungen steht: Die Steuereinnahmen sanken drastisch, als ein Wirtschaftsstützungsprogramm den KMUs die Mehrwertsteuer zurückerstattete, um Schäden der Covid-Massnahmen abzudämpfen und der Purchasing Manager Index, welcher misst, wie optimistisch Firmen sind, fiel Ende April auf 46 Punkte deutlich unter die neutrale Marke von 50. Dazu kommen die extremen Lockdowns in Schanghai. 

China begegnete der Covid-Pandemie im Jahr 2020 Covid mit konsequenten Lockdowns. Es gelang damals, das Verbreiten des Virus weitgehend zu verhindern. Das reale Wachstum verringerte sich auf 2,2 Prozent (USA: -3,4 Prozent). Bereits das Jahr 2021 endete mit einem realen Wachstum von 8 Prozent (USA: +6 Prozent). Trotz der jüngsten Lockdowns hält sich das reale Wachstum dieses Jahr bei über 4 Prozent. 

Im «freien Fall» befindet sich Chinas Wirtschaft derzeit nicht.

Diesen Artikel gibt es auch als Audio-Hörbeitrag: hier klicken!

Den Radio-Postcast hat Klaus Jürgen Schmidt von «Trommeln im Elfenbeinturm» realisiert.


Themenbezogene Interessenbindung der Autorin/des Autors

Keine
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Zum Infosperber-Dossier:

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Hohe Wachstumszahlen; riesige Devisenreserven; sozialer Konfliktstoff; Umweltzerstörung; Herrschaft einer Partei

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3 Meinungen

  • am 22.05.2022 um 14:09 Uhr
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    Challenge – wer kann einen sachlichen Beitrag der NZZ zu China verlinken?

    0
  • am 23.05.2022 um 17:22 Uhr
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    Der Null-Toleranz-Kurs hat doch auch den Vorteil die Lieferketten nach den US usw. etwas zu verlangsamen. Klingt irgendwie wie das pendant okzidentaler Wirtschaftssanktionen. Nur ohne politischen (sentimentalen) Beigeschmack.

    Irgendwie zeigt sich hier ein Polit-Stil mit langer Vorgeschichte … und entsprechend kultureller Tiefe.

    Politische «finesse» ist im Westen schon seit einiger Zeit Mangelware. Auch die EU sind auf diesen «bandwagon» aufgestiegen. Das Plaidoyer von Herrn Villepin zum Irakkrieg im Sicherheitsrat war doch ein wirklicher Aufsteller. Lange ist’s her …

    0
  • am 24.05.2022 um 17:47 Uhr
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    Das erste Opfer eines jeden Krieges ist die Wahrheit. Da seit der Existenz des nach Oben unregulierten Kapitalismus ein jeder mit jedem riskiert in einem Krieg zu sein, wird es lange dauern, bis die Mehrzahl der Medien sich wieder an die Wahrheit annähert. Wer sich eine eigene Sichtweise aneignen möchte, kann z.B. auf http://german.china.org.cn/ oder auf https://www.chinanews.net/ sich Informationen direkt einholen. Auch die Suchmaschine Yandex oder DuckToGo wird Ihnen beim suchen von nicht westlichen Nachrichten behilflicher sein als die hier am meisten verbreitete Suchmaschine mit ihrer Ranking Zensur. Je nach Betriebssystem welches sie verwenden, wissen Andere mehr über sie als sie selbst. Wer in der Lage ist die grossen Geldflüsse zu beobachten, merkt alsbald wer am meisten von Propaganda und Krieg profitiert. Die Kontrollen in China sind nur ein Spiegel der Kontrollmechanismen des Westens. Es ist eine absolut traurige Situation und wir bewegen uns auf einen Abgrund der Gewalt zu.

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