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Eines von vielen Zitaten, mit denen Margaret Thatcher den Neoliberalismus verteidigte: "There Is No Alternative to global free-market capitalism." © Flickr

Neoliberalismus führt zu höherer Akzeptanz von Ungleichheit

Andres Eberhard /  Wer in einem neoliberalen Staat lebt, toleriert eine Vermögens- und Einkommenskluft eher. Das zeigt eine psychologische Studie.

Das Resultat der Studie aus New York, die kürzlich in der Fachzeitschrift Perspectives on Psychological Science erschienen ist: Menschen in neoliberaleren Staaten heissen grössere Lohnunterschiede eher gut – ganz nach dem Prinzip: Leistung soll belohnt werden. Da die Daten zu mehreren Zeitpunkten erhoben worden waren, konnten die Forschenden belegen, dass sich zuerst das Wirtschaftssystem veränderte und sich die persönlichen Einstellungen diesem anglichen – und nicht etwa umgekehrt. In anderen Worten: Wirtschaftspolitik hat psychologische Folgen. Sie verändert die ethischen Einstellungen und das Weltbild der Menschen. Überraschend ist vor allem, dass für diesen Effekt offensichtlich wenige Jahre genügen. Forscherin Shahrzad Goudarzi schreibt: «Unsere Resultate (…) legen nahe, dass vier Jahre genügen, um – wie Thatcher es formulierte – Seelen zu verändern.»

Margaret Thatcher sagte 1981 in einem Interview mit der Sunday Times: «Economics are the method; the object is to change the heart and soul.» Der Satz gehört zu den bekannteren Zitaten der früheren britischen Premierministerin, die mit ihrer neoliberalen Politik eben nicht nur die Wirtschaft, sondern die Herzen und Seelen ihrer Nation verändern wollte.

Die Studie der Psychologen der New York University zeigt nun, dass es ihr weitgehend gelungen ist. Der Neoliberalismus beeinflusst unser Gerechtigkeitsempfinden. Wir tolerieren grosse Lohnunterschiede eher, wenn sie «normal» sind, wie das in neoliberal ausgerichteten Gesellschaften der Fall ist.

Daten aus über 160 Ländern ausgewertet

Für die Studie verglichen Forscherinnen und Forscher um Goudarzi ökonomische Daten von 1995 bis 2019 aus über 160 Ländern. Daraus leiteten sie ab, wie sich die Politik der jeweiligen Staaten in dieser Zeit entwickelte und wie neoliberal sie war. Sie rechneten unter anderem mit dem Economic Freedom Index, der Staatsausgaben, Spitzensteuersätze und Arbeitnehmerrechte abbildet. Sodann verglichen die Wissenschaftler Grad und Entwicklung des Neoliberalismus mit Umfragedaten zum individuellen Gerechtigkeitsempfinden. Diese entnahmen sie dem World Value Survey, der weltweit umfangreichsten Umfrage über menschliche Werte. Darin enthalten sind unter anderem Angaben dazu, ob die Menschen der Ansicht sind, dass sich das Einkommen angleichen sollte oder ob grössere Lohnunterschiede nötig sind, um individuelle Leistungen zu belohnen.

Gerechte Löhne: Leistungsprinzip nicht unbedingt vorherrschend

Die Erkenntnis der New Yorker Psychologinnen und Psychologen, dass unser Fairnessempfinden von herrschenden Ideologien abhängt, ist äusserst relevant – denn letztlich hängt es in Demokratien an solchen Gerechtigkeitsvorstellungen, ob die Politik Sozialleistungen oder Umverteilungsmechanismen beschliesst oder eben abbaut. Neoliberalismus, die weltweit dominante Wirtschaftspolitik, zielt auf eine Deregulierung und Privatisierung staatlicher Aufgaben ab, damit sich die Wirtschaft möglichst frei entwickeln und wachsen kann. Sie basiert auf einer Ideologie der Eigenverantwortung. Die Kehrseite dieser Politik sind soziale und ökologische Probleme. So steigt die globale Ungleichheit unausweichlich und natürliche Ressourcen werden abgeschöpft, als gäbe es sie unendlich – vom Klimaproblem ganz zu schweigen.

Dass die neoliberale Vorstellung, wonach Einkommen von Leistungen abhängen sollten, keine universelle ist, sondern dass Menschen sehr unterschiedliche Fairness-Ideale haben, darauf weist die Forschung aus der Verhaltensökonomie hin. Zum Beispiel eine Untersuchung, die ein Diktatorspiel simulierte: In einem ersten Schritt mussten die Teilnehmenden entscheiden, wie viel Geld sie investieren wollten. Daraufhin entschied der Zufall, wie viel Gewinn oder Verlust die Teilnehmenden machten. Schliesslich schlüpften die Teilnehmenden in die Rolle des Diktators und mussten entscheiden, wie sie die Gewinne verteilen möchten. Überraschenderweise entschied sich die grösste Gruppe (43,5%) dafür, allen genau gleich viel zu geben, unabhängig von Investition oder Gewinn. Ebenfalls recht viele (38,1 %) wählten einen etwas liberaleren Ansatz, indem sie allen so viel Geld verteilten, wie diese ursprünglich eingesetzt hatten – gemäss der Idee, dass sie den Entscheid, wie viel Risiko sie eingehen wollten, selber getroffen hatten. Nur 18,4 % gaben den Teilnehmenden genau so viel Geld, wie sie (durch Zufall) erwirtschaftet hatten.

Kleine Kinder geben allen genau gleich viel

Diesen Resultaten zufolge würden also beinahe gleich viele Menschen Einkommen egalitär verteilen wie solche, die es von der Leistung abhängig machen würden. Von der Entwicklungspsychologie weiss man ausserdem, dass kleine Kinder strikte Gleichheit als Verteilungsprinzip bevorzugen. Je älter sie werden, desto stärker spielt eine Rolle, wer die Empfänger sind – und auch, wer wie viel «Effort» in eine Aufgabe gesteckt hatte. So verteilten zum Beispiel 6- bis 9-jährige Kinder in einer Untersuchung Süssigkeiten vor allem an jene, die aus ihrer Sicht viel Bedarf hatten. Erst mit der Pubertät begannen die Kinder die Leistungen und Anstrengungen der Empfänger zu berücksichtigen.

All diese Resultate zeigen: Dass Einkommen von Leistungen abhängig gemacht werden, ist kein universelles, alternativloses Verteilungsprinzip (auch darum, weil Definition und Vergleichbarkeit von Leistungen schwierig bis unmöglich sind). Welche Löhne wir als gerecht empfinden, hängt auch von herrschenden Ideologien ab – zurzeit von der weltweit dominanten Idee des Neoliberalismus. Was Margaret Thatcher einst prophezeite, ist eingetroffen: Der Neoliberalismus hat Herz und Seele der Nation verändert.


Themenbezogene Interessenbindung der Autorin/des Autors

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Meinungen in Beiträgen auf Infosperber entsprechen jeweils den persönlichen Einschätzungen der Autorin oder des Autors.

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Reich, arm, ungleich

Grösser werdende soziale Kluften gefährden demokratische Rechtsstaaten.

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Eine Meinung zu

  • am 18.08.2022 um 06:11 Uhr
    Permalink

    Natürlich hat es auch in den Fünfziger- bis Siebzigerjahren Menschen mit sehr geringen Einkommen gegeben – aber damals hat der Gesellschaftsvertrag funktioniert, da alle wussten: Anstrengung und Arbeit lohnen sich. Diese Zuversicht geht heute teilweise verloren. Im Gegensatz zu damals müssen sich heute beide Elternteile krummlegen. Trotzdem reicht es für immer weniger. Das empfinden viele als entmutigend. Dieses Gefühl der Chancenlosigkeit ist gefährlich für die Demokratie und für den Wohlstand einer Volkswirtschaft.

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