Kommentar

kontertext: Emmental. Eine Vergewisserung.

Beat Sterchi © Alexander Egger

Beat Sterchi /  Unmut bei den Bauern überall. Denke ich an meine Berührungspunkte mit der Landwirtschaft, lande ich immer wieder im Emmental.

Das Emmental gibt es. Das beweist allein schon der Käse, der den Namen in die Welt hinausgetragen hat. Ausserordentlich ist dieser Käse vor allem wegen seiner Löcher und wegen seiner Grösse. Um derart rückenbrecherische Käselaibe von über 100 kg zu produzieren muss man einen guten Grund haben. Als die zu Gotthelfs Zeiten neu gegründeten Milchgenossenschaften begannen, ihren Käse zu exportieren, sollen Zölle angeblich pro Stück erhoben worden sein. Diese Bauernschläue hatte ihren Preis. Vor der Vollmechanisierung von Herstellung und Lagerung dürfte sie beträchtliche gesundheitliche Konsequenzen gehabt haben.

Überhaupt ist die Mühsal, mit welcher die ach so schmucken Bauernhöfe bis weit ins 20. Jahrhundert hinein bewirtschaftet wurden, gar nicht mehr nachvollziehbar. Es war härteste Knochenarbeit für Mensch und Tier. So vieles ist so schnell vergessen. Hinter der Pferdemetzgerei der Eltern eines Schulfreundes standen einst zwei Lastwagen der Marke Opel in der Garage. Einer rot und einer blau. Beide waren mit einer Seilwinde ausgerüstet. Ist ein Pferd auf dem Acker «abgläge», wurde es mit dieser Seilwinde auf die Ladefläche hochgezogen. Auf sehr steilen Äckern wurden Seilwinden auch zum Pflügen eingesetzt. Auch um den bleischweren Kuhmist zu «zetten», das heisst, um ihn auf einem Stück Land zu verteilen. Dass auf so vielen malerischen «Hubeln» stolze Linden stehen, kommt nicht von ungefähr. An deren Stämmen wurden die Seilwinden festgemacht. Zahlreich sind die Bilder, auf denen man ganze Familien, gross und klein, sehen kann, wie sie am Seil «schrysse». Ja, «schrysse», denn das heisst ziehen bis es weh tut. «Seilizieh» zum Spass kam später. Oder die Erde wurde einfach mit dem «Charscht», also mit der Hacke auf- und umgebrochen. Dem sagte man «chrampfen». Auch das Wort «krüppeln» für harte Arbeit ist nicht einfach so vom Himmel gefallen. Ich erinnere mich, wie man auf dem Weg nach Trubschachen oder ins Entlebuch in dem Dorf Bärau immer Männer mit Stecken und an Krücken am Strassenrand sah. Sie waren oft vorgebeugt und trugen Bärte und Hosenträger. Lebenslange harte Arbeit hat diese ehemaligen Knechte oder Melker so verkrümmt, dass sie sich nicht mehr richtig aufrichten konnten. Nun verbrachten sie ihren Lebensabend gebückt in einem dortigen Dienstbotenheim und im Vorbeifahren sah man, wie sie sich der Hauptstrasse entlang einen Spaziergang abrangen.

Das Emmental vor dem Aufkommen der Genossenschaftskäsereien sollte man sich wahrscheinlich mit Getreidefeldern überzogen vorstellen. Ausser an den ganz «stotzigen Börtern» müssen die entsprechenden Stroh- und Erdfarben dominiert haben. Auch Rebberge müssen allgegenwärtig gewesen sein. Gotthelf behauptet, dass er, wenn er von Lützelflüh nach Bern marschierte, unterwegs in jeder Wirtschaft lokalen Wein getrunken habe.

Gras ist grün.

Nichts ist so grün wie das Emmental.

Wenn man in Langnau an der Kirche vorbei auf einen der Höger hinauf steigt, ist man schon nach fünf Minuten mitten in einer Weidelandschaft die grüner nicht sein könnte. Während ich dort am ersten Bauernhaus vorbeikomme, verbellt mich ein Hund und eine ganze Herde von zum Stall drängenden rotweissen Kühen glotzt mich an.

Im Rücken, zeitweise auch vor mir, habe ich die sanft abfallenden und auf der anderen Seite des Tals wieder sanft ansteigenden Matten, die Waldlücken und die hingestreuten Höfe. Es ist verdammt schön wie immer. Man kann tatsächlich hingehen, wo man will, nach einer Viertelstunde steht man mitten in diesem Flickteppich aus Wiesen, Weiden und Wäldern und sieht über die Hügelketten hinweg links den Napf und schroff die Schrattenfluh, dann den Hohgant und gleich dahinter unter dem blauen Himmel grandios ausgeleuchtet das Schreckhorn, das Finsteraarhorn und natürlich die heilige Dreifaltigkeit der Alpen: Eiger, Mönch und Jungfrau.

Beim zweiten Bauernhof, bei dem ich vorbeikomme, holt ein Bauer gerade ein halbes Dutzend «Guschti» von der Weide. «Chumsässä» ruft er ihnen zu, aber wäre da nicht ein kleiner, schwarzweisser Hund, der quirlig und bellend auf die Rinder losgeht, sie würden sich nicht bewegen.

Weiter oben kommt mir der Bauer von dem kleinen Hund begleitet nochmals entgegen. Er macht ein gutmütiges Gesicht und mit einem entschieden langsamen Sprechtempo sagt er, während er dem Hund den Rücken tätschelt: «Äs isch no ä Junge, aber är lehrt’s de scho no».

Dann bin ich wieder allein in diesem Hügelmeer aus Eggen, Flühen, Hubeln, Gummen und Ganten. Schon werden die Schatten länger, aber noch glitzert in dem aufkommenden Dunstschleier der strahlende Herbsttag. Ich bemerke kaum, wie die Sonne untergeht, wohl aber, dass es kühler wird. Bergab geht es mühelos und mühelos finde ich, weil der Hirschen heute geschlossen ist, den Bären, wo gerade drei Frauen in schwarz-weisser Tracht aus einem Wagen steigen. In der Gaststube kommen dann noch ein Dutzend Frauen dazu, formen einen gesitteten Halbkreis und singen so einträchtig im Chor, dass der Stammtisch heftig applaudiert und ich mich wider Willen ziemlich gerührt fühle. Nachher am Bahnhof, wo ich mit zwei oder drei «Stangen» im Leib auf meinen Zug warte, ist mir, als hätte ich wieder mal was erlebt in diesem Emmental.

Wo der Hahn noch kräht.

Wenn von der schweizerischen Landwirtschaft die Rede ist, kommt mir auch die Bäuerin in den Sinn, die mir zu Coronazeiten ihr Stöckli vermietet hat. Den Hof, der in der Nähe von Walkringen nur über eine Naturstrasse erreichbar ist, bewirtschaftete sie zusammen mit ihrer Tochter. Nach der ersten Besichtigung hatte mir diese Bäuerin den Stöcklischlüssel in die Hand gedrückt, ohne meine Adresse zu kennen und ohne eine Anzahlung zu verlangen.

Noch heute vermisse ich die Stille, die dort herrschte. Das Wesentliche passiere in der Stille, soll schon Kierkegaard behauptet haben. Wobei man sich unter Stille nicht Geräuschlosigkeit, sondern die Abwesenheit von Lärm vorstellen muss. Es braucht Stille, um den Wind, um das Rauschen der Bäume im Wald, um das Plätschern von Wasser im Brunnen und Bach wahrnehmen zu können. Zum Klang der Glocken der nah und fern weidenden Kühe einzuschlafen und aufzuwachen kam mir vor wie ein königliches Privileg. Noch höre ich die Vögel früh am Morgen, das Wiehern eines Ponys, das Blöken der Schafe, das Gackern der Hühner und das Krähen des Hahnes. Nein, letzteres war kein «Kikeriki» und auch kein «cocorico». Das war ganz entschieden ein «Güggerüggüü».

Immer wenn ich auf diesem Hof einen Blick in den Ziegenstall warf, kam mir dieser mit den verspielten Zicklein vor wie ein Kinderzimmer und im Kuhstall nebenan wunderte ich mich über die wache Neugierde des Grauviehs. Da war nichts von jener Dumpfheit, die man von Kühen kennt.

Gleich auf meinem ersten Spaziergang habe ich dann auch längere Zeit einem Mutterschaf in die Augen geschaut. Das Schaf musterte mich eingehend, während es langsam mahlend wiederkäute und die andern Schafe in ihrer Einsilbensprache wer weiss was diskutierten: «Mäh. Häh. Mäh. Häh. Mäh.» Dazu hat mich ein ganz junges, noch ungelenkes Lamm, das kaum grösser war als ein Plüschtier mehrmals angeblökt und zwar eindringlich. Auch mit einem Bauern habe ich geredet. Er wollte wissen, woher ich komme.

Pensioniert? hatte er gefragt. Und als ich sagte, «dir äuä o», meinte er, ja, aber er arbeite noch. Und zwar «volle Pulle».

Kurz davor hatte ich die Bäuerinnen beim Heuen an einem Steilhang angetroffen. Als ich die Tochter, die mit der Sense zugange war, niesen hörte, sagte ich «Gesundheit!». Sie lachte. Eine Bäuerin mit Heuschnupfen sei wie ein Matrose, der seekrank werde, sagte sie.

Am Tag darauf wurde bei den Silos auf dem Nachbarhof Gras abgeladen. Dort stand auf eine Heugabel gestützt auch der Bauer neben einer ratternden Maschine, und wir grüssten uns mit einer Handbewegung, wie zwei alte Bekannte.

Ich erinnerte mich wieder an unser Gespräch und auch daran, dass ich ziemlich forsch, in vollem Vertrauen auf seinen Humor gesagt hatte, ich sei hier, um zu beobachten, wie sie lebten. Scharf beobachtet habe ich auch die Alpakas, von denen es auf diesem Hof eine ganze Herde gab. Mir fiel auf, dass sie jedes Mal, wenn sie den Kopf hoben und sich beim Grasen unterbrachen, um ihrerseits mich zu beobachten, eine eigentlich ziemlich grosse, aufwendige Bewegung vollführen mussten. Anders als etwa eine Kuh, hoben sie ihren Kopf mit dem langen Hals hoch hinauf über den eigenen Körper. In einem Gehege gab es dort auch ein paar Dutzend Truten und auf einer weiteren Weide nebenan ein Kalb, das man alleine draussen gelassen hatte und das sofort angerannt kam. Es freute sich wohl, ein anderes Kalb zu sehen.

Das geachtete Tier

Auch am nächsten Tag kam das Kalb wieder «angegumpet», und bei einem andern Hof hörte ich, wie ein junge Frau immer wieder «Chumsässä» und «Lorca» oder «Olga» rief. Näherkommend sah ich, dass diese junge Frau noch fast ein Mädchen war und ausser Gummistiefeln und Arbeitskleidung ein keckes Hütchen trug und dass sie sich mit einer störrischen Kuh abmühte, die offensichtlich nicht zurück in den Stall wollte. Sie hatte zwar einen Stecken, teilte aber keine Schläge aus.

Als sich die Kuh dann doch endlich träge durch die Stalltür geschoben hatte und ihr die junge Frau gefolgt war, hörte ich noch, wie sie sagte, diese «Lorca» oder diese «Olga» habe wieder einmal nicht gewusst, wie «huere blöd» sie sich habe aufführen wollen.

Ich weiss nicht, ob die sogenannte KI beim Verfassen dieser Zeilen zum gleichen Schluss kommen würde, aber ich denke, solange junge Frauen noch über störrische Kühe mit schönen Namen schimpfen, ist in der Landwirtschaft wohl noch nicht Hopfen und Malz verloren.


Themenbezogene Interessenbindung der Autorin/des Autors

Beat Sterchi ist freier Autor. Vor «Capricho» (Diogenes 2021) veröffentlichte er die Reisereportage «Going to Pristina» (essais agités 2018) und den Lyrikband «Aber gibt es keins» (Der gesunde Menschenversand, 2018). www.beatsterchi.ch
Unter «kontertext» schreibt eine externe Gruppe von Autorinnen und Autoren. Sie greift Beiträge aus Medien auf, widerspricht aus journalistischen oder sprachlichen Gründen und reflektiert Diskurse der Politik und der Kultur. Zurzeit schreiben regelmässig Silvia Henke, Mathias Knauer, Michel Mettler, Felix Schneider und Beat Sterchi.
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Meinungen in Beiträgen auf Infosperber entsprechen jeweils den persönlichen Einschätzungen der Autorin oder des Autors.

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4 Meinungen

  • am 5.04.2024 um 13:13 Uhr
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    Ich wohne seit gut 5 Jahren in Langnau. Ihre Beobachtungen kann ich nur bestätigen. Danke für den wundervollen Text.

  • Portrait_Urs_Schnell
    am 5.04.2024 um 13:52 Uhr
    Permalink

    «Solange junge Frauen noch über störrische Kühe mit schönen Namen schimpfen, ist in der Landwirtschaft wohl noch nicht Hopfen und Malz verloren», sagt Beat Sterchi. Gut so.
    Ich verstehe allerdings nicht, was der Autor damit sagen will. Am ehesten scheint mir Sterchis Text eine Art Balsam zu sein. Für all die geschädigten Seelen, die an der Agrarindustrie, dem machthungrigen Bauernverband und der Inkonsequenz in der Landwirtschaftspolitik leiden.

    • am 6.04.2024 um 08:13 Uhr
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      Es ist ein Stimmungsbild, das man beim Wandern in Emmental immer wieder erlebt und gut beschrieben.

    • am 7.04.2024 um 09:27 Uhr
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      Mit dem Leiden und geschädigten Seelen hat Herr Schnell leider Recht. Die Verantwortung undifferenziert dem Bauernverband und der «Inkonsequenz» der Landwirtschaftspolitik zu zuschieben greift viel zu kurz und ist populistisch. Der Bauernverband ist nur eine den faktischen Gegebenheiten sehr effizient und sehr schlau angepasste Gewerkschaft im (Natur der Sache) einseitigen Interesse der Bauern und meistens, aber nicht immer, auch im Interesse der Bäuerinnen. Das mit der «Inkonsequenz» ist falsch. Lassen Sie sich bitte bei Gelegenheit in die «Konsequenz» der Landwirtschaftspolitik von einer aktiven Bauernfamilie einführen und sich die da daraus folgernde ausufernde Bürokratie aufzeigen. Diese ist auch ein Teil der zu Leiden und geschädigten Seelen führt. Die wirkliche Macht ist einfach erklärt: Der Bauer, die Bäuerin ist was die Konsumentin, der Konsument isst!
      Felix Lang, ehem. Präsident Bio Nordwestschweiz, Altkantonsrat Grüne, Lostorf (SO)

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