MirenaKopie

Der Bayerkonzern wirbt auf seiner Homepage für die Hormonspirale Mirena © Bayer

Unlautere Werbung für rezeptpflichtige Spirale

upg /  Für gefälschte Erfahrungsberichte im Internet hat der Bayer-Konzern eine PR-Agentur beauftragt und bezahlt.

«Mirena® bietet für die Dauer von 5 Jahren eine äusserst zuverlässige Verhütung ohne dass täglich/wöchentlich/monatlich an die Anwendung eines Verhütungsmittels gedacht oder etwas eingenommen werden muss.» So wirbt der Pharmakonzern Bayer für seine Hormonspirale Mirena. Kein Wort von teils schwerwiegenden Nebenwirkungen, die in den letzten 14 Jahren bekannt wurden. Der K-Tipp hatte schon im Jahr 2006 über grössere Probleme berichtet.
Frauen, die sich unabhängig informieren möchten, konsultieren häufig Erfahrungsberichte anderer Frauen im Internet. Dort finden sich unter andern folgende Einträge von angeblich echten Erfahrungen:

  • «…also ich hab mir vor einem jahr die hormonspirale mirena einsetzen lassen und ich muss sagen, dass ich sehr zufrieden damit bin. hatte am anfang angst vor dem einsetzen, doch das war halb so schlimm». Olivia34, psychologie.at
  • «Ich habe mir die Mirena einsetzen lassen, ist ebenfalls eine Hormonspirale und damit hatte mein Frauenarzt sehr gute Erfahrungen bereits gemacht (…) – das kann ich voll empfehlen
  • «@ sporzal: mein tip es könnte auch eventuell nicht von der mirena kommen, sondern eventuell eine Allergie sein, ich hab das leider auch erst mal in vor kurzer zeit festgestellt, ich hatte echt total oft Kopfweh und das ist nicht lustig – das kann ich nachvollziehen». MauMau, hormonspirale-forum.de

Leserinnen solcher Einträge wurden getäuscht. Denn sie stammten aus der Küche der Wiener PR-Agentur «Mhoch3». Diese hat während vieler Jahre im Internet mit gefälschten Identitäten Postings in Online-Foren veröffentlicht – bezahlt vom Hersteller Bayer.
Aus der Anleitung der PR-Agentur für ihre Schreiberlinge:

Im Auftrag von Pharmafirmen, Banken, Automarken, Reisebüros und Parteien hat die PR-Agentur insgesamt mehrere hunderttausend Postings unter falschen Namen veröffentlicht. Das geht aus einer Recherche hervor, die das österreichische Magazins «Datum» Anfang November mit dem Titel «Die Nestflüsterer» veröffentlicht hat. Die NGO «Coordination gegen Bayer-Gefahren» CBG prangert diese Werbung in sozialen Netzwerken als «unlauter» an. Jan Pehrke vom CBG-Vorstand fordert strafrechtliche Ermittlungen gegen die Verantwortlichen bei Bayer: «Unlautere Medikamentenwerbung hat bei Bayer Tradition. Im vorliegenden Fall sollten ganz offensichtlich die Gesetze umgangen werden, denn Werbung für verschreibungspflichtige Präparate wie Mirena ist verboten. Wir dürfen nicht zulassen, dass Pharmahersteller die Risiken von Medikamenten verharmlosen und schamlos die öffentliche Diskussion manipulieren!».
Bayer Austria erklärte bisher lediglich, sie werde die von «Datum» erhobenen Anschuldigungen «prüfen». Unter den Stichworten «Mirena», «Mhoch3» oder «DATUM» ist auf der Webseite von Bayer über die schweren Vorwürfe nichts zu finden.
Um das Werbeverbot für Medikamente zu umgehen, betreibt das Unternehmen eigene Webseiten wie «Pille.com» oder «testosteron.de» (beide über die Bayer-Tochter «Jenapharm»), die als «Informationsangebote» getarnt werden.
In der Schweiz ist Werbung für rezeptpflichtige Medikamente wie Mirena ebenfalls verboten. Doch weder Swissmedic noch das Bundesamt für Gesundheit setzen dieses Verbot strikt durch.
Das geht selbst dem Ethikrat der Branche zu weit
Der Österreichische PR-Ethik-Rat verurteilt das Vorgehen der Wiener Agentur scharf und eröffnet ein Verfahren. Der angegebene Grund: «Versuche der Manipulation öffentlicher Meinung durch das verdeckte Auftreten von Unternehmen und Parteien als Konsumenten und Bürger sind mit den ethischen Prinzipien von Public Relations nicht vereinbar und daher strikt abzulehnen.» Das Selbstkontrollorgan der Branche verweist auf Prinzip 6 seiner kürzlich veröffentlichten «Acht Prinzipien zur Kommunikationsethik in Social Media». Es behandelt das Thema Transparenz im Umgang mit Postings im Internet. Der Rat tritt dafür ein, dass PR-Berater mit «offenem Visier» agieren und ihre Identität und Motive offenlegen.

NACHTRAG 22.12.2014
Die «Coordination gegen Bayer-Gefahren» (CBG) hat am 22.12.2014 bei der Staatsanwaltschaft Köln Strafanzeige eingereicht. Die CBG wirft dem Bayer vor, unlautere Medikamenten-Werbung in sozialen Netzwerken zu betreiben. Dazu erklärte CBG-Vorstand Philipp Mimkes: «Wir dürfen nicht zulassen, dass Pharmahersteller wie Bayer die Risiken von Medikamenten verharmlosen und schamlos die öffentliche Diskussion manipulieren. Wenn eine einzelne Agentur jährlich hunderttausend Postings schalten kann, müssen wir davon ausgehen, dass ein grosser Teil der online-Kommentare gefälscht ist. Gesetzgeber und Gerichte müssen die systematische Unterwanderung des internets daher dringend stoppen.»


Themenbezogene Interessenbindung der Autorin/des Autors

Der Autor vertritt Patientinnen und Konsumenten in der Eidgenössischen Arzneimittelkommission.

Zum Infosperber-Dossier:

Tasche_Hintergrund

Konsumentenschutz

Einseitige Vertragsklauseln. Täuschungen. Umweltschädlich. Hungerlöhne. Erschwerte Klagemöglichkeiten.

War dieser Artikel nützlich?
Ja:
Nein:


Infosperber gibt es nur dank unbezahlter Arbeit und Spenden.
Spenden kann man bei den Steuern in Abzug bringen.



Die Redaktion schliesst den Meinungsaustausch automatisch nach zehn Tagen oder hat ihn für diesen Artikel gar nicht ermöglicht.

7 Meinungen

  • am 13.11.2014 um 16:23 Uhr
    Permalink

    Bayer ?! Das ist doch ebenfalls der Hersteller der Antibabypille Yasmin & Yaz! Da sollte man sich wieder einmal erinnern, wie die Pharmaindustrie bei der Verordnung und Abgabe von Heilmitteln unsere Ärzte mit finanziellen Fehlanreizen und geldwerten Vorteilen lenkt (https://www.freitag.de/autoren/hoipolloi/der-gelenkte-arzt ) und ihre Pflichten zur Wahrung der Arzneimittelsicherheit (Pharmakovigilanz) dank Unterstützung unserer ParlamentarierInnen äusserst lasch zu handhaben vermag (z.B. dank fehlender Umsetzung des WZW-Kriteriums Zweckmässigkeit zum Schutze/gesundheitlichen Wohle unserer PatientInnen).

    Bedenkt man, dass am 3. Dezember 2014 der Ständerat höchstwahrscheinlich diese verordnungsbeeinflussenden Rabatte und Kickbacks bei der aktuellen Revision zu ‚geldwerten Vorteilen’ ohne entsprechende Qualitätskontrolle (Beleg der Indikations- und Behandlungssicherheit) durchwinkt, weil das BAG eine Studie von 2013 zur Medikamentenabgabe gezielt zur Wahrung der Legalisierung versorgungs- und verordnungsbeeinflussender ‚geldwerter Vorteile’ unter Verschluss hält, resp. eine Einsicht einzelner ParlamentarierInnen nur unter Schweigepflicht (unterzeichnen einer Geheimhaltungserklärung!) gewährt (http://www.politikundpatient.ch/index.php?id=125 ), dann stellt unlautere Werbung für rezeptpflichtige Heilmittel ja wohl nur die ‚lächerliche’ Spitze dieses Eisberges dar!

    0
  • am 13.11.2014 um 16:24 Uhr
    Permalink

    Da fragt man sich, wo der DVSP, die SPO und die SKS im Gesundheitswesen überhaupt noch die Interessen der Versicherten und Patienten der OKP zu wahren versuchen?! Ein Wunsch, der aufgrund der politischen Engagements wichtiger Protagonisten dieser Organisationen ungehört im Raum verhallen wird, da diese immer zuerst die politischen Interessen und nicht die ‚gemeinen’ Wünsche der Versicherten und Patienten zu verfolgen pflegen (Aufgabe der Politik ist stets das ‚Wohl des Ganzen’ und nicht das ‚Wohl des Einzelnen’). Deshalb Gruss an Jean-François Steiert (DVSP), Margrit Kessler (SPO) und Prisca Birrer Heimo (SKS)! Wir haben schon längst begriffen, dass wir Versicherten und Patienten nur ein korrupter Spielball des Wirtschaftlichkeitsprinzips der grossen Mehrwert-generierenden Protagonisten unseres Gesundheitswesens darstellen! Umsatz und Gewinne dominieren über Sicherheit und Wohl des Einzelnen.

    0
  • am 13.11.2014 um 17:21 Uhr
    Permalink

    @keusch….. dass wir Versicherten und Patienten nur ein korrupter Spielball des Wirtschaftlichkeitsprinzips der grossen Mehrwert-generierenden Protagonisten unseres Gesundheitswesens darstellen!
    sollte wohl eher heissen. dass wir Versicherten und Patienten nur ein Spielball des korrupten Wirtschaftlichkeitsprinzips…..?
    Ich bin zwar Versicherter, fühle mich aber keineswegs «korrupt», allenfalls aber korrumpiert.

    0
  • am 13.11.2014 um 20:19 Uhr
    Permalink

    @Ganz: Wichtig ist einzig, dass Sie den Sinn meiner Aussagen verstanden haben 😉 !

    0
  • am 14.11.2014 um 09:16 Uhr
    Permalink

    Herr Keusch, ich weiss nicht ob Sie wirklich in gleicher Weise die Interessen von Patienten vertreten wie die Organisationen, die Sie hier angreifen: als Tierarzt und ehemaliger Medical Director Psychiatrie von Risperdal, Tolvon und Remeron und heutiger freiberuflicher «Vertretung Patienteninteressen OKP» stehen Sie wohl eher auf einer anderen Seite und bezeichnen sich mit ‹korrupter Spielball› vielleicht treffend.

    0
  • am 14.11.2014 um 09:30 Uhr
    Permalink

    Solche versteckte PR vermute ich schon lange. Oft sind es anonyme, aber sehr professionelle Seiten hinter denen angeblich Einzelpersonen stehen, zum plausch!, sagt zum Beispiel eine Apothekerin (pharmama.ch) Gespickt mit Witzchen und Wärme wird nebenbei noch die gaaaaanz persönliche Meinung zu rezeptpflichtigen Produkten vermittelt und ‹Patientenreaktionen› dazu, wie oben beschrieben. Es hat sogar sehr viel ‚Kritisches‘ dabei, entscheidend ist jedoch, dass Produktenamen platziert werden können. Beim Porträt der Apothekerin hat’s ein Riesenabschnitt über Rechtliches, OBWOHL die Seite nicht kommerziell! sei.? Schon erstaundlich, diese Frau: Neben Tätigkeit in der Apotheke und Familiendasein (mit Kuschelbär!) macht sie noch solch aufwändige Onlinearbeit?

    0
  • am 14.11.2014 um 10:06 Uhr
    Permalink

    @Schneider: Wenn Sie mir vorwerfen korrupt zu agieren, dann belegen Sie dies bitte, ansonsten Sie Ihre ‹Analysespielchen› mit Ihren Patienteninnen und Patienten betreiben, die Ihnen gegenüber hoffentlich zu Recht Ihr Vertrauen schenken. Des weiteren erklären Sie bitte z.B. Patientinnen & Patienten mit einer Hepatitis C Infektion, weshalb man eine ‹zweckmässige› Therapie mit Sovaldi patientendiskriminierend rationiert. Erklären Sie bitte, weshalb man bei der Preisbildung von Medikamenten die medizinische Effizienz nicht als Grundlage für die Ökonomische Einfordert? Weshalb man mind. 1,5 Milliarden Fr. (oder 5% Prämienreduktion) an Rabatten und Kickbacks bei der Verordnung und Abgabe von Medikamenten zugunsten unserer Ärzte und Krankenversicherer trotz HMG, KVG, OR & Standesorganisationen auf Kosten von uns Patienten und Versicherten verteilt? Weshalb man beim BAG Studienresultate trotz KVV & KLV Teilrevision verschweigt?! Der Patient wird so leider zum Spielball korrumpierender ‹finanzieller Interessen› einzelner Protagonisten unseres Gesundheitswesens, obwohl diese stets beteuern, das Wohl des Einzelnen stehe an oberster Stelle! Von einer DVSP, einer SPO und einer SKS ist zu erwarten, dass Sie sich für den Patientennutzen einsetzen würden. Die SPO und der DVSP setzen sich bei der HMG-Revision aber für eine Legalisierung dieser Rabatte und Retrozessionen ein. Der SKS ist in medizinischen Bereichen schlichtweg überfordert. Auf welcher Seite stehen nun Sie , Frau Schneider?!

    0

Comments are closed.

Ihre Meinung

Lade Eingabefeld...

Die Schlagzeilen der täglich drei neusten Artikel erhalten Sie nach Wunsch täglich oder wöchentlich.

Vielen Dank, dass Sie unseren Newsletter abonnieren!

Der Bestätigungslink ist nicht mehr gültig.