Sackler Agreement. 1. nbcnews

Multimilliarden-Vergleich: Eine halbe Million Tote, doch die Konzernbesitzer Sackler bleiben Milliardäre. © nbcnews

Opioid-Skandal: Wie Milliardärs-Familie die Justiz austrickste

Christa Dettwiler /  Die Sackler-Family hat Hunderttausende von Toten auf dem Gewissen. Warum sie trotzdem gut wegkommt, recherchierte die NYT.

Vor dem Gesetz sind alle (un-)gleich:

  • Weil er einem Bekannten das Opioid Fentanyl verkaufte, der daraufhin an einer Überdosis starb, wurde Darnell Washington zu 15 Jahren Haft verurteilt. 
  • Raymond und Mortimer Sackler, denen der Opioid-Hersteller Purdue Pharma gehört und die mit dem Verkauf des Opioids OxyContin Milliarden verdienten, gehen straffrei aus und bleiben Milliardäre. 

Das Schmerzmittel OxyContin ist wie Fentanyl chemisch mit Heroin verwandt. Mehr als eine halbe Million Menschen in den USA sind an dieser stark abhängig machenden Droge gestorben.

Die Sackler-Familien haben sich über die Jahre ein öffentliches Image aufgebaut, das ihre Wohltätigkeit in den Vordergrund rückt. Als 2001 die ersten Medienberichte über die Suchtgefahr von OxyContin erschienen, taten ihre PR-Berater alles, um den Namen Sackler aus der Kontroverse herauszuhalten. Während immer mehr Menschen starben, behaupteten Kampagnen des Sackler-Unternehmens Purdue unverfroren, das Mittel mache kaum abhängig. Bei unliebsamen Journalistenfragen, schritten Anwälte ein.

50 Millionen Dollar für eine einzige Anwaltskanzlei

2006 bereitete der Bundesstaat Virginia eine Klage gegen Purdue vor. Man konzentrierte sich auf drei hochrangige Mitarbeiter und hoffte, sie würden unter dem Druck der Anklage gegen die Sacklers aussagen. Die Firma reagierte mit der Verpflichtung von zwei hochrangigen Anwälten, Rudy Giuliani und Mary Jo White, die erfolgreich beim Justizdepartement intervenierten. Dieses entschied, die Purdue-Mitarbeiter könnten nicht wegen einer Straftat angeklagt werden. 

Ohne drohende Gefängnisstrafe verweigerten die Purdue-Mitarbeiter die Zusammenarbeit mit der Justiz. Sie bekannten sich lediglich geringfügiger Vergehen schuldig. Die Firma wurde wegen irreführender Werbung zu einer Busse von 600 Millionen Dollar verurteilt. 

Weil sie den Kopf hingehalten hatten, erhielt einer der angeklagten Mitarbeiter von den Sacklers drei Millionen, ein anderer fünf Millionen Dollar. Doch Straffreiheit ist nicht billig. Gerichtsdokumente zeigen, dass eine einzelne Anwaltskanzlei Purdue für diesen Fall eine Rechnung über 50 Millionen Dollar stellte.

John C. Coffee Jr., Direktor des Center on Corporate Governance an der Columbia Law School, kam in einem Report kürzlich zum Schluss: „Die Kontrolle der Sacklers über Purdue ist vergleichbar mit der eines Paten über seine Mafia-Familie.“ 

Letztes Jahr bekannte sich Purdue erneut wegen irreführender Werbung für OxyContin für schuldig. Erneut wurde kein Sackler-Familienmitglied belangt. In einem Zivilprozess bezahlte die Firma vergleichsweise bescheidene 225 Millionen Dollar, ohne ein Fehlverhalten zuzugeben. Offenbar befanden es die Ankläger nicht einmal für nötig, die Sacklers persönlich zu befragen. 

Mit Konkurs eine Milliardenbusse abgewendet

Das Justizdepartement wollte den Fall offenbar möglichst schnell abschliessen. Im Oktober gab es bekannt, eine Einigung mit Purdue gefunden zu haben und zwar über acht Milliarden Dollar. Das klingt beeindruckend, allerdings hatte das Unternehmen gar keine acht Milliarden. Es hatte bereits Konkurs angemeldet.

Wie kann ein Unternehmen, das mit einem Produkt geschätzte 35 Milliarden verdient hat, Konkurs anmelden? Schon 2007 ahnten die Sacklers, dass die Klagen, die sich häuften, auch ihr Privatvermögen bedrohen könnten. Sie begannen Geld aus der Firma zu ziehen und auf ihren privaten Konten – davon etliche im Ausland – zu bunkern. Laut einem Revisionsbericht flossen zwischen 2008 und 2017 mehr als zehn Milliarden Dollar ab. Nach weiteren Tausenden von Klagen Geschädigter oder ihrer Angehörigen in fast allen US-Bundesstaaten meldete die Firma im Jahr 2019 Konkurs an. Damit war die Firma vor allen Anklagen geschützt, während sie ihre Schulden umstrukturierte. 

Darauf versuchten es über zwei Dutzend Bundesstaaten mit Klagen gegen einzelne Vorstandsmitglieder. Doch die Sacklers verlangten, dass der Konkursrichter alle Klagen gegen Familienmitglieder einfriere, obwohl die Familie nicht Konkurs angemeldet hatte.

Den Richter selber ausgewählt

US-Unternehmen können den Gerichtsbezirk, wo sie Konkurs anmelden, frei wählen. Purdue wählte White Plains, N.Y., obwohl das Unternehmen dort nie Geschäftstätigkeiten hatte. Robert Dain ist der einzige Konkursrichter in White Plains. Er zeigte in der Vergangenheit stets Nachsicht mit den Beklagten und schützte auch die Sackler-Familie. Schliesslich boten die Sacklers eine „globale Lösung“ an. Sie würden 4,5 Milliarden bezahlen, ohne ein Fehlverhalten der Familie einzugestehen. Im Gegenzug verlangten sie endgültige Immunität vor jeglichen Zivilklagen bezüglich der Opioid-Krise. 

Das scheint auf den ersten Blick viel Geld, aber Milliardär-Mathematik kann täuschen. Die Sacklers schlugen mit Erfolg vor, die 4,5 Milliarden erst im Laufe von neun Jahre auszuzahlen. Ihr aktuelles Vermögen wird auf mindestens elf Milliarden geschätzt. Werden Zinsen und Investitionen eingerechnet, können sie die Busse laut NYT bezahlen, ohne auf ihr Kapital zurückgreifen zu müssen. 2030, wenn die Busse bezahlt ist, dürften die Sackler-Familien noch reicher sein als heute. 

Sackler Agreement. 2. nbcnews
Der Staatsanwalt von Washington äussert sich über den Milliarden-Vergleich empört.

Mehrere Staaten wollten auf einen besseren Deal warten, aber Richter Drain signalisierte, diese Klagen abzuweisen, um „wahren Frieden“ zu schaffen. Am 7. Juli knickten die oppositionellen Staaten ein. Zwar sagte New Yorks Staatsanwältin Letitia James an einer Medienkonferenz: „Der Kampf ist noch nicht vorbei.“ 

Tatsächlich aber ist er vorbei. Das Unternehmen wird aufgelöst, die Sacklers werden vom Opioid-Geschäft ausgeschlossen. Sie werden kein Fehlverhalten zugeben. Sie erhalten – zusammen mit ihrer Armee von Anwälten und PR-Beratern – dauerhafte Immunität.

Als Teil des Deals müssen die Sacklers wenigstens Millionen von Unternehmensdokumenten veröffentlichen. Dieses Archiv wird die Wahrheit über die Opioid-Krise und das unsägliche Verhalten der Familie enthüllen. Und es wird darüber Klarheit schaffen, wie Geld und Einfluss die Reichen von den Folgen ihres rücksichtslosen Verhaltens bewahren.

Zum Schluss meinte die New York Times: „Wir können aus dieser Geschichte lernen – und das müssen wir.“ 
___________________________________________________

NBC-Bericht vom 9.7.2021 über den fragwürdigen Vergleich mit Stimmen von Opfern (knapp 3 Minuten):


Themenbezogene Interessenbindung der Autorin/des Autors

Keine
_____________________
Meinungen in Beiträgen auf Infosperber entsprechen jeweils den persönlichen Einschätzungen der Autorin oder des Autors.

Zum Infosperber-Dossier:

Pillen

Die Politik der Pharmakonzerne

Sie gehören zu den mächtigsten Konzernen der Welt und haben einen grossen Einfluss auf die Gesundheitspolitik.

Polizei1

Justiz, Polizei, Rechtsstaat

Wehret den Anfängen, denn funktionierende Rechtssysteme geraten immer wieder in Gefahr.

War dieser Artikel nützlich?
Ja:
Nein:


Infosperber gibt es nur dank unbezahlter Arbeit und Spenden.
Spenden kann man bei den Steuern in Abzug bringen.

IBAN: CH 0309000000604575581

5 Meinungen

  • am 29.07.2021 um 11:21 Uhr
    Permalink

    ‹Die Sackler-Family hat Hunderttausende von Toten auf dem Gewissen.›
    Nein, das hat sie nicht. Ein Jedes ist ambivalent, je mehr etwas nutzt, je mehr schadet es auch. Es gibt keine Medikamente ohne Nebenwirkungen. Auch da gilt, je potenter die Wirkung, je mächtiger die Nebenwirkungen.
    Es liegt nicht am Hersteller, wenn rezeptpflichtige Medikamente, selbst Betäubungsmittel, in den USA beworben und z.T. frei verkauft werden können. Der fahrlässige Umgang mit Medikamenten ist im pervertierten Freiheitsbegriff der US- amerikanischen Kultur und in der gnadenlosen Kommerzialisierung der Medizin begründet.
    Die Zukunft der Medizin muss es schaffen, auf makroskopische Eingriffe ausser in Notfallsituationen vollständig zu verzichten. Weder Medikamente noch Operationen an sich sind medizinisch zukunftsfähig. Die Zukunft der Medizin muss ohne kommerzielle Verwicklungen sein, ohne Preise, ohne Rechnungen, ohne aktive Benutzung von Geld. Der Zukunft der Medizin muss salutogen, nicht pathogenetisch geprägt sein.

    3
  • am 29.07.2021 um 12:26 Uhr
    Permalink

    Was die Sacklers inszenieren, entspricht einer Gesellschaft, die sich kollektiv organisiert und toleriert von Verantwortungslosigkeit und Wertefreiheit beherrschen lässt. Wo vor allem zählt, was sich bezahlt, und was Spass macht. Und wo vor allem gross Mächtige und schwer Reiche tun oder lassen können, was und wie sie es wollen. Mit Politiker*innen und einer Justiz, die ihnen dienen und sich nicht umfassend um alle und um alles kümmern: ein Teufelskreis. Und läuft es schief, kann niemand etwas dafür: Jede*r ist sich selbst der*die Nächste.

    0
    • am 1.08.2021 um 10:53 Uhr
      Permalink

      Völlig einverstanden, Herr Keller. Aber der Schluss des Artikels, der fromme Wunsch der New York Times ist wirklich nicht mehr: Was nützt es daraus zu lernen, die kapitalistische Wirtschaft funktioniert so, auf der ganzen Welt, und eben, es stehen Heerscharen von Anwälten und uneremesslich viel Geld zur Verfügung, um jede Änderung zu verhindern. Manchmal könnte ich wirklich zum Pessimisten werden. Aber schliesslich wird die Welt nur weitergehen, wenn tatsächlich immer mehr und mehr Menschen weltweit nicht nur sagt, sondern sich auch so verhält: Es darfeinfach nicht mehr so weitergehen. Warum sind die Mächtigen so wahnsinnig einflussreich?! Weil die Schwachen sie gewähren lassen!

      0
  • am 29.07.2021 um 16:08 Uhr
    Permalink

    Das ist der Stoff aus dem das kapitalistische System gebaut ist. Rudy Giuliani, ex-Bürgermeister von NY, ex-Anwalt von Trump. Ein Mann der ersten Stunde nutzt seine Beziehungen zum Establishment und kassiert Millionen. So geht das! Nicht nur in den USA.

    0
  • am 30.07.2021 um 14:35 Uhr
    Permalink

    Wie kann es kommen, dass das schlechteste aller Opioide als Schmerzmitttel solche Karriere machen kann. (Codeine müssen von der Leber über die Cyp P450 Cytochrome zuerst in Morphium metabolisiert werden, bevor diese wirken können, zudem unterdrücken sie den Histaminabbau im Darm) Da diese Leber-Cytochrome je nach Ernährung und anderen Medikamenten nicht immer ausreichend verfügbar sind, um im nächsten Moment im Überschuss vorhanden zu sein, droht schnell mal eine Überdosierung, weil es erst gar nicht wirkt, um dann verspätet plötzlich durch eine überschießende Wirkung mit einer Atemdepression im Schlaf den Patienten zu töten. Wer sich nicht auskennt und gut informiert ist im Umgang mit diesem Opioid, sollte besser ein anderes in Absprache mit dem Apotheker oder Hausarzt wählen, wenn schreckliche Schmerzen quälen. (Auch Schmerzen können töten) Alte synthetische Opioide mit wenig gut kontrollierbaren Nebenwirkungen, gibt es zuhauf, doch da die Patente ausgelaufen sind, kann man damit nicht mehr Milliardär werden. Das alte traurige Lied. Ich halte es für sehr wichtig, das jeder Mensch sich selber gut informiert. Wir leben in der Zeit des Internets, jede Universitätsbibliothek von Bedeutung ist heute über das Internet erreichbar. Es gibt Online gute Vorträge von Ärzten, welche nicht in der Knechtschaft unseriöser Pharmagiganten stehen. Wir leben in der Zeit der grossen Lügen und Propaganda der Superreichen, da sind Wissen und Eigenverantwortung Überlebenswichtig.

    0

Ihre Meinung

Lade Eingabefeld...