Mosambik.Hunger.RiceKids

Der Milliarden-Kreditskandal hat die Armut in Mosambik noch verschärft. Manche wollen nach Europa auswandern. © RiceKids

Die kritischen Berichte über die CS haben einen blinden Fleck

infosperber /  Rund um die Präsentation der CS-Jahresergebnisse 2021 blieb ein Thema ausgeklammert: Der grösste Finanzskandal in Afrika.

Red. Auf Infosperber berichtete Thomas Kesselring seit 2016 über den Mosambik-Kreditskandal, in den die Credit Suisse verwickelt ist. Kesselring unterrichtete jahrelang an einer Universität in Mosambik.

Anlässlich der Präsentation der CS-Jahresergebnisse 2021 kam es in unseren Medien einmal mehr zu einer Aufwallung der kritischen Berichterstattung. Die Credit Suisse ist ein schlingerndes Schiff – darüber besteht Konsens. Bei den Gründen, die das Schiff zum Schlingern brachte, blieb wie oft auch schon früher einer der wichtigsten unerwähnt: Das Debakel um die geheimen Mosambik-Kredite.

Vergleicht man die diversen Fehlleistungen der Bank seriös miteinander, so müsste man eigentlich zum Schluss kommen, dass der Mosambik-Skandal am schwersten wiegt. 

Die grossen Medien klammern bei ihren Berichten über die CS den wichtigsten Skandal grösstenteils aus

Das Mosambik-Schlamassel erscheint in vielen Schweizer Medien wie ein blinder Fleck. Dass sie diesen blinden Fleck gerade jetzt, ausgerechnet am Vorabend der Abstimmung über das Gesetz zur Medienförderung, wieder einmal ostentativ zur Schau stellen, ist verstörend und provoziert zu einer Reihe von Fragen: 

Übersehen die Medien das Thema aus purer Vergesslichkeit? Verschweigen sie absichtlich etwas? Arbeiten sie nach einer für den Medien-Konsumenten wenig einsichtigen Wichtigkeits-Skala – und wenn ja, nach welcher? Oder geht es hier nicht um wichtig/unwichtig, sondern um eine Frage der Komplexität? Ist den Medien das triste Spiel der CS mit Mosambik zu komplex, als dass man sich damit befassen möchte?

Die Konsequenzen problematischer Geschäfte der Credit Suisse haben zwei Seiten: die eine sind die eingefangenen finanziellen Verluste der CS, die andere die zum Teil noch gravierenderen Schäden, welche die CS indirekt angerichtet hat, deren Höhe sich aber nicht in Franken oder Dollar berechnen lassen:

  • Die Busse, welche die Credit Suisse im Oktober 2021 wegen des Mosambik-Deals einfing, fällt zwar, finanziell gesehen, weniger ins Gewicht als die 4,4 Milliarden plus maximal 2,3 Milliarden Dollar, welche die CS durch das Archegos- und Greensill-Abenteuer verspielt hat. Die Mosambik-Bussen belaufen sich etwa auf eine halbe Milliarde Dollar. Zusätzliche 200 Millionen, welche die Bank an die Mosambik-Schuld abschreiben muss, sind noch Zukunftsmusik. Die Forderungen der betrogenen Gläubiger beim Mosambik-Kredit von voraussichtlich über einer Milliarde Dollar sind ebenfalls Zukunftsmusik, denn die entsprechenden Prozesse sind erst im Herbst 2023 vorgesehen. 
  • Auf der anderen Seite stürzte infolge des grössten Finanzskandals der letzten Jahrzehnte in Schwarzafrika, den die CS mitverantwortete, eines der ärmsten Länder in einen Abgrund. Eine Million Menschen fielen in die absolute Armut zurück. Doch diese Folgen der dubiosen und rechtswidrigen CS-Geschäfte waren den grossen Medien offensichtlich weniger wichtig. Schliesslich finden die Ereignisse weit weg von der heilen Schweiz statt. 
    Weil CS-Präsident Urs Rohner das Malheur mit Mosambik jahrelang erfolgreich unter dem Deckel halten konnte, durfte er im April 2021 in allen Ehren demissionieren. Der Verstoss seines Nachfolgers Horta-Osório gegen die Corona-Regeln hingegen wird so dargestellt, als wäre er absolut unentschuldbar, und daher sei er auch zu Recht in die Wüste gejagt worden. Als ebenso unentschuldbar stuften die Medien die Beschattung von Iqbal Khan im September 2019 ein, deswegen musste CS-Chef Tidjane Thiam über die Klinge springen.
  • Die Berichte grosser Medien über den Mosambik-Skandal erwecken den Eindruck, als spiele der Schutz von Menschenleben in fernen Ländern eine untergeordnete Rolle. Die „gravierendsten Menschenrechtsverletzungen“, die Banker begehen können, sind anscheinend die Bespitzelung von Kollegen und die Erhöhung des Ansteckungsrisikos durch Corona, weil Quarantäne-Bestimmungen nicht eingehalten wurden.
  • Als grösste Schwäche der CS gilt das mangelhafte Risikomanagement. Ob sich die Bank an die Gesetze und Verfassungen anderer Länder hält oder nicht, ist – auch in Berichten grosser Medien – nur dann von Belang, wenn Gesetzesverstösse das Verlustrisiko erhöhen. Auch die Frage, ob die Bank mit Ermittlungsbehörden kooperieren soll, beantworten Grossbanken offensichtlich mit einer Risiskoabwägung. Die Devise lautet: „Sich nur nicht erwischen lassen, nichts zugeben, was nicht schon faktisch erwiesen ist!“


Der Kreditskandal in Mosambik

Wegen der Mosambik-Kredite stoppten der IWF und die Geberländer 2016 die Entwicklungsgelder für Mosambik, das Land wurde insolvent und sparte rigoros im sozialen Bereich – u.a. im Schul- und Bildungswesen und in der Gesundheitsversorgung. Mindestens eine Million Menschen versank in absoluter Armut. Der Kreditskandal beschäftigt seither die Gerichte in sechs Ländern. Die Credit Suisse hat bei diesen Krediten nicht nur die Risiken falsch eingeschätzt, sondern auch gegen die Gesetze diverser Länder sowie gegen die Verfassung Mosambiks verstossen, obwohl sie in Zeitungsanzeigen behauptet, sich in allen Ländern an alle Gesetze zu halten. Die Bank hat bei der Kreditvergabe die Gläubiger nachweislich falsch informiert und bei der Umstrukturierung eines der Mosambik-Kredite die prekäre Finanzlage des Landes sowie einen weiteren 600-Millionen-Kredit verschwiegen. Die CS stellte sich taub, als der Skandal 2016 international publik wurde, und kooperierte weder mit der Audit-Firma Kroll, die 2017 Licht ins Dunkel der Ereignisse bringen sollte, noch mit den englischen und amerikanischen Ermittlungsbehörden seriös, womit sie eine Erhöhung der Busse in Kauf nahm (vgl. dazu).

Im Gespräch mit Urs Gredig vom 10. Februar 2022 sagte Oswald Grübel, seines Zeichens ehemaliger Chef von CS und UBS, bezeichnenderweise Folgendes: Auch in der Politik sei das Risikomanagement etwas vom Wichtigsten, aber das Corona-Management zeige, dass Politiker die Risiken schlecht managten. „Fakten“ seien das Entscheidende, nicht „Visionen“ – so Grübel wörtlich.

Doch wie sieht das Verhältnis von Fakten und Visionen auf den Finanzmärkten in Wahrheit aus? Im Aktienkurs eines Unternehmens spiegeln sich bekanntlich nicht mehr die tatsächliche Produktivität plus Sachwerte wider, sondern die Vision von in Zukunft erhofften Erträgen. Als Microsoft in seiner Bilanz Gebäude und Anlagen im Wert von 2,3 Milliarden verbuchte, betrug ihr Börsenwert mehr als das Hundertfache, 283 Milliarden Dollar, eben weil der Marktwert die erhofften Gewinne abbildet – letztlich also eine blosse „Vision“ der Aktionäre. 

Ein Jahr vor ihrem Kollaps schrieb die Firma Wirecard in ihrem Halbjahresbericht: „Im ersten Halbjahr 2019 belief sich das Transaktionsvolumen auf 77,3 Milliarden Euro (…), dies entspricht einem Wachstum von 37,5 Prozent.“ Wunderbar! Aber auch dies waren eben keine „Fakten“, nicht einmal Visionen, sondern bestenfalls Illusionen. 

Der Marktwert von Finanzprodukten hängt nicht von objektiven Fakten ab, sondern von der – subjektiven! – Einschätzung der Marktteilnehmer. Wer seine Anteile am Archegos-Hedgefonds als erster verkaufte, profitierte von einem höheren Kurs als wer später verkaufte – eben weil der fallende Kurs das sinkende Vertrauen der Anleger manifestierte. Die CS hat mit dem Archegos-Hedgefonds mehr Geld verloren als andere Banken, weil sie ihre Beteiligungen später verkaufte. Die börsenrelevanten „Fakten“ sind gestrickt aus Hoffnungen, Vermutungen, Visionen, Illusionen, die allerdings auf die Wirtschaft einen riesigen Einfluss ausüben. Auch der Marktwert einer Firma ist – anders als die Höhe des Mount Everest – keine feste Grösse, sondern er schwankt mit der Einschätzung der Marktteilnehmenden.

Oswald Grübel verteidigt die Auffassung, dass Banken Milliardengewinne schaffen und dafür Risiken in Kauf nehmen müssen. Diese Gewinne hängen aber weitgehend vom Vertrauen bzw. den Zukunftserwartungen – den „Visionen“ – der Anleger ab.

In Mosambik hingegen hat die Credit Suisse tatsächlich Fakten geschaffen, Fakten der übelsten Sorte. Nicht nur die Herren Gottstein und Grübel, auch Herr Urs Gredig und mit ihm die meisten Medien blendeten diese materiellen „Fakten“ in ihren Berichten zu den CS-Jahresergebnissen 2021 völlig aus. 


Themenbezogene Interessenbindung der Autorin/des Autors

Keine
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Meinungen in Beiträgen auf Infosperber entsprechen jeweils den persönlichen Einschätzungen der Autorin oder des Autors.

Zum Infosperber-Dossier:

Flagge_Mosambik

Credit Suisse im Mosambik-Skandal

Mit einer russischen Bank hat die CS zwei Milliarden Kredit gesprochen – ohne geforderte Sorgfaltspflicht.

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4 Meinungen

  • am 12.02.2022 um 15:27 Uhr
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    Hier hätte die Annahme der Konzernverantwortungsinitiative mithelfen können/sollen, das Bewusstsein der Öffentichkeit, der Medien und mit ihnen der Banken und Anleger für die wirklichen Fakten zu schärfen. Es fällt schwer, keinen Zusammenhang zu sehen mit der skandalösen weiteren Verwässerung des eigenen Gegenvorschlags des Bundesrats gegen die Initiative zu sehen: Die Verantwortlichen für diese Machenschaften müssen unbedingt geschont werden… Karin Keller-Sutter hat schon mehrmals in solchen heiklen Geschäften eine federführende Rolle gespiellt.

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  • am 12.02.2022 um 18:17 Uhr
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    Brüllendes Schweigen bei den hiesigen Medien in Sachen Moçambique-Skandal der Crédit Suisse ! Wieso ist das so ? Ganz einfach: Weil es hierzulande nämlich kein Aas interessiert, wenn unter gütiger Assistenz durch die hiesige Finanz-«Industrie» ein armes Drittweltland in den Ruin getrieben wurde. Wenn eine «honorige» Schweizer Bank ein afrikanisches Entwicklungsland an den Rand des Abgrunds treibt, geht das der helvetischen Öffentlichkeit schlicht am Allerwertesten vorbei. Ganz anders aber, wenn auf der Gegenseite die USA, Frankreich oder Deutschland stehen sollten. Wenn man in Washington, Paris oder Berlin den kleinen Finger rührt, werden unsere Banker klein und hässlich, senken beschämt ihre Häupter und spuren gehorsamst. So wie einst Konrad Hummler von der Bank Wegelin, dem die Amis mit einem Fingerschnippen seine Bude kurzerhand dichtgemacht haben …

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    • am 13.02.2022 um 08:18 Uhr
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      Sehr geehrter Herr Knupfer-Müller,
      ja, leider ist Ihre Sicht der Dinge allzu wahr. Doch werden die Verantwortlichen je zur Rechenschaft gezogen? Wohl eher mit goldenen Abfindungen überhäuft und erst noch als äusserst fähig dargestellt. Armes reiches Schweizerland, so viel ist Lug und Trug und Tand!

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  • am 13.02.2022 um 20:01 Uhr
    Permalink

    Die Afrika Geschäfte der Credit Suisse werden von den Medien nur am Rand kommentiert. Die Investitionen der Credit Suisse, der UBS, der Nationalbank und weiterer Banken in Unternehmen Atombomben herstellen scheinen auch nicht interessant zu sein, wie die Investitionen dieser Banken in Firmen die konventionelle Waffen produzieren auch nicht. – Geschäft ist Geschäft, auch mit dem Krieg wie schon früher,
    Laut «2021 Don’t Bank on the Bomb» betrugen die Investitionen der Schweiz in Atomwaffenproduzenten im November 2021, 4’883 Mio. US-Dollar.
    Credit Suisse 2’059 Millionen USD, UBS 2’562 Millionen USD, Nationalbank 64 Millionen USD.
    Seit der Revision des Kriegsmaterialgesetzes (KMG) vom 1. Januar 2013 gibt es ein gesetzliches Finanzierungsverbot von verbotenen Waffen. Darunter fallen auch Atomwaffen, welche in Art. 7 Abs. 1 lit. a KMG aufgeführt sind».
    Siehe: Art. 8b des Kriegsmaterialgesetzes (KMG) «Verbot der direkten Finanzierung» und Art. 8c «Verbot der indirekten Finanzierung»
    Wie ist es mit der Rechtsstaatlichkeit der Schweiz vereinbar, dass von unserer Regierung in Bern nicht verhindert wurde, dass helvetische Institutionen 4’883 Mio. US-Dollars in Firmen investierten, die an der Produktion von Atombomben beteiligt sind? Regieren Geldhäuser unser Land? Wo bleibt das Bundesgericht, die Finanzaufsicht des Bundes?

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