Ernährung gesund

Beispiele für eine klimafreundliche und gesunden Kost aus dem EAT-Bericht des Fachmediums «The Lancet» von 2019. © EAT

Nachhaltig essen: Der Fleischkonsum ist entscheidend

Daniela Gschweng /  Wir könnten um 80 Prozent umweltfreundlicher essen. Dazu müsste der Durchschnittseuropäer seine Kost aber umstellen.

Forschende in Finnland sind der Frage nachgegangen, was in Europa auf dem Tisch stünde oder womöglich bald auf dem Tisch stehen muss, wenn wir uns ökologisch optimal ernähren wollen. Sehr viel wasser-, land- und klimaschonender zu essen wäre möglich, fanden sie.

Hauptautorin Rachel Marie Mazac und ihr Team optimierten dazu die europäische Ernährung nach drei unterschiedlichen Zielen: möglichst klimaschonend, minimale Landnutzung und möglichst wassersparend.

Die optimale Ernährung kann den Land- und Wasserverbrauch sowie den Ausstoss von Treibhausgasen für jedes Ziel um mehr als 80 Prozent reduzieren, stellten sie fest.

Die Doktorandin der Agrarwissenschaften am Helsinki Institute of Sustainability und ihr Team, die ihre Ergebnisse im Fachmagazin «Nature Foods» veröffentlicht haben, arbeiteten in ihrer Studie mit drei Ernährungsmustern: 

•  ein omnivores, das tierische Produkte enthält,

•  ein optimiertes veganes Szenario

•  und eine Kost, die auf neuartigen Lebensmitteln (NFF, Novel/Future Food) basiert.

Neuartige Lebensmittel sind solche, die es im Handel noch kaum oder gar nicht gibt, wie Cultured Meat, Lebensmittel aus Pilzgeflechten oder Milch aus Bakterienkulturen. Auch solche, deren Verzehr bei uns nicht üblich ist, wie Algen, Insekten oder Seegras, zählten die Forscherinnen zum Future Food.

Am besten schneidet die Future-Food-Diät ab

Der durchschnittliche Europäer isst nach ihren Berechnungen um 81 bis 84 Prozent weniger nachhaltig, als es in Bezug auf Treibhausgasemissionen, Wasser- und Landverbrauch möglich wäre. Das gilt sowohl für eine optimierte omnivore wie für die optimierte vegane Kost.

Die unter Einbezug neuer Lebensmittel berechneten Szenarien schnitten mit 83 bis 87 Prozent Verbesserung zum status quo noch etwas besser ab. Bei NFF gebe es allerdings die grössten Unsicherheiten, beispielsweise beim Energieverbrauch noch nicht in grossem Umfang produzierter Produkte, erklärt Florian Humpenöder vom Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung im «Spiegel».

Wie die optimale Ernährung aussieht

Im optimierten Öko-Speiseplan ändert sich so einiges. Der grösste Treiber in allen drei Szenarien sind Lebensmittel tierischer Herkunft, also tierische Fette, Milch, Eier und Fleisch. Fleischverzehr allein macht momentan mehr als die Hälfte der Klimabelastung und des Landverbrauchs aus und bedingt einen Grossteil der Wassernutzung.

Das optimierte omnivore Modell (OMN) wurde für alle drei Szenarien fast vegan (VEG). Gut sichtbar ist das im untenstehenden Diagramm. Der dunkle Balken in der ersten Zeile steht für Fleischprodukte in der jetzt üblichen Durchschnittskost (CD). Alle wassersparenden Szenarios enthalten weder Fleisch noch Eier und nur noch wenig Milch.

Der dunkelrote Balken in der vierten Zeile symbolisiert neue Lebensmittel (NFF).

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So sieht die optimierte Ernährungszusammensetzung für eine möglichst klimafreundliche (GWP), landnutzungsoptimierte (LU) und wassersparende (WU) Ernährung für drei Ernährungstypen aus.

In einer anderen Simulation berechneten die Forschenden, was passiert, wenn der Durchschnittsesser noch ein Fünftel der bisher üblichen Lebensmittel tierischer Herkunft verzehrt – der Einspareffekt sank für alle drei Ziele um wenigstens zehn Prozentpunkte. Die Rechnung zeigte 79 Prozent Wasserersparnis, 70 Prozent Klimawirkung und 68 Prozent weniger Landverbrauch gegenüber dem Ist-Zustand.

Das Ergebnis sei auch ernährungsphysiologisch sinnvoll, versichert Mazac, der man schon dafür Respekt zollen muss, wie sie ihr Fachgebiet und dessen Auswirkungen in diesem Youtube-Video in knapp neun Minuten im Schnelldurchlauf charakterisiert. Ernährung hat, zugegeben, wirklich mit sehr vielem zu tun.

Die Berechnung enthalte alle benötigten Nährstoffe, Spurenelemente und Vitamine, mit zwei Ausnahmen: Die Vitamine B12 und D wurden nicht berücksichtigt. «Es ist wahrscheinlich, dass Lebensmittel in Zukunft mit den Vitaminen B12 und D angereichert werden», schreiben die Autorinnen und Autoren.

Seegras-Chips und Insekten

Für eine nachhaltigere Ernährung werden sich Esser aber an anderes gewöhnen müssen: Alkoholische Getränke haben die Forschenden so gut wie vollständig gestrichen, von den nicht-alkoholischen Getränken gibt es nur noch die Hälfte. Sparsamer wird es auch bei den Gewürzen, in der Hälfte der neun Szenarien fehlt zudem der Zucker.

Dafür enthält die optimierte Kost mehr Gemüse, Hülsenfrüchte und Getreide. Für eine umweltoptimierte Kost werden wir in Zukunft ausserdem wohl zu Lebensmitteln greifen, die wir jetzt noch gar nicht kennen oder nicht konsumieren, wie Milch aus dem Labor, Insekten oder Algen.


Themenbezogene Interessenbindung der Autorin/des Autors

Keine
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Zum Infosperber-Dossier:

Hunger

Hunger und Fehlernährung weltweit

Alle Menschen auf der Erde können sich nicht so ernähren wie wir. Der Kampf um fruchtbare Böden ist im Gang.

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4 Meinungen

  • am 8.05.2022 um 12:20 Uhr
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    Bon appetit !

    0
  • am 9.05.2022 um 10:07 Uhr
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    Die Umweltverschmutzung, Erosion und Bodenauslaugung durch Großbetriebe, Abholzung und Monokulturen fehlt mir hier völlig. Wird Ackerkrume nicht geschützt und wieder regeneriert, kann man irgendwann dort nichts mehr anbauen. Haben Regionen keinen Wasserrückhalt mehr, erodiert alles. Das hat erst einmal weniger was mit dem Produkt als mit der Bewirtschaftung zu tun. Ich glaube, dass man Ernährungs- und die sich daraus ergebenden Umweltprobleme in einem größeren Zusammenhang betrachten muss: wie und wo und mit was werden Hühner, Milch- und Fleischtiere gehalten, wie sind die Humus-, Wasser-, Insekten-, Energiebilanz der erzeugenden Region aus usw.
    Gegen Okinawa-Diät (viel Gemüse, wenig Fleisch) ist nichts einzuwenden, gegen künstliches Essen schon. Da geht es nicht um Gesundheit, sondern um Profite.

    0
  • am 9.05.2022 um 19:34 Uhr
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    Gerade in den letzten Tagen hat Erik Fyrwald, Chef von Syngenta, Statements abgegeben, die dem Interesse an einer ökologischen und nachhaltigen Lebensmittelproduktion entgegenlaufen.
    Er lässt sich offensichtlich die Gelegenheit nicht entgehen, die zu erwartende Nahrungsmittelkrise, die auf den Krieg in der Ukraine als Ursache vorausgesagt wird, die aber, um ehrlich und genauer zu sein, nicht weniger auf die Kurzsichtigkeit der verhängten Sanktionen zurückzuführen sein wird, auszunutzen, um Lobbyarbeit für den Chemiemulti zu betreiben, der bereits jetzt für eine Situation mitverantwortlich ist, die buchstäblich Gift für den Boden ist, der uns auch in Zukunft versorgen muss.
    https://www.srf.ch/news/schweiz/landwirtschaft-in-kriegszeiten-syngenta-chef-fordert-wegen-nahrungskrise-abkehr-von-bio

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  • am 10.05.2022 um 10:52 Uhr
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    Das Thema ist wichtig, bisher viel zu wenig beachtet und (weitestgehend) fleischlose Ernährung gewiss nötig. Ich stimme Frau Gschweng völlig zu, dass Ernährung mit sehr vielem in unserer Welt zusammen hängt.
    Dennoch scheint die Studie oder zumindest der Artikel trotz aller vernetzten Betrachtung viele sehr wichtige Aspekte des Lebens auf unserer Erde völlig außer Acht zu lassen:
    Was ist mit dem Wohl der Tiere als unserer Mitgeschöpfe? Wie stehts um die Biodiversität, qualitativ und quantitativ? Welche Auswirkung haben die Szenarien auf die Selbstregulationsfähigkeit der Erde? Wurden naturnahe Kulturformen wie zB. extensive Weidetierhaltung und Permakultur einbezogen?
    Hüten wir uns vor allzu technokratischen Betrachtungsweisen des Lebens, vor immer mehr nutzungsoptimierter Veränderung des Planeten Erde und seiner Geschöpfe. Und schließlich: wir sind (zumindest physisch), was wir essen. Wollen wir Nahrung aus Fabriken statt aus einer wirklich naturnahen Landkultur? Eine Dystopie!

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