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Arbeit treibt Wachstum: Entwicklung des BIP real, der Bevölkerung und der Arbeitsstunden. © Die Südostschweiz

Die Wirtschaft wächst, der Wohlstand schrumpft

Hanspeter Guggenbühl /  Die Schweizer Wirtschaft wächst. Doch die Kuchenstücke sind kleiner geworden, und die Arbeitsproduktivität ist gesunken.

Innerhalb Europas gilt die Schweiz als Wunderland: Während die Wirtschaft der EU-Staaten im Schnitt leicht schrumpfte, wuchs das Schweizer Bruttoinlandprodukt nach Abzug der Teuerung (BIP real) im Jahr 2012 um ein Prozent. Das meldete Ende Februar das Staatssekretariat für Wirtschaft (Seco). Das BIP real ist das Mass für den Umfang und die Entwicklung der Volkswirtschaft.

Die Ernüchterung folgte zwei Monate später: Die Wohnbevölkerung in der Schweiz, so teilte das Bundesamt für Statistik letzte Woche mit, stieg 2012 ebenfalls um ein Prozent.

Kleinere Stücke am wachsenden Wirtschaftskuchen

Das heisst: Das Wachstum des öffentlichen und privaten Konsums basierte allein auf der Zuwanderung und dem Geburtenüberschuss. Pro Kopf der Bevölkerung ist das Stück am Wirtschaftskuchen 2012 also gleich gross geblieben. Das gilt für den Durchschnitt. Während die oberste Einkommensklasse ihre Kaufkraft überdurchschnittlich erhöhte, sind die Kuchenstücke der Mehrheit kleiner geworden sein. Und auch deren Qualität hat abgenommen. Denn innerhalb der Wirtschaft, so zeigt die Analyse des Seco, sind unerwünschte Dinge überdurchschnittlich gewachsen, nämlich die Kosten für Gesundheit, Sozialwesen, Wohnen und Gründstücke.

Das Jahr 2012 ist kein Sonderfall, sondern spiegelt den Trend der letzten Jahre: Von 2008 bis 2012 wuchs die Schweizer Wohnbevölkerung um 4,3 Prozent und damit etwas stärker als das BIP (plus 3,9 %). Und innerhalb des BIP steigen Gesundheits-, Sozial- und Wohnkosten schon seit Jahren überdurchschnittlich. Das frei verfügbare Einkommen der Mehrheit hat also schon in den Vorjahren abgenommen. Noch stärker schrumpfte der verfügbare Raum pro Person. Denn die Fläche der Schweiz stagniert seit 1815 bei 41’000 Quadratkilometern.

Mehr Arbeitsstunden, aber weniger Produktivität

Ungesund verläuft die neuere Entwicklung auch in der Produktion: Das Arbeitsvolumen in der Schweiz, gemessen an Arbeitsstunden, wuchs von 2008 bis 2012 um schätzungsweise 5,5 Prozent und damit noch deutlich stärker als das BIP und die Wohnbevölkerung. Das lässt sich aus den offiziellen Statistiken über die Arbeitsstunden bis 2011 und die Zunahme der Erwerbstätigen im Jahr 2012 abschätzen. Die wachsende Bevölkerung in der Schweiz ist seit 2008 also auch fleissiger geworden (siehe Grafik: «Arbeit treibt Wachstum»).

Die Kehrseite dieser Medaille: Die Produktivität unserer Arbeit, gemessen am BIP pro Arbeitsstunde, ist in den letzten vier Jahren gesunken. Dieses Resultat überrascht. Warum müssen wir trotz immer schnelleren Computern, modernen Maschinen und steigendem Stromverbrauch mehr schuften, um der Wirtschaft noch ein Wachstum zu ermöglichen? Eine Erklärung dürfte wiederum der oben beschriebene Strukturwandel liefern: Arbeitsintensive Tätigkeiten wie die Pflege von Kranken, Alten oder Ausgebrannten sowie Beratungen aller Art haben innerhalb der Wirtschaft überdurchschnittlich zugenommen, und diese Aufgaben lassen sich nur bedingt an Computer oder Roboter delegieren.

Das Wirtschaftswachstum hat sein Optimum überschritten

Schon das Jahr 2000 markierte eine Wende im langfristigen Trend. Denn von 1950 bis 2000 wuchs die Schweizer Wirtschaft sowohl insgesamt als auch pro Kopf viel stärker als die Bevölkerung. Dasselbe gilt für die Produktivität. Das bestätigt eine langfristige Studie der Konjunkturforschungs-Stelle der ETH aus dem Jahr 2012: Die Zahl der in der Schweiz geleisteten Arbeitsstunden stieg von 1950 bis 2000 lediglich um 16 Prozent, weil die Zunahme der Bevölkerung und der Erwerbstätigen in den Hochkonjunkturjahren weitgehend kompensiert wurde durch die Verkürzung der Arbeitszeiten. Im gleichen Zeitraum nahm die Arbeitsproduktivität (reales BIP pro Arbeitsstunde) um stolze 240 Prozent zu.

Von 2000 bis 2012 hingegen stieg die Zahl der Arbeitsstunden (plus 13 %) doppelt so stark wie die Produktivität (BIP pro Arbeitsstunde), und seit 2008 ist diese Produktivität wie erwähnt sogar gesunken. Damit hat die Schweizer Wirtschaft das Optimum ihres Wachstums überschritten. Denn das Ziel einer Volkswirtschaft besteht nach allgemeiner Lehre nicht darin, möglichst viel, sondern möglichst produktiv zu arbeiten.

Weiterführende Informationen


Themenbezogene Interessenbindung der Autorin/des Autors

Keine. Co-Autor des Buches «Schluss mit dem Wachstumswahn – Plädoyer für eine Umkehr», Rüegger-Verlag, 15.60 CHF.

Zum Infosperber-Dossier:

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Eine Meinung zu

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    am 1.05.2013 um 18:32 Uhr
    Permalink

    Der letzte Satz zeigt die sinnlose Leere dieses unmöglich jemals zu erreichenden Ziels. Der Wahn der Produktivität ist eben auch ein Abbild des Wachstumswahns, den es zu überwinden gilt.
    Weshalb um Himmels willen soll es falsch sein, mehr Arbeit zu generieren. Äxgüsi, wir haben ja viel zu wenig davon. Jedenfalls bezahlte Arbeit. Und wenn wir statt ein paar Kilowatt dreckigem Kohlestrom wieder mehr unsere eigenen Hände benützen würden, wäre auch an dieser Ecke (überbordender Energiekonsum) eine Verbesserung erreicht.
    Echt grüne Wirtschaft ist mehr Recycling, aber auch wieder mehr Handarbeit. Und vor allem kein quantitatives Pro/Kopf Wachstum mehr!

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