Sperberauge

Der 85-Rappen-Job

Portrait Andres Eberhard © zvg

Andres Eberhard /  Mit Klicks im Internet lässt sich Geld verdienen. Aber etwas Sinn ist mehr wert als ein mieses Trinkgeld.

«Neues Jahr, neuer Job» – «Wandle deine Stimme zu Geld!» – «10-Sekunden-Job: Vergleiche 3 Begriffe!» Unter solchen Betreffzeilen werden mir seit einiger Zeit fast täglich Jobs angeboten. Ich habe die App Clickworker auf mein Handy geladen. «Clickworking» ist ein Begriff aus der Gig-Economy (Plattformökonomie): Viele Menschen erledigen kleine Aufgaben für meist grössere Unternehmen und verdienen dabei eine Kleinigkeit.

Eine gewisse Skepsis gegenüber solchen Versprechen habe ich mir von regelmässigen Besuchen in meinem Spamordner angeeignet (Betreff: «I have decided to donate 1’000’000’000 Euros to you»). Dieses Mal meldete ich mich freiwillig auf der virtuellen Jobbörse, denn ich wollte wissen, ob man tatsächlich mit ein paar Klicks Geld verdienen kann. Das Projekt «Sprachaufnahmen in Schweizerdeutsch» schien mir zur Befriedigung meiner Neugier geeignet.

Der Job: 10 schriftdeutsche Sätze via Aufnahmefunktion auf mein Handy einsprechen – in Schweizerdeutsch, Dialekt egal. Also sprach ich: «D Anthäre sind bruun, d Polle zinnoberrot» oder «Ich bin ufgwacht und han no lang bitterlich brüeled». Oder, etwas einfacher: «Er hät in Rom und Athen studiert.» Vier bis fünf Minuten daure das Ganze, hiess es. Bei mir dauerte es länger. Ich musste erst den mir unbekannten Begriff Antheren googeln (Staubblätter), ich drückte den Aufnahmeknopf zur falschen Zeit, ein Bürokollege crashte die Aufnahme. Nach zehn Minuten hatte ich es geschafft. Mein Verdienst, der seither im virtuellen Geldsack links oben in der App grün aufleuchtet: 85 Rappen (die im Grundsatz wichtige Frage, ob man von solchem in der Gig-Economy erworbenem Einkommen auch noch einen Batzen fürs Alter beiseite legen sollte, erscheint mir an dieser Stelle als Rappenspalterei). Hochgerechnet macht das einen Stundenlohn von 5 Franken 10. Willkommen im Prekariat!

Wochen später kamen mir meine Aufnahmen wieder in den Sinn. Ich wollte wissen, wem meine Sätze eigentlich nützten. Und stiess auf Folgendes: Forschende der Hochschule für Technik der Fachhochschule Nordwestschweiz arbeiten an den Grundlagen für eine allgemeine Spracherkennung für schweizerdeutsche Dialekte. Um ihre Software zu trainieren, brauchen sie Trainingsdaten, die sie unter anderem von Clickworkern bekommen. Durch eine solche Spracherkennung könnten in Zukunft zum Beispiel in Dialekt gehaltene Sitzungen oder Telefonate automatisch in schriftdeutschen Text überführt werden. Ich denke an das mir ungeliebte Protokollieren von in Schweizerdeutsch geführten Gesprächen und sehe handfeste Vorteile. Hätte man mich gefragt, ich hätte auch für ein warmes Dankeschön mitgemacht und mir wohl ausserdem erst noch mehr Mühe gegeben. Denn Sinn ist deutlich mehr wert als 85 Rappen.

P.S. Hier kann – ohne Entgelt – bei der Dialektsammlung mitgemacht werden. Und auf dieser Demoversion kann die Spracherkennung ausprobiert werden. Es handelt sich um ein reines Forschungsprojekt.


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Keine
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2 Meinungen

  • am 3.02.2022 um 11:21 Uhr
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    Hätten die USA im zweiten Weltkrieg ihre «Geheimsprache» Navajo freiwillig aufgegeben, wären vielleicht mehr Amis ins Grab gewandert.

    Schon mal überlegt, dass sich die Spracherkennung des Schweizerdeutschen optimal eignet, um die telefonische Überwachung ua aus dem – nicht schweizerdeutsch sprechenden – Ausland zu erleichtern ?
    Jeder, der da mitmacht, spielt den Überwachungsrobotern in die Hände und ist mE zu bequem um zu denken.

    0
  • am 4.02.2022 um 01:22 Uhr
    Permalink

    Sind die Preise denn landesspezifisch? Für 5 Franken die Stunde kommt man in der Schweiz nicht weit, aber gerade für Junge auf Weltreise sind so Optionen durchaus spannend. Wenn man bescheiden lebt und gesund ist, kann man mit 15 Franken pro Tag in weiten Teilen Asiens leben. Das ist keine Basis für eine Familie oder die Altersplanung, aber es ist eine Option für ein Zwischenjahr nach dem Gymi.

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