Kommentar

Meine Schwägerin blickt durch

Themenbezogene Interessenbindung der Autorin/des AutorsOswald Sigg ist Mitglied des Initiativkomitees der Initiative «Für ein bedingungsloses Grundeinkommen». Der Kommentar ist zuerst ©

Oswald Sigg /  «Dank einem Grundeinkommen müsstest Du, Ruedi, mir kein Haushaltgeld mehr zahlen...»

Am letzten 24. Dezember abends. Beim Weihnachtsessen – die Kerzli brennen am Tannenbaum, die Kinder plangen nach den Gschänkli – plätschert das Gespräch mit hoher Spannungslosigkeit dahin. Weil wir schon das leidige Wetter behandelt haben, berichte ich arglos von der bald zu lancierenden Eidgenössische Volksinitiative für ein Bedingungsloses Grundeinkommen.

Der Onkel meiner Frau rollt mit den Augen und legt Messer und Gabel beiseite. Eine ältere Cousine leidet plötzlich unter Mig­räne und nimmt rasch eine Pille. Der Schwa­ger Ruedi, ein erfolgreicher KMU-Unternehmer, nimmt einen Schluck Roten, stellt sein Glas mit bedeutungsvoller Miene neben den Teller und stellt laut und deutlich die grundlegend offene Frage: «Und wär geit de na ga schaffe?» Er schaut ernsthaft in die Runde und präzisiert seine Frage: «Wär ächt wär?» Nach knapp einer Stunde, die Kerzli sind längst abgebrannt und die Gschänkli ausgepackt, wird noch immer weder über die Ausländer, Blocher, YB oder sonst so etwas diskutiert, sondern es argu­mentieren nur noch alle grossmehrheitlich gegen die Spinnerei des Grundeinkom­mens.
Da kommt es beim Kaffee unverhofft zu einer kleinen Gesprächpause. Meine Schwägerin steht vom Tisch auf, wie um noch­mals einen Kaffee zu holen und richtet ihre wenigen Worte an die ganze Gesell­schaft: «Mit emene Grundiikomme, Ruedi, müesstisch Du mir ke Hushaaltsgält meh gää!» Die Schwägerin, schon immer etwas gefitzter als die andern, hatte es also schon letzte Weihnachten begriffen.

Menschliche Arbeit neu betrachten

Es geht darum, dass wir die Arbeit und ihre Bezahlung neu betrachten. Nicht nur Er­werbsarbeit ist richtige Arbeit. Heute unterscheiden wir drei Arten: bezahlte, freiwillige und unbezahlte Arbeit. Alle Arbeiten sind gesellschaftlich mehr oder weniger not­wendig. Eines steht aber fest: die Hälfte aller heute geleisteten Arbeitsstunden sind sowohl notwendig als auch unbezahlt. Im Vordergrund steht hier die Hausarbeit, die Betreuung von Kindern, die Pflege von kranken Familienangehörigen, die Begleitung von älteren Menschen. Es geht aber auch und gerade um spontane soziale und kul­turelle und sportliche Engagements. Dann gibt es viele notwendige Tätigkeiten – gemeinhin als Drecksarbeit bezeichnet – die der sogenannte Arbeitsmarkt unterbezahlten Migrantinnen und Migranten überlässt.

Viele Menschen stehen an ihrem Arbeitsplatz täglich unter Druck und Stress. Vielen droht der Verlust ihrer Arbeit. Auch drohende Entlassungen sind existenzbedrohend. Krankheitsbedingte Arbeitsausfälle – Depressionen, burn outs – nehmen zu. Ar­beitslose werden schikaniert, ausgegrenzt, ausgesteuert. Sozialhilfeempfängern wird mit Misstrauen, oft auch mit Verachtung begegnet. SozialarbeiterInnen werden als Gutmenschen verhöhnt. Eine Dunkelziffer besagt: Nur die Hälfte aller Personen, die aufgrund ihrer wirtschaftlichen oder gesundheitlichen Notlage Anspruch auf öffentliche Unterstützung hätten, meldet sich an den Schaltern der Sozialdienste. Die an­dern schämen sich vermutlich davor, ihren Rechtsanspruch geltend zu machen. Alle diese «Sozialfälle» haben eine gemeinsame Ursache: Es ist die grobe Verletzung der Würde der unter solchen Umständen leidenden Menschen.

Grundeinkommen solidarisch finanzieren

Das Grundeinkommen für alle wird zum grössten Teil die heutigen Sozialversicherungsrenten ersetzen. Die Differenz zu den bisherigen Ergänzungsleistungen der AHV und Vollrenten der IV würden weiterhin ausbezahlt. Es braucht darüber hinaus noch einen erheblichen Betrag zur Finanzierung des Grundeinkommens, der aber meiner Meinung nach nicht über eine Erhöhung der Mehrwertsteuer, sondern über eine Vermögens- und Kapitaltransaktionsbesteuerung finanziert werden müsste. Die Reichen werden das Grundeinkommen nicht nötig haben, aber das Grundeinkommen wird die Reichen brauchen. In unserem Land besitzt 1 Prozent der privaten Steuerpflichtigen gleich viel Vermögen wie die restlichen 99 Prozent. Die Schweiz ist prädestiniert für ein solidarisch finanziertes Grundeinkommen für alle.


Themenbezogene Interessenbindung der Autorin/des Autors

Oswald Sigg ist Mitglied des Initiativkomitees der Initiative «Für ein bedingungsloses Grundeinkommen». Der Kommentar ist zuerst veröffentlicht worden auf der Internetseite "Hälfte/Moitié. Unabhängiger Mediendienst zur Arbeit und zur Erwerbslosigkeit"

Zum Infosperber-Dossier:

Banknoten

Bedingungsloses Grundeinkommen

Es kommt zur Abstimmung: Ein Grundeinkommen für alle statt diverse Sozialleistungen?

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Spenden kann man bei den Steuern in Abzug bringen.



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Eine Meinung zu

  • am 5.07.2012 um 23:16 Uhr
    Permalink

    Gratuliere, ein wunderbares Thema um Weihnachten zu «versauen"… Nun verstehe ich warum viele Familien sich an Feiertagen … in die Haare bekommen … !

    A propos, Blocher, Mörgeli, Ospel, Kamprad und demnächst auch Josef Akermann (der in die Schweiz zurück kommt), bekämen dann diesen Obulus, ansonsten wäre das ganze doch «unsozial und diskriminierend» … !

    0

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